Gentrifizierung: Träume vom Prenzlauer-Berg

Ein Missverständnis: Kreativquartier Lohberg

In Köln und Düsseldorf wandelt sich der Charakter ganzer Stadtteile. Gutverdienende ziehen in einstmals gemiedene Altbaulagen. Im Ruhrgebiet träumt man von solch einer Entwicklung.

Es ist eine der vielen Konferenzen, in denen es um die Zukunft des Ruhrgebiets geht. Sie finden seit Jahren statt, vornehmlich in den vielgepriesenen Stätten der Industriekultur, und all sie sollen helfen, dem Revier neue Perspektiven zu eröffnen. Ende November ging es auf Zeche Zollverein um die Chancen, die sich der Immobilienwirtschaft im Revier durch die Kreativwirtschaft eröffnen. Eingeladen hatte die Landesinitiative Creative.NRW und die Wirtschaftsförderung Metropole  Ruhr. Die Aufwertung alter Stadtquartiere durch junge Kreative ist seit vielen Jahren ein großes Thema. Die Verbürgerlichung – in der Fachsprache Gentrifizierung genannt – von Vierteln mit alter Bausubstanz, preiswerten Mieten und oft wirtschaftlich schwachen Bewohnern ist ein großes Geschäft und läuft immer nach dem gleichen Schema ab: In einen etwas heruntergekommenen Stadtteil ziehen Studenten, Künstler und Kleinstunternehmer. Sie werden angezogen durch charmante Altbauten und niedrige Mieten: Hier bekommt man viel Platz für wenig Geld, gibt es die großen, billigen Wohnungen für WGs und die leerstehenden Ladenlokale für neue Cafés, Szenekneipen oder Galerien. Das Viertel wird nach und nach attraktiv. Langsam kommen die Wohlhabenderen in den nun angesagten Stadtteil, die Häuser werden renoviert und aus den Studentenkneipen werden schicke Restaurants. Irgendwann steigen dann die Mieten und die Immobilienwerte. Musterbeispiel für diese Entwicklung ist der Prenzlauer-Berg in Berlin. Nach dem Mauerfall war der Stadtteil im Osten eine triste Ruinenlandschaf. Heute gehört der Prenzlauer Berg mit seinen liebevoll renovierten Altbauten zu den schönsten Stadtteilen der Hauptstadt – und zu den teuersten.

An alten, heruntergekommen Stadtteilen herrscht im Ruhrgebiet sowenig Mangel wie in Berlin nach dem Mauerfall. Nur hat hier noch niemand einen Weg gefunden, sie in größerer Zahl in attraktive Wohnlagen zu verwandeln. Geschehen soll das durch junge Kreative. Sie sollen helfen, ganze Viertel wieder in Schwung zu bringen und die Immobilienwerte zu steigern. Das Problem des Ruhrgebiets: Zwar gibt es viele Flächen, aber genau die, von denen die Wirtschaftsförderer hoffen, dass sie zu neuen Szenequartieren werden, eignen sich kaum dazu. Und weil man sich im Ruhrgebiet ungern von Experten sagen lässt, dass die eigenen Träume wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben, hörte man auch auf Zollverein den eigens eingeladenen Experten nicht zu. Zum Beispiel Ralf Ebert vom Dortmunder Planungsbüro Stadtart. Der führte aus, dass zu den Bedingungen, die gegeben sein müssen, damit ein Quartiere durch Kreative aufgewertet werden kann, die Nähe zu Szenekneipen, Cafés und Clubs gehört. „Wer darauf nicht achtet“, sagte der Planer, „bekommt Schwierigkeiten.“

Viele Gebäude, die von Kreativen im Ruhrgebiet nun aufgewertet werden sollen, liegen allerdings in Wüsteneien: Um das auf der Konferenz beworbene Kreativquartier Zeche Lohnberg in Dinslaken erstreckt sich eine alte Zechensiedlung und abbruchreife Industrieanlagen. Nachtleben? Das ist hier das Spätprogramm im Fernsehen. Auch Zollverein, der Kongressstandort, hat Kreativen außer dem Nobelrestaurant Casino zur Entspannung wenig zu bieten. Gerade einmal in Essen Rüttenscheid, dem Dortmunder Kreuzviertel und der Nordstadt sowie Bochum-Ehrenfeld gibt es etwas, was man ernsthaft als Kreativquartiere bezeichnen könnte – vier kleine Inseln in einem Meer aus 53 Städten.

Die umworbenen Kreativen haben ohnehin nicht das Gefühl, dass man sich abseits solcher Veranstaltungen im Ruhrgebiet für sie interessiert. „Das Ruhrgebiet ist nicht Köln oder Düsseldorf. Hier spielt die Kreativwirtschaft keine so große Rolle, auch wenn viele das herbeireden wollen. Dort gibt es Grey, RTL und den WDR, in Essen RWE und ThyssenKrupp,“ sagt Joscha Hendricksen von der Initiative Freiraum, die sich seit Jahren für ein Zentrum für junge Künstler in Essen engagiert.

„Das, was wir machen läuft dann immer unter Kreativwirtschaft, aber darum geht es nicht. Ich als Selbstständiger brauche keine Unterstützung. Wenn ich einen Raum brauche, miete ich einen. Aber wenn wir Kunstprojekte mit Jugendlichen machen, hat das einen sozialen Aspekt, und der sollte unterstützt werden.“ Ein Problem für Kreative sei aber, dass es im Ruhrgebiet zu wenig Aufträge für Kreative gäbe. „Viele ziehen weg bis sie 30 sind. Dahin, wo man Geld verdienen kann, und das ist im Ruhrgebiet schwierig.“

Daran änderte auch das Kulturhauptstadtjahr nichts: Die meisten großen Aufträge wurden an Unternehmen außerhalb des Ruhrgebiets vergeben. Diejenigen, die also den Immobilienmarkt im Ruhrgebiet in Schwung bringen sollen, verlassen die Region und ziehen weg – in Städte wie Düsseldorf oder Köln, wo die Auftragslage besser ist. Und wo man auch sehen kann, wie die Wünsche von Immobilienbesitzer durch Kreative zum Teil unfreiwillig erfüllt werden.

In Düsseldorf-Flingern zum Beispiel. Das alte Arbeiterquartier, in den achtziger und neunziger Jahren für seine lebendige Clubkultur bekannt, ist dabei, sich zu wandeln: Immer mehr der alten Häuser werden aufwändig renoviert. Neben dem Werkzeugvermieter, der Pommesbude und der Altkneipe findet man heute dort Agenturen, Galerien und edle Restaurants. Bis zu zehn Euro Kaltmiete kann dort eine Wohnung kosten – die Zeiten, in denen Flingern ein Refugium für preisbewusste Mieter war, gehen zu Ende. Eine Entwicklung, die ganz Düsseldorf betrifft. Die Stadt Düsseldorf sieht auf eine Anfrage dieser Zeitung erst einmal Vorteile in diesem Trend: „Die Entwicklung ist nicht prinzipiell als negativ zu bewerten, werden doch häufig auch soziale Problemlagen entkräftet und Stadtquartiere hinsichtlich ihrer Sozialstruktur weiter durchmischt.“

Das sehen nicht alle so. Vor allem Gruppen aus dem alternativen Milieu fürchten durch die  Entwicklung aus der Stadt gedrängt zu werden. Unter dem Motto „Düsseldorf ist arschteuer“ protestieren sie gegen steigende Mieten in der Landeshauptstadt, die schon heute zu den hochpreisigsten Städten Deutschlands gehört. Ihnen geht es nicht nur um Wohnraum: Auch immer mehr Künstler und Projekte können sich Düsseldorf nicht leisten. Die etablierte Kreativwirtschaft, die in Düsseldorf zum Beispiel im Bereich der Werbeagenturen im Gegensatz zum Ruhrgebiet tatsächlich ein bedeutender Wirtschaftsfaktor ist, schon. Nach einer Erhebung des Düsseldorfer Maklerbüros Trombello-Kölbel steht die Kreativwirtschaft für über 20 Prozent des Immobilienumsatzes in der Landeshauptstadt und liegt damit auf Platz zwei hinter den Unternehmensberatern.

Ein paar Kilometer rheinaufwärts sieht die Welt schon wieder anders aus. Köln ist das unbestrittene Zentrum der Kreativwirtschaft in NRW und wie Düsseldorf eine stark wachsende Stadt. Auch hier haben sich in den vergangenen Jahren Stadtteile gewandelt und steigen die Mieten. Nippes war lange Zeit kein allzu attraktiver Stadtteil – heute finden sich auch hier die üblichen Bioläden, Buchhandlungen und Cafés.

Und auch Ehrenfeld, lange Zeit ein Problemquartier,  gehört längst zu den begehrten Wohnlagen der Stadt. Bernd Streitberger, Kölns Planungsdezernent, sieht allerdings keinen Grund zur Sorge. „Wir erleben die Veränderung von Stadtteilen wie Ehrenfeld oder Nippes als etwas Positives.“ Vieles, was nun durch den Zuzug von Kreativen geschehe, sei eine Bereicherung: „In Köln wird keine Gruppen vollkommen verdrängt oder alte Bausubstanz abgerissen. Köln ist bekannt für seine Vielfalt und Buntheit – Ehrenfeld hätte auch homogen türkisch werden können. Jetzt bleibt es bunt.“

Andreas Lemke von der im Stadtrat vertretenen Liste Deine Freunde sieht ebenfalls keinen Grund zur Panik: „Köln ist nicht München oder Hamburg. Als hier vor zwanzig Jahren die ersten Studenten hinzogen, gab es viel Leerstand. Das ist allmählich vorbei. Heute findet man hier auf der Venloer  Straße den Discounter neben der Boutique. Die Mischung stimmt, es gab und gibt keine Verdrängung.“ Lemkes Problem ist dann auch nicht die Gentrifizierung. Er und seine Mitstreiter von Deine Freunde haben ganz andere Sorgen: „Wenn hier auf dem Heliosgelände, wie geplant, ein Einkaufszentrum gebaut werden sollte, wird das den Stadtteil stärker verändern als der Zuzug von Grafikern und Journalisten.“

Während in Düsseldorf die Konflikte um das Thema Gentrifizierung offen ausbrechen, geht man in Köln mit dem Thema eher mit rheinischer Lässigkeit um. Und im Ruhrgebiet hält man Konferenzen ab, die beweisen sollen, dass man zu dem Thema auch etwas zu sagen hat.

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt am Sonntag

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34 Kommentare

  1. #1 | Berliner sagt am 13. Dezember 2011 um 09:55 Uhr

    „Nach dem Mauerfall war der Stadtteil im Osten eine triste Ruinenlandschaf[t]. Heute gehört der Prenzlauer Berg mit seinen liebevoll renovierten Altbauten zu den schönsten Stadtteilen der Hauptstadt“

    Ich weiss nicht, was die Welt für Leser hat, dass du diese Klischee-Blümchentapete anbietest …

  2. #2 | Carmen K. sagt am 13. Dezember 2011 um 10:04 Uhr

    Sehr interessant. Ich bin immer wieder erstaunt, wie stark ausgeprägt der Tunnelblick im Ruhrgebiet zu sein scheint. Ich bin vor ein paar Jahren von Köln hierher gezogen, übrigens ironischerweise wegen Arbeit und attraktiveren Wohnverhältnissen. Das passt natürlich. 😉
    Die erwähnte „rheinische Lässigkeit“ würde hier auch guttun, nur kann man niemandem etwas aufdrücken, weil nicht eine Sache an zwei Orten gleichermaßen funktioniert. Womit ich dem Fazit hier aus persönlicher Erfahrung wieder mal zustimme. Konzepte und Ideen mögen für die besten Absichten stehen, aber man muss auch zu Ende denken.

  3. #3 | Stefan Laurin sagt am 13. Dezember 2011 um 10:10 Uhr

    @Berliner: ich weiß nicht was Du hast: ich war 1990 am Prenzlauer Berg und es war eine Ruinenlandschaft. Und dann war ich mit DIR im vergangenen Jahr da und es ist einer der schösten Stadtteile. OK, wir fanden ausser dem 08/15 Italiener keine Kneipe in der wir rauchen und Bier trinken konnten, aber vielleicht lag das ja auch an Deiner Ortskenntnis. Ich war ja nur Tourist 🙂

  4. #4 | Berliner sagt am 13. Dezember 2011 um 10:26 Uhr

    „ich war 1990 am Prenzlauer Berg und es war eine Ruinenlandschaft.“

    … und „Auferstanden aus Ruinen” ist ne‘ Wessi-Hymne …

  5. #5 | Stefan Laurin sagt am 13. Dezember 2011 um 10:33 Uhr

    @Berliner: In den wenigsten Häusern brannte Licht, kaum ein Haus war verputzt. Es war unglaublich Trist und alles wirkte sehr verfallen. Das war nicht viel aus Ruinen auferstanden…

  6. #6 | Torti sagt am 13. Dezember 2011 um 10:36 Uhr

    @Laurin
    Also wenn ich die Beiträge von Arnold Voss hier richtig verstanden habe, fehlt im Ruhrgebiet eine wichtig Grundlage für den G-Punkt ( Sorry, aber das Wortspiel war zu verlockend 🙂 ): Der Zuzug von Menschen.

    Bei den Städten im Ruhrgebiet ist schrumpfen angesagt. Unterm Strich verlieren alle Großstädte im Ruhrgebiet Einwohner. Und dieser Trend wird sich in den nächsten 20 Jahren nicht umkehren. Im Gegenteill eher dramatisch verstärken.
    In den Stadtvierteln die eine Gentrifizierung lohnen würden, wird eher der Rückbau anstehen. Daran ändern ein paar Kreativräume und Ateliers nix.

    Übrigens ziehen viele gut ausgebildetet Menschen von hier in die Wachstumsstädte, weil es hier für sie keine qualifizierten Jobs gibt.
    Damit fängt alles an.

    Ich kenne eine lange Latte von Menschen, die jetzt in besagten Städten die Stadtteile gentrifizieren, die eigentlich hier nicht wegwollten aber hier keine Chancen hatten. Die werden mit ihren jetzt gegründeten Familien nie mehr an die Ruhr ziehen. Diesen Braindrain hält kein Kreativbrimborium auf.

    Und obwohl ich in Dormunder Norden wohne, in der Nähe des U-Turm, dem „Kreativzentrums von Dortmund“ stehen in dem Haus, wo ich wohne 3 Wohnungen schon seit längerm leer.

  7. #7 | Berliner sagt am 13. Dezember 2011 um 10:40 Uhr

    @ #5 | Stefan Laurin

    „In den wenigsten Häusern brannte Licht“: ist doch klar – die Ossis hatten doch keinen Strom, bevor die Wessis die Sache mal richtig in die Hand nahmen!

    Und das bestätige ich natürlich auch: Ja, an vielen Häusern am Prenzlauer Berg war nach der Wende der Putz schadhaft! Ein menschliches Drama!

  8. #8 | Stefan Laurin sagt am 13. Dezember 2011 um 10:44 Uhr

    @Torti: Das ist genau der Punkt, den all die Wirtschaftsförderer und ECCE-Schnorrer übersehen, weil er in ihrer Welt, in der das Geld vom Staat kommt, nicht wichtig ist: Man kann hier nicht genug verdienen, es gibt zu wenig Aufträge. Welchen Sinn macht es, zwanghaft Unternehmen aus der Kreativwirtschaft anzusiedeln, Menschen einzureden, sie hätten in dieser Branche eine wirtschaftliche Perspektive, wenn der Bedarf für das was sie anbieten nicht groß genug? Wie gesagt: Das ist keinem der Kreativwirschaftspropheten bislang aufgefallen, das Problem wurde noch nicht einmal erkannt. In ihrer Subventionsschnorrer-Welt kommt es schlicht nicht vor.

  9. #9 | Stefan Laurin sagt am 13. Dezember 2011 um 10:47 Uhr

    @Berliner: Das Drama schien den Leuten so groß zu sein, dass sie das DDR-Regime weghauten.

  10. #10 | mir sagt am 13. Dezember 2011 um 10:58 Uhr

    Ich kenne persönlich viele junge, kreative Migranten, die Ende der 90er bis Mitte des neuen Jahrhunderts aus dem Ruhrgebiet weggezogen sind. Darunter waren z.B. eine iranische Malerin (Berlin), ein kurdischer Maler (Berlin), zwei türkische Photografen (Berlin und Istanbul), eine kurdische Regieseurrin (Berlin), unzählige Ingenieure nichtdeutscher Herkunft (Berlin, Köln, Istanbul), u.a.
    Alle waren hier im Revier ausgebildet bzw. aufgewachsen oder lange zuvor zugezogen.
    Die Gründe für deren Wegzug sind unterschiedlich. Hauptsächlich wohl weil es hier zu provinziell und ihre Herkunft eher ein Nachteil war. Keiner von denen denkt auch nur darüber nach zurückzukehren. Persönlich war es für sie eine gute und richtige Entscheidung im Pott nicht zu bleiben.

  11. #11 | Stefan Laurin sagt am 13. Dezember 2011 um 11:12 Uhr

    @mir: Und genau das muss man den Verantwortlichen vorwerfen: Dass sie sich mit dem von Dir beschriebenen Tatsachen nicht beschäftigen. Stattdessen machen Sie sich lächerlich, weil sie die Situation schönreden.

  12. #12 | Torti sagt am 13. Dezember 2011 um 11:15 Uhr

    @berliner
    Also hier mal zu ein Link zu einer unverdächtigen Chronisten des Berlins bis zur Wende und wie es da aussah…

    https://www.berlin-ineinerhundenacht.de/

  13. #13 | Berliner sagt am 13. Dezember 2011 um 11:35 Uhr

    @ #9 | Stefan Laurin

    „Das Drama schien den Leuten so groß zu sein, dass sie das DDR-Regime weghauten“

    … wer wünscht sich nicht frisch verputzte Fassaden …

    (nur wegen der „Ruinenlandschaft am Prenzlauerberg“ hat es überhaupt die Wende gegeben)

  14. #14 | Berliner sagt am 13. Dezember 2011 um 11:40 Uhr

    Gentrification Blog

    Nachrichten zur Stärkung von Stadtteilmobilisierungen und Mieter/innenkämpfen

    https://gentrificationblog.wordpress.com/

  15. #15 | Heinz Ketschup Schleuser sagt am 13. Dezember 2011 um 13:59 Uhr

    „Das alte Arbeiterquartier, in den achtziger und neunziger Jahren für seine lebendige Clubkultur bekannt, ist dabei, sich zu wandeln.“?

    Leider ist der Wandel in Düsseldorf-Flingern schon zur zersetzenden Degeneration fortgeschritten:

    Ein beliebiger Tag in Flingern-Nord. Vor den schicken Bohemian-Bourgeois-Ladenlokalen stehen Schilder wie „Kinder-Yoga Kurs beginnt bald“. Im Cafe bestellen die Kids der ach so „anderen“ BoBo-Schickeria statt Kakao und Schokokuchen lieber „Ingwertee mit Kürbis-Tart“. Die einzige echte Säuferkneipe kämpft gegen die sie umsumpfende Hipster-Dominanz an. Es gibt hier fast nur noch überfruchtbare Kleinfamilien mit Northfacewolfskin-Jacken. Hölle.

    2012 will ich nach Flingern-Süd ziehen. Da gibt es noch Wettbüros, Dönerläden, Spelunken, Loser, Fortuna-Fans, Leben…

  16. #16 | Arnold Voß sagt am 13. Dezember 2011 um 14:28 Uhr

    @ Heinz Ketschup Schleuser # 15

    „Da gibt es noch Wettbüros, Dönerläden, Spelunken, Loser, Fortuna-Fans, Leben…“

    Stadtteile in denen es sowas noch gibt nehmen zwar in Düsseldorf ab. Nicht weit weg von Düsseldorf aber nehmen sie zu. Wenn auch mit anderen Fussball-Fans. Wer am Rhein von der Gentrification die Schnauze voll hat, der hat es also in Zukunft nicht weit bis zu einer garantiert Alessi- und Mac-freien Zone seiner Wahl.

  17. #17 | Berliner sagt am 13. Dezember 2011 um 14:30 Uhr

    @ Heinz Ketschup Schleuser

    neulich war ich mit „x“ in einem der „schönsten Stadtteile der Hauptstadt“ unterwegs. Ist nicht nur schön – alles frisch verputzt! – sondern hat auch ein überaus vielfältiges Angebot, zum Beispiel an der mit Werbe-Zetteln zugepflasterten Ampel:

    – „Bio-Putzen“, erste Wahl für „x“

    – „Meridian-Akupunktur“ für mich, macht ruhig, „innere Mitte“ …

    (mehr zur „Gentrifizierung“ hier: https://gentrificationblog.wordpress.com/ )

  18. #18 | Dortmunder sagt am 13. Dezember 2011 um 15:20 Uhr

    Ich bin glücklicherweise Bewohner einer der vier kleinen Inseln im Meer der 53 Städte, wie es Stefan Laurin so schön beschreibt.

    Aber ich empfinde den 2011er Modebegriff der Gentrifizierung, mit dem ich mich bereits Mitte/Ende der 1990er Jahre des vorigen Jahrtausends während meines Studiums auseinandergesetzt habe, keinesfalls als Schimpfwort oder gar gleichzusetzen mit „Verbürgerlichung“.

    Und: ein gentrifiziertes Quartier – ich meine das Kreuzviertel – geht noch lange nicht zwangsläufig einher mit „Ingwertee und Kürbis-Tarte“ statt Kakao mit Schokokuchen. Auch die Northfacejackwolfskinisierung (großartiges Wort, Heinz Ketchup, Chapeau dafür!) hält sich hier zumindest in Grenzen.

    Bestes Beispiel: der Wirt meiner Stammkneipe versucht im Quartalstakt ein neues, chices Flaschenbier einzuführen mit dem Ergebnis, dass es zwei Monate nach Platzierung wieder aus dem Kühlschrank verschwunden ist. Mann bleibt beim Brinkhoffs. Und freut sich, wenn der Preis letztes Jahr von 3,30 Euro auf 3,00 Euro für den Halben gesenkt wird. Pils trinken und Geld sparen, herrlich. Und das mitten in einem mit der Pest der Gentrifizierung angesteckten Viertel.

    Gentrification ist also per se kein Teufelskram. Gentrification ist meiner Meinung nach viel eher ein Kampfbegriff der linkssozialistischen Stadtsoziologie.

  19. #19 | Stefan Laurin sagt am 13. Dezember 2011 um 15:24 Uhr

    @Dortmunder: Es gibt im ganzen Ruhrgebiet keine Gentrifizierung. Dafür würde es Zuzug brauchen, und den gibt es im Revier nicht. In Berlin, Hamburg oder Düsseldorf sieht das anders aus. Ddords OB Elbers erklärte noch vor ein paar Tagen, Düsseldorf sei nun einmal keine Stadt zum billigen Wohnen. Damit sagt er indirekt, dass sich große Teile der Bevölkerung vom Acker machen sollen.

  20. #20 | Carmen K. sagt am 13. Dezember 2011 um 15:28 Uhr

    Jepp, der gute D´dorfer OB. Über den muss ich im Moment andauernd lachen.

    https://www.einslive.de/medien/html/1live/2011/11/22/lokalzeit-duesseldorf-kampagne-dein-duesseldorf.xml

  21. #21 | Arnold Voß sagt am 13. Dezember 2011 um 15:34 Uhr

    @ All

    Im Ruhrgebiet muss wieder langfristiges Denken gelernt werden, anstatt jedem kurzfristigen Trend hinterher zu laufen. Die Zeit für diese Region wird erst dann wiederkommen, wenn andere in Probleme geraten die jetzt boomen.

    Warum sollte im Moment aus den Gewinner-Städten Jemand (zurück) ins Ruhrgebiet kommen, wenn er dort einen einträglichen Job hat? Interessant wird diese spezielle Agglomeration erst wieder, wenn es in diesen Städten keine bezahlbaren Wohnungen in einigermaßen angenehmen bzw. zentralen Lagen mehr für Durchschnittsverdiener gibt.

    Wenn das Ruhrgebiet in den kommenden 30 Jahren den unvermeidlichen Schrumpfungsprozess nutzt, um die Umwelt- und Lagequalitäten des verbleibenden Wohnraums zu steigern, seinen Nahverkehr metropolentauglich zu machen und seine urbanen Qualitäten in den hochverdichteten Zentren auszubauen, dann hat es zumindest mittelfristig eine ernst zu nehmende Chance, wieder aufzuholen.

    Bis dahin gilt es in den schon vorhanden Leerständen die wirken zu lassen, die schon hier sind und für was auch immer brauchen, anstatt Geld zur Anlockung derer zu verballern, die in naher Zukunft sowieso nicht kommen werden.

    Noch wichtiger ist eine regionale Bildungsoffensive vor allem in den Problemvierteln. Auch die wird sich erst in 10-15 Jahren auszahlen, trifft aber dann auf eine erheblich erhöhte Arbeitskräftenachfrage wegen des fortschreitenden demographischen Wandels. D.h sie löst dann zwei große regionale Probleme mit einem Schlag: Verarmung und Desintegration.

  22. #22 | Stefan Laurin sagt am 13. Dezember 2011 um 15:36 Uhr

    @Arnold: Hast Du das Gefühl, dass die Politik und Verwaltungen des Reviers den von Dir beschriebenen Weg gehen? Ich nicht.

  23. #23 | Dortmunder sagt am 13. Dezember 2011 um 15:43 Uhr

    @19 Stefan Laurin:
    Ich machs nur ungern, aber ich muss widersprechen. Gentrifizierung hat nix mit Zuzug zu tun. Es geht einzig allein um den Austausch von Bevölkerungsgruppen. Statusniedrigere verlassen das Viertel, Statushöhere ziehen dort ein. Das geht meistens mittels Binnenwanderung und hat nur wenig bis nichts mit Zuzug von Außen zu tun.

    Hier mein Kreuzviertel-Kronzeuge (Folie 50):

    https://www.vdw-rw.de/fileadmin/www.vdw-rw.de/Aktuelles/Forum/Forum_2010/Eichener_9._Forum_VdW_2010.pdf

  24. #24 | Stefan Laurin sagt am 13. Dezember 2011 um 15:46 Uhr

    @Dortmunder: Aber ist ein gewisser Druck auf den Immobilienmarkt eine der Grundvoraussetzungen?

  25. #25 | Arnold Voss sagt am 13. Dezember 2011 um 16:04 Uhr

    @ Stefan #22

    Es gibt einzelne Ansätze in verschiedenen Städten. Z.B. Duisburg beim Umgang mit dem Schrumpfungsprozess, Gelsenkirchen bei der Bildung in Problemvierteln, Essen bei der Integration des Nahverkehrs mit den umliegenden Städten, Bottrop bei der Umweltqualität, aber es gibt bislang in keinem Bereich ein gemeinsames bzw. regionales Konzept. Vielleicht schafft das ja die neue Führung des Regionalverbandes.

  26. #26 | Schnax sagt am 13. Dezember 2011 um 16:17 Uhr

    in meiner jugend war der prenzelberg ein wunderbarer ort. billiges wg zimmer, wunderbare positive stimmung, feiern. mittlerweile sind dort um 22.30 abends die bürgersteige hochgeklappt und der bezirk ist (frei nach rainald grebe) zum geburtsort der bionade-biedermeierbewegung mutiert.

    https://www.youtube.com/watch?v=As_o6l-G02Q

    mag ja schön verputzt sein, aussen hui…

  27. #27 | Stefan Laurin sagt am 13. Dezember 2011 um 17:07 Uhr

    @Schnax: Mich würde nichts am Prenzlauer Berg reizen und sollte ich jemals nach Berlin ziehen wäre das nicht mein Stadtteil – aus den von Dir genannte Gründen. Ich fand es da öde. Öde – aber mit sehr schönen, gut und ansehnlich renovierten Häusern. Es ist einfach ein schöner Stadtteil – wenn auch eher langweilig.

  28. #28 | Berliner sagt am 13. Dezember 2011 um 17:48 Uhr

    @ Schnax #26

    Danke für deinen Kommentar! „bionade-biedermeierbewegung“: genau.

    Verrätst du mir noch, wann denn „deine Jugend“ war? Nur damit ich einsortieren kann, über welche Zeit du schreibst.

  29. #29 | Tortist sagt am 13. Dezember 2011 um 20:58 Uhr

    @dortmunder
    Tut mit leid, dir zu widersprechen, Gentrifizierung hat vor allem mit Zuzug zu tun.
    Kann da nur den Link empfehlen den Berliner gepostet hat.

    https://gentrificationblog.wordpress.com

    Das Kreuzviertel in Dortmund ist originärer Ort von gentrification nicht….

  30. #30 | teekay sagt am 13. Dezember 2011 um 22:34 Uhr

    @ Arnold Voss #21: Die Ideen klingen gut und richtig, aber wie so oft sehe ich kein Beispiel wo so was wirklich geklappt hat. Aus London, New York, Paris, Wien oder von mir aus auch Muenchen zieht *keiner* weg (‚Speckguertel‘ zaehlen nur bedingt)-auch wenn es dort tatsaechlich keinen ‚bezahlbaren Wohnraum‘ mehr gibt. Wer Wohnort, Umzug, Karriere, Beruf und Leidenschaft einigermassen frei planen kann, also flexibel und mobil ist/gemacht wurde der zieht nicht aus Berlin nach Essen, weil die Quadratmeterpreise fuer Mietwohnungen niedriger sind und man an der Emscher schoen Fahrrad fahren kann. Natuerlich kann keiner in die Zukunft schauen, aber jeder Politiker, Planer und sonstwie Verantwortliche wird sich bedanken, wenn man sagt ‚Ja, aber in 27 Jahren sieht das schon ganz anders aus…‘ Berlin war doch schon vor 100 Jahren ‚hip‘ auch wenn hier teilweise so getan wird als gaebe es Berlin erst seit 1989. Und Koeln hatte schon vor 200 Jahren ne Eliteuni. Das Ruhrgebiet hat einfach historisch gesehen sehr wenig zu bieten was international bekannt ist oder irgendeinen Mythos hervorruft und daran wird sich auch nix aendern. Aus ‚Schrumpfen‘ entstehen keine attraktiven Metropolenregionen-es sei denn man hat richtig Geld um derartige Prozesse zu steuern. Gemuesegaerten in Detroit ist nett und gruen aber natuerlich pure Hilflosigkeit. Auch wenn man Duisburg-Bruckhausen in Deutschland’s groessten Kleingarten verwandeln wuerde, wuerde das 3 nachhaltige Arbeitsplaetze geben. Es gibt einfach Regionen und Staedte da wird es zu unserer Lebenszeit eher nur bergab gehen und damit muss man sich arrangieren.

  31. #31 | dortmunder sagt am 13. Dezember 2011 um 23:32 Uhr

    @29 Tortist:
    Der von Ihnen gepostete Link manifestiert nur die von mir geäußerte Kritik, dass es sich beim Begriff Gentrifizierung um eine Kampfvokabel der linken Stadtsoziologen handelt. Sie widersprechen mir also nicht, fallen lediglich auf das Vokabular der linken Träumer rein.

    Nicht das Portemonaie, sondern das „Lebensgefühl“, der Willen, in der „Stadt“, nicht im „grünen Vorort“, der genauso teuer ist, wohnen zu wollen, führt zu den als Gentrifizierung bezeichneten Aufwertungsprozessen einzelner Stadtquartiere.

    Insofern ist auch Stefan Laurins in 24 gestellte Frage beanwortet, ob die Grundvoraussetzung für Gentrifizierung ein gewisser Druck am Immobilienmarkt ist.

    Nein, ist es nicht.

  32. #32 | Schnax sagt am 14. Dezember 2011 um 10:08 Uhr

    @berliner: bin baujahr 1975, als „meine jugend“ sehe die 90er. wunderbare zeit in berlin, alles im aufbruch und mit ostberlin war eine neue welt zu entdecken. unendliche möglichkeiten. mittlerweile musste ich von vielen damaligen freunden und bekannten im prenzelberg hören wie sie, wenn nicht aus ihren billigen wohnungen rausgekauft dann rausgeekelt worden sind.

    hier noch ein gut geschriebener artikel der auch den ursprung des begriffes gentrifizierung ein wenig erklärt:

    https://www.zeit.de/2007/46/D18-PrenzlauerBerg-46

    scheinbar scheint dieser autor den von rainald grebe verwendeten begriff des „bionade-biedermeier“ aufgeworfen zu haben.

  33. #33 | Katharina sagt am 16. Dezember 2011 um 10:52 Uhr

    zu 15 + 16
    Wie kommt es, dass die Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien alle
    nach Duisburg kommen, während in Düsseldorf keine zugewanderten Menschen aus Bulgarien und Rumänen hat?
    Angeblich bleiben die Menschen nur 3Monate und gehen wieder. Das ist aber Theorie. Im Gegenteil, sie holen ihre Verwandten und Verwandte von Verwandten nach. Siehe Duisburg-Hochfeld.
    Dort wollen jetzt auch die türkischen Stadtteilbewohner wegziehen. Auch denen wird´s zu „bunt“. Das Problem ist scheinbar nicht in den Griff zu kriegen.( Ist die Duisburger Politik überhaupt fähig, noch was in den Griff zu kriegen ). Da ist Düsseldorf fein raus. Warum? Wer steuert das?
    an 30
    In Bruckhausen stehen wunderbare stilvolle Altbauten. Ein Potential
    für einen schönen Ausbau oder Wiederaufbau eines Stadtviertels in Duisburg. Passiert nicht, im Gegenteil, es wird abgerissen. Warum, weil Thyssen sich da breit macht. Und die Politik nickt ab und setzt nichts dagegen. Phantasielos und kreativlos. Angeblich wegen Arbeitsplätzen.
    Das Allzweckargument für jeden Mist, den die Stadtneurotiker, Entschuldigung, Stadtpolitiker anbringen.
    Ein Bürgermeister aus Duisburg-Stadtmitte sagt zu mir:“Was geht mich Hochfeld an, da kümmere ich mich nicht drum. Ich kümmere mich nur um meinen Stadtteil.“
    Wenn Hochfeld platzt, explodiert oder stirbt, so geht das doch die ganze Stadt an. Oder ? Wieso denke ich als kleiner Bürger weiter als so ein gewählter Bürgermeister?
    Scheuklappendenken, Tunnelblick. Für Duisburg muß ich das leider bestätigen. Als ich hierhin zog, dachte ich, ich ziehe in eine Großstadt.
    Dem ist nicht so. Duisburg ist kein „Ganzes“, es besteht aus vielen kleinen
    Dörfern, Provinzen, Welten, die nichts gemeinsam haben.
    Hier wird nicht miteinander gedacht. Jeder Stadtteil wuselt vor sich hin.

  34. #34 | Berliner sagt am 1. Februar 2012 um 19:59 Uhr

    „Erst wenn die letzte Eigentumswohnung gebaut, die letzte Dachetage ausgebaut, der letzte Klub abgerissen, der letzte freie Lebensraum zerstört ist, werdet ihr feststellen, dass der Prenzlauer Berg die Kleinstadt geworden ist, aus der ihr einst geflohen seid.“

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