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Heute vor 55 Jahren gewinnt der BVB den Europapokal

Lothar Emmerich zusammen mit Siggi Held beim Autocorso nach dem Europapokal Gewinn 1966 | Foto: Peter Hesse

Siggi Held zusammen mit Lothar Emmerich beim Autocorso nach dem Europapokal Gewinn – ein großer Erfolg für Borussia Dortmund am 5. Mai 1966 | Foto: Peter Hesse

Mit Borussia Dortmund gewann Siggi Held heute vor 55 Jahren am 5. Mai 1966 den Europapokal der Pokalsieger – und schrieb damit Fußball-Geschichte. Insgesamt bestritt der torgefährliche Stürmer für den BVB ganze 229 Partien und schoss 43 Tore. Rechnet man noch die Spielzeiten bei Kickers Offenbach, Preußen Münster und Bayer Uerdingen dazu, kommt Held auf insgesamt 422 Bundesligapartien. Auch mit 78 Jahren ist er dem Fußball noch sehr eng verbunden und erinnert sich an ein paar imposante Momente seiner Fußball-Karriere.

Lieber Sigfried Held. Es gibt ein Zitat vom Philosophen Albert Camus, das besagt: „Alles, was ich über Solidarität weiß, habe ich beim Fußball gelernt.“ Was haben Sie vom Fußball gelernt?

Sigfried Held: Es ist nicht leicht, dass auf eine praktische und allgemeingültige Formel zu bringen. Auf dem Platz steht eine Mannschaft – und keine Einzelpersonen. Das ist schon mal entscheidend, das so zu erkennen und wahrzunehmen. Und: in diesem Kollektiv gewinnt man und verliert man zusammen.

Signifikant für ihre Spielweise war der große Ausfallschritt und der sich anschließende Spurt. ›Auf den ersten fünf Metern gewinnt Siggi seine Duelle‹, hat der damalige Bundestrainer Helmut Schön mal gesagt. Hat Ihnen das imponiert?

Es ist nicht meine Art mich von außen zu betrachten, dass kann ich ja auch gar nicht richtig. Ich habe für mein Leben gern Fußball gespielt und war sicher mit ausreichend Ehrgeiz bei der Sache, das kann ich wohl sagen. Was Schön im Einzelnen zu meinen Fähigkeiten als Fußballspieler gesagt hat, dass weiß ich nicht mehr.  Das ist ja auch ganz schön lange her.

Siggi Held spielte 41mal für die Nationalelf / Foto: Archiv

Im Aufgebot zur WM 1966 verzichtete Helmut Schön auf Stan Libuda, weil der Bundestrainer keinen zu großen Dortmunder Block haben wollte, denn der BVB stellte mit Tilkowski, Emmerich und Ihnen das größte Vereinskontingent…

Na, Wolfgang Paul darf man nicht vergessen, auch wenn er leider zu keinem Einsatz kam. Libuda hat ja dann später bei der WM 1970 in Mexiko seine Chance erhalten und so ist das halt als Spieler – man hat da keinen Einfluss darauf, ob man in das Konzept des Trainers passt und aufgestellt wird, oder halt nicht. Was wirklich wunderbar war, wie ich gegen die Schweiz nach einer perfekten Vorlage von Wolfgang Overath mein erstes Tor für die Nationalmannschaft geschossen habe, daran kann ich mich noch gut erinnern. Overath konnte wie kein Zweiter aus 20, 30 Metern perfekte Flanken spielen und die Stürmer damit sehr gut bedienen.

Wolfgang Overath und Wolfgang Weber kamen aus Köln zur Nationalmannschaft im Jahr 1970, vom Hamburger SV Uwe Seeler und Willi Schulz. Von Bayern München kam mit Franz Beckenbauer nur ein einziger Spieler, für heutige Verhältnisse ist das nahezu unvorstellbar…

Ja, das ist wohl richtig. 

Sie waren 1966 der erste Spieler der im Aktuellen Sportstudio (ZDF) der auf die Torwand schoss. Das ist sicher etwas Besonderes gewesen, oder?

Ach, ich weiß nicht. Ich wurde damals in die Sendezentrale nach Mainz eingeladen und man bat mich im Studio vor die Torwand zu schießen während die Kameras liefen, das war in dem Moment nicht wirklich etwas Außergewöhnliches. Dass diese Torwand einmal zu solch einem Aushängeschild für das Sportstudio wurde, damit konnte man damals in der Frühphase nicht rechnen.

Die englische Presse tauften Sie und Lothar Emmerich nach dem Europacup-Halbfinale gegen West Ham United „Terrible Twins” – waren Sie neben dem Fußballplatz auch „schreckliche Zwillinge“?

Ich glaube West Ham steckte zu der Zeit in einer Formkrise und kämpfte in der englischen Liga gegen den Abstieg. Diesen psychologischen Vorteil haben wir Spieler ausgenutzt, unser Konterspiel war ja ganz ordentlich. Es war ja damals auch der erste Pflichtspielsieg einer deutschen Mannschaft auf der britischen Insel. Von den Zeitungsleuten wurde Lothar Emmerich als der eiskalte Vollstrecker stilisiert, und ich als der, der daneben laufstark auftrat. Vielleicht war ich etwas dribbelstärker, aber es war schon unglaublich wie Lothar sich im gegnerischen Strafraum durchsetzen konnte. Beim Abschuss war er immer gefährlich und er konnte auch aus auswegloslosen Situationen Treffer erzielen. Ich hatte außerhalb des Fußballplatzes ein sehr gutes Verhältnis zu ihm, auch unsere Frauen haben sich sehr gut verstanden. 

Der BVB ist als krasser Außenseiter gegen den FC Liverpool ins Finale gegangen und in der medialen Öffentlichkeit ist dieses Bild sehr stark unterstützt worden. Mit wie viel Durchsetzungsvermögen geht man als vermeintlicher Underdog in solch eine Partie?

Wir wollten uns so teuer wie möglich verkaufen und das ist uns gelungen. Libuda erzielte den entscheidenden Treffer dieses Spiels, der ja auch mit etwas Glück zustande kam.

Mit welchen Tricks hat ihr damaliger Trainer Willy „Fischken“ Multhaup den BVB in der Kabine motiviert?

Multhaup war kein Mann von allzu großen Prinzipien. Er hat geschaut was möglich ist und probierte seine Ideen blitzschnell, variabel und gescheit umzusetzen. Auch wenn wir mal ein hartes Trainingsprogramm hatten, versuchte er die Mannschaft bei Laune zu halten, was eigentlich ganz gut gelang. Er setzte im Spiel nicht zu sehr auf verbissene Zweikämpfe, sondern probierte auch elegante und taktische Manöver aus. Das kam ja auch beim Publikum sehr gut an.

Ein echter Dauerläufer in Schwarz-Gelb: Sigfried Held | Foto: Peter Hesse

Nach der Zeit beim BVB wechselten Sie im Jahr 1971 Kickers Offenbach, spielte der Bundesliga-Skandal eine Rolle, in den der Offenbacher Präsident Horst-Gregorio Canellas auch verwickelt war? 

Nein, das hatte damit nichts zu tun. Ich ging auf die 30 zu und in Dortmund glaubte man, ich sei schon etwas zu betagt um noch richtig für die Bundesliga reinzuhängen, da hatte ich aber eine ganz andere Wahrnehmung. In Offenbach war man bereit mein Gehalt zu zahlen und so haben wir uns geeinigt. Zum Präsidenten Horst-Gregorio Canellas hatte ich kein wirklich gutes Verhältnis, ich habe mich ein paar mal mit ihm unterhalten, aber das war es auch schon.

Im Dezember 1971 fiel die DFB-Pokal Auslosung dann auch auf Kickers Offenbach mit Ihnen im Team gegen den BVB. Das Hinspiel endete am Bieberer Berg 1:1, das Rückspiel gewannen die Offenbacher mit 3:0 im Stadion Rote Erde unter Trainer Kuno Klötzer, haben Sie daran noch Erinnerungen?

An diese Spiele habe ich direkt keine Erinnerungen, aber schon an Kuno Klötzer. Das war ein harter Hund aus der ganz alten Schule, der bereits 1949 unter der Leitung von Sepp Herberger an der Sporthochschule in Köln erfolgreich die Trainerausbildung zum Fußball-Lehrer absolviert hatte. Bei Ihm musste man schon auf der Hut sein. Verglichen mit heute sind die Trainingsmethoden aber überhaupt nicht mehr zu vergleichen. Wenn die Spieler damals während des Trainings zu viel Wasser tranken, sei das – so sagte man uns – schädlich. Wir bekamen nur nach dem Training ein so winziges Fläschchen. Das glaubt einem kein Mensch mehr heute…

Ganze 59 mal spielte Held noch für Bayer Uerdingen in den Jahren 1979-1981| Foto: Bayer Uerdingen

Sie waren der erste Zweitliga-Spieler überhaupt im Trikot der Nationalmannschaft – und zwar am 29. März 1972 beim 2:0-Erfolg in Budapest gegen Ungarn…

Offenbach war ja ein etablierter Traditionsverein und war in der ersten Hälfte der 70er durchgängig in der ersten Liga. Das der Bundestrainer sich auch am Bieberberg Berg nach Spielern erkundigte, war dann vielleicht nicht so ungewöhnlich, wie es aus heutiger Sicht vielleicht erscheinen mag.

Von 1971 bis 1975 war ihr Sturmpartner bei Offenbach Erwin Kostedde. Was war im Duett mit dem treffsicheren Stürmer aus Münster anders als mit Lothar Emmerich?

Erwin war unglaublich wendig, schnell und er konnte mit ein paar Tricks jeden noch so eisenharten Verteidiger ausspielen. Zu seiner Zeit war Erwin Kostedde wirklich von einem ganz besonderen Kaliber, ich habe sehr gern mit ihm zusammen gespielt.

Kostedde wurde 1990 wegen einem angeblichen Überfall auf einen Kiosk in Coesfeld verhaftet und saß dafür sogar in Untersuchungshaft, wo Williy Lippens Ihn besuchte…

Diese Räubergeschichte konnte nur eine „Luftnummer“ sein, das war mir gleich klar. Erwin hatte gar nicht die Konstitution ein Verbrechen durchzuziehen, dafür war er überhaupt nicht verschlagen genug. Erwin ist ein ehrlicher, makelloser und anständiger Mensch, ein Überfall passt überhaupt nicht zu ihm. Zu der Zeit war ich in der Türkei und in Österreich beschäfttigt und hatte wenig Kontakt zu alten Kollegen, zu Kostedde leider auch nicht.

Am 13. März 1976 wurde Ihr Treffer zum 2:2 (72. Spielminute) gegen den FC Bayern München zum Tor des Monats gekürt. Haben Sie das als eine große Ehre empfunden?

Wenn ich mich richtig erinnere, kam der Ball von rechts, wurde in den Fünfmeterraum geflankt und von einem Abwehrspieler abgefälscht. Ich rannte zur Strafraumkante und zog voll ab, so das der Ball direkt im spitzen Winkel landete. Ich glaube, Franz Beckenbauer probierte noch den Ball wegzuköpfen, doch das gelang ihm nicht. Am Ende konnten wir mit diesem Treffer ein Unentschieden gegen die Bayern erreichen, dass war wohl am wichtigsten an der ganzen Geschichte.

Später haben Sie als Trainer gearbeitet, im Jahr 1995 sogar in der japanischen Liga. Wie erinnern Sie ihre Episode bei Gamba Osaka?

Als wir dort ankamen wütete gerade das Erdbeben von Kobe und hat das ganze Land erschüttert. Durch das Erdbeben und seine Folgen starben über 6.000 Menschen, rund 44.000 Menschen wurden verletzt – weitere 300.000 Menschen wurden durch das Erdbeben obdachlos. Ein unglaublicher Wahnsinn. Die Schule, die meine Tochter besuchen sollte, war ein einziger Müllhaufen, da stand kein Stein mehr auf dem anderen. Ich habe meine Frau und meine Tochter dann wieder nach Hause geschickt. Nach meiner Zeit in Osaka wechselte ich zum VfB Leipzig, von da sind wir dann immer zwischen dem Ruhrgebiet und Sachsen gependelt, das hat eigentlich gut geklappt.

Mit 62 Jahren haben Sie nochmal im Jahr 2004 den Posten des Nationaltrainers der thailändischen Fußballnationalmannschaft angenommen – eine spannende Aufgabe?

Ich habe ja zuerst als Berater für das Team gearbeitet, später habe ich ganze zwei Spiele als Trainer geleitet, diese Station darf man nicht so hoch aufhängen. Wie zuvor bei meiner Station auf Malta spielen auch in Thailand sehr viele Amateur-Spieler in der Nationalmannschaft, das darf man nicht vergessen. Mit den westlichen Standards, die in Deutschland oder anderen Ländern vorliegen, ist das aber nicht zu vergleichen.

Was machen Sie heute?

Ich fahre als Repräsentant von Borussia Dortmund zu Jubiläen oder Vereinsfesten und repräsentiere den Verein. Die Leute freuen sich, wenn ich zu Gast bin und wir erzählen dann ein paar Geschichten von früher. Es ist doch herrlich, wenn man den Menschen damit eine Freude bereiten kann, oder?

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8 Kommentare zu “Heute vor 55 Jahren gewinnt der BVB den Europapokal

  • #1
    thomas weigle

    Sechs Jahre vor dem Sieg der Borussen in London gewann die Frankfurter Eintracht-ebenfalls in einem Halbfinale- bei den Glasgow Rangers mit 6:3, nach 6:1 im Hinspiel. Siggi Held wäre wohl 72 auch Europameister geworden. In jenem legendären 3:1 in Wembley machte er eines seiner besten Spiele in der DFB-Elf. Bei der EM-Endrunde In Belgien Wochen später konnte er nicht dabei sein, weil er mit den Kickers in der Aufstiegsrunde zur BL tätig war. Die Offenbacher waren in jener Saison ungeschlagen in Pu kt-und Aufstiegsspielen, wenn ich das recht erinnere.

  • #2
  • #3
    Walter Stach

    BVB -und der Sieg im Europapokal 1965/1966

    Unvergessen -und immer noch vor Augen"- das Siegtor ( die sog. Bogenlampe) von Stan Libuda.

    Schön, daß die Ruhrbarone es "alten" Fußball-Fans wie mir möglich machen, , sich wieder ‘mal an die aus ihrer Sicht "guten, alten Fußballzeiten" zu erinnern und darüber zu diskutieren.

    Dabei wird mir stets bewußt, dass zwischen dem Spitzenfußball "damals" und dem Profi-Fußball heute Welten liegen. Es dürfte müßig sein, darüber miteinander zu streiten, ob und warum diese Veränderungen (mehr oder weniger ) Gutes oder Schlechtes bewirkt haben.Gut oder schlecht konkret für wen? Für die Fans, für die Spieler, für die Vereine, für das Spiel selbst?l

    Schön, jedenfalls für mich, daß "der Fußball" nach wie vor und damit in meinem gesamten bisherigen Leben zu meinen schönsten Hobbys zählt -trotz mancher gravierender Veränderungen im nationalen/internationalen Fußball, , die mir ganz und gar nicht gefallen.

  • #4
    thomas weigle

    @ Robin Eigentlich war`s ein Eigentor von Yeats, weil Libudas Ball an die Latte ging und dann den unglücklichen Liverpooler Spieler traf. Sei`s drum, auch das SPORTMAGAZIN vom 6.5.66 führt Libuda als Schützen auf.

  • #5
    thomas weigle

    @ Walter Stach Sorry, ich habe deinen Kommentar @Robin zugeordnet.

  • #6
    Walter Stach

    Thomas Weigle -4-,
    ja, so war es, aber für mich bleibt das mittlerweile legändere Tor ein Libuda-Tor, das mir immer als Erstes in den Sinn kommt, wenn über Libuda geredet wrrd. .

  • #7
    Walter Stach

    "Stan " Libuda

    Nicht unerwähnt bleiben sollte, warum Libuda "Stan" Libuda gerufen wurde und als "Stan" Libuda den Fubßball-Fans in Eirnnerung geblieben ist -über Deutsschland hinaus, vor allem in England.

    Als "die englische Fußballgröße schlechthin" gilt bis heute Sir Stanley Matthews (1915-2ooo) . . Für die Fußball-Fans in England ist er der beste englische Fußballer aller Zeiten und nicht etwa einer der Stars der englischen WM-Elf von 1966)..
    Als Spieler war Sir Stanley vornehmlich für den FC Blackpool aktiv. In Deutschland wurde er vor allem bekannt als Spieler den englischen Nationalmannschaft.

    Da Sir Stanley stets als sog. klassischer Rechtsaußen spielte -im Verein, in der Nationalmannschaften- und bis heute weltweit als einer der besten " Dribbel-Künstler" aller Zeiten gilt, war es naheliegend, dem ebenfallls stets als Rechtsaußen in der klassischen Fünfer-Formation im Sturm eingesetzten Libuda, der zudem annähernd vergleichbar mit Stanley Matthews ein begnadeter Dribbel-Künstler war, den Rufnamen "Stan" zu verleihen.

    Unter den Libuda-Fans ( beim BVB und bei S04 gleichermaßen!!!) gab es seinerzeit aufgrund der Fähigkeit von Libuda, auf engstem Raum die Gegenspieler "auszudribbeln" den Aussprch: "Keiner kommt an Gott vorbei außer Stan Libuda".

  • #8
    thomas weigle

    @ Walter Stach Libudasüberragende balltechnische Fähigkeiten waren auch beim ersten Sieg über Schottland im entscheidenden WM-Qualispiel gegen Schottland im Oktober 69 zu sehen,als er das siegbringende 3:2 erzielte-unglaublich!! Das fällt mir immer als erstes zu "Stan" Libuda ein.

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