Industrielle Kulturlandschaft Ruhrgebiet: Lieber Zukunft als Welterbe

Zeche Pluto in Herne Wanne-Eickel (Foto: Roland W. Waniek)


Die „Industrielle Kulturlandschaft Ruhrgebiet“ soll UNESCO-Welterbe werden. Der Blick des Ruhrgebiets richtet sich erneut auf seine Vergangenheit.

Die Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur will gemeinsam dem Land NRW, dem Regionalverband Ruhr ( RVR), den Landschaftsverbänden und der Emschergenossenschaft dafür sorgen, dass die „Industrielle Kulturlandschaft Ruhrgebiet“ UNESCO-Welterbe wird. Keine Frage, das Ruhrgebiet gehört zu den Regionen auf der Welt, die stark durch die Industrialisierung geprägt sind. Das betrifft nicht nur die ehemaligen Industriebauten, die einem hier überall begegnen. Der Boden hat sich durch den Bergbau gesenkt, Flüsse und Bäche haben ihren Lauf verändert und Halden wurden aufgeschüttet. Die Industrie prägt die Landschaft des Reviers.

Dieser Entwicklung hat das Ruhrgebiet seine Existenz zu verdanken und ja, es ist vernünftig, einige der Überreste dieser Zeit möglichst originalgetreu zu bewahren. Aber die Musealisierung des Ruhrgebiets, die mit dem Beginn der Internationalen Bauausstellung 1989 unter Karl Ganser einsetzte, ist ein radikaler Bruch mit der Geschichte der Region und sie ist mentales Gift. Nicht die ehemaligen Zechen, Stahlwerke und Halden sind das Erbe der Industrialisierung, das hätte bewahrt werden müssen, sie sind nur dessen Überbleibsel.

Das Erbe, für das man sich hätte einsetzen müssen, war der Wille zum wirtschaftlichen Wachstum, der Erfindergeist und die Bereitschaft, die vorgefundene Welt zu gestalten und zu verändern. So wurde aus Kleinstädten und Dörfern eine der größten und wichtigsten Industrieregionen. Dass es nicht gelang, diese Vorstellungen und Werte der Kohle- und Stahlära in die wirtschaftliche, industrielle und technologische Gegenwart zu überführen, ist das große Versagen der Region. Nun weite Teile des Ruhrgebiet endgültig zu einem Museum zu machen, bedeutet, die Fehler der vergangenen Jahrzehnte fortzusetzen. Die Idee des Ruhrgebiets ist nicht die des Bewahrens. Die Idee des Ruhrgebiets ist, die Welt, zumindest den Teil, in dem man lebt, radikal nach seinen Bedürfnissen zu gestalten, um so der Armut und der Unterentwicklung zu entkommen.

Wer Ruhrgebiet und dass wofür es einmal stand bewahren will, muss nach vorne schauen und auf Veränderung, Technik und Wirtschaftswachstum setzen und nicht auf Welterbe Titel, deren einziger Sinn es ist, besser Fördermittel schnorren zu können.

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6 Kommentare

  1. #1 | Roland W. Waniek sagt am 17. Dezember 2020 um 10:27 Uhr

    Hervorragender Beitrag! Genau darum muss es uns im Ruhrgebiet gehen: um die Zukunft, nicht um die Vergangenheit. Dafür müssen wir unseren "State of Mind" ändern, nämlich zurück zu Aufbruchsstimmung und Gestaltungswillen, so wie es anfangs der Fall war. Die ganze Mentalität des "Auf Kohle geboren", "Anderswo ist auch Scheiße" und "Wir brauchen noch mehr Fördermittel" muss weg und durch Willen und Mut zun Neuem ersetzt werden.

  2. #2 | Philipp sagt am 17. Dezember 2020 um 10:59 Uhr

    Danke für diesen Artikel.

    "Die Idee des Ruhrgebiets ist, die Welt, zumindest den Teil, in dem man lebt, radikal nach seinen Bedürfnissen zu gestalten, um so der Armut und der Unterentwicklung zu entkommen." Das ist der Grund warum z.B. mein Urgroßvater aus dem hinterletzten Dorf im Hunsrück hier hingewandert (-flüchtet ist). Um sich eine bessere Zukunft zu schaffen.

    Was die Werte betrifft, empfinde ich es so, dass dem Ruhrgebiet auch das "Tacheles reden" und das Solidarische abhanden gekommen sind. Stattdessen Schönfärberei, Größenwahnsinn und der Versuch die mittlerweile ziemlich klein gewordenen Schäfchen ins Trockene zu bringen.

    Ich tröste mich damit, dass, falls man geht, man versucht solche Werte mizunehmen und sich daran zu erinnern, dass unsere Vorfahren eben nicht nach "Kannse nix machen, so ist das halt" Grundsätzen gelebt haben. Sie hätten sich sonst nämlich nie auf den Weg in die vergangene Zukunft Ruhrgebiet gemacht.

    Letzteres ist immerhin besser als zwischen pathologischen Musealisieren zu leben, die nicht mal verstanden haben, dass man "Musealisierung" auch an lebendigen Industrieobjekten betreiben kann.

  3. #3 | Helmut Junge sagt am 17. Dezember 2020 um 11:19 Uhr

    Alte Leute sprechen gerne über die Heldentaten ihrer Jugendzeit. Auch die, vielleicht sogar gerade die, die längst bettlägrig geworden sind. Ähnlich scheint bei den Kommunen hier im Ruhrgebiet auch zu sein.

  4. #4 | DEWFan sagt am 17. Dezember 2020 um 17:46 Uhr

    Hier vergleiche ich nochmal die Nordseeküste mit ihren Inseln mit dem Ruhrgebiet.

    Wie die Fischernetze an der Wand in einer urigen friesischen Kneipe an der Nordsee sollte man auch die Industriekultur als reine Nostalgie betrachten.

    Einen Strukturwandel hatten sie auch auf den friesichen Inseln zu bewältigen, nämlich vom Fischfang zum Tourismus. Soviel zur Parallelität. Nur setzte an der Nordsee der Strukturwandel bereits vor 200 Jahren ein – und war von der Bevölkerung weitgehend gewollt wegen der dadurch steigenden Einkommen, das ist besonders der Unterschied zum Ruhrgebiet. Das Thema steigende Einkommen ist kein Thema für die Mehrheit der ehemaligen Industriearbeiter.

  5. #5 | spike sagt am 17. Dezember 2020 um 20:19 Uhr

    Danke für diesen Artikel. Er erinnert mich an die ersten Zeilen auf dieser Website: "Ruhbarone – Journalisten bloggen das Revier". Ein super Konzept, und z.B. viel interessanter als ein Nörgelchatroom über schiefgegangene Internetbestellungen. Weiter so!

  6. #6 | ke sagt am 17. Dezember 2020 um 21:52 Uhr

    Die Dynamik der Aufschwungphase des Ruhrgebiets bleibt durch einige Relikte sichtbar. Das ist auch gut so. Ein Welterbe ist es nicht.

    Heutige Heldentaten in Sachen Straßenbau, Brückenbau etc. sind doch ein Witz im Vergleich zu den enormen Leistungen unserer Vorfahren.

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