Shoah-Gedenken zwischen Schuldabwehr und anderen Herausforderungen

Gefälschter Pass: „Halina Woranowicz“ (Chaika Grossmann) Foto: Polish photographer, identity unknown Lizenz: Gemeinfrei


Ob es eine wirklich wirksame „Aufarbeitung“ des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik jemals gegeben hat, könnte als fraglich erscheinen. Die verstörenden Bilder auf deutschen Straßen nach dem über Jahre vorbereiteten Hamas-Pogrom am 7. Oktober 2023 sprechen nicht dafür. Die Kölnische Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit hat eine Broschüre zu dem Thema erstellt, die auch online abrufbar ist. 

Nach einer lesenswerten Einführung folgt ein Interview mit dem Historiker Volker Weiß. Volker Weiß ist der wohl profilierteste Forscher und Publizist der Bundesrepublik zum Thema Rechtsradikalismus, völkische Rechte und Leugnung der Shoah-Verbrechen.

Weiß zeichnet die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen rund um die Erinnerungspolitik seit dem Ende des Nationalsozialismus nach, geht auf die Strategien der extremen Rechten ein und beschreibt die Rolle des Antisemitismus. Im Anschluss folgt eine Methodenbeschreibung zum eigenständigen Einsatz der Broschüre in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit durch Multiplikatoren. Psychische Dynamiken der Abwehr von Schuldgefühlen sowie einer angemessenen Erinnerungskultur werden beschrieben. Folge ist die Entstehung des sekundären Antisemitismus.

Die Ausladung der Schriftstellerin Mirna Funk ausgerechnet durch die Kölner Comedia Colonia vor wenigen Tagen ist ein besonders bestürzendes Beispiel für solche radikale deutsche Erinnerungsverweigerung, Leugnung des Hamas-Pogroms vom 7.10., systematische Ausgrenzung der Erfahrungen und Lebenssituation von deutschen Juden und triumphierendem „linken“ deutschen Antisemitismus. Comedia Colonia: Shame on you!

Jo Ojan beschreibt in einem weiteren Beitrag kritikwürdige Erscheinungsformen der derzeitigen Erinnerungskultur. Jüdische Stimmen werden bis heute – und nach dem Hamas-Pogrom in noch stärkerer Weise – gesellschaftlich und kulturelle ausgeblendet – insbesondere im Kulturbereich. Es folgen, ausgehend von einer Film-Dokumentation, Beschreibungen einer Methode zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit jüdischem Widerstand.

Den Abschluss bilden sechs von Roland Kaufhold verfasste Einzelfallstudien und Kurzbiografien über Juden und Jüdinnen, die in sehr konkreter Weise, unter Lebensgefahr, Widerstand gegen den nationalsozialistischen Terror geleistet haben. Längere Versionen dieser Einzelfallstudien waren auch auf haGalil erschienen. Von Roland Kaufhold portraitiert werden die WiderständlerInnen Chaika Grossman (1919-1996)Edith Jacobson (1897-1978)Marcel Nadjari (1917 – 1971), Salmen Gradowski (1908/1910 –1944)Zivia Lubetkin (1914 – 1978) sowie Emanuel Ringelblum (1900 – 1944).

Weitere bedeutende jüdische Widerständlerinnen, die in der Widerstandsreihe der Kölnischen Gesellschaft sowie von haGalil in den letzten Jahren erinnert, aber wegen des begrenzten Platzes nicht mit in die Broschüre aufgenommen werden konnten waren Frumka PlotnickaHanna Lévy-HassEsther „Mara“ OvadiaRachel AuerbachAnna Heilman (Wajcblum)Lejb LangfußSalmen LewenthalHerman Strasvogel und der Psychoanalytiker, Widerständler und Überlebende Ernst Federn (26.8.1914 – 24.6.2007).

Eine dichte literarische Zusammenführung dieser Heldinnen des jüdischen Widerstandes findet sich in dem Buch „Schwestern, Vergeltung!“ von Judy Batailion.

Zum Download der Broschüre:
https://www.koelnische-gesellschaft.de/wp-content/uploads/broschuere-202512-Erinnerungskultur.pdf

 

Der Text erschien in ähnlicher Form bereits auf Hagalil

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