Im Fall der Niederlage droht der Ukraine ein Blutfrieden

Zerstörtes Auto in Butscha mit einem toten Menschen im Inneren Foto: Nationale Polizei der Ukraine Lizenz: CC-BY 4.0


Wer eine Kapitulation der Ukraine vor den russischen Invasoren fordert, damit wieder Frieden herrscht, verkennt die Schrecken, die den Unterlegenen nach dem Krieg drohen.

Der Gedanke ist so einfach wie er falsch ist: Wenn die Ukraine kapituliert, herrscht Frieden. Der Historikerin Franziska Davies widerlegte diese Illusion im Gespräch mit der taz: „Die Vorstellung, dass, wenn die Kampfhandlungen vorbei sind, der Krieg vorbei ist, stimmt nicht. Das hat die historische Forschung gezeigt. Ein Beispiel wäre das deutsche Besatzungsregime in der Ukraine während des Zweiten Weltkriegs. Da ist die Zahl der Toten höher nach dem Ende der Kampfhandlungen gewesen: Das Morden, das Versklaven, der Terror gingen weiter.“

Putins Propaganda hat seit Jahren dafür gesorgt, den Hass der Russen auf die Ukrainer zu schüren. Er war damit so erfolgreich, dass Frauen ihre Männer an der Front auffordern, ukrainische Frauen zu vergewaltigen und Menschen in Russland ihren engsten Verwandten nicht glauben, wenn sie ihnen von den Gräuel des Krieges Berichten. In der Ukraine ist das entstanden, was der Historiker Jörg Baberowski einen Gewaltraum nennt. Die Regeln des menschlichen Umgangs miteinander haben ihre Gültigkeit verloren: „Deshalb degradieren Täter, die töten wollen und nach Legitimationen suchen, ihre Feinde zu Unmenschen. Sie nehmen ihnen ihre Menschlichkeit und machen sie zu Ungeheuern, die jedes Recht auf Leben verwirkt haben und die man ungestraft vernichten kann. Die Entmenschlichung des Opfers bereitet das Terrain vor, auf dem alles möglich wird.“ Zurecht verweist er darauf, dass das keine russische Spezialität ist: „Die Lust verträgt sich nicht mit Abwägungen, deshalb kann die Gewalt in solchen Situationen außer Kontrolle geraten. „Ein gefahrloser, erlaubter, empfohlener und mit vielen anderen geteilter Mord“, schreibt Elias Canetti, „ist für den weitaus größten Teil der Menschen unwiderstehlich.“

Es gibt viele Beispiele für die Grausamkeit, die in solchen Gewalträumen entsteht: Die Verbrechen der Wehrmacht im Osten und, wenn auch in geringerem Maße, im Westen wurden hinter der Front begangen. In Griechenland  starben nach der Kapitulation bis zu 360.000 Menschen an den Folgen der „Hungerstrategie“ der Wehrmacht. Hunger wollte Deutschland auch im Kampf gegen die Sowjetunion einsetzen: Der Generalplan Ost kalkulierte  30 Millionen toten Zivilisten im Laufe der Besatzung ein. Wohlgemerkt nach dem Krieg.

Auch die Sowjetunion beging im zweiten Weltkrieg hinter der Front zahlreiche Verbrechen: Kurz nachdem man gemeinsam mit Deutschland 1939 Polen angegriffen und zerschlagen hatte, kam es zum Massaker von Katyn: Die Opfer waren bis 25.000 Berufs- oder Reserveoffizieren, Polizisten und Intellektuellen. Die Sowjetunion wollte Polens Elite vernichten. Auch nach Ende des zweiten Weltkriegs setzte in den besetzten Gebieten eine massive Verfolgung von Oppositionellen an. In der späteren DDR waren davon Sozialdemokraten betroffen, von denen etliche in das ehemalige KZ Buchenwald verbracht wurden. Auch in Polen kam es nach dem Krieg zu Säuberungen. Sie trafen auch die Angehörigen der polnischen Untergrundarmee, die gegen die Wehrmacht gekämpft hatte. Vergleichbare Verbrechen gab es in allen Ländern, die von der Roten Armee besetzt wurden.

Sucht man im deutschen Kolonialismus nach Referenzen für blutige Siege, ist der Genozid an den Hereros ein passendes Beispiel: Der setzte 1904 nach der Schlacht am Waterberg ein, als die Truppen des Kaiserreichs die verbliebenen Aufständischen und ihre Familien in die Omaheke-Wüste trieben.

Die bislang von russischen Truppen begangenen Kriegsverbrechen wie das Massaker von Butcha zeigen, was auf die Ukrainer hinter der Front wartet, wie der „Frieden“ in Wirklichkeit aussehen würde, den einige im Westen fordern: Menschen würde nicht nur ihre Freiheit verlieren, sondern abgeschlachtet werden. In der Ukraine sind, wie in allen Staaten, die einst im sowjetischen Machtbereich lagen, die Erinnerungen lebendig, was es bedeutet von Moskau regiert zu werden: Beim Holodomor, der von Stalin initiierten Hungerkatastrophe, kamen in den 30er Jahren bis zu sieben Millionen Menschen ums Leben.

Die Ukrainer wissen, wofür sie kämpfen, und sie haben eine sehr genaue Vorstellung von den Grausamkeiten, die auf sie im Fall einer Niederlage zukämen. Der von all den Käßmanns und Weckers geforderte Frieden wäre ein Blutfrieden.

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4 Kommentare

  1. #1 | ke sagt am 24. April 2022 um 11:27 Uhr

    Grundsätzlich richtig.
    Die historischen Berichte haben nur eine grundsätzliche Schwäche.
    Schon in Nazi Deutschland glaubte keiner ein „Wir haben nichts gewusst“. Russland ist nicht hinterm Mond. Die Propaganda ist absurd und voller Widersprüche.
    Aktuell zählt ein „Wir wussten nichts“ nicht mehr.

    Russland ist vermutlich genau wie die ganzen Putin-Fans noch in der Verdrängungsphase. Die bezahlten Putin-Lobbyisten müssen mit den Konsequenzen leben. Die Bilder und Geldströme auch im Sport sind seit Jahren bekannt.

    Ein Austausch der Völker ist auch sinnvoll, nur ist es ein extremer Fehler insbesondere der dt. Spitzenpolitik gewesen, sich von Russland in einigen Bereichen abhängig zu machen. Hier sollte auch die Staatsanwaltschaft genau hinschauen.

  2. #2 | Offene Briefe: "Den Unterzeichnern geht es nicht um Frieden" | Ruhrbarone sagt am 30. April 2022 um 11:34 Uhr

    […] für die Ukrainer selbst dann nicht, wenn sie kapitulieren würden: Die russische Armee würde sie abschlachten, vergewaltigen und ausrauben. Es geht ihnen um Ruhe, ihre eigene Ruhe, sonst nichts. Egoismus paart sich mit Feigheit und der […]

  3. #3 | Frieden ist nicht die Abwesenheit von Krieg | Ruhrbarone sagt am 30. April 2022 um 16:15 Uhr

    […] ihre vollständige Kontrolle zu bekommen, blieben sie ihrer bisherigen Kriegstaktik, die sie in zahllosen Konflikten perfektionieren konnten, treu. Im Folgenden also nur eine unvollständige Liste der bisher begangenen Kriegsverbrechen. […]

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