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Marc Hindelang über die NHL: „Teilweise hat man das Gefühl, es ist eine andere Sportart.“

Eishockeyfunktionär und Sportkommentator Marc Hindelang.

Eishockeyfunktionär und Sportkommentator Marc Hindelang. Foto: privat

In Nordamerika begannen nun in der dortigen Eishockeyliga ‚NHL`(National Hockey League) gerade die Playoffs. Nach jeweils schier schon unglaublichen 82 Vorrundenspielen für jedes Team, beginnen damit nun erst endgültig die entscheidenden Wochen beim Kampf um den traditionsreichen ‚Stanley Cup‘, eine der begehrtesten Sporttrophäem der Welt.

Eine prima Gelegenheit also sich darüber mit einem der wohl renommiertesten Eishockeyfachleute in diesem Lande, dem 49-jährigen Marc Hindelang zu unterhalten.

Hindelang verfügt nicht nur über jahrelange Erfahrungen als Sport-Kommentator für diverse TV-Sender, darunter u.a. ‚Sport 1‘ und ‚Sky‘, moderiert in München und Umgebung regelmäßig lokale Radiosendungen, ist  ehrenamtlicher 1. Vorsitzender des Eishockey-Bayernligisten EV Lindau , er ist auch bereits seit dem Jahre 2014 Vizepräsident des ‚Deutschen Eishockey Bundes‘ (DEB).

Ein wahrlich vielseitiger Sportexperte also, den seine Eishockeyleidenschaft schon seit frühester Jugend begleitet.

Mit den Ruhrbarone-Autor Robin Patzwaldt sprach Hindelang nun aber nicht nur über die NHL und seine Wunschvorstellungen für den weiteren Verlauf der dortigen Playoffs. Auch weitere Themen, wie z.B. die aktuelle Lage des deutschen Eishockeys, die auffälligen Schwierigkeiten dieser Sportart hier im Ruhrgebiet, die anstehende Eishockeyweltmeisterschaft in Russland, und sogar der prognostizierte Ausgang der Fußball-Bundesliga wurden im aktuellen Interview mit dem gebürtigen Lindauer gestreift.

Ruhrbarone: Hallo Marc! Toll, dass Du Dir kurz für uns Zeit nimmst! Die Leute kennen dich ja vermutlich in erster Linie und seit Jahren schon als Fußball-und Eishockey-Kommentator. Was verbindet Dich persönlich denn  eigentlich gerade so sehr mit diesen beiden Sportarten? Wie kam es ursprünglich zu deinem Interesse daran?

Hindelang: Da geht es mir im Grunde so wie jedem, der sich für Sport interessiert. Man hat sportbegeisterte Leute in der Familie – in dem Fall zwei Opas, die Leichtathleten und Fußballer waren, einen Onkel der Eishockey gespielt hat und nach Kanada ausgewandert ist und dann geht man als kleiner Junge auf den Bolzplatz und wird Fußballer. Eishockey war aber immer mit dabei.

Ruhrbarone: Du bist ja nicht nur dem deutschen Eishockey sehr verbunden, interessierst dich offenbar auch sehr für die NHL. Dort stehen ja aktuell nun die Playoffs ins Haus. Heute ist die Hauptrunde zu Ende gegangen. Nun starten die Teams in die Play-Offs. Wer ist dabei dein Favorit auf den Stanley Cup 2016?

Hindelang: Ich wünsche mir, dass einer unserer Jungs den Cup holt – das wäre ja mit Philipp Grubauer und Washington realistisch, die sind der große Favorit und es wäre auch mal an der Zeit, auch wegen und für Ovechkin. Der Romantiker in mir tendiert aber zu Christian Ehrhoff im Herbst der Karriere und Chicago. Wäre jedenfalls ein Traumfinale.

Ruhrbarone: Gab es für Dich besonders positive und negative Überraschungen in der diesjährigen NHL-Vorrunde?

Hindelang: Niemand hätte wohl gedacht, dass die 3 gegen 3 Overtime derart einschlagen wird. Die IIHF denkt sogar schon über die Einführung bei der WM nach. Negativ: Kein kanadisches Team erreicht die Playoffs. Das ist schon hart.

Ruhrbarone: Verrätst Du uns auch welches NHL-Team deine persönliche Lieblingsmannschaft ist und wie Du dazu gekommen bist? Gibt es für Dich auch einen oder mehrere Lieblingsspieler dort?

Foto: Sky/Andreas Reiter.

Foto: Sky/Andreas Reiter.

Hindelang: Ich bin ein ganz großer Wayne Gretzky-Fan und habe immer zu den Teams gehalten, wo er gespielt hat, selbst zu St. Louis…. Deshalb bin ich da etwas wechselhaft und verteile meine Sympathien auf mehrere. Das habe ich insbesondere auch jetzt auf die Teams erweitert, bei denen unsere Nationalspieler tätig sind.  Aber zurück zur Frage, gewachsen sind meine Sympathien für Edmonton, Calgary, Detroit, Rangers, Montreal. In der Reihenfolge – auch wenn sich das für Hardcore- Fans nicht unter einen Hut bringen lässt. Lieblingsspieler – siehe oben, Gretzky, weil er das Spieldominiert hat, wie kein anderer: Fasziniert hat mich die ‚Russian Five‘, die ich in Detroit mal live sehen durfte. Und im modernen Eishockey finde ich am erstaunlichsten die Lebensleistung von Jaromir Jagr.

Ruhrbarone: Aktuell spielen ja auch schon seit Jahren dauerhaft so einige Deutsche in der NHL. Wer hat da vielleicht ganz besonders Dein persönliches Interesse auf sich gezogen? Wer von den deutschen Talenten wird wohl als nächstes den Sprung in die NHL schaffen?

Hindelang: Also enttäuscht hat mich keiner, denn unsere Jungs arbeiten so hart für ihr Ziel und haben natürlich auch extrem gute Konkurrenz. Ich verfolge mit sehr viel Freude die Entwicklung von Tobi Rieder, der auch neben dem Eis ein ganz feiner Kerl und ein wichtiger Mann in der Nationalmannschaft geworden ist, und natürlich begeistert mich, was Leon Draisiatl und endlich, nach seinem vielen Verletzungspech, Tom Kühnhackl zeigen. Wer als nächster den Sprung schafft, ist ganz schwer zu sagen. Ich glaube, wir müssen da geduldig sein.

Ruhrbarone: In den Medien wird hierzulande ja häufig fast ausschließlich über die Deutschen im US-Sport berichtet. In der NBA sind das eben Dennis Schröder und Dirk Nowitzki, in der NHL entsprechend in erster Linie Christian Erhoff, Dennis Seidenberg und Leon Draisaitl. In der NHL hat man jedoch den Eindruck, dass die Faszination, ganz im Gegensatz zur NBA, nicht ganz so sehr hier nach Europa überzuspringen scheint. Woran liegt das Deiner Meinung nach?

Hindelang: Schwer zu sagen – aus deutscher Sicht macht es in der Öffentlichkeitswirksamkeit halt schon einen Unterschied, ob ein Spieler unter 20 Mann ein wichtiger Teamspieler ist oder unter weniger Leuten ein Franchise Player. Was Europa sonst betrifft, sehe ich das gerade in den Eishockey- Ländern anders, da nehmen sich NHL und NBA nichts.

Ruhrbarone: Das Deutsche Eishockey in der DEL steht ja von außen betrachtet stets im sportlichen Schatten der NHL. Worin unterscheiden sich beide Ligen aus Deiner Sicht hauptsächlich?

Hindelang: Die NHL ist natürlich ganz anders gewachsen und finanziell um Welten potenter. Grundsätzlich hinkt jeder Vergleich zwischen den beiden Ligen – teilweise hat man das Gefühl, es ist eine andere Sportart. Die mediale Verbreitung der NHL hätte ich gerne für Eishockey in Deutschland. Auf der anderen Seite kann unserer Fankultur niemand das Wasser reichen.

Ruhrbarone: Im Sport wird hierzulande ja häufig über die sich offenbar öffnenden ‚Scheren‘ von ‚Arm‘ und ‚Reich‘ diskutiert. Aktuell ja eben auch sehr im Bereich der Fußball-Bundesliga. Meinst Du in diesem Zusammenhang, das Systeme wie ‚Salary Cap‘ und ‚Draft‘, wie man sie aus dem US-Sport kennt, eine mögliche Lösung für diese Entwicklungen hierzulande sein können?

Hindelang: Natürlich würde ein Salary Cap oder ein Draftsystem in Deutschland weiterhelfen. Allerdings ist das Arbeitsrecht in Europa ein komplett anderes – weshalb so etwas schwer umzusetzen ist. Die Idee, den Wettbewerb ausgeglichen zu halten, hat jedenfalls Charme.

Ruhrbarone: Wir sind ja ein Blog aus dem Ruhrgebiet. Eishockey tut sich hier traditionell offenbar irgendwie besonders schwer. Woran liegt das deiner Meinung nach? Welche Fehler wurden da in der Vergangenheit evtl. gemacht?

Hindelang: Im Ruhrgebiet ist die Dominanz des Fußballs halt noch eine ganz andere Hausnummer, als etwa in Bayern oder im Rheinland. Das wird sich auch nicht ändern. Und doch glaube ich, dass Eishockey eine Nische finden kann. Sicher ist auch jeder Standort verschieden und hängt von potenten Sponsoren ab. Aber wenn man etwas entwickeln will, braucht man erst einmal den Unterbau im Nachwuchs. Es ist das Problem vieler Standorte, dass sie für mehr Geld, als sie dann einnehmen, Mannschaften zusammenstellen und wenn es sportlich nicht läuft vor finanziellen Problemen stehen, anstatt, dass sie das Haus von unten bauen. Hier mehr Anstrengungen unternehmen, dann kann Eishockey überall wachsen.

Ruhrbarone: Aber auch an anderen Standorten tut sich Eishockey in Deutschland wirtschaftlich ja traditionell eher schwer. Woran hapert  es denn grundsätzlich? Warum kann Eishockey insgesamt hierzulande nicht wirklich gesund wachsen, wie es scheint?

Hindelang: Eishockey kann gesund wachsen, wenn man geduldig ist und intensive Aufbauarbeit betreibt. Wenn an den Orten, an denen Eishockey gespielt wird, mehr Kinder dafür begeistert würden, hätten wir nicht nur mehr Spieler, sondern auch mehr Leute, die sich für Eishockey interessieren – nämlich die Familien der Aktiven. Ein Kind, das Eishockey spielt sind mindestens drei Leute, die sich für den Sport interessieren.

Um Eishockey einem noch größeren Publikum zugänglich zu machen braucht man als Zugpferd eine erfolgreiche Nationalmannschaft – aber auch die kann s nur geben, wenn bestens ausgebildete Spieler nachrücken.

Ruhrbarone: Die Nationalmannschaft ist auch ein gutes Stichwort.  In Kürze steht uns ja auch wieder eine Eishockey-WM ins Haus. Was erwartest Du in diesem Jahr von dem Turnier? Wie steht es mit den Chancen der Deutschen Mannschaft um Trainer Marco Sturm?

Hindelang: Rußland wird bei dieser WM alles reinwerfen, um zuhause den Titel zu holen. Alles andere würde mich schon sehr überraschen. Der Favoritenkreis ist ja immer derselbe, wobei ich denke, dass von der Motivation her Kanada und auch die Tschechen natürlich liebend gerne im Land des Erzrivalen gewinnen würden. Da steckt viel Feuer drin.

Unser Ziel ist erst einmal, nicht in Abstiegsgefahr zu geraten und sich so gut wie möglich zu platzieren. Um das Viertelfinale zu erreichen, müsste aber schon alles passen. Marco Sturm traue ich generell sehr viel zu. Ich war bei den Gesprächen, die zu seiner Verpflichtung führten ja mit dabei und hätte sicher nicht zugestimmt, wenn ich nicht 100prozentig von Marco überzeugt gewesen wäre.

Ruhrbarone: So ganz kommen wir ja auch um das Thema Fußball wohl nicht herum, wenn wir Dich als regelmäßigen Sky-Kommentator der Bundesliga heute schon einmal dazu befragen können. In der Bundesliga ist der Kampf an der Tabellenspitze ja schon so gut wie gelaufen. Aber wer ins internationale Geschäft einziehen wird, das könntest Du uns  zum Schluss doch bitte kurz noch ganz verraten, oder?

Hindelang: Gewagter Tipp: Bayern und Dortmund werden sich für die Champions League qualifizieren…, nein: Ich glaube, dass Leverkusen noch höher klettert und es um Platz 4 zwischen Hertha und Gladbach eng wird. Mainz kann die Überraschung schaffen und vor Schalke bleiben – auch wenn man das im Ruhrgebiet nicht so gerne hören wird…

Ruhrbarone: Danke für Deine Zeit, Marc! Dir natürlich auch weiterhin alles Gute!

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