Kriegsenkel: Die deutsche Lust, Opfer zu sein

Der Autor Anfang der 70er Jahre. Das einzige traumatisierende, was die „Kriegsenkel“-Generation erlebt hat, waren Friseurbesuche.

Eigentlich ist die Geschichte ziemlich einfach: Wer während der Nazi-Zeit und dem Krieg von den Deutschen nicht im Widerstand war oder wie  deutsche Juden oder Roma oder andere Minderheiten verfolgt wurde, gehört zu den deutschen Tätern. Entweder durch aktives Handeln oder durch passives geschehen lassen. Auch wer nicht selbst zum Mörder wurde, sich aber nicht wehrte, profitierte vom NS-Regime, erhielt vielleicht geraubte Möbel oder Lebensmittel aus den geplünderten und  besetzen Ländern. Kind solcher Täter zu sein war sicher nicht immer einfach, das Leben ist nun mal kein Ponyhof, aber zum Opfer wurde man dadurch noch lange nicht. Opfer, das waren die Menschen, die in den Konzentrationslagern ermordet wurden, deren Städte von den Deutschen und ihren Verbündeten geplündert wurden und die Soldaten und Partisanen, die im Kampf gegen die Wehrmacht fielen.

Diese eher schlichte Erkenntnis ist für viele Deutsche schwer zu ertragen – und das offenbar über die Generationen hinweg. Mittlerweile gibt es Selbsthilfegruppen für die Generation der Kriegsenkel, also jener Generation, die zwischen 1960 – 1975 geboren wurde. Ich, Jahrgang 1964, gehöre selbst zu dieser Generation und lese auf der Seite der Dortmunder Kriegsenkel-Selbsthilfegruppe erstaunliches:

Über Jahrzehnte wurden und werden familiäre Verstrickungen während der Zeit des Nationalsozialismus tabuisiert und über Kriegserlebnisse geschwiegen. Ein ganzes Kapitel deutscher Familiengeschichte wurde somit auf Jahrzehnte verdrängt. Nicht selten leidet die Kriegsenkel-Generation dadurch an immer wiederkehrenden Blockaden, diffusen Ängsten, dem Gefühl der Heimatlosigkeit, bleiernen Schuldgefühlen oder depressiven Verstimmungen, ohne sich erklären zu können, wo die Probleme ihren Ursprung haben können.

Diejenigen, die unter den Folgen der Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges leiden, sind nicht die Kinder und schon gar nicht die Enkel der Täter. Wer keine Verwandtschaft hat, keine Großeltern und Tanten, weil die im KZ ermordet wurden, hat einen guten Grund zu leiden und zu trauern. Diejenigen, deren Großeltern ab und ab verstimmt waren, weil das Rittergut im Osten verloren ging, ein Verwandte beim Versuch Polen und Franzosen zu massakrieren starb oder es mit der großen Karriere unter den Nazis nichts wurde, haben sich schlicht mit der Geschichte auseinander zu setzen – der Deutschlands und der ihrer Familie. Wer versucht, dies zu psychologisieren, ist dabei, sich zum Opfer zu stilisieren, was schlicht mindestens eine Unverschämtheit gegenüber den Nachkommen der wirklichen Opfer ist. Und wenn in den Familien geschwiegen wurde, hat man gegen dieses  Schweigen anzugehen – so wie es meine Mutter und später ich gegenüber ihrem Nazi-Vater, meinem Großvater mütterlicherseits, tat. Bei meinem Opa väterlicherseits stellte sich die Frage für mich persönlich nicht: Zum einen war er tot, bevor ich geboren wurde, zum anderen war er kretischer Partisan im Krieg gegen die Deutschen.

Die „Kriegsenkel“ gehören nicht zu einer traumatisierten Generation. Sie haben den Krieg nicht erlebt und profitierten vom Großmut der Alliierten, die es Deutschland ermöglichten, sich nach dem Krieg zu einem freien und sehr wohlhabenden Land zu entwickeln- zumindest im Westen. Da kann man auch mal „Danke“ sagen, denn es gab nicht das geringste Recht auf diese Entwicklung Deutschlands nach den Verbrechen der Nazizeit. Und alles weitere zum Thema deutsche Opfer hat Egotronic schon gesagt:

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28 Kommentare

  1. #1 | Sebastian Bartoschek sagt am 17. Januar 2017 um 08:55 Uhr

    Der Wunsch zu den Opfern, den Kranken, den Traumatisierten zu gehören, scheint immer größer in unserer Gesellschaft zu werden. Ich höre von Menschen, die durch Twitter eine PTBS haben wollen und ähnlichem. Ich verstehe den Wunsch, Opfer zu sein, als Wunsch nach Zuneigung. Der Wunsch ist richtig. Der Weg ist falsch und entwertet das Leid echter Opfer.

  2. #2 | Alex sagt am 17. Januar 2017 um 11:57 Uhr

    Wow, es gehört schon eine Begabung zur selektiven Wahrnehmung dazu, wenn man in der Lage ist, das Leid der gesamten Bevölkerung eines Landes im Krieg zu ignorieren. Kriege traumatisieren, das kann man weder wegdiskutieren noch relativieren. Millionen von Menschen haben einen großen Teil ihrer Kindheit in ständiger Angst verbracht, entweder vor den Bomben oder vor den Nazis, viele vor beidem. Es gibt keine echten und falschen Opfer, nur Menschen, die mit den in dem Zitat der Selbsthilfegruppe treffend beschriebenen Problemen belastet sind und dafür Hilfe benötigen. Und zu den "Tätern", die durch ihre Passivität die NS-Zeit ermöglicht haben: Es lässt sich prima vom Sessel aus darüber herziehen, aber was hätten Sie getan, als kleiner Arbeiter mit Familie? Viele haben versucht etwas zu tun und mit ihrem Leben und oft genug dem ihrer Familie dafür bezahlt. Geändert haben sie nichts. Wie borniert muß man sein, allen anderen ein Recht auf Leid und selbst ihren Nachfahren ein REcht auf Klärungsbedarf abzusprechen? Sippenhaft anyone?

  3. #3 | Stefan Laurin sagt am 17. Januar 2017 um 12:19 Uhr

    @Alex: ich weiß nicht, was ich getan hätte, Aber ich weiß, was ich als Kriegsenkel tue: Ich heul nicht rum.

  4. #4 | Oliver sagt am 17. Januar 2017 um 13:34 Uhr

    Verstehe ich da was falsch? Die Selbsthilfegrupe will doch offenbar tabuisierte und totgeschwiegene Verstrickungen zutage bringen, genau das ist doch notwendig, um aus dem von den betont Nichtrechtsaber immer wieder begreinten, nichtsdestotrotz diffusen, entpersonalisierten Schuldkult rauszukommen?

  5. #5 | Arnold Voss sagt am 17. Januar 2017 um 15:27 Uhr

    Was ist eigentlich mit den Leiden der Kriegsurenkel und -ururenkel? An wen kann man sich da wenden?

  6. #6 | Norbert Krambrich sagt am 17. Januar 2017 um 17:50 Uhr

    #2 Dieselben Millionen von Menschen, die stolz bei den flink wie Dünnpfiff, flott denunzierenden Jungpimpfen herumlungernden oder beim Bund deutscher Milchkühe vom strammen heldenhaften SS- Jüngling träumten? Danke an Stefan Laurin für seine deutlichen und klaren Worte .

  7. #7 | Hajo Steinsiek sagt am 17. Januar 2017 um 18:03 Uhr

    ich empfinde das als etwas arrogant und überheblich. Wer seinen Großvater nicht kennenlernen konnte, oder einmal ein Gespräch hatte mit Frauen, die auf dem Treck Vergewaltigungserfahrungen machen mussten, dem geht das nicht aus dem Sinn. Dem Autor fehlt meines Erachtens einfach die Konfrontation mit dieser Gruppe, ob man sie Opfer nennt, oder auch nicht. Es geht um Menschen mit Leiderfahrung, die sich nicht auch schon dadurch relativiert, dass es deutsche Verbrechen in unvorstellbarem Ausmaß gab.

  8. #8 | Nazienkel sagt am 17. Januar 2017 um 20:39 Uhr

    Hmm. Selbstverständlich können auch Täterfamilien traumatisiert sein, selbst Täter. Und selbstverständlich würde und wird da viel totgeschwiegen.

    Der Beispieltext ist allerdings schon ein übles Rumgeopfere.

    Der Titel des Textes erinnert mich leider an ein Komservativen liebes Buch mit dem Titel "Die Lust an der Schuld'.

  9. #9 | Arnold Voss sagt am 17. Januar 2017 um 21:31 Uhr

    Warum kann ich mich in meiner Jugend an keinen traumatisierten Täter erinnern, Leute? Vielleicht weil fast alle statt traumatisiert wieder in Amt und Würden waren? Und der Rest, statt traumatsiert zu sein, darüber lamentiert hat, wie man den Krieg doch noch hätte gewinnen können?

  10. #10 | Klaus Lohmann sagt am 17. Januar 2017 um 22:12 Uhr

    Stichwort posttraumatische Belastungsstörung… Seit bestimmte Therapiearten in dieser Goldgrube für Psychoanalytiker Anfang 2015 von der Krankenkasse übernommen werden, wird wohl aus jedem "abnormen" Augenzucken nun ein "Gesprächsangebot" gemacht.

  11. #11 | Astrid Becker sagt am 18. Januar 2017 um 01:17 Uhr

    Meine Mutter ist kriegstraumatisiert. Schon mit Diagnose während des II. WKs durch Psychiater.
    Ich, Jg. 73, habe das ganze Trauma mitbekommen. Es ist nicht lustig.
    Es zeigt, wie lange und weit Traumata reichen.
    Mein Kind, Jg. 96, hat davon auch noch genügend zu spüren bekommen.
    Auch nicht lustig.

  12. #12 | Davbub sagt am 18. Januar 2017 um 13:33 Uhr

    @#6: "Dieselben Millionen von Menschen, die stolz bei den flink wie Dünnpfiff, flott denunzierenden Jungpimpfen herumlungernden oder beim Bund deutscher Milchkühe vom strammen heldenhaften SS- Jüngling träumten?"
    Geht es nicht sprachlich und inhaltlich noch billiger?
    Meine Mutter, Jg. 1935, wurde ausgebombt, evakuiert, mißhandelt, zur Kinderarbeit gezwungen und mußte gleichzeitig miterleben, wie ihre Nazi-Onkel nach dem Krieg in den Erinnerungen an die gute, alte Zeit schwelgten. Sie leidet noch heute unter dem damals erlebten. Als ich mit ihr ein Museum besuchte, in dem die Geräusche der Bomber im Sturzflug abgespielt wurden, verlor sie jegliche Farbe & Facon ; wir mußten das Gebäude verlassen, es dauerte Stunden, bis sie wieder halbwegs hergestellt war.Es ist ja schön ,daß Sie und Ihre Vorfahren offensichtlich den deutschen Widerstand angeführt haben. Dies von Kindern zu verlangen, ist dann doch eben nur billig.

  13. #13 | Angelika sagt am 18. Januar 2017 um 13:52 Uhr

    Ein Hinweis auf den "…israelischen Psychologen und Holocaust-Forscher Dan Bar-On..Dieser interviewte Kinder von Nazi-Tätern für sein Buch "Die Last des Schweigens". Als Dan Bar-On 1992 den Gesprächskreis "To reflect and trust" ins Leben rief, eine Gruppe von Kindern sowohl von Tätern wie auch von Opfern,…"

    http://www.deutschlandfunk.de/ns-zeit-das-erbe-der-nazis.724.de.html?dram%3Aarticle_id=288608

  14. #14 | Arnold Voss sagt am 18. Januar 2017 um 13:53 Uhr

    @ Davbub # 12

    Das ist es ja, Davbub. Die deutschen Täter waren in der Regel nicht traumatisiert. Das die deutsche Bevölkerung teilweise traumatisiert wurde, als der Krieg auch zu ihr kam, liegt in der Graumsamkeit jeden und speziell dieses Krieges. Aber dieselbe deutsche Bevölkerung hat das bei den "Feindvölkern" ohne Probleme in kauf genommen. Auch die Deutschen, die am Ende selbst traumatisiert waren. Auch dort wo die deutsche Bevölkerung am Ende vertrieben, geknechtet und weiblicherseits massenhaft vergewaltigt wurd, hat man in der Mehrzahl gejubelt, als die eigenen Truppe noch siegreich waren und das gleiche mit anderen taten.

    Das ändert nichts an den Qualen aller, d.h. auch der deutschen Kriegsopfer. Aber wer die Begeisterung auch vieler Frauen für Hitlers Vernichtungskriege entweder selbst miterlebt hat oder in Dokumentarfilmen gesehen hat, dessen Mitleid hält sich aus nachvollziehbaren Gründen selbst gegenüber denen in Grenzen, die in der eigenen Familie davon betroffen waren. Was sie natürlich nicht daran hindern soll, bzw.gehindert haben sollte, ihrer Mutter das Mitgefühl und die Hilfe zu geben, die sie, wie jeder Leidende, verdient (hat). Im Gegenteil. Denn sie war ja noch ein Kind als das alles geschah.

  15. #15 | Arnold Voss sagt am 18. Januar 2017 um 14:23 Uhr

    @ Astrid Becker # 11

    Nirgendswo im Artikel steht, dass das lustig ist. Aber ihre Mutter konnte immerhin zu einem Psychiater. Zigtausende in den von Deutschern eroberten Gebiete bekamen nie die Gelegenheit dazu.Und schon garnicht von ihren Besetzern.

  16. #16 | Davbub sagt am 18. Januar 2017 um 16:45 Uhr

    @ 14: Das habe ich ja auch alles nicht in Frage gestellt. Aber weder der Ton noch der Inhalt in # 6 sind dem Thema angemessen.

  17. #17 | Andreas Hofmann sagt am 20. Februar 2017 um 13:28 Uhr

    Was für ein unqualifizierter, deutschfeindlich populistischer Dreck, den der Autor hier verzapft. Sie haben keine Ahnung! Leider macht es das Internet möglich, das eine schier unbegrenzte Zahl von unqualifizierten Schreiberlingen, die sich selbst "Journalist" getauft hat, in unglaublicher Geschwindigkeit, einen unglaublichen Blödsinn, unglaublich weit verbreiten kann. Meine Mutter war sechs als der Krieg begonnen hat und demnach zwölf als er, glücklicherweise, zu Ende ging. Sie hat Bombennächte und Todesangst erlebt, Hunger und Russen, die sich keinen Deut besser benommen haben als irgendwelche wild gewordenen Nazischergen. Sie hat davon erzählt, detailliert und nicht nur einmal. Mein Vater wurde mit siebzehn Jahren Wehrmachtssoldat, nicht freiwillig, doch "verblendet" und hat die Verblendung bereut, bitter. Er hat in den Ardennen gekämpft ….furchtbar und fürchterlich. Er hat es erzählt, nicht alles. Meine Eltern sind Opfer dieser Nazischeisse geworden. Danach Flucht aus der verdammten DDR, einer roten und genauso menschenverachtenden Diktatur, die am Ende des Tages auch nur ein Ergebnis dieser elenden Nazischeisse gewesen ist, Es gab keine Gaskammern, aber Stasiverhöre, 1952 …haben meine Eltern auch, detailliert, erzählt. War kein Vergnügen von den Schergen der Arbeiter- und Bauernklasse zerlegt zu werden. Meine Schwester, Jahrgang 1957, und ich, Jahrgang 1966, wir sind heute noch nicht "ganz". Was erdreisdet sich dieser billige Schreiberling ein solches Pauschalurteil zu fällen. Die Leiden und das Elend der "Opfer" nicht geschmälert, es ist klar das die Generation vor den Kriegsenkeln in weiten Teilen auch eine Tätergeneration aber eben auch eine Opfergeneration gewesen ist, missbraucht und instrumentalisiert. Die Täter waren "Nazis" und nicht "Deutsche" deren einziger Fehler es war als Kind deutscher Eltern auf die Welt gekommen zu sein. Was Propaganda leisten kann sieht man jeden Tag aufs neue bei Facebook, Twitter und Co. Das war damals nicht weniger perfide als es heute ist. Schämen Sie sich für Ihre Pauschalverurteilung und die üblen Kommentatoren für Ihre unsägliche Wortwahl. Dann soll man für Ihre Käseseite hier auch noch spenden ..einen größeren Blödsinn habe ich selten gesehen. Und ich habe schon viel gesehen. Sind wir alle froh in einem Land und in einer Zeit zu Leben in dem solcher Blödsinn ungestraft verzapft werden darf. So, und jetzt bitte löschen, meinen Kommentar, weil nicht kompatibel. Danke.

  18. #18 | Langsamdenker sagt am 20. Februar 2017 um 18:10 Uhr

    Schade, Herr Hofmann
    Wären Sie etwas freundlicher aufgetreten, vielleicht hätte sich eine Auseinandersetzung mit Ihrem Kommentar gelohnt. Also inhaltlich.
    Aber Ihr "Rumgeschreie" ist unbefriedigend.

  19. #19 | Walter Stach sagt am 20. Februar 2017 um 18:33 Uhr

    Seit 1945 bis auf den heutigen Tag…………..
    Immer wieder und regelmäßig mit sattsam bekannten Argumenten reagieren Menschen in Deutschland -deutsche Staatsangehörige, "deutschstämmige"- höchst allergisch, höchst emotional, wenn auf die Kriegsschuld Deutschlands (II.Weltkrieg), auf die Kriegsverbrechen "der" deutschen Wehrmacht, auf den sorgfältig geplanten und industriell umgesetzten Massenmord names des deutschen Volkes durch das Nazi Regime an Juden, an………hingewiesen bzw. wennan diese eirnnert wird.
    Das geschah seit dem 85. l945 und geschieht bis heute, wenn diese Verbrechen z.B.von Historiker aufgearbeitet und publiziert werden, wenn an sie zu diversen Jahrestagen oder durch ein Mahnmal -sh. z.B..Höcke und das Mahnmal in Berlin -erinnert wird, wenn die Verbrechen filmisch aufgearbeitet werden und das geschieht regelmäßig -auch- durch deren Relativierung!!

    Das geschieht ebenso regelmäßig dann, wenn jemand , z.B. als sog. Kriegsenkel -subjektiv , also so wie von ihm empfunden, aus welchem Anlaß auch immer- sich mit diesen Verbrechen auseinanderzusetzen versucht. Und wenn er das in einer Gruppe gleichempfindender Menschen macht? Was spricht denn dagegen? Und wenn diese von Deutschen und im Namen des deutschen Volkes begangene Verbrechen bei "Enkeln dieser Deutschen" zu einem Traumata führen, dann kann sich für mich nicht die Frage stellen nach "dem Recht" nach "der Richtigkeit" , einer solche Empfindungen und nach der Berechtigung zu ihrer Bekundungen. Ich erkenne nicht, was mich dazu legitimieren könnte.
    Respekt ist angesagt, sonst nichts..

    Wenn ich -Jahrgang 1938- mich dieser von Deutschen und im Namen des deutschen Volkes begangener Verbrechen bis auf den heutigen Tag und vermutlich bis zum Lebensende- schäme, wenn ich unverändert bis auf den heutigen Tag emotional tiefergriffen bin, wenn ich z.B. in filmschen Dokumentationen die Leichenberge anläßlich der Befreiung von Konzentrationslagern vorgeführt bekomme, wenn ich zu sehen bekomme, wie Wehrmachtsangehörige hunderte Zivilisten an von diesen ausgehobenen Gruben erschießen, wenn ich anhand literarisch aufgearbeiteter Einzelschicksale erfahren muß, wozu "Deutsche" gegenüber anderen Deutschen -jüdischen z.B.- fähig waren und mich das emotional sehr mitnimmt, dann ist das so. Und das ich bei entsprechenden Gelegenheiten in Wort und Schrift diese meine Empfindungen wiederzugeben versuche, entspricht meinem Wesen, meinem Charakter, meiner Fähigkeit dazu.

    "Richtig oder falsch"? Das ist doch nicht die Frage!
    Respekt erwarte ich; oftmals vergebens.
    Stattdessen…………
    Und über das Warum, über das Wie dieses "Stattdessen" der Neo-Nazis, der Höckes u.Co, der sog. völkischen Nationalisten ist nachzudenken und zu diskutieren; ich bemühe mich darum -mit Gleichgesinnten-.

    PS
    1.
    Bin ich traumatisiert angesichts der umschriebenen Verbrechen und meines subjektiven Umganges mit ihnen?
    Leide ich unter einer tiefgehenden seelischen Erschütterung ihretwegen, die bei mir einen Komplex bewirkt hat?
    Das weiß ich nicht. Ich glaube es jedenfalls nicht.
    Dass mein subjektives Empfinden angesichts der hier in Rede stehenden Verbrechen nicht nur meine Persönlichkeit mitgeprägt hat, sondern auch mein soziales, kulturelles, politisches Verhalten, scheint mir relativ sicher zu sein.

    2.
    Wenn ich heute in Deutschland deutsche Bürger auf die Existenz des wichtigsten Postulates in ihrer (!!) Verfassung hinweise, nämlich auf Art.1(1) GG : "Die Würde des Menschen ist unantastbar", dann registriere ich regelmäßig Unwissenheit ob dieses Postualtes. Wenn ich dann darauf hinweise,daß dort nicht von der Würde der Deutschen, der Europäer, der Christen , der….die Rede ist, sondern daß es um die Würde eines j e d e n Menschen geht, führt das zu gewaltigen Irritationen und diese steigern sich, wenn ich mich daran machen zu fragen, welcher Mythos dem zugrunde liegen könnte , welche Vorstellung vom Wesen eines jeden Menschen? Und häufig empfinden Menschen es als Provokation, wenn ich daran anknüpfend die Frage stellen, welche Konsequenzen es haben könnte, es denkbar sogar haben sollte, wenn jeder Einzelne, wenn die Gesellschaft, wenn der Staat sich in ihrem alltägliche Tun oder Lassen an diesem Postualat orientieren würden.

    Kurzum:
    Solche Diskurse -meistens ausgerichtet an konkreten Problemen in Gesellschaft und Staat, z.B. bezogen auf geflüchtete Menschen ("…mit einer unantastbaren Würde..") lassen mich regelmäßig mit der Frage zurück, ob die Menschen mehrheitlich heute " in ihrem Innersten" so ganz anders sind als z.B. diejenigen, die die NS-Herrschaft wollten, die sich ihr bedingungslos verpflchtet fühlten, die die NS-Verbrechen gedultet haben, die aktiv an ihnen beteiligt waren, die versuch haben, sie zu verharmlosen, sie zu relativieren. Sind "wir" heute in unserem Innersten nicht gleich den Menschen in der vorangegangen Generation ?
    "Gefährlich ist's, den Leu zu wecken…………
    doch der schrecklichste der Schrecken ist der Mensch in seinem Wahn"-
    Gibt es gute Gründe , an dieser schillerschen Wahrnehmung heutzutage deshalb zu zweifeln, z.B. bezogen auf die Menschen in Deutschland, weil sie "anders " sein könnten als ihre Ahnen aufgrund der Menschheitskatastrophe des NS-Regimes? Nein, so meine ich nicht. Die Menschen sind geblieben was sie immer waren und ihrem Wahn sind und bleiben sie der schreckliste der Schrecken.
    Das Eis, geformt durch die Normen der deutschen Staatsverfassung, auf dem sich die
    Gesellschaft in Deutschland bewegt, erscheint mir als ein sehr, sehr dünnes und jederzeit zerbrechliches.

    Auch deshalb, so meine ich, wäre ein respektvoller Umgang miteinander vor allem dann angesagt, wenn wieder einmal, hier an einem konkreten Beispiel, über die menschenverachtende Schreckensherrschaft d.d. NS-Regime, über eine diesbezügliche Schuld, Unschuld, Verantwortung, Mitverantwortung "der" Deutschen diskutiert wird bzw, darüber, daß sich Menschen der sog. Enkelgenration traumatisiert fühlen und dieses öffentlich kundtun- -warum und wie auch immer-.

  20. #20 | Arnold Voss sagt am 20. Februar 2017 um 19:19 Uhr

    @ Andreas Hoffmann #17
    Lieber Herr Hoffmann, ihre Empörung in Ehren, aber warum sind sie nicht einfach froh, dass sie sich heute so aufregen können. Hätte ihre Mutter, wie Zehntausende andere Menschen , die zu Beginn des zweiten Weltkrieges auch 6 Jahre alt waren, das Ende des Krieges auf Grund der Gräueltaten deutscher Soldaten nicht erleben dürfen, dann wären sie nie geboren worden.

    Ihre Eltern haben gelitten, aber sie hatten Glück im Verhältnis zu denen, die lieber gelitten, aber dafür zumindest überlebt hätten, als zu krepieren. Die auch noch gerne zwei Kinder in die Welt gesetzt hätten, um sich an ihnen zu erfreuen. Sie Herr Hoffmann, mögen sich immer noch nicht "ganz" fühlen. Aber sie leben und fühlen immerhin und ihre Eltern haben das nach dem Krieg auch getan, so schlimm es danach auch für sie war.

  21. #21 | thomas weigle sagt am 21. Februar 2017 um 02:06 Uhr

    Die Mehrheit der Deutschen waren keine Täter in den 1000 Jahren, aber sie wurden durch das Hinnehmen der Taten der Täter zu Komplizen der Täter. Komplizen gehen, wenn erwischt und überführt, nun mal nicht straffrei aus. Vor dem Entsetzen der Bombennächte und dem Leid auf den Flüchtlingstrecks waren nun mal der Raubkrieg und der Massenmord an zu LEBENSUNWERT erklärten Millionen Menschen im Reich und den eroberten Gebieten.

  22. #22 | Walter Stach sagt am 21. Februar 2017 um 12:56 Uhr

    ThomasWeigle,
    so ist es.
    Ergänzend dazu, obwohl trivial -jedenfalls für mich:

    ThomasWeigle,
    Dass "man" historische Ereignisse ob ihrer Ursachen, ob ihrer Folgen, ob ihrer gegenseitigen Bedingtheiten, ob der daraus möglicherweise zu gewinnenden Erkenntnisse für Gegenwart und Zukunft vergleicht, ist das Eine, das selbstverständliche.

    M.E. etwas ganz Anderes ist es, wenn es um die menschliche Emotion des Leidens, des Mitleidens geht. Mir entzieht sie sich jedenfalls jeder rationalen Vergleichsbetrachtung.

    Das Leiden, das Mitleiden mit den durch Bombenangriffe getöteten Menschen -in Dresden, in London, in Vietnam, in Aleppo-, das Leiden, das Mitleiden mit Not und Elend geflüchteter bzw. vertriebener Menschen -aus den sog.deutschen Ostgebieten gen Westen, aus Syrien nach Deutschland, aus….-
    Ich frage mich, ob ein vernünftiger Mensch sich "allen Ernstes" fragen kann, ob "man" rational begründen, rational erklären sollte, daß das jeweilige Leiden, das jeweilige Mitleiden in dem einen Fall berechtigt, in dem anderen aber unberechtigt ist oder ob man rational über das "richtige Maß" des Leidens, des Mitleidens befinden könnte, befinden sollte, befinden darf.
    Jeder hat sein ganz individuelles Leid-/Mitleidempfinden -im Ob und im Wie. Und das entzieht sich einer Wertung/Bewertung durch Mitmenschen, z.B. in einer Disk. hier bei den Ruhrbaronen, erst recht einer Wertung/Bewertung durch Institutionen der Gesellschaft.

  23. #23 | thomas weigle sagt am 21. Februar 2017 um 18:32 Uhr

    @ Walter Stach Das schreckliche Elend auf den Flüchtlingstrecks v.a. aus Ostpreußen bei gruseligen Tiefsttemperaturen hatte auch damit zu tun, dass die Nazis jegliches Trekken Richtung Westen lange verboten hatten, obwohl man wusste, dass die Rote Armee, die im Oktober 44 kleinere Teile Ostpreußens besetzt hatte,durchaus mit der Münze zahlte, mit der SS, Wehrmacht und Polizeitruppen mehr als drei Jahre in den besetzten Gebieten gezahlt hatten. Als dann endlich die Erlaubnis zum Trekken erteilt wurde, war es für unzählige Menschen zu spät. Ein nicht unwesentlicher Teils des Flüchtlingselendes geht also eindeutig auf die Kappe der Nazis, was ja auch gerne verschwiegen oder nur in Halbsätzen erwähnt wird. Und nicht zu vergessen, dass bspw alle Brücken über die Weser und den Rhein(Ausnahme Remagen) von deutschen Truppen zerstört wurden- auf Grund des "Nerobefehls" von Hitler, der ja dem deutschen Volk jede Zukunftsfähigkeit abgesprochen hatte, da sich das östliche Volk, also die Sowjets, als das stärkere erwiesen habe.

  24. #24 | Walter Stach sagt am 21. Februar 2017 um 19:12 Uhr

    ThomasWeigle,
    ja, so war es!
    -Ich erinnere in diesem Sinne an die hitlersche Strategie " verbrannten Erde" und an die kurz vor seinem Ende gemachten Äußerung Hitlers, nach der "die" Deutschen es nicht verdient hatten, als Volk zu überleben.-

    Noch einmal zudem, was mir wichtig war zu sagen -sh.22-abschließend-:

    Ich kann nicht nachvollziehen, daß "man" immer wieder sein eignes Leiden, sein eigenes Mitleiden zu werten und zu gewichteten versucht im Vergleich mit dem Leiden, dem Mitleiden Anderer und sich dabei nicht scheut,darüber zu befinden, ob die Gründe für Leid/Mitleid "hier" gewichtiger sind als "dort".
    Ist das Weinen um die durch das Nazi-Regime getöteten, verwunderten, schwer verletzten Menschen "be-" rechtigter" oder "ge-"rechtfertigter als das Weinen um die durch Bombenangriffe auf deutsche Städte getöteten Menschen oder als das Weinen um Tod, Not und Elend geflüchteter oder vertriebener Menschen und ist es umgekehrt?

    Allein die Tatsache, daß ich meine, eine solche Frage hier stellen zu sollen, stimmt mich nachdenklicih bzw. sie stimmt mich -selbstkritisch- bedenklich.

  25. #25 | Arnold Voss sagt am 21. Februar 2017 um 21:36 Uhr

    Wer jubelt, wenn andere leiden, darf kein Mitleid erwarten, wenn er selber leidet. Wer in den Krieg zieht, um andere zu vernichten, der darf sich nicht wundern, wenn er am Ende selbst vernichtet wird. Für die Deutschen hätte es also noch weitaus schlimmer kommen können, als es gekommen ist. Aber statt es zu begreifen, jammern einige von ihnen heute noch.

  26. #26 | thomas weigle sagt am 22. Februar 2017 um 10:02 Uhr

    Man darf sich auch fragen, was in einem Rotarmisten vorgegangen ist, als er erstmals deutschen Boden betrat. Ganz abgesehen von den Verwüstungen und Massenmorden in seinem Land, die die Deutschen angerichtet und verübt haben, sah er schmucke Dörfer und wohl kultiviertes Land (Ostpreußen war die Kornkammer des Reiches). Er sah Häuser, die sich von den elenden Katen russischer Bauern wie Tag und Nacht unterscheiden. Der musste sich doch zu Recht fragen, wieso Menschen, die so lebten, sein Land besetzten und ausplünderten. Dessen Wut und Nichtverständnis musste doch ungeheuer gewesen sein.

  27. #27 | Frau Schulte sagt am 23. Januar 2022 um 23:44 Uhr

    Sehr geehrter Herr Laurin und Gleichgesinnte,

    leider habe ich diesen Bericht erst jetzt entdeckt.
    Es wäre schön, wenn Sie bei Ihrer Recherche, sofern denn eine stattgefunden hat, und auf die Idee mag man kommen, wenn man Ihren Bericht liest, mal auf uns, http://www.kriegenkel-dortmund.de oder http://www.kriegsenkel.de oder http://www.forumkriegsenkel.de zugekommen wären und das Gespräch gesucht hätten.
    Sicherlich hätten wir Ihnen aufzeigen können, dass ein Transgenerationales Trauma sowie Psychosomatische Beschwerden wissenschaftlich erwiesen sind.

    Auch weiterhin sind Sie eingeladen, ein Gespräch mit uns zu führen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Die Selbsthilfegruppe Kriegsenkelgruppe Dortmund

  28. #28 | Berthold Grabe sagt am 24. Januar 2022 um 16:44 Uhr

    Was viele Traumata verursacht hat war häufiger als man erwarten würde das Schweigen der Täter oder die Unfähigkeit derjenigen die grausames erlebten, auch als Nichttäter, darüber zu reden.
    Das liegt an den Verhaltensstörungen bei Eltern und Großeltern.
    Hinzu kommt eine viel zu pauschales Täterbild in der politischen Bewertung.
    Es war nur eine Minderheit, wenn auch eine große. die tatsächlich zum Täter wurde.
    Es ist nicht anders als bei den nahezu flächendeckenden IM´s der DDR, bei denen die Wenigsten wirklich Täter waren. Hinzu kommt das viele nicht wussten was vor sich ging, in etwa wie es heute auch nicht viele wissen, was nicht auf der ersten Seite der Bildzeitung steht.
    Oder wie bei vielen Querdenkern heute, die nicht glauben können oder wollen , was hinter vorgehaltener Hand berichtet wurde.
    Da sind die Urteile und Schuldzuweisungen schlicht Nonsens, ganz abgesehen davon das "Schuld" immer eine individuelle Kategorie ist, anders als Verantwortung.
    Verantwortung kann, muss aber keine moralische Dimension haben, wohingegen Schuld immer ein moralisches Urteil darstellt.
    Es ist daher unangebracht pauschal von deutscher Schuld zu reden, angemessen ist es von deutscher Verantwortung zu reden.

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