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Impfgegner auf Tour und Masern in Duisburg

Während der Impfkritiker Andrew Wakefield mit seinem Film „Vaxxed“ durch Deutschland tourt und propagiert, dass die Masernimpfung Autismus auslöse, erkranken in Deutschland wieder Menschen an dem hochgefährlichen Virus. Doch die Vorwürfe, die Wakefield erhebt, sind haltlos. Warum fallen Menschen darauf herein? Ein Gastbeitrag von Dr. Anna Müllner.

160 Menschen in Duisburg sind an Masern erkrankt, darunter 37 Säuglinge und 94 Kinder. Im Schnitt bekommt einer von Tausend masernerkrankten Menschen eine Gehirnhautentzündung. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass diese schwere Komplikation zu bleibenden Schäden wie geistiger Behinderung führt oder sogar tödlich endet. Auch ohne diese extremen Folgen sind Masern alles andere als eine harmlose Kinderkrankheit: Masern verursachen hohes Fieber, unter dem die Erkrankten stark leiden. Die Infektion öffnet Tür und Tor für weitere Erkrankungen, die bei jedem Zehnten den geschwächten Körper weiter malträtieren. All das müsste nicht sein, wenn sich alle Menschen impfen ließen.

Doch die Masern-Mumps-Röteln-(MMR)-Impfung ist unbeliebt. Nicht unschuldig daran ist Andrew Wakefield – ein ehemaliger Arzt aus Großbritannien. Wakefield verlor seine Approbation, weil er eine Studie fälschte, um dem MMR-Impfstoff nachzuweisen, dass er Autismus auslöse. Wakefield propagiert seine These trotzdem unbeirrt weiter: Ungerechtfertigter Weise macht er Menschen Angst vor einem Phänomen, dass es nicht gibt.

Die Folge sind ungeimpfte Kinder, die von ihren desinformierten Eltern fahrlässig dem Risiko einer Masernerkrankung, einer geistigen Behinderung und des Todes ausgesetzt werden.

Und ungeimpfte Kinder, die andere Kinder, die noch nicht geimpft werden können, dem Risiko einer Ansteckung, einer geistigen Behinderung und des Todes aussetzen.

Nun kommt Wakefield nach Deutschland. Mit seinem Film Vaxxed, über den ich bereits berichtete, macht er Menschen weiter Angst vor dem MMR-Impfstoff. RT Deutsch ist auf diesen Zug aufgesprungen und nimmt den Film des Studienfälschers in Schutz: Er würde nur Fragen stellen und auf Probleme mit Mehrfachimpfungen hinweisen. Laut RT Deutsch erhielten die aufführenden Kinos Drohungen, die Proteste gegen den Film seien ein Verstoß gegen die Meinungsfreiheit, hätten aber den Film nur bekannter gemacht.

Am 6. April 2017 soll nun im Essener Filmkunsttheater, unweit von Duisburg, der Film „Vaxxed“ gezeigt werden. Wakefield selbst wird zugegen sein. Geladene Gäste sind Dr. Alfred Längler sowie Dr. Rainer Kundt. Längler ist anthroposophischer Mediziner am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke und Anhänger der sogenannten „Alternativmedizin“. Ob von ihm kritische Fragen zu erwarten sind, ist fraglich. Dr. Rainer Kundt vom Gesundheitsamt Essen, der sich bei den letzten Masernfällen im Ruhrgebiet für die Impfung aussprach, wird den beiden Männern alleine gegenüberstehen. Es bleibt zu hoffen, dass er sich zu behaupten weiß. Zumindest hat er die Wissenschaft auf seiner Seite.

Die Filmvorstellung in Essen wirkt geradezu makaber, bedenkt man, dass die 160 Menschen in Duisburg nicht an Masern erkrankt sein müssten, weil es die MMR-Impfung gibt. Doch immer weniger Menschen sind ausreichend gegen Masern und andere Erkrankungen geschützt. Wakefields unhaltbares Gerücht, dass MMR-Impfungen Autismus auslösen könnten, ist sicherlich einer der Gründe dafür. Der Film „Vaxxed“ wird diese These weiterverbreiten. Falschinformationen werden unter die Leute gesät und wachsen wie Unkraut. Fakten, Studien, evidenzbasierte Medizin, all das wird über Bord geworfen.

Das postfaktische Zeitalter hat durch Trump neuen Aufwind erhalten, Wakefield wird diese Welle zu nutzen wissen. Leidtragende sind vor allem Kinder, die den Entscheidungen ihrer Eltern, oder den Eltern ihrer Spielkameraden, ausgeliefert sind. Unsere einzige Hoffnung ist die vollständige Aufklärung über den Nutzen von Impfungen und wissenschaftliches Denken, bekanntlich der einzige Weg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Die Ruhrbarone haben Anfragen an die verschiedenen Beteiligten in Essen und Witten gestellt.
Wir bleiben dran.
Nachtrag (4. April): Wir sind drangeblieben – hier das Ergebnis.

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16 Kommentare zu “Impfgegner auf Tour und Masern in Duisburg

  • #1
    Udo Endruscheit

    Ich habe mich in meinem Blog und auf den Seiten verschiedener Kinos und des Verleihs auf Facebook zu Wort gemeldet und war auch schon früher im Jahr dabei engagiert, Wakefield kein Forum beim EU-Parlament zu bieten. Als Essener selbstverständlich auch beim Essener Filmkunsttheater. Es gab dort zwar eine lebhafte Diskussion, aber von den Kinos habe ich (mit einer einzigen Ausnahme ganz zu Anfang) nichts gehört. Vom Verleih, der übrigens auf seiner Facebook-Seite auch desinformiert, ebenso nicht.
    Dafür bin ich von den Proponenten des Films konfrontiert worden mit dem Vorwurf
    – professionell organisierten Widerstandes (siehe oben),
    – des Impffaschismus (was das auch immer sei),
    – Antifa-Zugehörigkeit und Gewaltbereitschaft,
    – antidemokratischer Haltung,
    – Verletzung der Meinungsfreiheit und
    – des Betreibens einer Hate-Seite "für Fortgeschrittene".
    Auf die Seite Wakefields haben sich dabei so ehrenvolle Partner wie der bekannte ehemalige Milchwirt und prominente deutsche Impfgegner Hans Tolzin und "Medien" wie Epochtimes und RT Deutsch geschlagen. Auf Tolzins jährlichem Impfsymposion im Herbst ist Wakefield als prominenter Gastredner angekündigt.
    Anders als in den USA und vor allen Dingen in Großbritannien, aber auch beim EU-Parlament gibt es keine breite Debatte, die großen Medien greifen den Skandal dieses Films und der Propagandatournee nicht auf. Einige wenige Leute aus der Zivilgesellschaft, darin auch Vereinigungen von Autisten und Autisteneltern, stehen beim Widerstand gegen den Film und seine Botschaft allein.
    Deshalb mein ausdrücklicher Dank an die Ruhrbarone für diesen wichtigen Beitrag.

  • #2
  • #3
    EinLipper

    Tja, die Anzahl der Leute, die abstrusen esoterischen Spinnereien hinterherlaufen, wird immer größer, aber das liegt leider auch an der mangelnden Bereitschaft der Vertreter des aufgeklärten wissenschaftlichen Weltbildes, sich für ihre Sache einzusetzen. Wahrscheinlich liegt das auch daran, dass es in unserer intellektuellen Öffentlichkeit immer noch als Ausweis wahrer Größe gilt, von Naturwissenschaften keine Ahnung zu haben (voll der Beifall, wenn jemand sagt: Mathe, da war ich schon immer ahnungslos), gefühliges Geschwurbel und Betroffenheitslyrik (zB Cl. Roth oder etwa K. Wecker) aber höchsten Rang genießen und den Vorteil haben, nie hinterfragt zu werden. Wissenschaftsfeindlichkeit ist "in" und okkupiert in NRW ja sogar Ministerien ("Eso-Babsie"), den Grünen sei Dank

  • #4
    Gerd

    Immer weniger Menschen sind in der Lage technisch wissenschaftliche Zusammenhänge zu erkennen. Was politisch nicht immer unerwünscht ist, aber hier seinen Preis fordert.

  • #5
    Janina

    Wer von den Befürwortern hat einen Lehrgang bzw eine Fortbildung bezüglich Impfspätfolgen absolviert?!

  • #6
    Dr. Gleißner

    Am Schluß des Artikels ein typischer Mainstream- Käse: Trump ist also mit seinen Fake-News auch an der Impfschwäche in NRW zuständig. Unsinn: Trumps Politik ist aus meiner Sicht als sehr nahe an der Evidenz anzusehen, oder glauben Sie , dass die "Klimareligion" oder die Aufnahme von jungen Männern zur Lösung unserer wirtschaftlichen Probleme evidenzbasiert sind? Nein, das Establishment zeigt in Wiklichkeit die Nähe zum unwissenschaftliche, Moralischen, Evidenzlosen…. all die grünen Weltverbesserer rufen doch zur Impfverweigerung auf!

  • #7
    Papa

    2014 starben 2 Kleinkinder durch die MMR(V)-Impfung. Nachzulesen im "BULLETIN ZUR
    ARZNEIMITTELSICHERHEIT" 02/2016 des Paul-Ehrlich-Institut. Das sind auch Fakten, wo bleibt euer Bericht?

  • #8
    Hubert

    habe nachgelesen ( http://www.pei.de/SharedDocs/Downloads/vigilanz/bulletin-zur-arzneimittelsicherheit/2016/2-2016.pdf?__blob=publicationFile&v=4 ab Seite 30).

    Ihre Behauptung hält einer Überprüfung nicht stand.

    Fazit dort:
    Fälle einer Anaphylaxie nach Impfung wurden von den behandelnden Kinder- und Jugend-
    ärzten gut beherrscht. Bis auf einen Patienten, bei dem der Ausgang der UAW zum Zeitpunkt der Meldung nicht bekannt war, konnten alle betroffenen Kinder und Jugendlichen
    gesund und in gutem Allgemeinzustand aus der Klinik entlassen werden

    Wo bleibt Ihre Entschuldigung/Richtigstellung?

    Es leben die Fake Facts ?

  • #9
    Porsiel

    Richtiges Zitieren in BULLETIN ZUR
    ARZNEIMITTELSICHERHEIT" 02/2016 des Paul-Ehrlich-Institut steht:…In beiden Fällen kam es zu einem tödlichen Verlauf in Folge einer komplizierten Virusinfektion mit abgeschwächten Impfviren bei Kindern mit einem schweren Immundefekt, der zum Zeitpunkt der Impfung nicht bekannt war. Dies sind die einzigen Meldungen einer tödlich verlaufenden Infektion mit den abgeschwächten Impfviren der MMR- bzw. MMRV-Impfstoffe bei Patienten mit bestehendem Immundefekt, die dem PEI seit 1995 berichtet wurden…

  • #10
    0815-4711

    Vielen Dank für diesen letzten Kommentare. Die Kinder sind aufgrund einer bisher nicht bekannten schweren Abwehrschwäche an den abgeschwächten Viren gestorben. Ein Kontakt mit lebenden Viren hätte sie also vermutlich auch getötet. Das ist in jedem einzelnen Fall ein Drama für alle Beteiligten. Es gibt wohl nichts schlimmeres, als ein Kind zu verlieren. Aber genau darum ist die breite Impfung so wahnsinnig wichtig. Vielleicht hätte es bei sehr sorgfältiger Anamneseerhebung Hinweise geben können, dass diese Kinder hoch gefährdet sind und ABSOLUT darauf angewiesen sind, dass ihre ganze Umgebung geimpft ist, damit sie nicht krank werden. In einer Zeit vor 1970, bevor der MMR Impfstoff angewendet wurde, wären diese Kinder mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit an einer Masern Infektion gestorben. Wie es auch manche gesunde Kinder tun. Früher war es als Schicksal akzeptiert, wenn eines der vielen Kinder gestorben ist. Heute wird daraus abgeleitet, dass Impfungen schädlich sind. Bitte einfach mal in Ruhe nachdenken. Meine Kinder sind geimpft und ich bin sehr dankbar dafür.

  • #11
    Papa

    Die "schwere" Immunschwäche der gestorbenen Kinder war vor der tödlichen Impfung niemandem, auch nicht den impfenden Ärzten, aufgefallen. Die Jungen schienen bis dato gesund, sonst hätte ja die Nadel nicht angesetzt werden dürfen. Wie kann ich also nun als Vater für meine Kinder ausschließen, dass sich in ihren Genen nicht ein ähnlicher Defekt befindet?

    @0815-4711: Schön das Sie wissen, dass die beiden Jungs sowieso nur ein kurzes Leben gehabt hätten. Und wie lange dauert bzw. was kostet denn für Sie eine "sorgfältig Anamnese" pro Impfling?

    @Hubert: Bitte bezichtigen Sie mich nicht der Fake Facts, nur weil Sie nicht lesen können!

  • #12
    Jutta Paul

    Ich bin Jahrgang 1952 (DDR) und konnte, wie meine jüngeren Geschwister, nicht geimpft werden, weil es noch keinen Impfstoff gegen Masern, Keuchusten, Kinderlähmung gab. 1958 im Frühjahr waren alle drei Kinder masernkrank, ich selbst hatte unmittelbar anschließend eine schwere Lugenentzündung mit einem Rückfall, der mich dann fast das Leben gekostet hätte. Meine Einschulung musste um ein Jahr zurückgestellt werden, damit ich mich ausreichend erholen konnte. Ich kann kaum nachvollziehen, welche Sorgen meine Mutter mit drei schwerkranken Kindern hatte, von den schlaflosen Nächten ganz abgesehen.
    Wer sein Kind nicht ausreichend impfen lässt, handelt in meinen Augen grob fahrlässig. Mein Sohn wurde geimpft und ich konnte ihm während des Masernausbruches in Berlin sagen, er brauche sich keine Sorgen machen. Das fand er sehr beruhigend.

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