
Wer die Debatten der letzten zehn bis fünfzehn Jahre verfolgt hat, wird von der im Titel formulierten These zunächst wenig überrascht sein. Die Nähe zwischen bestimmten Formen von Identitätspolitik, kultureller Aneignung und ethnopluralistischen Denkfiguren wurde bereits mehrfach diskutiert. Benjamin Zachariah greift diese Debatte jedoch nicht auf, um sie historisch einzuordnen oder zu differenzieren, sondern um sie radikal zuzuspitzen.
Solche Debatten hatten vor gut zehn Jahren Hochkonjunktur; teilweise finden sie in sich für linksprogressiv haltenden Bubbles weiterhin statt, in der Öffentlichkeit ist das Interesse dagegen zurückgegangen. In solchen Milieus würde man Benjamin Zachariah vielleicht vorwerfen, er wäre ein Token, der nachtritt und an der „weißen Dividende“ teilhaben will, um sich beleidigt selbst zu immunisieren. Ganz weit vom Postkolonialismus ist Benjamin Zachariah auch nicht entfernt: Er ist ein indischer Historiker, der sich vor allem mit Nationalismus, Kolonialismus, Antikolonialismus, Ideengeschichte und Geschichtsschreibung in Südasien beschäftigt. Er studierte Geschichte am Presidency College in Kalkutta und promovierte 1999 am Trinity College Cambridge. Später arbeitete er unter anderem an der University of Sheffield, an der University of Trier und am Einstein Forum.
Das Buch kann man irgendwo zwischen dem Sammelband Probleme des Antirassismus, der sich vertiefend und wissenschaftlich mit antirassistischen und postkolonialen Ideen befasst und stellenweise sogar kritisch-würdigende Momente hat, und Identitti von Mithu Sanyal einordnen, einer Parodie auf das, was im Postkolonialismus als Mainstream galt.
Denn in The Postcolonial Volk wird das, was im Postkolonialismus vorherrschend ist, in einer süffisanten Weise auseinandergenommen, und es wird ebenso gezeigt, wie sich dessen Ideen auch im Mainstream verfangen haben. Das bedeutet jedoch nicht, dass Zachariah bloß provozieren will. Sein eigentliches Anliegen besteht darin, die gemeinsamen Strukturen von postkolonialem und völkischem Denken sichtbar zu machen.
Schon am Titel des ersten Kapitels wird die Ironie des Buches deutlich. Es heißt: How Dare You, Sir! You Must Be a White Man. Die Ironie dient aber nicht dazu, irgendetwas ins Lächerliche zu ziehen, sondern sichtbar zu machen, welche Mechanismen der Postkolonialismus hervorgebracht hat. Dafür entwickelt er zwölf Regeln, die im Postkolonialismus natürlich so nicht aufgestellt wurden, aber inzwischen dort selbstverständlich sind. Sinngemäß lauten sie:
- Das wichtigste universelle Recht ist heute das Recht, beleidigt zu sein.
- Persönliche Angriffe auf den Sprecher ersetzen häufig die Auseinandersetzung mit dem Argument.
- Wissenschaft, Tradition und kulturelle Überlieferung werden je nach Bedarf gegeneinander ausgespielt oder gleichgesetzt.
- Autorität wird gerade dadurch begründet, dass man behauptet, keine Autorität zu besitzen.
- Politische Identitäten definieren sich häufig stärker über ihre Gegner als über positive Inhalte.
- Kategorien wie „Rasse“ oder Geschlecht gelten zugleich als soziale Konstruktionen und als wesentliche Identitätsmerkmale.
- Das Individuum tritt hinter Familie, Gemeinschaft und Kollektiv zurück.
- Vernunft und Aufklärung erscheinen vor allem als Instrumente imperialer Herrschaft.
- Gefühle und Betroffenheit gewinnen gegenüber rationaler Argumentation an Bedeutung.
- Logik und Universalismus werden als spezifisch westliche Denkformen kritisiert.
- Wer die richtige Sprache und die anerkannten Begriffe nicht beherrscht, verliert schnell seine Legitimität.
- Auch Dekonstruktion und Kritik selbst entziehen sich häufig der kritischen Überprüfung.
Dem stellt er die Beobachtung voran, dass in vielen gegenwärtigen Debatten die Legitimität einer Aussage zunehmend von der Identität des Sprechers abhängig gemacht wird. Anhand seiner eigenen Familiengeschichte – einer Mischung aus unterschiedlichen religiösen, ethnischen und sozialen Hintergründen – demonstriert er, wie wenig solche komplexen Biografien in starre Kategorien passen. Die Forderung nach einem „ethnischen Inventar“, also der Offenlegung von Herkunft, Abstammung und Gruppenzugehörigkeit, erscheint ihm als Symptom einer Denkweise, die Menschen wieder primär als Vertreter kollektiver Gemeinschaften betrachtet. Im Postkolonialismus wie in der völkischen Logik gerät Interkulturalität unter Druck, weil Zugehörigkeit und Authentizität gegenüber Vermischung und Mehrfachidentitäten aufgewertet werden.
Die folgenden Kapitel untermauern diese Grundthese aus unterschiedlichen Perspektiven. Zunächst widmet sich Zachariah dem Begriff der Dekolonisierung. Er argumentiert, dass „dekolonisieren“ inzwischen häufig weniger eine analytische Kategorie als ein moralisches Gütesiegel darstelle. Die Vorstellung einer authentischen, durch Kolonialismus beschädigten Kultur, zu der Gesellschaften zurückkehren müssten, führe seiner Ansicht nach zwangsläufig zur Konstruktion kollektiver Identitäten. Am Beispiel des indischen Hindutva-Nationalismus zeigt er, dass dieselbe Sprache von kultureller Wiederherstellung, historischer Verletzung und authentischer Identität auch von rechten Bewegungen verwendet werden kann. Seine Schlussfolgerung lautet, dass Dekolonialität keinen eingebauten Schutz gegen ethnischen Nationalismus besitzt, sondern unter bestimmten Bedingungen sogar ähnliche Denkfiguren hervorbringen kann.
Anschließend wendet sich Zachariah dem Konzept des „Global South“ (Globaler Süden) zu. Hier erkennt er zwar die berechtigte Kritik am Eurozentrismus westlicher Wissenschaft an, kritisiert jedoch die Tendenz, aus gemeinsamen Erfahrungen von Kolonialismus eine politische und moralische Schicksalsgemeinschaft abzuleiten. Aus einer analytischen Kategorie werde so eine Identität, die sich vor allem über die Abgrenzung vom „Westen“ definiere. Der „Global South“ erscheine dadurch als neues kollektives Subjekt, dessen innere Vielfalt zugunsten einer gemeinsamen Opfergeschichte zurücktrete. Für Zachariah ist dies ein weiterer Schritt auf dem Weg zu dem, was er als „Postcolonial Volk“ bezeichnet.
Den historischen Kern seiner Argumentation entwickelt er im vierten Kapitel. Dort untersucht er Intellektuelle und politische Denker, die rückblickend häufig als Vorläufer postkolonialer Kritik dargestellt werden. Anhand von Figuren wie Benoy Kumar Sarkar oder Radhabinod Pal zeigt er, dass einige dieser Persönlichkeiten zugleich nationalistische, völkische oder sogar faschistische Positionen vertraten. Seine These lautet dabei nicht, Postkolonialismus und Faschismus gleichzusetzen, sondern auf gemeinsame Denkfiguren hinzuweisen: kulturelle Authentizität, organische Gemeinschaft, historische Demütigung und die Ablehnung universeller Maßstäbe. Die wiederkehrenden Überschneidungen deutet er als Hinweis darauf, dass beide Traditionen zumindest teilweise auf ähnliche ideengeschichtliche Quellen zurückgreifen.
Im letzten Kapitel verlagert Zachariah die Diskussion in die Gegenwart. Er argumentiert, dass viele der von ihm kritisierten Denkfiguren inzwischen weit über akademische Debatten hinausgewandert seien und heute ebenso von rechten Bewegungen und autoritären Regierungen genutzt würden. Nationale Opfererzählungen, Forderungen nach kultureller Authentizität und die Ablehnung universeller Normen fänden sich seiner Ansicht nach bei sehr unterschiedlichen politischen Akteuren wieder. Daraus zieht er den Schluss, dass die Logik identitätspolitischer Argumentationen nicht auf progressive Bewegungen beschränkt bleibe. Wo politische Legitimität vor allem aus Herkunft, kollektiver Erfahrung und historischer Verletzung abgeleitet werde, entstehe ein Wettbewerb konkurrierender Gemeinschaften, die sich jeweils auf ihre eigene Wahrheit beriefen. Dem setzt Zachariah die Verteidigung eines universalistischen Standpunkts entgegen, der individuelle Rechte und allgemeine Maßstäbe über kulturelle oder ethnische Zugehörigkeiten stellt.
All dies sind harte Aussagen, die aber trotz aller Ironie sachlogisch und nachvollziehbar hergeleitet werden. Besonders deutlich wird dies in seiner Analyse des Hindutva-Nationalismus. Zachariah argumentiert hier nicht einfach, dass rechte Bewegungen postkoloniale Begriffe „missbrauchen“. Vielmehr zeigt er Schritt für Schritt, wie die Vorstellung einer authentischen, durch Fremdherrschaft beschädigten Kultur, die dekolonisiert und zu ihrem ursprünglichen Zustand zurückgeführt werden müsse, sowohl in dekolonialen als auch in nationalistischen Erzählungen vorkommen kann. Daraus leitet er seine These ab, dass bestimmte dekoloniale Denkfiguren keinen eingebauten Schutz gegen ethnischen Nationalismus besitzen.
Der eigentliche Schwachpunkt des Buches liegt jedoch weniger in seinen historischen oder ideengeschichtlichen Herleitungen als in einer Frage, die es weitgehend ausspart: Sind die von Zachariah beschriebenen Entwicklungen tatsächlich eine Konsequenz postkolonialer Theorie, oder handelt es sich um spätere politische Umdeutungen und Vereinfachungen? Gerade die Frage nach dem Verhältnis zwischen den klassischen Autoren des Feldes und seinen heutigen identitätspolitischen Ausprägungen bleibt unbeantwortet. Wer hier eine tiefergehende Auseinandersetzung erwartet, wird sie nicht finden.
Die übrigen Kritikpunkte fallen dagegen deutlich geringer aus. So geht das Buch stellenweise sehr kleinschrittig vor und verlangt dem Leser Aufmerksamkeit sowie die Bereitschaft zum Mitdenken ab. Wer eine reine Polemik oder eine schnelle Abrechnung mit dem Postkolonialismus erwartet, dürfte sogar enttäuscht werden. Zwar ist Zachariahs Stil ironisch, bissig und provokant, seine Argumente entwickelt er jedoch meist über längere historische und ideengeschichtliche Herleitungen. Hinzu kommt, dass die Lektüre durchaus gute Englischkenntnisse voraussetzt, da Zachariah sprachlich anspruchsvoll schreibt und seine Ironie nicht selten zwischen den Zeilen transportiert.
In diesen Kritikpunkten zeigen sich gleichzeitig die Stärken des Buches: Denn es ist scharf beobachtend, und der ironische und gleichzeitig herausfordernde Stil ist eine Freude zu lesen für all jene, die sich darauf einlassen wollen. Nur das Problem mit den erforderlichen Englischkenntnissen bleibt. Aus diesem Grund bleibt nur zu hoffen, dass eine Übersetzung ins Deutsche folgen wird, die dieses überzeugende Werk mehr als verdient hat.
Benjamin Zachariah:
The Postcolonial Volk
24,- Euro