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Mit dem Ende der SG Wattenscheid 09 ginge ein liebenswertes Stück Ruhrgebiet verloren

Es könnte das Ende einer echten Ruhrgebietslegende gewesen sein. Am Wochenende mobilisierte die traditionsreiche SG Wattenscheid 09 noch einmal alle ihre Kräfte, zog 1400 Zuschauer in die heimische Lohrheide und bezwang dort im angesetzten Regionalligaspiel die U23-Auswahl von Fortuna Düsseldorf mit 3:0.

Noch immer ist die Zukunft des Vereins ungeklärt. Seit Monaten schon ist die Situation beim finanziell angeschlagenen Klub nicht abschließend zu beurteilen. In dieser Woche soll endgültig eine Entscheidung fallen, ob der Spielbetrieb weiter fortgesetzt werden kann, oder ob ab sofort Schluss sein muss.

Die Insolvenzverwalterin Dr. Anja Commandeur hält sich noch bedeckt, will sich erst in den kommenden Tagen in einer Pressemitteilung äußern, ob und wie es weitergeht. Bis zur Mitte der Woche werden angeblich 135.000 Euro benötigt.

Sollte der Verein in ein paar Tagen tatsächlich und endgültig Geschichte sein, dann würde sich für mich, so wie garantiert auch für viele andere hier, ein ganz persönliches Stück Sportgeschichte schließen.

In den 1990er-Jahren, Wattenscheid spielte seinerzeit zeitweise in der 1. Liga, war ich bei etlichen Spielen der SG zugegen. Würde dieser besondere Verein jetzt komplett von der Landkarte verschwinden, es wäre mehr als bedauerlich.

Vier Jahre lang bereicherte der Bochumer Vorortklub von 1990 bis 1994 die Eliteliga im Deutschen Fußball. In der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts reichte es zumindest noch für die 2. Liga, kam es unter anderem im DFB-Pokal zu spektakulären Duellen, auch mit dem von mir privat unterstützten BVB.

Inzwischen sind diese Zeiten, in denen es in Wattenscheid zu emotionalen Derbys kommt, die auch über den Vorort hinaus die Leute interessieren, längst vorbei. Regionalliga heißt die sportlich vergleichsweise bedeutungslose Gegenwart in Wattenscheid. Und selbst diese ist in diesen Tagen akut in Gefahr.

Vor 30 Jahren war das Alles völlig anders. Fans der SGW fanden sich im ganzen Ruhrgebiet. So war der inzwischen verstorbene Wirt meiner früheren Stammkneipe in Waltrop beispielsweise ein glühender Anhänger des Vereins.

Immer wieder kam es daher am Tresen zu leidenschaftlichen Fußballdebatten, bei denen auch bei mir am Wohnort über Fußball aus Wattenscheid diskutiert wurde. Etliche gemeinsame Besuche in der Lohrheide waren die Folge.

Die im Vergleich zu anderen Bundesligisten entspannte Atmosphäre im dortigen Stadion, die berühmte Stadionwurst, der Status des ständigen Underdogs…. das hatte schon etwas Faszinierendes. Selbst für einen BVB-Anhänger. Es war für mich irgendwann sehr gut nachvollziehbar, dass man ausgerechnet an diesen kleinen Ruhrgebietsverein sein Herz hängt.

Klar war aber auch damals schon, dass der Erfolg dort nur mit der finanziellen Unterstützung von Mäzen Klaus Steilmann und seiner Familie möglich war. Nur so konnte man den Platz im Profifußball über mehrere Jahre halten. Irgendwann war das Fußballmärchen im Rampenlicht, auf der ganz großen Bühne, zwangsläufig wieder vorbei.

Den Prozess der erforderlichen Gesundschrumpfung ohne das Steilmann-Geld hat der Klub nie wirklich erfolgreich absolviert.

Im vergangenen Jahr waberten wilde Spekulationen über einen spektakulären neuen Investor durch das Netz, der den Verein wieder an die nationale Spitze führen wollte. Realität geworden sind diese Träume nicht.

Ganz im Gegenteil. Die Lage in Wattenscheid ist ernster als jemals zuvor. Der Verein, der namhaften Akteuren wie Hannes Bongartz, Uwe Neuhaus, den Altintop-Brüdern, Thorsten Fink, Michael Skibbe und Michael Preetz eine sportliche und emotionale Heimat war, droht in wenigen Tagen vollends zu verschwinden.

Es wäre das unschöne Ende eines über Jahre hinweg äußerst sympathischen Kapitels des Ruhrgebiets-Fußballs.

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7 Kommentare zu “Mit dem Ende der SG Wattenscheid 09 ginge ein liebenswertes Stück Ruhrgebiet verloren

  • #1
    Andi

    Was soll ich sagen? Dieser Verein ist noch immer außerordentlich sympathisch. Bei uns gibt es Wurst für EUR 2,50, günstiges Bier, zum Eintrittspreis von EUR 8,– überdachten Stehplatz und guten Fußball. Warum kommst Du nicht mal wieder mit Deinen Freunden anstatt einen Verein zu unterstützen, der es weitaus nötiger hat ;-)?

  • #2
  • #3
    Andi

    Sorry, kleiner Fehler vorhin in meinem Kommentar:" .. anstatt einen Verein zu unterstützen, der es weitaus weniger nötig hat." wäre richtig.
    Dortmund, Schalke, Bochum, selbst RW Essen kommen gut klar. Aufgrund ihrer Merchandise-Einnahmen und großartigen Zuschauerzahlen. Wir hingegen brauchen jeden einzelnen Fan. Wie gesagt, bei uns wird noch ehrlicher purer Fußball geboten in familiärer Atmosphäre. Fehlt euch allen das nicht ein wenig woanders? Bei uns ist man keine Melkkuh, keine Nummer, sondern ein Fan, der wichtig ist und ernstgenommen wird. Warum vorm Fernseher sitzen, wenn man in Schalke und Dortmund keine Karte mehr kriegt, lieber in die schöne Lohrheide gehen!

  • #4
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    @Andi:

    1) Den Lieblingsverein wechselt man nicht. 😉
    2) Hast du einmal Champions League gesehen, schaust du keine Regionalliga mehr.
    3) Bis Wattenscheid sind es von hier aus über 40 km. Auf dem Weg kann ich auch andere Klubs besuchen auf die das so zutrifft.

    Also nein. 😉

    Aber ich verstehe natürlich was du meinst. Wäre echt schade, wenn es der Klub nicht weiter schafft….

  • #5
    Klaus Lohmann

    Wenn selbst ein Peter Neururer, der sich sonst für wirklich nix zu schade ist, fast schreiend von Wattenscheid wegrennt und laut über "Lügen-Konstrukte" rund um seine Verpflichtung als Sportdirektor der SGW schwadroniert, dann ist da soviel Rost, Kalk und Fäulnis im Vereinsgebälk, dass man sich fast schon wünscht, es ginge jetzt doch bitte endlich schnell zu Ende.
    Trotzdem ist es traurig, wenn neben der SGW nun auch noch der VfL in schweres Wasser gerät und das kleine fußballerisch-geographische "Bollwerk" zwischen den Blauen und Schwatzgelb demnächst nicht mehr existiert.

  • #6
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    Ja, Klaus. Es ist erschreckend, wie sehr sich die Fußballszene im Ruhrgebiet inzwischen auf die Großen konzentriert. Texte über Bochum, Duisburg oder Wattenscheid finden nur noch einen Bruchteil der Leser im Vergleich zu Beiträgen über Schalke oder den BVB. Nun sind wir hier im Blog nicht davon abhängig, aber beachtenswert ist das schon.

  • Pingback: SG Wattenscheid 09: Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel | Ruhrbarone

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