intensiv erklärt (4)


Auch in Deutschland werden mittlerweile viele Patienten wegen Covid-19 auf einer Intensivstation behandelt. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) verzeichnet in ihrem Intensivregister mit dem Stand vom 22.04.2020 um 9:15Uhr 2799 intensivmedizinisch behandelte „Corona-Patienten“. Da nicht alle Kliniken in Deutschland an dieses Register melden, ist diese Zahl nicht absolut.
Doch was bedeutet das überhaupt? Warum müssen Covid-19-Patienten auf die Intensivstation? Was ist maschinelle Beatmung? Wie funktioniert ein Beatmungsgerät? Wie sieht die Behandlung eines Covid-19-Patienten auf einer Intensivstation aus? Warum liegen die Patienten alle auf dem Bauch? Wer arbeitet auf einer Intensivstation?
Diese und weitere Fragen wollen wir in unserer neuen Rubrik „intensiv erklärt“ für Laien verständlich beantworten.

Im ersten Teil haben wir erklärt, was ein Beatmungsbett ist und wie ein Beatmungsgerät überhaupt funktioniert. Im zweiten Teil, warum manche Patienten überhaupt künstlich beatmet werden müssen und im dritten Teil ging es nochmal genauer um das schwere Lungenversagen, welches offenbar auch durch Covid-19 ausgelöst werden kann und warum diese Patienten häufig auf dem Bauch liegen.

In diesem Teil soll es aber weniger um die Patienten auf der Intensivstation gehen, sondern um das Personal. Die in Teil eins thematisierten „Beatmungskapazitäten“ hängen wie dort beschrieben nicht nur von entsprechenden Gerätschaften, sondern ganz massiv vom qualifizierten Personal ab. Doch wie sieht qualifiziertes Personal auf einer Intensivstation überhaupt aus? Wie gestaltet sich die Ausbildung, was muss man erfüllen, um auf einer Intensivstation arbeiten zu können oder zu dürfen?

Der größte Teil des Personals auf Intensivstationen kommt aus dem pflegerischen und ärztlichen Dienst, daher fokussieren wir uns hier auf diese beiden Berufsgruppen.

Medizinstudium geschafft – ab auf die Intensivstation?

Die ärztliche Ausbildung in Deutschland ist in verschiedene Abschnitte gegliedert. Es beginnt mit dem Studium der Medizin, welches sich ebenfalls in mehrere Bereiche teilt: die „Vorklinik“, die „Klinik“ und das Praktische Jahr.
Im vorklinischen Teil werden den Medizinstudenten die natur- und sozialwissenschaftlichen notwendigen Grundlagen vermittelt. Es schließt mit einer Prüfung, umgangssprachlich „Physikum“ genannt. Diese Prüfung ist bereits der erste von drei Abschnitten der Ärztlichen Prüfung. An den vorklinischen Teil schließt der klinische Teil an. In diesem Abschnitt werden die Inhalte der verschiedenen medizinischen Fächer (z.B. Urologie, Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Anästhesie usw.) gelehrt. Im Rahmen dieses Studienabschnittes müssen auch mehrere mehrwöchige Praktika (sog. Famulaturen) in Krankenhäusern und Praxen absolviert werden. Nach den klinischen Semestern folgt der zweite Abschnitt der ärztlichen Prüfung. Anschließend müssen die Studierenden das so genannten Praktische Jahr (PJ) absolvieren. Ein Jahr lang werden die Studierenden unter Anleitung und Supervision ärztlich tätig – dies erfolgt jeweils zu einem Drittel in der Inneren Medizin, der Chirurgie und einem Wahlfach. Nach Abschluss des PJ ist der dritte Abschnitt der Ärztlichen Prüfung zu absolvieren. Wird diese bestanden, ist das Studium erfolgreich abgeschlossen und die Approbation – also die Erlaubnis, ärztlich tätig werden zu dürfen – kann beantragt werden.

Endlich Arzt?

Mit Erhalt der Approbation darf der Arzt als Arzt tätig werden. Dies wird er im Rahmen der Patientenversorgung in aller Regel in einem Krankenhaus. Die Ausbildung ist mit dem Medizinstudium noch nicht abgeschlossen. Nun folgt die Facharztausbildung. Der junge Arzt muss sich nun also für eine Fachrichtung entscheiden und beginnt dort seine Facharztausbildung. Je nach Fachrichtung dauert diese erneut vier bis sechs Jahre. Allerdings kann und wird der Arzt auch ohne abgeschlossene Facharztausbildung bereits, je nach Ausbildungsstand, selbstständig am Patienten tätig – auch auf einer Intensivstation. Die Leitung einer Intensivstation und Endverantwortung der Therapie obliegt allerdings immer einem Facharzt.

Aber welcher Arzt ist dann nun auf der Intensivstation?

Dies hängt in erster Linie davon ab, um was für eine Intensivstation es sich handelt. Es gibt – insbesondere in größeren Kliniken – spezialisierte oder nur von einer Fachrichtung genutzte Intensivstationen, zum Beispiel eine neurochirurgische Intensivstation oder eine herzchirurgische Intensivstation. Auf der anderen Seite gibt es Intensivstationen, die interdisziplinär – also von mehreren Fachrichtungen – genutzt werden oder auch „teilspezialisierte“, zum Beispiel Intensivstationen, die von allen chirurgischen Fachabteilungen eines Krankenhauses genutzt werden. Ärzte dieser Fachrichtungen sind auf spezialisierten Intensivstation häufig auch dort eingesetzt. Auf einer kardiologischen Intensivstation arbeiten z.B. Fachärzte für Kardiologie und Ärzte in Facharztweiterbildung zum Kardiologen.
Die Intensivmedizin ist jedoch eine Domäne der Anästhesie. Häufig werden Intensivstationen von Anästhesisten geleitet und dementsprechend sind dort Fachärzte für Anästhesie und solche in Facharztweiterbildung anzutreffen. Insbesondere interdisziplinär bzw. nicht komplett spezialisierte Intensivstationen sind in der Regel anästhesiologisch geleitet und auch spezialisierte Intensivstationen holen sich intensivmedizinische Expertise häufig in Form eines Anästhesisten als ärztlichen Leiter der Intensivstation in ihr Team. Nach Beendigung der Facharztausbildung gibt es noch weitere Möglichkeiten der Weiterbildung. Nach mehrjähriger Erfahrung können spezielle Zusatzbezeichnungen – u.a. auch „Intensivmedizin“ – erworben werden.

Und bei der Pflege? Ist das auch so kompliziert?

Ja, teilweise schon. Für eine Tätigkeit in der Intensivpflege ist zunächst eine Ausbildung in der Krankenpflege notwendig. Die offizielle Berufsbezeichnung ist aktuell „Gesundheits- und Krankenpfleger/in“, diese ändert sich allerdings, ab dem Jahr 2023 werden die dann ausgebildeten Pflegekräfte die Berufsbezeichnung „Pflegefachfrau/-mann“ führen.
Diese Ausbildung dauert drei Jahre, bestehend aus 2100 Stunden theoretischer und 2500 Stunden praktischer Ausbildung, und endet mit einer staatlichen Prüfung, nach deren erfolgreichen Bestehens die Erlaubnis zur Führung der genannten Berufsbezeichnung erteilt wird.

Und jetzt ab auf die Intensivstation?

Ja, im Prinzip ist dies möglich. Als Gesundheits- und Krankenpfleger ist es möglich, auf einer Intensivstation zu arbeiten, auch direkt nach der Ausbildung und ohne Berufserfahrung. Die allerdings sehr komplexe Tätigkeit in der Intensivpflege setzt eine häufig mehrmonatige Einarbeitung voraus.
Auch in der Pflege gibt es nach der Ausbildung weitere Möglichkeiten zur Spezialisierung. In so genanten Fachweiterbildungen werden über zwei Jahre zusätzliche Inhalte und Kompetenzen vermittelt. Fachweiterbildungen gibt es für verschiedenen Spezialisierungbereiche, zum Beispiel für die Notfallpflege, also die Tätigkeit in einer Notaufnahme, für Nephrologie und Dialyse für die Tätigkeit in einer Dialyseabteilung oder -praxis und auch für Intensivpflege und Anästhesie. Diese Liste ist nicht abschließend. Die Fachweiterbildung für Intensivpflege und Anästhesie endet erneut mit einer staatlichen Prüfung und dem Erhalt der Erlaubnis zur Führung der Berufsbezeichnung „Fachgesundheits- und Krankenpflege für Intensivpflege und Anästhesie“. Die Zusammenfassung Intensivpflege und Anästhesie belegt ebenfalls das enge Verhältnis von Intensivtherapie und Anästhesie, welches sich auch bereits im ärztlichen Fach Anästhesie zeigt.

Tatsächlich kompliziert!

Recht gut vergleichen lässt sich die Situation in der Pflege mit der in handwerklichen Berufen. Dort gibt es Gesellen und Meister. Dies könnte man auch auf die Intensivpflege projizieren: Die Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger ist die Gesellenausbildung, im Anschluss kann man zur Meisterschule und die Meisterprüfung absolvieren, in der Pflege quasi die Fachweiterbildung.

Beatmungskapazitäten verdoppeln?

Wie beschrieben dauert die ärztliche und pflegerische Aus- und Weiterbildung viele Jahre. Bereits vor der Corona-Krise herrschte auf deutschen Intensivstationen im Allgemeinen und in der Intensivpflege im Besonderen ein massiver Fachkräftemangel. Personal im fünfstelligen Bereich fehlte und fehlt.
Eine so massive Steigerung der Intensiv- und Beatmungskapaziäten, wie eine Verdopplung sie darstellt und wie sie teilweise kolportiert wurde, ist ohne große Abstriche in der Qualifizierung der Personals nicht zu bewerkstelligen. Geringere Qualifikation und auch Personalmangel gehen allerdings mit deutlich schlechterer Versorgungsqualität der Patienten und damit der Prognose einher.
Hinzu kommt, dass in Deutschland das Pflege-Patient-Verhältnis so schlecht wie in wenigen anderen Ländern in Europa ist und die (intensiv)pflegerische Ausbildung der Kolleginnen und Kollegen in vielen Nachbarländern noch umfangreicher ist. Nichtsdestotrotz – und dies zeigen ja auch die Daten der aktuell behandelten Covid-19-Patienten – ist die intensivmedizinische und -pflegerische Versorgung in Deutschland auf einem sehr hohen Niveau. Grundsätzlich Angst vor einer deutschen Intensivstation und vor dem dortigen Personal sollte also niemand haben.

Die anderen nicht vergessen!

Neben Ärztinnen und Ärzten und Pflegenden gehören zu einem Team der Intensivstation natürlich auch noch Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden, Psychologen, Reinigungskräfte, Seelsorger und viele andere Professionen, ohne deren Arbeit Patientinnen und Patienten nicht gesund werden können.

Im nächsten Teil wollen wir uns einem sehr komplexen Thema widmen: der Patientenautonomie. Es gibt einerseits Forderungen, Patientenkollektiven mit schwerer Covid-19-Erkrankung eine intensivmedizinische und -pflegerische Versorgung vorzuenthalten und sie stattdessen „nur“ palliativ zu versorgen, andererseits aber auch Sorgen und Ängste der Patienten vor einer „Übertherapie“. Der Wille des Patienten sollte immer oberste Maxime sein – warum dies aber oftmals gar nicht so einfach ist, darum geht es in Teil fünf.
Gibt es weitere Fragen, die wir klären sollen, oder gibt es Unklarheiten zu bereits thematisierten Dingen? Einfach als Kommentar unter diesen Artikel, wir versuchen dann, Klarheit zu schaffen.

Unser Autor Simon Ilger ist Krankenpfleger und arbeitet seit vielen Jahren auf der Intensivstation.

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4 Kommentare

  1. #1 | intensiv erklärt (3) | Ruhrbarone sagt am 22. April 2020 um 11:35 Uhr

    […] nächsten Teil erklären wir, wer überhaupt auf einer Intensivstation arbeitet und warum es gerade deshalb so […]

  2. #2 | Bochumer sagt am 25. April 2020 um 13:09 Uhr

    Vielen Dank für die. Einblicke

  3. #3 | intensiv erklärt (5) | Ruhrbarone sagt am 27. April 2020 um 14:42 Uhr

    […] Im ersten Teil haben wir erklärt, was ein Beatmungsbett ist und wie ein Beatmungsgerät überhaupt funktioniert. Im zweiten Teil, warum manche Patienten überhaupt künstlich beatmet werden müssen und im dritten Teil ging es nochmal genauer um das schwere Lungenversagen, welches offenbar auch durch Covid-19 ausgelöst werden kann und warum diese Patienten häufig auf dem Bauch liegen. Wer auf einer Intensivstation arbeitet war Thema in Teil vier. […]

  4. #4 | intensiv erklärt (6) | Ruhrbarone sagt am 29. April 2020 um 11:52 Uhr

    […] diese Patienten häufig auf dem Bauch liegen. Wer auf einer Intensivstation arbeitet, war Thema in Teil vier. Teil fünf behandelte das komplexe Thema der […]

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