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Farewell, generisches Maskulinum! Ein Nachruf.

Tschüss, Rollenklischees! Foto: R.v.Cube

Das generische Maskulinum (GM) hat verloren. Da gibt es nichts zu beschönigen. Der Kampf war schmutzig und lang und die Niederlage ist eindeutig. Wenn jetzt im Duden steht, das Wort „Schüler“ bezeichne einen männlichen Schüler, wenn im Öffentlichen Rundfunk jetzt grundsätzlich „Politiker(-Pause-)Innen“ gesagt wird, dann wird sich das nicht zurückdrehen lassen. Die neue Sprechweise wird zur Normalität werden und zukünftige Generationen werden glauben, es seien damals wirklich nur Männer gemeint gewesen.

Natürlich wird ein aufgeklärter Leser ältere Texte noch verstehen können, wird wissen, dass das in diesem Zusammenhang irgendwie auch Frauen betreffen konnte. Aber für einen Menschen, der mit Gendersprache aufgewachsen ist, wird sich ein alter Text, in dem es „die Schüler“ heißt, völlig falsch anfühlen. Es wird der Eindruck entstehen, wir hätten in einer Zeit gelebt, in der Frauen gesellschaftlich nahezu ausgeschlossen waren. Das ist eine rückwirkende Verzerrung. Es ist auch entwürdigend gegenüber all den Frauen in der bisherigen Geschichte, die sehr wohl gemeint waren; die bald rückwirkend in Texten nicht mehr in Erscheinung treten, weil man die Sätze dann anders interpretiert. Vielleicht haben sie eine zu geringe Rolle gespielt. Aber in der Wahrnehmung der Menschen der Zukunft wird diese Rolle noch weiter reduziert erscheinen.

Ich erwarte nicht, dass das generische Maskulinum als Normalfall ein Comeback erlebt. Ich gehe davon aus, dass wir alle uns an neue Formen gewöhnen werden und dass sich zuvor aus dem derzeitigen Chaos Ausdrucksweisen herauskristallisieren werden, die dann normal werden. Aber ich möchte für die Nachwelt festhalten, dass es auch Stimmen gegen diese Entwicklung gegeben hat und ich möchte in diesem Text die Argumente in dieser Debatte noch einmal kritisch beleuchten.

Das Ärgerliche an der Angelegenheit ist nämlich, dass der Kampf von Menschen geführt wurde, denen nichts an der Sprache liegt. Auf beiden Seiten. Wer mit Begriffen wie „Gender-Gaga“ um sich wirft, drückt sich offenkundig auf Neandertaler-Niveau aus. Texte zum Thema auf Seiten wie „Tichy`s Einblick“ sind von unerträglicher, plumper Ignoranz und Süffisanz. Die Motivation aus der erz-konservativen bis AfD-nahen Ecke ist natürlich eine anti-feministische und keine sprachliche. Und neben absurden Behauptungen, wie dass es eigentlich gar kein GM gäbe, gibt es auch von der konservativen Seite absurde Gegenargumente, etwa, das grammatische und das tatsächliche Geschlecht (Genus und Sexus) hätten „überhaupt nichts miteinander zu tun“. Demnach wäre das GM völliger Zufall, so zufällig wie es „die Gabel“ heißt. Das wird hier schön widerlegt, weswegen ich darauf nicht näher eingehen werde.

Es gab auch progressive Stimmen, aber die sind in der Frontenbildung rasch untergegangen. Den Feinden des GM ist es gut gelungen, jede Verteidigung lächerlich zu machen und als reaktionär zu framen. Und so hat man als progressiver Mensch schon eigentlich keine Lust mehr, eine Gegenposition zu beziehen. Ich mache es aber trotzdem. Und bemühe mich dabei um Redlichkeit und Vollständigkeit.

Sprache ist sehr persönlich

Vielleicht sollte man damit beginnen, warum die Debatte so schnell so hitzig wird. Was von der Seite der GM-Gegner (um mal einen kompakten Begriff zu suchen) meines Erachtens völlig verkannt wird, ist, wie persönlich, verletzend und letztlich autoritär es ist, in die Sprache eines Menschen einzugreifen. Im direkten Gespräch ist das jedem klar. Es ist eine ziemlich sichere Methode, sich jemanden zum Feind zu machen, wenn man ihn ständig unterbricht und sagt: „Das heißt nicht größer wie du, das heißt größer als du.“

Es ist an dieser Stelle noch ein Einschub erforderlich, der wohl auf alle Debatten zutrifft. Wir haben es nämlich mit einer diffusen Masse zu tun, die ungeordnet aufeinander trifft, mit Leitartikeln, Studien, Tweets, Kommentaren, mit Nazis und verbohrtesten Ideologen, mit hochintelligenten, redlichen Diskutanten, mit Trollen, vielleicht sogar Bots und all das ergibt ein nicht annähernd greifbares Gesamtbild, das „die Debatte“ bildet. Es ist sehr ärgerlich, aber unvermeidbar, dass in dieser Masse jene am lautesten und am besten sichtbar sind, die besonders unversöhnlich, arrogant, provokant oder aggressiv auftreten. Und es ist menschlich, aber wenig hilfreich, dass sich dennoch jeder einzelne von „der Debatte“ angesprochen fühlt. Jemand, der sachlich und konstruktiv für die eine oder andere Sichtweise argumentiert, wird sich also ungerecht behandelt fühlen, wenn seine Sichtweise diskreditiert wird. Diese Diskreditierung ist aber vielleicht nur die Reaktion auf eine Aggression an anderer Stelle und ihrerseits viel provokanter als nötig. Und so geht das hin und her und zwar nicht zwischen zwei Parteien, sondern im gesamten, gewaltigen Debatten-Meer, wo Ursache und Wirkung mitunter Meilen von einander entfernt liegen und wo sich Strudel bilden und Wellenberge aufeinander knallen.

Wenn Sie sich also in diesem Text angegriffen fühlen, dann halten Sie bitte kurz inne und bedenken Sie, dass ich vermutlich nicht Sie meine, sondern irgendein selbstverliebtes Subjekt auf Twitter, das Ihre wohlabgewogene Meinung missbraucht, um sich zu produzieren, zu provozieren und ein paar zusätzliche Likes seiner Peergroup abzugreifen, ohne irgendetwas zur Diskussion beizutragen.

Zurück also zur Kränkung. Hat man im Sinn, wie persönlich die Sprache ist und wie arrogant das Subjekt auf Twitter, mit dem ich nicht Sie meine, dann ist unvermeidbar, dass die Debatte in drei, zwei, eins eskaliert. Die Sprache ist so persönlich, weil sie unsere Gedanken bildet. Ich bin kein Verfechter der These, nach der Gedanken ausschließlich sprachlich wären, aber es ist unstrittig, dass ein Großteil dessen, was wir denken, in Worten passiert. Und Sprache ist zwar einerseits allgemeinverständlich, aber auf der anderen Seite unglaublich individuell. Was genau jemand mit Begriffen assoziiert, welche Emotionen er oder sie damit verbindet, welche grammatischen Konstruktionen oder Satzstellungen oder Phrasen oder Sprichwörter die Person bevorzugt, in welcher Reihenfolge ihr Argumente einfallen, auch, welche Wörter sie leicht vergisst, rascher oder schwerfälliger zur Verfügung hat, was sie leicht missversteht – all diese Aspekte sind gleichbedeutend mit dem schieren Stoff des Denkens dieses Menschen.

Ich weiß, was du meinst

Nun ist es kränkend genug, einen Fremden ungefragt zu verbessern. Wirklich unverschämt wird es aber, wenn behauptet wird, jemand meine eigentlich etwas anderes. Welch eine Hybris muss man haben, um der Ansicht zu sein, man wisse besser, was ein Sprechender meint als dieser selbst? Denn genau das tut man ja. Jemand drückt sich unter Verwendung des GM aus und man weigert sich anzuerkennen, was diese Worte in seiner Sprache bedeuten, weil man sich eine eigene ausgedacht hat.

“Ich will nicht nur mitgemeint sein” – ein Satz, den man häufig hört – impliziert, dass die, die ihn sagt, beurteilen könnte, wie der Sprecher es gemeint hat. Und es ist zwar denkbar, aber unwahrscheinlich, dass derjenige bewusst eine Formulierung gewählt hat, die Frauen degradieren soll. Beide sprechen zwar die gleiche Sprache, aber ich will es mal verschiedene Dialekte nennen. Die Person, die mit dem GM aufgewachsen ist, benutzt diese Form wie erlernt, um eine geschlechtlich nicht definierte Gruppe oder Person zu benennen. Was diese Person meint lässt sich nur durch gründliches Zuhören, den Kontext und, im Falle von Missverständlichkeiten, durch Nachfragen ermitteln. Man kann erklären, wie ein Begriff auf einen selbst wirkt, aber man kann nicht behaupten zu wissen, was jemand damit meint oder mitmeint.

Ich zucke zum Beispiel immer zusammen, wenn ein CSU-Politiker „hinterfotzig“ sagt. Das F-Wort klingt für mich als Saupreußen dermaßen obszön, dass das in keinen Politikermund gehört. Aber ich weiß ja, dass dies im bayerischen Dialekt eine gängige Formulierung ist und dass der Bayer damit etwas anderes meint als ich assoziiere. Man sollte in der Lage sein, dies auch auf Soziolekte anzuwenden.

Heilige Mittel

Was folgt daraus? Zunächst mal, dass jemand, der eine sprachliche Agenda verfolgt, gut daran täte, das Potential an Widerstand und Verärgerung zu berücksichtigen, das jede Form von Einmischung in die Sprache fremder Leute hervorruft. Ist das Ganze aber ein Argument gegen sprachverändernde Maßnahmen? Die Antwort kann nur in einer Abwägung liegen. Ich will hierzu den Gedanken in beide Extreme erweitern.

Das eine Extrem wäre die Schlussfolgerung, die Einmischung in die Gedanken eines Menschen wäre immer ein inakzeptabler Übergriff. Eine Bevormundung, die nicht zu rechtfertigen ist. Dann dürfte man aber niemanden auch nur korrigieren, dann wäre der vielleicht im Vertrauen freundlich gegebene Rat, besser “größer als du” zu sagen, bereits ein illegitimer Eingriff in die Denkstrukturen. Dann wäre jede Diskussion über Begriffe oder über veränderte Bedeutungen tabu.

Umgekehrt steht die Überlegung, eine Veränderung zum Guten rechtfertige auch Manipulationen auf basaler Ebene, wenn doch dadurch Gleichberechtigung erreicht werden kann. Die Veränderung der Sprache, die den Leuten überhaupt zum Denken zur Verfügung steht, würde dann also automatisch zu anderen, erwünschteren Ansichten führen. Man würde grammatische Konstruktionen, die den gewünschten Zielen zuwiderlaufen, willkürlich abschaffen oder verändern können. Dann wäre es aber doch eigentlich auch recht und billig, andere tiefgreifende Einschnitte vorzunehmen. Ich will mich jetzt nicht in absurde Beispiele von Manipulationen vertiefen, jedem ist klar, dass in Richtung stärkerer Beeinflussung irgendwo eine Grenze erreicht ist, die niemand befürworten würde. Oder sind Sie etwa für mikrochirurgische Eingriffe, die jeden automatisch immer gleich viel an Männer wie Frauen denken lassen? Na gut, jetzt habe ich mir doch ein absurdes Beispiel ausgedacht. Der Text geht ja noch eine Weile, da muss ich Sie auch ein bisschen unterhalten.

Das Ziel, für eine gerechtere Welt zu sorgen, finde ich gut. Aber mir macht es große Bauchschmerzen, wenn dabei Macht- und Manipulationsinstrumente salonfähig gemacht werden, die in den falschen Händen nicht nur zu unästhetischer Sprache führen, sondern die Freiheit des Denkens bedrohen. Hallo! Ich habe nicht gesagt, Gendersprache bedroht die Freiheit des Denkens. Hören Sie auf, einen einzelnen Satz bei Twitter rauszugreifen! Ich habe gesagt, die Instrumente, die hier leichtfertig verwendet werden, haben das Potential zu so einer Bedrohung. Ich stelle mir vor, die AfD gewinnt die Überhand und führt ein drittes Geschlecht für Nicht-Deutsche ein. Warum denn nicht? Wenn es keine grundlegenden Bedenken gegen Aufbohrungen der Grammatik gibt, dann ist es nur eine Frage des Zeitgeistes, welcher Gestalt diese Veränderungen sind. Und dass die Rechten von Kleidung über Musik bis zu Argumentationsstrategien alles von Links kopieren, was erfolgversprechend erscheint, ist leicht zu beobachten.

Ein erstes Fazit ist jedenfalls, dass eine Kritik an sprachlicher Manipulation nicht damit beantwortet werden kann, dass dann ja keinerlei Diskurs mehr möglich wäre. Einerseits darf man kritisieren, darf man Gedanken und Denkweisen propagieren und auch eine Sprache bekannt machen, die dies gut ermöglicht. Und andererseits sind Sorgen und Bedenken nicht lächerlich. Denn das ist vielleicht mein größter Vorwurf an viele der GM-Gegner, dass sie die Probleme, die erwachsene Leute mit ihren Forderungen haben, in keiner Weise ernst nehmen oder anerkennen. Ich spreche jetzt natürlich wieder von Ihrem Twitter-Nachbarn. Sie sind cool.

Gibt es überhaupt ein Problem?

Ich habe jetzt mit der Verhältnismäßigkeit der Mittel angefangen. Nun ist es Zeit, sich das Problem selbst anzuschauen, das mit diesen Mitteln behoben werden soll. Über eines herrscht weitgehende Einigkeit: Im Deutschen wird (bislang) die grammatisch maskuline Form verwendet, um eine unbestimmte Gruppe oder Person zu bezeichnen, die auch weiblich sein kann. Es ist naheliegend, aber schwer zu beweisen, dass die Dominanz der männlichen Form in der Sprache etwas mit der Dominanz der Männer in der Gesellschaft zu tun hat. Dass Feministinnen dies aufgefallen und aufgestoßen ist, will ich nicht lächerlich machen. Ich halte es nur für sehr fragwürdig, ob diese Erkenntnis ein hinreichender Grund ist, diese Entwicklung abzuschaffen.

Und lächerlich wird es dann, wenn behauptet wird, es gäbe eigentlich gar kein GM, es funktioniere nicht oder Frauen seien damit nicht gemeint. Ja, mittlerweile hat sich die Gendersprache so durchgesetzt, dass es zu Missverständnissen kommt. Das Sprachverständnis hat sich bereits so verändert, dass das GM nicht mehr immer direkt verstanden wird und wer diesen Text aufmerksam liest, wird feststellen, dass ich es nicht mehr konsequent verwende, weil es Fälle gibt, wo es auch für mich nicht mehr eindeutig klingt. Aber das liegt daran, dass sich der Sprachgebrauch verändert hat und nicht daran, dass es per se nicht funktioniert.

Psycholinguistische Experimente

Da die Alltagserfahrung eigentlich kaum Zweifel daran lässt, dass es ganz gut möglich ist, mittels des GM zu kommunizieren, ziehen die Gegner Experimente heran. Diese psycholinguistischen Experimente zielen darauf ab, nachzuweisen, was und wie jemand angeblich denkt. Diese Studien weisen nicht nach, wie die Sprache praktisch wirkt, denn da gibt es auch wenig zu finden. Jeder weiß, dass es bis vor Kurzem möglich war, sich unmissverständlich mittels des GM auszudrücken. Es dürfte allenfalls in Ausnahmesituationen vorgekommen sein, dass ein Satz wie „Da kommen ja die Passagiere“ zu Missverständnissen oder irgendwelchen praktischen Problemen geführt hat. Es bedarf schon einiger Fantasie, sich auszumalen, in welcher Situation ein Rezipient in diesem Fall irrigerweise nur männliche Passagiere erwarten würde.

Was die Studien daher untersuchen ist, ob man nicht irgendwie nachweisen könnte, dass Menschen aber dann doch etwas Falsches denken. Und so untersucht man zum Beispiel, wieviele Frauen oder Männer sie nennen, wenn man das GM benutzt oder wie die Verarbeitungsgeschwindigkeit ist, wenn auf das GM die Nennung weiblicher Personen folgt. Dabei lässt sich beweisen, dass das Gehirn im Deutschen tatsächlich mehr beschäftigt ist, dass es ein bisschen länger dauert oder öfter zu Fehlern führt, wenn das GM angewendet wird.

Es lohnt sich, dies genauer anzuschauen, weil es gerne als „Beweis“ für Ungerechtigkeiten angeführt wird. Das Experiment geht ungefähr so: Man sagt Versuchspersonen einen Satz, bleiben wir bei „Da kommen die Passagiere“. Dann fragt man, ob der folgende Satz eine sinnvolle Fortsetzung ist. Es folgt so etwas wie: „Die Frauen tragen keine Koffer“. (Dies sind Beispiele, die ich mir ausgedacht habe, die im Original verwendeten Texte sind mir nicht bekannt.) Das ist eine sinnvolle Fortsetzung. Oder es folgt ein Satz, der hier keinen Sinn ergibt. Es wird gemessen, wie oft der Proband einen Fehler macht bzw. wie lange er braucht, um den zweiten Satz als passend oder unpassend zu begreifen.

In anderen Sprachen, ohne GM, gibt es hier keine Probleme. Im Deutschen aber brauchen die Versuchspersonen in solchen Konstellationen etwas länger oder machen häufiger Fehler. Damit sei, so die Interpretation der GM-Gegner, bewiesen, dass man beim GM eigentlich immer erst an Männer denkt und dies dann nur korrigiert, wenn der Kontext es erfordert. Frauen seien daher „benachteiligt“.

Nun ist das ganze Experiment eigentlich zwecklos. Denn es weißt ja nur nach, was sowieso klar war: Dass es im Deutschen mehrere Interpretationsmöglichkeiten dieser grammatischen Form gibt, was sich in messbaren kognitiven Vorgängen eben auch belegen lässt. Gäbe es keine zwei Bedeutungen, würde es, wie im Englischen, nie zu Verzögerungen oder Missverständnissen kommen.

Ob man im Übrigen wirklich erst an Männer denkt und dies dann korrigiert, oder ob man es in Gedanken offenlässt und deswegen länger braucht, ist damit nicht bewiesen. Aber es ist auch egal. Denn es ist absurd, die Reihenfolge, in der innerhalb von Sekundenbruchteilen im Gehirn eine Bedeutung erfasst wird, als Ungerechtigkeit zu bezeichnen. Die Botschaft – da kommen Passagiere und die Frauen unter ihnen tragen keine Koffer – wird am Ende verstanden. Die Forderung, man möge bitte im kognitiven Prozess der Verständnisbildung an anderer Stelle in Erscheinung treten, ist grotesk. Dann müsste auch die Endung „-in“ vorgezogen werden, weil man, wenn man ein langes Wort wie „Hochschulprofessorin“ hört, am Anfang wahrscheinlich noch an einem Mann denkt, bis man endlich das -in wahrnimmt.

Ähnlich ist es bei der Zahl der imaginierten Personen. Es klingt plausibel, dass viele Probanden weniger Frauen nennen, wenn sie aufgefordert werden „Musiker“ aufzuzählen als wenn es „Musiker und Musikerinnen“ heißt. Aber es ist Unfug, daraus zu schließen, dass das GM „nicht funktioniert“. Eine grammatische Form hat ja keine erzieherische Aufgabe. Sie ist Form und kein Inhalt. Die Probanden werden, in unserer Gesellschaft, garantiert auch viel mehr weiße als schwarze Musiker nennen. Daraus folgert nicht, dass das Wort „Musiker“ nicht funktioniere, da es offenbar ungeeignet wäre, Musiker aller Hautfarben zu umfassen.

Vielleicht wenden Sie jetzt ein, dass es aber eben im Deutschen das grammatische Potential für verschiedene Geschlechter, nicht aber für verschiedene Hautfarben gäbe. „Dass das im Deutschen eben so ist“, ist aber sonst ja offenbar auch kein ausreichendes Argument. Denn dann könnte man ja auch sagen, dass es im Deutschen eben das GM gibt. Die Grammatik ist generell ungeeignet, die Sichtbarkeit von bestimmten Personengruppen zu beeinflussen und nur in einem speziellen Fall bietet sich dafür überhaupt das Potential. Dieses Potential kann nur mit gehörigen Verrenkungen (siehe unten) ausgenutzt werden und wenn schon Verrenkungen, gibt es auch kein gutes Argument, sich nicht noch mehr zu verrenken, um auch Schwarze, Behinderte, Homosexuelle oder sonstwie nicht ausreichend repräsentierte Gruppen besser sichtbar zu machen.

Und wenn Sie jetzt sagen: Aber das wird ja viel zu kompliziert und so funktioniert unsere Sprache nun mal nicht, dann wiederholen Sie ein Argument der Gegner der Gendersprache.

In die gleiche Richtung wie das Experiment mit den genannten Musikern gehen auch die Erkenntnisse, nach denen Kinder häufiger an eine für ihr Geschlecht untypische Berufswahl denken, wenn die Erzieher Gendersprache benutzen. Das Ziel, von Stereotypen wegzukommen, dürfte allgemein als erstrebenswert anerkannt werden. Bloß erscheint es eben relativ willkürlich und für mich unverhältnismäßig, für dieses Ziel ausgerechnet die Grammatik anzugreifen. Wenn man in einen Spielzeugladen geht, wird man von einem Flächenbombardement aus rosafarbenen und blauen Fronten überzogen. Es gibt einen milliardenschweren Werbefeldzug auf das Rollenbild unserer Kinder. Natürlich könnte da die Gendersprache auch eine kleine Waffe der Gegenseite sein. Aber die Schlussfolgerung, dass es unbedingt anzuwenden sei, nur weil es eine gewisse messbare Wirkung hat, die ist doch recht plump. Es gibt ja auch tausend andere denkbare Einflussmöglichkeiten auf das Rollenbild der Kinder und nicht jede davon muss automatisch erwünscht sein.

Das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied: Ob eine Maßnahme geeignet ist, etwas im positiven Sinne zu beeinflussen oder ob der Status Quo etwas negativ beeinflusst. Liest man Studien zur Gendersprache, etwa hier, so heißt es dort stets, dass bei Verwendung des GM „ein geringerer gedanklicher Einbezug von Frauen“ zu beobachten sei. Dies unterstellt aber, beide Varianten existierten gleichberechtigt nebeneinander und das GM würde Leute daran hindern, an Frauen zu denken. Tatsächlich haben wir aber (noch oder zumindest bis vor Kurzem) eine gültige Regel, eine faktisch vorhandene Sprechweise und wir haben einen messbaren gedanklichen Einbezug von Frauen, der im Schnitt zu wünschen übrig lässt. Die Verwendung gendergerechter Sprache kann von diesem Ausgangspunkt ein Angebot sein, mittels dessen sich der gedankliche Einbezug von Frauen verbessern ließe. Anders gesagt: Kaffee macht wach. Zu sagen, die Nicht-Einnahme von Kaffee führe zu geringerer Wachheit, ist Framing im Sinne des Kaffees.

Die wissenschaftliche Untersuchung dieser Phänomene muss noch unter einem weiteren Problem leiden: Je mehr sich die Gendersprache verbreitet, desto geringer wird das allgemeine Verständnis des GM sein. Die Chance, dass jemand zukünftig beim Wort „Musiker“ also nicht nur unbewusst aufgrund seiner Sozialisation an mehr Männer denkt (weil er oder sie auf den Konzertbühnen vor allem männliche Musiker gesehen hat), sondern dass es tatsächlich, der neuen Duden-Definition gemäß, als Aufforderung verstanden wird männliche Musikerpersonen zu nennen, steigt also. Umgekehrt wird (hoffentlich) auch die Zahl der Frauen, an die man ganz unabhängig von der Sprache bei einer neutralen Formulierung denkt, weiter steigen. Damit ließen sich ältere Studien, aus Zeiten, als das GM noch verbreiteter war und gleichzeitig das Denken an Frauen noch seltener war, schlecht mit heutigen vergleichen.

Andere Länder, gleiche Sitten

Es lohnt sich auch ein Blick auf andere Sprachen. Insbesondere Englisch wird gerne als Vergleich herangezogen, weil es dort eben kein generisches Maskulinum (in diesem Maße) gibt. Die oben beschriebenen Experimente verlaufen dort daher auch anders. Die Verzögerung oder Fehleranfälligkeit wird dort nicht gemessen. Das wird als Beweis dargestellt, dass das GM ein Problem wäre. Aber nochmal: Würde es diese Besonderheit in der Sprache mit ihrer potentiellen Doppelbedeutung nicht geben, würde das ganze Experiment ja gar nicht existieren. Das Experiment widerlegt also höchstens eine Behauptung, die keiner aufgestellt hat: Dass es im GM nie Missverständnisse gäbe und es völlig unzweifelhaft ausschließlich generisch gelesen werden könne. Das ist ein klassischer Strohmann. Das GM ist generisch, weil es sowohl männliche wie weibliche Personen bezeichnen kann. Nicht, weil es in jedem Fall immer eine Gruppe von exakt 50% Geschlechterverteilung bezeichnet. Diese Forderung wäre unsinnig und sie wissenschaftlich zu widerlegen ist Zeitverschwendung.

Dennoch ist der Vergleich mit dem Englischen aufschlussreich. Denn freilich sind die englischsprachlichen Länder ebenso patriarchalisch wie Deutschland. Das GM ist also keine Voraussetzung für eine von Männern dominierte Welt. Die gerne behauptete These, nach der die Sprache die männliche Dominanz reproduziere und festige, muss deswegen nicht völlig falsch sein. Aber der Einfluss dieser Festigung kann nur gering sein, wenn das Patriarchat sich in Ländern ohne dieses Instrument genauso wacker an der Macht hält wie hier. Natürlich kann es auch sein, dass die Existenz des GM zwar kein sonderlich wirksames Instrument des Patriarchats ist, aber umgekehrt die Einführung der Gendersprache ein wirksames Instrument des Feminismus wäre. Siehe oben. Sie kann ein Angebot zur Verbesserung sein, aber damit würde man viel eher zulassen, dass Leute dieses Angebot dankend ablehnen. Daher bezichtigt man das GM als Machtinstrument des Patriarchats und nicht die Gendersprache als Machtinstrument des Feminismus. (Man kann ja für Feminismus sein und für ihn kämpfen wollen, daher auch Machtinstrumente anwenden, das ist nicht unbedingt verwerflich. Aber ich möchte das dann auch so benennen dürfen.)

Interessanterweise wird im Englischen die Diskussion ja eher umgekehrt geführt. Dort wehren sich Frauen dagegen, „actress“ genannt zu werden. Sie wollen nicht durch eine Nachsilbe zu „weiblichen Schauspielern“ reduziert werden. So wie andere es nicht mögen würden, wenn von ihnen immer als „der schwarze Schauspieler X“, „der jüdische Schauspieler Y“ oder „der kleinwüchsige Schauspieler Z“ gesprochen würde.

Und, wie hier nachzulesen, gibt es natürlich auch in Sprachen ohne (ausgeprägtes) GM wie Englisch extreme Assoziationen zwischen Begriffen und Geschlechtern oder Geschlechterrollen. So assoziieren künstliche Spracherkennungssysteme mit bestimmten Begriffen „typische weibliche“ Eigenschaften, einfach weil sie die menschlichen Vorurteile aus den Texten übernehmen, aus denen sie lernen. Das spricht ganz erheblich dafür, sprachsensibel zu sein, seine Vorurteile zu hinterfragen, Rollenklischees zu beobachten. Es spricht aber auch dafür, dass das GM ein vergleichsweise geringfügiges Problem bei der Festschreibung von Rollenbildern ist. Und dass der Weg über eine Änderung der Sprache zu einer Sisyphusarbeit werden würde, wenn man all diese Begriffe, die mit „falschen“ Rollenbildern assoziiert sind, austauschen wollte. Dann vielleicht die Sprache doch lieber als zwar lebendiges und organisches, aber widerspenstiges Wesen hinnehmen und an den Bildern arbeiten, die wir damit bezeichnen, anstatt an den Bezeichnungen.

Komische Lösungen

Die angebotenen Lösungen für eine gendergerechte Sprache sind sehr unbefriedigend. Aus meiner Sicht so sehr, dass ich lieber auf sie verzichten würde. Die möglichen Lösungen sind auch sehr unterschiedlich. Einige zielen darauf ab, Frauen explizit zu nennen, andere, das Geschlecht überhaupt nicht sichtbar zu machen. Das alleine kann einem zu denken geben.

Die bestehende Lösung mag eine männliche Dominanz offenbaren, aber man muss ihr zugute halten, dass sie ziemlich geschmeidig ist. Es wäre ja auch denkbar gewesen, dass man die bisherige Form sehr konsequent mit neuem Inhalt füllt, indem man das allgemeine Bild von Frauen in allen möglichen Berufen und Zusammenhängen stärkt. Auch jetzt wird ja ein erheblich größerer Prozentsatz von Menschen auch an weibliche Flugzeugführer denken, wenn man das Wort “Piloten” benutzt, als vor 50 Jahren. Wir hätten die männliche Dominanz derart attackieren können, dass das GM jede maskuline Konnotation verliert, dass es aus den Klauen des Patriarchats gerissen worden wäre und jeder bei Piloten zuallererst an Frauen und dann evt. auch an Männer denkt.

Daher ist es lustig, dass gerade die Verfechter der Gendersprache den Konservativen vorwerfen, sie verstünden eben nicht “dass sich Sprache nun mal verändert”. Was die Konservativen nicht akzeptieren, ist, dass Sprache durch systematische Propaganda von Leuten verändert wird, denen sie nicht den Auftrag dazu gegeben haben. Es gibt starke Bemühungen von bestimmten Interessengruppen, die Sprache zu beeinflussen. Das muss nicht illegitim sein, aber es ist nicht so, dass Sprache “sich verändert” und keiner was dazu könnte. Wenn eine Partei sagt, man solle jetzt bitte zukünftig so sprechen, die andere das aber nicht will, dann hat sich die Sprache eben noch nicht allgemein verändert, sondern nur in einem bestimmten Milieu.

In Wirklichkeit verleugnen aber die anderen den Sprachwandel, weil sie die Möglichkeit leugnen, einen Begriff mit neuen Bildern zu füllen. Dass eine veränderte Realität auch den Inhalt eines Begriffes verändern könnte, wird nicht akzeptiert. Es ist ein konkretistisches, wortwörtliches Denken und es offenbart sich eben auch in der Vorstellung, man könnte die Realität verwandeln, in dem man die Sachen nur anders bezeichnet.

Das Ärgerliche ist, wie bereits angedeutet, dass Frauen mit jeder Verwendung der Gendersprache die Sichtbarkeit in der bisherigen Standardsprache einbüßen. Je mehr sich ein Teil der Leute an den neuen „Dialekt“ gewöhnt, desto weniger werden Frauen in der Sprache jener sichtbar, die noch altmodisch reden. Die Lösung kann also nur funktionieren, wenn sie wirklich flächendeckend durchgesetzt wird. Ansonsten wird das Ziel verfehlt. Frauen können dann, im Sprachverständnis eines Teils der Bevölkerung, überhaupt nur noch sichtbar werden, wenn man daran denkt, sie explizit zu benennen. Vielleicht ist das ja auch das eigentliche Ziel: sichtbar zu machen, wer an Frauen denkt, wer fortschrittlich ist und wer nicht. Dann haben wir es aber mit einer Spaltung zu tun.

Die Chance, das GM mit neuer Bedeutung zu füllen, wurde also vertan und stattdessen ein bizarrer Flickenteppich aus schlecht funktionierenden Alternativen ausgebreitet. Sternchen, Unterstriche, Bindestriche, Schrägstriche, Binnenmajuskel, die jede noch ihre eigene Bedeutung und Anhängerschaft haben, was nur für Eingeweihte verständlich ist. Oder einfach die permanente Doppelnennung, sprachlich noch am saubersten, aber nach wenigen Sätzen wird man irre. Das schlimmste für einen Menschen mit Liebe zur Sprache sind die Partizipkonstruktionen.

Mal von jedem Sinn dahinter abgesehen, kann doch kein empfindsamer Mensch bestreiten, dass eine verschwurbelte, bürokratisch klingende Beamtensprache hässlich ist. “Die Mitarbeitenden sind zur Berücksichtigung der Interessen von Fahrradfahrenden aufgefordert.” So will ich nicht reden. Muss ich ja auch nicht. Aber wenn diese Wörter zunehmend normal werden, dann kann ich ihnen kaum entkommen.

Es kommt hinzu, dass gerade diese Konstruktion besonders idiotisch ist, weil sie ja eigentlich genauso ein GM ist wie der Rest. Das merkt man, wenn man mal die Singular-Form benötigt. “Auf der Spur für die Fahrradfahrenden ist nur Platz für einen Fahrradfahrenden gleichzeitig.” Oder für eine Fahrradfahrende? Dann muss man noch abstrakter werden und auf “eine fahrradfahrende Person” ausweichen. Wobei die Person ja nur ein seltenes Beispiel eines generischen Femininums ist. Konsequent ist das auch nicht.

Die gesamte, hässliche Konstruktion dient nur dazu, in bestimmten Satzstellungen nicht hörbar zu machen, dass wir es immer noch mit Männern oder Frauen zu tun haben. Was für ein gewaltiger Aufwand, alle Menschen zu “gerade etwas machenden” umzumodellieren, wenn das noch nicht mal zuverlässig funktioniert. Frauen werden dadurch jedenfalls nicht sichtbarer. Es werden vielmehr Menschen überhaupt unsichtbarer. Aus der Bezeichnung einer Personengruppe wird nämlich die Bezeichnung einer „eine Funktion ausübenden“ Gruppe, es wird eine Stufe abstrakter. Es wird eine Stufe weniger lebendig.

Die bisherige Sprache, mit all ihren Schwächen und Ausnahmen und Kuriositäten, hat sich bisher ganz gut bewährt, um lyrische, sachliche oder auch logische Aussagen zu machen. Tatsächlich sägt die Gendersprache aber direkt an der Logik. “Unter den Kunden waren keine Frauen”, ist ein Satz, der bis dato Sinn ergibt. “Unter den Kunden und Kundinnen waren keine Frauen” hingegen ist ein unlogischer Satz. Wenn das Wort “Kunden” zukünftig nicht mehr beide Geschlechter umfassen kann, dann ist es nicht mehr möglich, diesen Satz zu formulieren. Natürlich kann man es dann irgendwie anders sagen, klar. Aber wenigstens ein bisschen komisch darf man das doch finden, wenn derart leichtfertig mit der Grundstruktur von Denkvorgängen gespielt wird, wenn einem quasi unter dem Hintern weg ein sinnvoller Satz sinnlos gemacht wird. “Unter der Kindern waren keine Mädchen” funktioniert dann übrigens zufällig noch. Es ist also völlig inkonsistent, was da entsteht.

Kürzlich machte das lustige Wort „Bürgerinnenmeisterinnenkandidatinnen“ die Runde. Es verlangt natürlich niemand wirklich, die Bewerber um das Amt an der Spitze der Stadt so zu nennen. Und es ist auch unredlich, eine Forderung dadurch zu widerlegen, dass man sie sofort in ihr Extrem verzerrt. Aber auf der anderen Seite ist es ein gutes Beispiel dafür, dass die Forderung nach einer Abschaffung des GM in einem Ausmaß am logischen Aufbau unserer Sprache rüttelt, das im Verhältnis zum Nutzen fragwürdig erscheint. Denn mal ehrlich: Warum sollte die Kandidatin für das Amt der Bürgermeisterin nicht die Bürgermeisterinkandidatin sein? Und wenn das Wort „Bürger“ männliche Staatsangehörige bezeichnet, warum sollte es dann Bürgermeisterin und nicht Bürgerinnenmeisterin heißen? Sollen wir eine neue Regel aufstellen, die lautet: Es gibt kein generisches Maskulinum, es sei denn, es würde zu kompliziert? Wenn ich aussuchen darf, was zu kompliziert heißt, bin ich einverstanden. Wenn das Leute entscheiden, die auch Begriffe wie „Teilhabebedarfe“, „Nichtbleibeperspektive“ oder „Aromaversiegelung“ unironisch verwenden, dann bitte nicht.

Keiner wird gezwungen?

Ein beliebter Schlagabtausch an der Gendersprachenfront geht so, dass sich die konservative Seite über eine Begebenheit empört, bei der „jetzt auch noch“ gegendert wird, sei es, dass Audi offiziell verkündet, seine weiblichen Mitarbeiter jetzt „Audianerinnen“ zu nennen, sei es, dass ein Student berichtet, ihm seien mangels Gendersprache Punkte in einer Arbeit abgezogen worden. Dann wird eine Bedrohung der gesamten Freiheit der Menschheit herbeihysterisiert, was übertrieben ist, auch wenn ich den Ansatz nachvollziehen kann, wie oben beschrieben.

Jetzt ist die Gegenseite dran, die über die Panikattacke lacht, klarstellt, dass doch jeder sprechen könne, wie er oder sie will und dass „in diesem Falle ja nur“ Audi von seinem Recht auf sprachliche Corporate Identity Gebrauch macht oder was gerade zur Entschärfung der Vorwürfe nötig ist. (An dieser Stelle sei kurz eingeschoben, dass der Vorwurf, Linke verlören sich in Identitätsdebatten, statt im Klassenkampf, zumindest hier bestätigt wird. Ich habe jedenfalls an keiner Stelle gehört, „Audianerinnen“ sei zwar schön und gut, aber es solle bitte keiner glauben, ein Weltkonzern wie Audi/VW sei so etwas wie eine Familie und die Zuschreibung seiner Mitarbeiter zu einer Art Clan sei mehr als ein Instrument zur Bindung von Humankapital.)

Auch im Falle des Studenten mit dem Punktabzug entpuppte sich die Geschichte als halbgar, offenbar gab es gar keine Punkte. Die GM-Gegner lehnen sich also genüsslich zurück und schütteln den Kopf über so viel Hysterie. Niemand werde gezwungen, gendergerechte Sprache zu verwenden, sagen sie. Es sei nur eben höflicher und es sei auch kein großer Aufwand. Es würden eben hier und da einsichtige Menschen begreifen, dass es richtig sei, diese Sprache zu sprechen, während jedoch die Mehrheit ja immer noch sprechen dürfe, wie gewohnt und das sehe man ja beispielsweise in der Zeitung oder daran, dass der empörte Artikel selbst ja auch im GM erscheinen konnte.

Aber diese Haltung ist ebenfalls unredlich. Natürlich werden bereits jetzt Menschen gezwungen, an ganz vielen Stellen, diese neue Sprache zu verwenden. Zum Beispiel bei Audi. Oder in ganz vielen Verwaltungen. Oder die Sprecher im öffentlichen Rundfunk. Dass es bei dem Studenten keinen Punktabzug gab, liegt offenbar zuvorderst daran, dass seine Arbeit gar nicht mit Punkten bewertet wurde. Aber in den Erläuterungen der Universität stand durchaus, dass man den Studenten „Sprachsensibilität“ beibringe, was neben korrekter Zitiertweise auch gendergerechte Sprache beinhalte. Leute verlieren ihre Ministerposten wegen unkorrekter Zitierweise. Wenn die sogenannte gendergerechte Sprache auf eine Stufe mit solchen Konventionen gestellt wird, dann ist man nun mal gezwungen, sie zu benutzen, will man keine Nachteile riskieren.

Tatsächlich sind Zeitungsartikel, gerade in konservativen Medien, neben der Alltagssprache, wohl eher die letzten Bastionen der alten Sprache und sie als Beweis heranzuführen, dass niemand gezwungen würde, ist irreführend. Es ist auch irreführend, so zu tun, als begänne ein Zwang erst dort, wo ein allgemeines Gesetz vorherrscht, das mit Polizeigewalt durchgesetzt wird. Vielleicht hat der Duden als oberste Instanz der deutschen Sprache bereits an Bedeutung verloren, aber für viele gilt er immer noch als Richtschnur. Das heißt, wenn es so im Duden steht, ist man eigentlich schon gezwungen, es zu verwenden, sofern man gerne „korrektes Deutsch“ sprechen will. Im Unterschied zu anderen Wandlungen der Sprache handelt es sich aber nicht um einen organischen Prozess, bei dem sich nach und nach eine neue Form durchsetzt, es handelt sich um einen planmäßigen Umsturz, der mit einer bestimmten Agenda vor Augen durch eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe vorangetrieben wurde. Wenn man selbst dieser Gruppe angehört, findet man das vielleicht nicht schlimm. Aber es wäre fair, wenigstens anzuerkennen, dass wir es mit einem anderen Prozess zu tun haben als mit der Wandlung von „das ergibt Sinn“ zu „das macht Sinn“.

An dieser Stelle kommt gerne der Einwand, dass ja auch bei der Abschaffung des Wortes “Fräulein” erhebliche Kämpfe ausgefochten werden mussten. Dennoch würde das heute keiner bereuen. Das greift allerdings zu kurz. Denn zum einen gibt es einen kategorialen Unterschied zwischen der Abschaffung eines Wortes und der Veränderung der Grammatik. Zum anderen wurde ja weniger der Begriff abgeschafft als seine gesellschaftliche Funktion, nämlich die Konvention, unverheiratete Frauen anders zu behandeln und zu bezeichnen als verheiratete. Der Begriff existiert noch, aber nicht mehr das Ding, das er beschreibt. Hier hat sich also der Sprachgebrauch an die veränderte Realität angepasst. Bei der gendergerechten Sprache hofft man, die Realität durch einen anderen Sprachgebrauch anpassen zu können.
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Es kommt hinzu, dass ja schon Versuche unternommen wurden, diese Sprache gerichtlich einzuklagen. Das ist gescheitert, aber es beweist, dass hier nicht einfach ein paar Menschen so reden, wie sie es für höflicher halten, sondern dass mit allen Mitteln versucht wird, etwas sehr einschneidendes durchzusetzen. Wenn Herr Merz jetzt (wenn auch in der Überschrift überspitzt dargestellt) „Gendersprache verbieten“ will, dann können wir hier einen rechten Blender im Kulturkampf beobachten. Aber daraus folgt nicht, dass es auf der anderen Seite nicht ebenfalls ein unfairer Kulturkampf wäre. Es sind nicht alle Argumente schlecht, ich hoffe, das habe ich in diesem Beitrag klargestellt. Aber es ist eine Frage der Abwägung und diese Abwägung wird – nur das Ziel vor Augen, nur den Gegner vor Augen – meiner Meinung nach nicht mal in Betracht gezogen. Es gibt andere Gründe außer dem Erhalt des Patriarchats, die gendergerechte Sprache abzulehnen. Es ist sowieso zu spät, das ist mir klar. In ein paar Jahren werde ich zähneknirschend die neue Sprache verwenden, weil ich sonst nicht mehr allgemein verstanden werde. Aber meine Texte werden dann holpriger, missverständlicher und weniger elegant sein. Das finde ich schade.

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49 Kommentare zu “Farewell, generisches Maskulinum! Ein Nachruf.

  • #1
    Stefan Laurin

    Sehe ich anders: Nur beim Staat und bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten wird es verschwinden. Damit wird es ein Zeichen für alle, die sich dem postmodernen Quatsch nicht unterwerfen. Und natürlich wird auch zukünftig auf diesem Blog nicht gegendert.

  • #2
    Angelika, die usw.

    Irgendwann ging der häufige Gebrauch des th in der dt. Sprache verloren.
    In Thron ist es noch drin, in Wirt oder Wert ist es weg. Da gab mal in Berlin eine Konferenz…1901…

    Das momentane Problem ist nicht der Wirt ohne h, es ist das Kneipensterben schon vor Corona und die Schließung derzeit …

    Ich sag inzwischen schon Studierende, Lehrende, Mitarbeitende – und es tut nicht weh. Dieses Stocken beim Sprechen, Virolog*innen usw., ist schwierig für mich. Dieses Abbremsen ist_________seltsam.

  • #3
    Helmut Junge

    Hier im Grenzgebiet Duisburg und Oberhausen habe ich noch nie einen Menschen gender sprechen gehört. Gestern habe ich ein wissenschaftliches Buch über die Entstehung des Lebens (der Zelle) gekauft, und der Autor, ein Professor der Geologie, schreibt direkt im Vorwort, daß er der Zweckmäßigkeit wegen, das generische Maskulinum verwendet. Durchgängig sogar.
    Fazit: sowohl im Volksmund, als auch in der echten Wissenschaft hat sich der postmoderne Quatsch noch nicht verbreitet, geschweige denn durchgesetzt.
    Lieber Autor, wenn du einen anderen Eindruck hast, liegt das ganz sicher an deinem persönlichen Umfeld. Verlaß das mal, geh raus in die Welt, und beobachte mal die Leute.
    Beim gesprochenem Gendern gibt es übrigens eine Schwierigkeit, der sogar Nachrichtensprecherinnen geschickt umgehen. Die taucht nämlich dann auf, wenn sie nicht wollen, daß versehentlich jemand verstehen könnte, daß nur Frauen gemeint sein könnten, Männer aber nicht. Da könnte das Päuschen beim Sprechen vielleicht doch zu kurz sein. Dann sagen sie doch lieber die männliche Form und anschließend die weibliche Form, und vergessen den Rest, der mit dem Gendersternchen eigentlich mitgemeint ist, wofür das Sternchen sogar ausschließlich steht.

  • #4
    rwetroja

    Es mag auch andere Stimmen als die zitierten Gelehrten geben: Siehe z.B. hier:

    https://www.belleslettres.eu/content/deklination/gender-nubling-lobin-sueddeutsche.php.

    Nur weil es von einer "Autorität" kommt, muss es noch lange nicht richtig sein. Zumindest sollte es wissenschaftlichen Mindeststandards genügen.

    Widerlegt erscheint mir, wenn ich dem Link folge, doch eher eine Behauptung.

  • #5
    Arnold Voss

    Die Debatte ist nicht zu Ende, sie hat gerade erst angefangen. Erst dadurch, dass das Gendersternchen und Ähnliches nicht nur geschrieben, sondern in Teilen der Medien auch öffentlich gesprochen wird, ist vielen überhaupt bewusst geworden, was da in bestimmten selbstreferentiellen Sprachblasen bislang passiert ist und mit welcher Arroganz es jetzt in die Alltagsprache gedrückt, bzw. hineingeredet werden soll.

    Erst in diesem konkreten und vor allem sinnlich hör- und wahrnehmbaren Erfahrungszusammenhang wird auch die neue Schreibweise noch einmal im wahrsten Sinne des Wortes fragwürdig. Nicht nur das Wie, sondern vor allem das Warum wird jetzt erst zum massenhaften Thema werden und es werden sich noch viele darüber wundern, wo die Mehrheiten am Ende liegen werden. Zumindest ist der Ausgang mehr als offen.

  • #6
    Karl-Heinz Schmidt

    Sehr reflektierter Artikel über das aktuelle Problem der Sprachverhunzung durch Sprachterroristen, die sich insbesondere in den öffentlich-rechtlichen Medien, aber zunehmend auch in den Printmedien, zu moralinsauren Hegemonisten einer willkürlichen, ja ideologischen Sprachhygiene aufblasen. Ich ( 72 ) werde nicht gendern, bin aber dafür, das Generische Maskulinum künftig selektiver und präziser anzuwenden, nämlich dann, wenn die Verwendung der Begriffe wie "Fußballer", "Soldaten" oder z. B. "Team" durchaus eine geschlechtsspezifische Zusammensetzung ausdrücken sollen. So gab es zu meiner BW-Zeit in den Streitkräften noch keine Frauen und "Soldaten" meinte damals wirklich nur Männer. Das bedeutet, auch die historische Dimension sollte berücksichtigt werden, wenn man sowohl das Maskulinum als auch das Femininum zum Ausdruck bringen will. Dann aber bitte in der Form von Soldaten u. Soldatinnen. So schafft man keine neue Sprach- u. Begriffskrücke, sondern die Gleichberechtigung der Geschlechter im Kontext und der Präsenz.

  • #7
    sneaking_beauty

    Lustigerweise habe ich früher kaum gegendert, inzwischen mache ich es aber immer öfter, um Rechtskonservativen ans Bein zu pinkeln. Ich hätte nie gedacht, dass sich das mal so entwickelt wie Punk in den späten Siebziger Jahren: etwas, womit man provozieren kann. Aber ähnlich ist es ja auch mit Fridays For Future. Da regen sich auch die Mittelalten in richtig biedermeierlicher Art über die Jugend auf, dass man letzterer allein dafür schon Sympathien entgegenbringt.

    Daher…
    @#1 Stefan Laurin:
    "Und natürlich wird auch zukünftig auf diesem Blog nicht gegendert."
    Könnte man auch als ‘Cancel Culture’ interpretieren. Aber sei’s drum. Und bitte nochmal googeln, was "postmodern" überhaupt bedeutet.

    @Arnold Voss: The battle is on!

  • #8
    Mawa

    Das ist Quatsch. Die Natur hat ihre Gesetze und gewachsene Sprache bildet sie ab. Vernunft und Logik werden immer erfolgreich sein. Manipulationen der Sprache sind totalitär und Ausdruck von kognitiver Dissonantz.

  • #9
    Martin

    Danke. Ich wünschte, ich könnte meine eigenen Gedanken auch so eloquent und umfassend aufschreiben. Der Artikel spricht mir aus der Seele mit allen seinen Facetten. Die deutsche Sprache ist schön, vielfältig und ausdrucksstark einsetzbar – genau aus diesem Grund schmerzt diese aufgezwungene Laubsägearbeit an der Sprache so sehr. Und nicht weil sich Denkmuster ändern müssen (das müssen sie!). Da ich weder Journalist noch Hochschulprofessor bin, habe ich mich entschieden meine präferierte Sprech- und Schreibweise unbegrenzt weiter zu nutzen.

    Wahrscheinlich falle ich in Zukunft sowieso als ewig gestriger auf, weil ich unbekannte Menschen sieze, das GM verwende , Ausdrücke wie "supercool" oder "megachillig" durch andere deutsche Ausdrücke ersetze und aus Gewohnheit manchmal noch in die alte Rechtschreibung verfalle. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass die Version der Sprache, die man spricht, sehr identitätsstiftend ist. Wenn diese Grundannahme stimmt, dann driftet mit dieser zusätzlichen Variante der Sprache unserer Gesellschaft immer weiter in die Zersplitterung von opponierenden Gruppen und Milieus. Ich finde schon heute sehr diskriminierend, dass Texte von Behörden in "einfacher" und "normaler" Sprache veröffentlicht werden. Wie fühlen sich da wohl die Menschen, die lieber die einfache Version lesen?

    Ich würde mir wünschen, dass die weitere Zersplitterung unserer Sprache in unterschiedliche Sprechweisen nicht weiter aktiv vorangetrieben wird. Aber ich glaube nicht daran.

  • #10
    Angelika, die usw.

    "…Sprachwandel, das weiß man aus der Forschung, empfinden Menschen grundsätzlich eher als negativ. Schon in der Schule lernen wir durch Rechtschreibregeln mühsam, was richtig und falsch ist. Alles, was von diesen gelernten Regeln abweicht, empfinden wir deshalb oft als unästhetisch oder irritierend. Zuletzt hatte etwa im Zuge der Rechtschreibreform 1996 die Änderung von ß zu ss große Wellen der Empörung ausgelöst. Heute ist es die Debatte um geschlechtergerechte Sprache.

    Unbekannte Wörter sind für unser Gehirn außerdem anstrengender – erst mal. Denn zur Verarbeitung braucht es mehr kognitive Ressourcen. Je öfter wir unbekannte Wörter aber verwenden, desto mehr neuronale Verknüpfungen bilden sich. Und umso leichter fallen uns die Wörter. Würde sich der Genderstern durchsetzen, würde also auch er uns vermutlich irgendwann nicht mehr irritieren…"

    https://www.quarks.de/gesellschaft/psychologie/was-gendern-bringt-und-was-nicht/

    "…der Genderstern…"

    Also ich sag immer das Gendersternchen … (ist doch sooo klein …) .

  • #11
    Ali Mente

    "Lustigerweise habe ich früher kaum gegendert, inzwischen mache ich es aber immer öfter, um Rechtskonservativen ans Bein zu pinkeln. Ich hätte nie gedacht, dass sich das mal so entwickelt wie Punk in den späten Siebziger Jahren: etwas, womit man provozieren kann."

    Und genau dafür ist das ganze auch gedacht. Es soll einen weiteren Keil in die Bevölkerung treiben zwischem die "Anständigen", die jetzt total gendersensibel und woke sind und die "Ewiggestrigen", die sowieso schon unter Generalverdacht stehen, böse wenn nicht gar radikal zu sein, weil sie sich den geplanten gesellschaftlichen Transformationsprozessen wiedersetzen und noch in der "alten Normalität" verhaftet sind, bzw. die partout nicht aufgeben wollen.

  • #12
    Pater Busoni

    Das Problem, dS sich mir stellt, ist das Folgende:
    Nach allgemeinen Sprachverständnis bedeutet -ende/-ender die unmittelbare Ausübung einer Tätigkeit. Das konnte man bisher hervorragend abgrenzen.
    Eine Studentin ist eine Frau, die an einer Universität immatrikuliert ist. Wenn sie in einem Semester eine Lesung verfolgt oder Prüfungen vorbereitet, ist sie eine Studierende. In den Semesterferien ist sie das definitiv nicht.
    Ein Autofahrer ist ein Mann, der ein Auto besitzt. Fährt er mit dem Auto, ist er ein Autofahrender, sitzt er im Bus, ist er das nicht.
    Das ganze führt ins Groteske, wenn die/der Fahrradfahrende tragischerweise bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt.
    Sprache lebt, es gibt Veränderungen, solange eine Sprache existiert.
    Aber bitteschön dann so, dass es nicht zu hanebüchenen Sinnentstellungen führt.

  • #13
    Schreiber*in

    @ sneaking_beauty

    stimmt, nie war es einfacher, sich als Revolutionär*in – das schon war die Revolution! – zu fühlen …

    Dafür auch noch mal ein großes Dankeschön an Stefan Laurin und Arnold Voss, Gründungsväter der Ruhrbarone – wann war die Gründung noch mal? 1871?

  • #14
    Berthold Grabe

    Das mit dem generischen Maskulinum geht aus wie die Rechtschreibreform, es hinterlässt nur schwachsinniges Chaos.
    Außerhalb von Behörden wird es fast durchgängig weitergenutzt. Und dort wo es kritisch wird, ist der der Gendersprech sicheres Auschlusskriterium für Leute, denen man nicht alles erzählt und besser fern hält, um sich nicht in blödsinnigen Diskussionen zu verlieren.
    Solche Leute speist am besten mit Belanglosigkeiten ab und regelt Wichtiges ohne sie.
    Bis jetzt habe ich noch niemanden getroffen der außer auslachen oder Ärger über Zeitvergeudung positiv außerhalb der Medien darüber redet.
    Es wird also nur die Gesellschaft spalten und Randgruppen wieder verstärkt ausgrenzen.
    Es wird nur besser darauf geachtet keine angriffsfläche zu bieten.

  • #15
    Berthold Grabe

    Es stellt sich sogar die Frage, ob die Forderung im Beruf oder Behörden gendergerechte sprache einzufordern verfassungswidrrg ist.
    Denn das Verfassungsgericht hat dazu bereits eindeutig Stellung genommen.
    Es müsste also sogar illegal sein derartige Vorschriften zu machen, die ohne Grundalge das verfassungsmäßige Recht sich rechtskonform auszudrücken unterläuft.
    Das gefährlich an dem Genderspeech ist, das es totalitär genutzt wird, was hisst, es kann Ausschlusskriterium bei Bewerbungen sein, was spätestens dann illegal wäre.
    Aber wie immer werden die Akteure es vermeiden sich offen angreifbar zu machen und so eine Minderheiten und Opportunistendiktatur errichten.
    Teilweise sind wir das ja schon.

  • #16
    Hollis Brown

    Nur zur Erinnerung; es gab da mal irgendwann eine sogenannte Rechtschreibreform. Wenn ich heute meine Geschäftspost auf der Arbeit durchlese, dann denke ich immer: Hat die eigentlich irgendwer (außer den Autokorrekturprogrammen) zur Kenntnis genommen? Heute orthographiert jeder so, wie er es für richtig hält. Aus diesem Grund mache ich mir wegen dieses "Gender"-Unsinns keine Gedanken. Ich muß jedesmal grinsen, wenn ich höre, wie sich die öffentlich-rechtlichen TV- und Radiosprecher einen dabei abbrechen, den neuen Sprachvorschriften zu genügen. Ansonsten sehe ich das genauso wie #3 Helmut Junge: Bisher ist mir noch kein Kollege oder Nachbar begegnet, der während eines Gesprächs "gegendert" hat. Ich hoffe sehr, daß das auch in Zukunft so bleibt!

  • #17
    Angelika

    #12 @Pater Busoni
    "…Wenn sie in einem Semester eine Lesung verfolgt oder Prüfungen vorbereitet, ist sie eine Studierende. In den Semesterferien ist sie das definitiv nicht…"

    Stimmt nicht.
    Die sogenannten Semesterferien sind die vorlesungsfreie Zeit. In dieser Zeit bereiten sich Studenten/Studentinnen (Studierende) auf Prüfungen vor (am Ende der vorlesungsfreien Zeit – noch vor Vorlesungsbeginn – finden schon Prüfungen statt), werden Hausarbeiten geschrieben, absolviert man Pflichtpraktika usw.. Studenten und Studentinnen oder Studierende (however …) sind für die vorlesungsfreie Zeit nicht exmatrikuliert. In Laboren (z.B. Biologie, Chemie) werden aber weiterhin Versuchsreihen durchgeführt. Die Uni ist also nicht ‘zu’ …

  • #18
    Victor Habermann

    Kurz gesagt: Der behauptete Zweck (Gleichberechtigung bzw. -stellung) wird nicht erreicht, da der Riss ja auch durch die Geschlechter geht. Es blüht, wie beschrieben, die Verwirrung und, viel schlimmer, das Denunziantentum. Früher hieß es bei uns, wer nicht ordentlich Russisch lernt, arbeitet dem Klassenfeind zu, weil er ja offenbar gegen die Sowjetunion sei. Jetzt haben die GM-Benutzer etwas gegen die Frauen, weil die ja nur »mitgemeint« sind. Meine These ist übrigens, dass sie überhaupt nicht gemeint sind, wenn das Geschlecht keine Rolle spielt, wie etwa bei »die Schüler«. Hat jemand die Koedukation verschlafen?
    Die Besorgnis des Autors, dass es in wenigen Jahren Missverständnisse bei alter Literatur geben wird, teile ich. Eine junge Frau wundert sich beim Plakat einer Kandidatin, die behaupter: «Bisher war ich Nichtwähler«
    Im allgemeinen Verständnis war ein Nichtwähler bislang ein Mensch, der nicht zur Wahl geht. Jetzt ist es ür die junge Frau partout ein Mann. Also offenbar ein Transgenderproblem?
    Heule und herrsche.
    Siehe auch: https://neuleerer.blog/2021/01/17/mimusisenf-in-der-sprache/

  • #19
    sneaking_beauty

    #11 Ali Mente:
    Du liebe Güte, geht’s noch dramatischer? Worin genau sollen denn diese "geplanten gesellschaftlichen Transformationsprozesse" bestehen? Gehören Sie etwa zu jenen Leuten, für die immer alles heimlich von einer geheimen bösen Macht oben geplant wird? Reality Check: Gesellschaften verändern sich, diese Veränderungen kommen von unten, dafür braucht es keinen großen Masterplan. Und die Sprache verändert sich mit ihnen, so war es schon immer und so wird es auch weiterhin sein. Wir reden heute auch anders als vor 30 oder gar 300 Jahren.

  • #20
    Karla

    @sneaking_beauty, aber daß das jemand aus dem linken Lager schon für "die Revolution" hält, macht mich doch sehr nachdenklich. Quo vadis Linke?

  • #21
  • #22
    Angelika, die usw.

    #20 Jaja, Karla … Hauptsache bei einer Nachdenklichkeit ".., aber daß…" schreiben, dann ist ja alles gut … Dann ist alles in Ordnung … So wie früher … Das wunderbare ß! Es muss unbedingt erhalten bleiben! Es ist wichtig! Schreiben Sie bitte auch Wirth, Werth. Halten Sie sich nicht an die Vorgaben von 1901. Alles war ist besser – damals! Die ß unter Naturschutz stellen, gewissermaßen. Verkrustung als Schutz vor was auch immer. Aber bis wohin zurück? Schwierig …

  • #23
    Karla

    @Angelika, die usw., stimmt, das daß mit ß gibt es nicht mehr. Ich hab bei der Dud*in nachgeschaut.
    Muß ich mir merken.

  • #24
    Harry

    Sehe ich ganz anders. Das generische Maskulinum wird wieder kommen, stärker als zuvor.

  • #25
    Ruhr Reisen

    Ach du meien Güte.
    Soviele Buchstaben für so einen Scheiss!
    Wer diesem Schwachsinn soviele Worte spendet, macht sich mitschuldig, dieser Sache eine Bedeutung einzuräumen, die sie nicht hat.
    Ich für meinen Teil werde es weiter so handhaben, wie bisher. Alle Anderen können mir den Buckel runterrutschen.

  • #26
    Berthold Grabe

    die letzten die eine Gesellschaft von oben her verändern wollten warne die Nazis und die Volksrepubliken.
    Die systematische Gemeinsamkeit ist der Misserfolg und die Verschlimmerung der Ausgangslage verbunden mit erheblichen Freiheitseinbußen.
    Es gibt und gab weltweit kein erfolgreiches Experiment dieser Art, sie endeten alle in mehr oder weniger desaströsen Katastrophen.

  • #27
    Wolfram Obermanns

    "stimmt, das daß mit ß gibt es nicht mehr."
    Das wiederum stimmt eigentlich nicht.
    Den Duden als normative Instanz der Rechtschreibung gibt es nicht mehr.
    Die amtliche Rechtschreibung hingegen ist lediglich für den amtlichen Schriftverkehr bindend. Zur Ästhetik des Bürokratendeutsch steht genug im Artikel, da braucht man nichts hinzuzufügen. Falls Ihnen nun also aus welchen Gründen auch immer das daß besser gefällt als das dass, dann schreiben Sie doch einfach das daß.
    Analog zum Gauß’schen Aphorismus zum Rechnen bis zur letzten Nachkommastelle, meinte ein Literat sinngemäß: Orthographie wird maßlos überschätzt und ist vor allem denen wichtig, die inhaltlich nichts zu sagen wissen.
    In diesem Sinne: Feel free, denn Sie sind es.

  • #28
    Angelika, die usw.

    #27 @Wolfram Obermanns
    "…Den Duden als normative Instanz der Rechtschreibung gibt es nicht mehr."

    Interessant!
    Wusste ich nicht.

    Ich fand gerade dazu:
    "…Der Duden ist keine offizielle Autorität mehr. Er hatte diese Rolle von 1955 bis 1995, als die Kultusministerkonferenz der Länder den Duden als verbindliche Autorität für den Schulunterricht vorschrieb…"

  • #29
    Chrissi

    @ Wolfram Obermanns

    Wolfram Obermanns: "Zur Ästhetik des Bürokratendeutsch steht genug im Artikel …"

    dazu muss man den Artikel nicht lesen, es reichen deine Kommentare – denen *kann* man gar nichts mehr hinzufügen …

  • #30
    thomas weigle

    @ B. Grabe#26 Interessant, dass ausgerechnet bei ihnen die islamischen "Gottesstaaten" und die, die auf dem Weg dahin sind, nicht vorkommen. Von obener geht es ja gar nicht. Von den konservariv-reaktionären katholischen Staaten wie Polen nicht zu reden, die ja auch von ganz weit oben ihre Eingebungen bekommen.

  • #31
    abraxasrgb

    Och, das ist doch eigentlich sprachlich austariert: Der generische Plural ist doch grammatikalisch im Femininum 😉 da werden aus zwei Männern "die" Männer …

    Wie gut, dass der Superlativ nur den Singular kennt 😉

  • #32
    Rudolf Görtler

    Nur eine ganz kurze Anmerkung zum Partizip I (früher Partizip Präsens), das mich genauso nervt wie das Gender-Stottern: Gesetzt, ein Mitarbeiter stirbt. Der Chef hält eine Trauerrede. Spricht er dann vom Mitarbeitenden? Der im Sarg fleißig die Tastatur bedient? Es wird auch komisch, wenn man das konsequent durchhält. Ich habe schon von "Waldfacharbeitenden" gelesen (in einem Buch der Büchergilde Gutenberg). Einmal üben diesen harten, gefährlichen Job fast nur Männer aus, zum anderen gilt das oben Gesagte. Darüber hinaus ist es eine groteske Sprachverhunzung.

  • #33
  • #34
    Tagedieb

    Naja, jeder, der so etwas wie diese Geschäftsordnung befürwortet, kann nicht ernst genommen werden: https://www.neuss.de/rathaus/ortsrecht/pdf/30-02-geschaeftsordnung.pdf.

    Es ging in den letzten Jahren eher darum, die Sprache zu vereinfachen. Nicht umsonst geht man bei Verwaltungen immer öfter dazu über, die Websiteinhalte parallel in "einfacher Sprache" zu präsentieren. Ein Hohn für den Bildungsstand in unserem Land, dass so ein Konzept immer öfter zur Anwendung kommt.

    Nun kommt man mit einem Konzept, das die grundlegende Grammatik der deutschen Sprache ignoriert, dem Abstraktionsvermögen weiter Teile der Bevölkerung Hohn spricht, Neubürgern das Lernen der deutschen Sprache noch schwerer macht und gleichzeitig ein Gesellschaftsbild vermittelt, welches so einfach nicht existiert. Und es führt dazu, dass ältere Texte einfach auf Grund neuer Interpretationsvorgaben einfach nicht mehr verstanden und/oder falsch interpretiert werden.

    Ansonsten, wenn eine Person ein Problem damit hat, dass man mit Maurer erst mal einen Mann verbindet, soll dafür sorgen, dass mehr Frauen diesen Beruf ergreifen. Einfache Sache. So verändert man eine Gesellschaft, nicht mittels akademischer Sprachregeln aus dem Elfenbeinturm.

    Diese gezwungene Sternchensetzerei, Stotterei, Substantivierung (wurde mir während der Schule regelmäßig vom Deutschlehrer um die Ohren gehauen) und doppelte Wortnutzung, um möglichst kein Geschlecht auszulassen grenzt schon an religiösen Wahn.

  • #35
    Helmut Junge

    Der Dudi*n von @Karla (23) passt ganz gut, weil das Buch nichts mehr mit dem ersten Verfasser zu tun hat, weil immer schon viele Frauen an den Ausgaben mitgestalten, und weil das Gendersternchen dort aufgenommen wurde.
    Dudi*n ist also die konsequente Umsetzung des Zeitgeistes und trifft . Um Mundwinkel anzuheben auf jeden Fall gut geeignet. Mir macht die Diskussion mittlerweile echt Spaß.

  • #36
    Ulrike Märkel

    Hurra! Ein gutes Gefühl als Frau mit genannt und damit mit gemeint zu werden. Aber halt – nein – Männer sind für das Thema, lieber von Cube, natürlich die echten Expertninnen. Ein kluger Philosoph hat gesagt, Sprache generiert Bewusstsein. Um nicht mehr, aber auch nicht weniger geht es. Daher: Leider kein Verständnis für dein Leiden am I, am i, am : und am *. Und um es noch mal missverständlich zu sagen: Mei, was für ein damischer Schmarrn!

  • #37
    Klaus Wacker

    Gerade unter Didaktikern und Lehrern (ganz altmodisch generische gemeint) hat sich die Gendersprache schon durchgesetzt. Deswegen halte ich es leider nicht komplett unwahrscheinlich, dass sie sich im Laufe der Zeit allgemein durchsetzt,

    "Schüler" darf man in diesen Kreisen nicht sagen, wenn man eine gemischtgeschlechtliche Gruppe anspricht, denn dann sind die Schülerinnen ja nur mitgemeint. Aber man braucht eine generische Bezeichnung, deswegen hat man ein neues Wort gefunden: SuS (gesprochen Suss) und schon hat man die Schülerinnen explizit genannt, oder?

  • #38
    Christoph Theiler

    Die Verwendung von Partizipialformen mag unästhetisch sein, damit kann man vielleicht leben.
    Partizipialformen schränken auch die Genauigkeit des Bezeichnens ein:
    Studierende sind auch Leute, die einen Briefmarkenkatalog studieren oder die Stellenanzeigen der örtlichen Tagespresse.
    Arbeitende sind auch Manager und Unternehmer, diese gehören aber nicht traditionell zur ArbeiterInnenklasse.

  • #39
    Angelika, die usw.

    #38 @Christoph Theiler

    "…Studierende sind auch Leute, die einen Briefmarkenkatalog studieren oder die Stellenanzeigen der örtlichen Tagespresse.
    Arbeitende sind auch Manager und Unternehmer, diese gehören aber nicht traditionell zur ArbeiterInnenklasse…"

    Vorschlag zum Briefmarkenkatalog -> Betrachtende …
    Vorschlag zu den Stellenanzeigen -> Lesende, Arbeitssuchende
    Vorschlag zu den Managern und… -> häufig zu viel Verdienende, zu hohe Boni Beziehende

    (das Augenzwinkern bemerkten Sie gewiss …)

  • #40
    Hans-Joachim Gruda

    Herzliche Grüße an Robert von Cube –
    Sehr geehrter Robert von Cube, das generische Maskulin ist nicht tot, sondern fest in der Gesellschaft verwurzelt und wird nicht untergehen. Die Zusammenhänge sind ganz einfach:
    Die Geschlechter getrennt aufzuzählen ist ein gewollter Beitrag zur Spaltung der Gesellschaft und das hat keine Zukunft, denn Geschlechtertrennung ist "out (mega.out!) Die grammatischen Genera der Substantive bezeichnen nie ein biologisches Geschlecht. In der deutschen Sprache stellen die den Substantiven zugeordneten Artikel "der", "die", "das" keinen Bezug zu natürlichen Geschlechtern her; es handelt sich lediglich um eine grammatische Klassifikation. "Geschlecht" ist hier gemeint im gleichen Sinne wie "Adelsgeschlecht" oder "Tongeschlechter Dur und Moll" und im Sinne von „Gattung“, wie bei Platon: griechisch γένος génos, lateinisch genus. Das Wort "der Rotfuchs" bezeichnet kein männliches Tier, sondern die Art Vulpes vulpes, "Die Europäische Wildkatze" bezeichnet kein weibliches Tier, sondern die Art Felis silvestris sivestris, das Wort "das Wildschwein" bezeichnet kein "diverses" Tier, sondern die Art Sus Scrofa. „Der Handwerker“ ist kein Mann, sondern ein Mensch, der mit seinen Händen werkt und „die Pflegekraft“ ist keine Frau, sondern ein Mensch, der mit Fachkunde Menschen pflegt.

    Der Bundesgerichtshof, ein Oberstes Bundesgericht, hat dies in seinem Urteil vom 13. März 2018 (VI ZR 143/17) ganz aktuell und deutlich entschieden:

    "Nach dem allgemein "üblichen Sprachgebrauch und Sprachverständnis kann der Bedeutungsgehalt einer grammatisch männlichen Personenbezeichnung jedes natürliche Geschlecht umfassen."

    Jedes Geschlecht! Dieser Sprachgebrauch und dieses Sprachverständnis sind allgemein üblich. Vgl. beispielsweise

    Bericht der Arbeitsgruppe Rechtssprache des Deutschen Bundestages vom 17. Januar 1990, Nr. 4.2 (Bundestagsdrucksache 12/1041 v. 07. 08. 1991)
    Götze/Hess-Lüttich, Wahrig Grammatik der deutschen Sprache 3. Aufl., S. 189 ff.;
    Duden, Band 4 Die Grammatik, 8. Aufl., Rn. 236;
    Oberthür, NJW 2017, 2228 f.;
    Pick, AnwBl 2017, 266 Fn).

    Dies gilt selbstverständlich ebenso für Substantive des grammatisch femininen Geschlechts. „Die Person“ ist keine Frau, „die Fachkraft“, „die Waise“, „die Geisel“, „die Majestät“, "die Exzellenz", "die Koryphäe", "die Aushilfe" bezeichnet keine Frau. Grammatik ist nicht Biologie, Genus ist nicht Sexus. Der Mensch, die Person, das Individuum kann für alle natürlichen Geschlechter benutzt werden. Der (oder das) Elter ist ein Elternteil, unabhängig vom biologischen Geschlecht.

    Überall wird Gleichheit angestrebt und ungleich zu benennen ist ebennicht gleichund hat deshalb keine Zukunft. Als ich als junger Mensch an der FU Berlin Norwegisch lernte, musste ich noch die verweiblichenden Formen der Substantive lernen, aber das wurde zu der Zeit gerade aktiv abgeschafft. Heute wird weder in Norwegen noch in Schweden zwischen männlichen und weiblichen Ministern, Schlossern, Schülern, Ingenieuren, etc. unterschieden. So, wie die Unterscheidung nach Hautfarbe oder ethnischer Herkunft rassistisch wäre, ist die Unterscheidung nach Geschlecht per Definitionem sexistisch – das hat keine Zukunft.

    So, wie sich im Norden die Frauen ihren Anteil an der Gesellschaft erobert haben, so haben sie sich die generisch ehemals maskulinen Titulierungen/Benennungen „erobert“. Im Norden gibt es einen hohen Anteil von Frauen in Führungspositionen in Wirtschaft und Politik, aber es gibt keine „Ministerinnen“ und keine „Cheffinnen“ – eine solche sprachliche Ausgrenzung würde als sexistisch empfunden und ist geächtet. Zum Beispiel ist Mette Frederiksen statsminister und sie trägt keine verweiblichende Titulierung, sie darf in Übersetzungen nicht als „Ministerpräsidentin“ bezeichnet werden. Sanna Marin in Finnland ist Suomen pääministeri, ohne verweiblichnde Titulierung, sie darf in Übersetzungen nicht als „Ministerpräsidentin“ bezeichnet werden. So muss es auch im deutschsprachigen Raum werden, um die Geschlechtertrennung zu überwinden (oder ist das von gewissen Kreisen in der Gesellschaft gar nicht gewollt? Will eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe eine egalitäre Segregation, statt Gleichheit? Wollen jene "das Problem" lieber durch "Quoten" lösen?)

    Was ist erfolgreicher, Geschlechtertrennung oder gemeinsame Strategien zur Überwindung der Geschlechtertrennung und der Grenzen zwischen den Geschlechtern? Im Norden werden alle Menschen jeden Geschlechts gleich benannt und angesprochen – in Deutschland wird gespaltenund gehetzt und misstrauen gesäht.
    Die Einkommensunterschiede zwischen Fraueneinkommen und Männereinkommen betragen (jeweils ermittelt nach der gleichen Methode)

    in Finnland 16,7 % im privaten und 14,4 % im öffentlichen Bereich,
    in Norwegen 14,3 im privaten und 13 % im öffentlichen Bereich,
    in Schweden 12 % im privaten und 5,2 % im öffentlichen Bereich (in der öffentlichen Verwaltung Schwedens verdienen die weiblichen Führungskräfte mehr, als die männlichen, weil die Frauen dort die besser bezahlten Posten innehaben).

    Nach den gleichen Verfahren ermittelt beträgt der Unterschied zwischen Fraueneinkommen und Männereinkommen in Deutschland 21 %.

    Das (relative) Scheitern der deutschen die Geschlechter trennenden Sprache lässt sich auch an anderen Beispielen zeigen. So bedarf es im Norden keines Wortes "Chefin", um als Frau Führungskraft zu sein und in diesen Zusammenhang passt sehr gut der Hinweis, dass die gesetzliche Quote weiblicher Führungskräfte
    in Finnland 40 % beträgt – sie ist erfüllt,
    in Norwegen 40 % beträgt – sie ist übererfüllt,
    in Schweden 44 % beträgt, allerdings ohne gesetzliche Quote, weil die schwedischen Frauen Quoten als sexistisch ablehnen, und im schwedischen Unternehmen IKEA Deutschland der Anteil weiblicher Führungskräfte 46,15 % beträgt.

    In Deutschland hingegen gibt es das Wort „Chefin“, die gesetzliche Quote aber beträgt nur 30 % und real ist der Anteil nur 27,7 %.

    In den Dokumenten der Europäischen Union finden sich keine verweiblichten nordeuropäischen Titulierungen.
    Deutsch: Frau Präsidentin, Frau Kommissarin! (sachgrundlose Erwähnung des Geschlechts)
    Dänisch: Fru formand, fru kommissær! (geschlechterneutral)
    Schwedisch: Fru talman, fru kommissionsledamot (oder fru kommissionär) (geschlechterneutral)
    Finnisch: Arvoisa puhemies, arvoisa komission jäsen (geschlechterneutral)

    60 % der schwedischen Filme auf der Berlinale 2016 waren von schwedischen Frauen gemacht (in Worten: Sechzig Prozent!), aber keine von ihnen ist „Regisseurin“, alle werden sprachlich völlig geschlechterneutral titulieret, schwedische Regisseure sind „regissör“, Plural „regissörer“ (dänische Regisseure sind „filminstruktør“, Plural „filminstruktører“, finnische Regisseure sind „ohjaaja“, Plural „ohjaajat“, norwegische sind „regissør“, Plural „regissører“, nordsamische Regisseure sind „rešissevra“, Plural „rešissevrrat“ – alle ohne sprachlichen Hinweis auf des natürliche Geschlecht).

    Heute weiß kein norwegisches Schulkind mehr, dass es einmal auf Norwegisch weibliche Formen gab, z.B. lærerinne (Lehrerin), danserinne (Tänzerin), forfatterinne (Autorin). Diese wurden jedoch als Teil der Bemühungen um Gleichstellung auf allen Gebieten – gerade von den norwegischen Feministen (jeden Geschlechts!) – bewusst aus der offizielle Sprache entfernt.

    Als ich dann etwas später Schwedisch lernte, war von einer sprachlichen Spaltung nach Geschlechter überhaupt nicht die Rede. In Schweden sind alle, die von einer Skischanze springen skidhoppare, alle Kabinettsmitglieder sind minister und alle, die Rentiere besitzen sind renägare – unabhängig von ihrem Geschlecht. Was ausgesagt werden soll, ist die Funktion, die Tätigkeit. Auf keinen Fall wird sachgrundlos auf das Geschlecht fokussiert. In Schweden und Norwegen und überall im Norden können Frauen journalist, Isländisch blaðamaður, Finnisch journalisti (und Nordsamisch journalista) werden!

    So, wie das sachgrundlose Erwähnen der Hautfarbe oder der ethnischen Herkunft rassistisch wäre, ist die sachgrundlose sprachliche Separation der Geschlechter per Definitionem sexistisch. Wer Frauen besondere Berufsbezeichnungen zuteilt, suggeriert damit, es handle sich um etwas sachlich-inhaltlich Verschiedenes und soll sich nicht wundern, wenn – bewusst oder unbewusst – Unterschiede in der Wertschätzung der Arbeit und in der Bezahlung gemacht werden.

    Die sexistische getrennte Benennung der Geschlechter ist schädlich für die Gesellschaft und schädlich für jedes einzelne Individuum, denn sie blockiert Entwicklungsmöglichkeiten und sie sät Zwietracht unter den Geschlechtern.

    Die Geschlechter einzeln aufzuzählen sexualisiert die Sprache und die Gesellschaft. Ein Ein Klempner soll zu mir kommen, um ein undichtes Rohr dicht zu machen. Ein Rechtsanwalt soll mich in rechtlichen Fragen beraten, Rechtsanwalt ist ein Beruf, kein Geschlecht. Frida ist Pilot und soll mich mit dem Helikopter an der Nationalparkgrenze abholen abholen, und Sex ist nicht Bestandteil ihres Berufsbilde. Welche Absichten hegen diejenigen, die den Berufsbezeichnugen das Geschlecht hinzufügen?

    Und "Frau" ist kein Sortierkriterium. „Frau“ per se ist nur in einem Kontext relevant, in dem das Geschlecht Relevanz hat. Welchen Vorteil hatte der weibliche Teil des britischen Mittelstands und Proletariats davon, dass Margret Thatcher eine Frau war? Welche Lebensqualität erwuchs den palästinensischen Müttern in den Flüchtlingslagern aus der Tatsache, dass Golda Meir eine Frau war? Welchen Unterschied machte es für die Gefangenen in Abu-Ghuraib, von weiblichen US-Soldaten misshandelt und erniedrigt zu werden? Wie kommt es, dass Frauen, die deutsche Konzentrationslager überlebten zu Protokoll gaben, weibliche Aufseher seien brutaler gewesen, als männliche? Haben die Rohingyas in Myanmar Gutes von Frau Friedensnobelpreisträger Aung San Suu Kyi erfahren? Mildern sich die Folgen einer betriebsbedingten Entlassung, wenn sie von einem weiblichen Manager ausgesprochen wurde? bewahrt uns Julia Klöckner, weil sie eine Frau ist, durch eine nachhaltige naturnahe Landwirtschaft vor der Zerstörung des Lebens und des Vordringens neuer Krankheiten? Was von dem, was sie getan und der Welt angetan haben, taten sie in ihrer Eigenschaft als "Frau"?

    Die Sprache wird missbraucht, um eine Weltsicht zu verbreiten, in der die Gesellschaft in Geschlechter gespalten ist. Welche Rolle die Medien spielen, zeigt das Beispiel der Carola Rackete, die als "Kapitänin" rumgereicht wurde, obwohl weibliche Kapitäne bei der zivilen Schiffahrt und bei der Bundesmarine mit "Frau Kapitän" angeredet werden .
    Frau Kapitän Carola Rackete sagt in einem Interview mit "Perfekt Deutsch" dazu:
    "Frau Rackete, wie wird man Kapitän? Oder soll ich Kapitänin sagen?
    Carola Rackete: "Das Wort Kapitänin gibt es zwar, aber ich mag Kapitän lieber und nenne mich auch so. Ich finde, das klingt besser. Für den Beruf habe ich vier Jahre lang Seefahrt studiert und ein Jahr davon komplett auf dem Meer verbracht. Um schließlich als Kapitän zu arbeiten, braucht man viel praktische Erfahrung."

    Sexismus ist insoweit ein sehr naher Verwandter des Rassismus’. DAs hat keine Zukunft, diese Weltsicht der getrennten Geschlechter ist längst zum Untergang verurteilt. Bitte bleiben Sie bei einer geschlechterneutralen – alle Geschlechter gleichmäßig mit dem selben Substantiv benennenden Sprache! Bitte, machen Sie mit bei der Überwindung der Geschlechtertrennung, danke!

    Hans-Joachim Gruda

    Louise Bäckmann, Same, Religionwissenschaftler, schreibt zur Einleitung ihrer Abhandlung: “Female – Devine and Human, A study of the Position of the Woman in Religion and Society in Northern Eurasia”, Tromsø 1982 – im einleitenden Absatz: "However, it is not at all our intension to seek to demarcate a sharp boundery between male and female and thereby demonstrate an irreconcilable polarity, The masculine and the feminine are aspects of the same phenomenon – life itself – and, as the one is dependent upon the other, the two can never separated; this is a truism, but one that must be pointed out.“

  • #41
    Robert von Cube Beitragsautor

    Danke für die ausführliche Antwort, Her Gruda. Aber lesen Sie mal den am Anfang verlinkten NZZ-Artikel zu Genus und Sexus. An der Stelle sehen Sie das glaube ich zu starr.

  • #42
    Skythe

    @Ulrike Märkel
    An ihrem Kommentar voll schlechte verhohlenem Männerhass kann man gut ablesen, woraus dieser ganze Genderunsinn ursprünglich geboren wurde: aus der unwissenschaftlichen Meinung einiger Feministen (z.B. Anatol Stefanowitsch), selbst unsere Sprache würde Frauen schaden und man müsse jetzt endlich etwas tun, um Männern einen rein zu würgen. Beim Gendern geht es nicht um Fakten oder Studien oder Sprache. Es geht um Geschlechterkampf und Hass auf Männer.

    Eine Parallele: der Sexismus der Frauenquote wurde ursprünglich damit entschuldigt, dass man nur ein 50/50 (Parität) der Geschlechter erreichen wolle. Heute sehen wir z.B. beim Führungsduo von Die Linke eine 100%ige Frauenquote. Und plötzlich ist Parität oder ein "ausgewogenes Geschlechterverhältnis" überhaupt nicht mehr wichtig.

    Beim Gendern sollten Frauen ursprünglich auch nur "mitgemeint" werden. Heute gehen Feministen drei Schritte weiter und nennen nur noch Frauen (https://www.turi2.de/aktuell/turi2-schafft-das-gendersternchen-wieder-ab-und-setzt-aufs-generische-femininum/). Gerechtigkeit oder Fairness sind also nicht das Ziel – es geht wieder um Geschlechterkampf und Männerhass.

  • #43
    Matthias

    @ Skythe

    prima, dass du mit deinem "Hass auf Männer"-BlaBla auf den guten Kommentar von Ulrike Märkel aufmerksam machst – hier der Direktlink zu Ulrike Märkel:

    https://www.ruhrbarone.de/farewell-generisches-maskulinum-ein-nachruf/198513#comment-1254981

  • #44
    Berthold Grabe

    @42
    Ja leider ist der öffentlich wahrnehmbare Feminismus in einem rein weiblichen Chauvinismus verkommen.
    Da muss man Mitleid haben weil sie wie Gewaltopfer auch selbst zu Tätern werden. .
    Die Tragik darin liegt auch darin, das die soziale Prägung Menschen häufig auch das suchen lässt, was dieser Prägung entspricht
    Ich habe schon als junger Mann in den 80zigenr beobachten können, das viele "Emanzen" nichts lieber taten als typische Machos als Partner zu suchen und sich über die Enttäuschung regelmäßig verbal radikalisierten, bis zum nächsten Macho. Darüber war auch nicht vernünftig mit Ihnen zu reden
    Solch Reflexe sind nicht nur bei Frauen typisch bevor mir hier jemand "männlichen" Chauvinismus vorwirft.
    Männer machen das an vielen Stellen genauso, so z.B. das immer wieder vorkommende Schema Frauen nach dem Vorbild der eigenen Mutter zu suchen.

  • #45
    Petra

    Ich verstehe, was der Autor meint, finde aber auch etliche Denkfehler im Text … und deswegen leider auch falsche Schlüsse. Insbesondere fehlt mir der Blick auf den Zusammenhang, den gerade Sprache in der Gesellschaft abbildet. Ein paar Inputs:

    Es ist ein Trugschluss, das Genderproblem bestehe im Englischen nicht. Es besteht dort auch!
    Es ist ein Trugschluss, früher sei mit dem generischen Maskulinum «immer alles klar gewesen» – das war es eben leider nicht, und es hatte weitaus auch soziale bzw. rechtliche Konsequenzen, wie so was ausgelegt oder eben nicht ausgelegt wurde. Dies schönzureden entbehrt jeder Grundlage. Es gibt ganze Studiengänge, die sich mit dieser Thematik befassen und Erkenntnisse daraus aufzeigen können.
    Und:
    Es ist ebenso ein Trugschluss, "Person" sei ein generisches Femininum.

    Es ist eine Herausforderung, unter Einbezug einer gendergerechten Sprache trotzdem immer noch gut zu schreiben, aber es ist nicht unmöglich. Ich meine, hier sollten wir redaktionell flexibler werden, damit es zukunftsfähig werden und so zur Wandlung einer gleichgestellten Gesellschaft beitragen kann, wie es eigentlich gedacht wäre. Die Frontenverhärtung auf beiden Seiten ist bestimmt nicht im Sinne der Sache.

    Lektüre mit ein paar Ansätzen, wie GUTES gendergerechtes Schreiben sein könnte:
    https://www.bk.admin.ch/bk/de/home/dokumentation/sprachen/hilfsmittel-textredaktion/leitfaden-zum-geschlechtergerechten-formulieren.html

  • #46
    derwaechter

    @ #40 Hans-Joachim Gruda

    Ich stimme den Ausführungen weitestgehend zu, außer in zwei Zentralen Punkten:

    1. Ich denke nicht, dass hier bewusst gespalten wird, sondern das die die Gegner des GM durchaus Gutes im Sinn haben. Ob sie das auch erreichen ist natürlich eine andere Frage
    2. Sie überschätzen den Einfluss des (nicht)Genderns auf die "Wirklichkeit". Die nordischen Ländern sind nicht gleichberechtigter aufgrund ihrer Sprache, das hat ganz überwiegend andere Gründe.
    Meine Theorie wäre eher umgekehrt, dass die zunehmende Gleichberechtigung zur Abschaffung speziell weiblicher Formen geführt hat und nicht umgekehrt.
    Genauso wie die de facto Abschaffung des "Sie" im Norwegischen Ausdruck einer egalitärer gewordenen Gesellschaft ist, aber nicht zu dieser geführt hat.

  • #47
    Ol'Nick

    Ich sehe es ganz gelassen: Die aus der patriarchalen Antike stammende Vorstellung – die Genera würden Geschlecht markieren – konnte sich nur deshalb so lange halten, weil bisher niemand praktische Konsequenzen für den Sprachgebrauch versucht hat.
    Ich sehe nicht, dass sich das Gendern etabliert, es wird sich mit zunehmender Verbreitung immer penetranter mit dem Sprachgefühl beißen.

  • #48
    Rainer

    Ich finde es zwar lobenswert, dass der Autor wirklich bemüht war, viele Seiten und Positionen heraus zu arbeiten aber kleine, wie ich finde, entscheidende vergessen hat. Der Mensch ist faul. mag es einfach und unkompliziert. Ständig irgendwelche *, _ oder in/ innen zu schreiben und Sprechpausen einzulegen ist viel zu lästig und umständlich. Ich bezweifle, dass die die ganzen öffentlichen Fürsprecher privat ebenso durchgehend am gegendern sind.
    Es wird auch keiner denken, dass wenn jemand nach einem Arzt ruft, ausschließlich nach einem männlichen ruft und eine Ärztin sich nicht angesprochen fühlen würde. Ebenso wenig, dass jemand in einer Notlage, in der es z.B. bei einem Unfall um Sekunden geht, nach einem Arzt oder einer Ärztin ruft. Wer zum Bäcker geht, wird ebenso auch eher von einer Dame hinter der Theke ausgehen, als von einem Mann- was in beiden Fällen einfach auch niemanden interessieren wird.

    Weiter machen viele Wörter gegendert auch einfach keinen Sinn, weil es nicht logisch ist oder überhaupt nicht funktioniert einfach nur ein * und in dran zuhängen wie z.B Arzt, Bauer oder dem Wort Flüchtling. Das man von Studierenden spricht ist ebenso unlogisch, da man nicht 24/7 am studieren ist. Noch schwieriger wird es, wenn man Gender Konform singen will oder sich lyrisch ausdrücken möchte.
    Menschen mit Leseschwäche oder einem verringerten IQ würde man das Leben in allen Bereichen erschweren und ausgrenzen, sollte das der Normalfall werden. Sprache muss einfach und verständlich für alle sein.

    Interessanterweise werden diese Sprach-Verrenkungen nur beim generischen maskulinum gemacht und nicht beim generischen femininum. Die Person kann ja schließlich ebenso Mann oder Frau sein.

  • #49
    Ol'Nick

    @#48, Rainer: Die Sprache ist eben leider ein wenig Komplexer als der neue Duden: "ich gehe zum Bäcker" meint den Bäcker als Institution – und nicht als Person.

    Wenn ich das nun gendere, dann kann ich eigentlich nur die Person des Bäckers oder der Bäckerin meinen. Und wenn nun die Bäckerin gerade nicht im Laden ist – wohin gehe ich dann? Zum Mehllgroßhändler, bei dem sie gerade weilt?

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