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NSU-Ausschuss NRW: Ein Bauernopfer vom BKA

Im Düsseldorfer Landtag befasst sich seit Januar mit dem NSU.

Im Düsseldorfer Landtag befasst sich seit Januar mit dem NSU. 

Seit Mittwoch befragt der NSU-Untersuchungsausschuss im nordrhein-westfälischen Landtag Zeuginnen und Zeugen zu den Bombenattentaten in der Probsteigasse und der Keupstraße in Köln. Nachdem am Donnerstag Zeugen des Landeskriminalamtes über ihre Arbeit als Sprengstoffexperten und Staatsschützer informiert hatten, sollte eine junge Beamtin des Bundeskriminalamtes (BKA) aussagen, die 2012 mit der Spur Johann H. betraut war. Die Aussage machte live erlebbar, was schon aus anderen NSU-Untersuchungsausschüssen geschildert wurde: dürftige Aussagen, Herumdrucksen, Erinnerungslücken. Von Sebastian Weiermann und Alexandra Gehrhardt

Die Kriminalkommissarin Annika V. ist 25 Jahre alt und seit 2008 beim BKA, später gehörte sie zu den Beamten, die nach der Selbstenttarnung des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ die Fälle, die der Terrorgruppe zugeordnet werden, auswerten, neu untersuchen und darüber hinaus ermitteln sollten. Der NSU war V.’s erster großer Fall nach Abschluss ihrer Ausbildung. Ihre Aufgabe: Sie bündelte Informationen, vernahm Zeugen und verfasste auch den Abschlussbericht zu den Ermittlungen. Sie hatte auch die beim Bombenanschlag in der Probsteigasse verletzte junge Frau und ihren Vater, den Inhaber des Lebensmittelgeschäftes, in dem der mit einer Bombe präparierte Präsentkorb im Januar 2001 explodierte, noch einmal befragt.

Als möglicherweise zentrale Figur bei diesem Attentat gilt der Kölner Neonazi Johann H. Im Jahr 2012 wandte sich die ehemalige VS-Präsidentin Mathilde Koller an den Generalbundesanwalt, weil sie in einem Phantombild zur Probsteigasse einen hauseigenen geheimen Mitarbeiter wiederzuerkennen glaubte.

Die BKA-Beamtin V. schloss nach der nochmaligen Vernehmung der Verletzten im Jahr 2012, elf Jahre nach dem Anschlag, den Tatverdächtigen H. aus. Die Geschädigte habe ihn auf einem Bild, das ihr bei der Befragung vorgelegt worden sei, als zu klein eingeschätzt, um als Bombenplatzierer in Frage zu kommen. Nur: Das Ganzkörperbild, das den Zeugen vorgelegt wurde, war aber gar nicht dazu geeignet, die Körpergröße des Mannes einschätzen zu können. Sie wisse, dass das Bild nicht der nötigen Qualität ausgereicht hätte, war ihre Antwort.

Auch sonst schien es die BKA-Zeugin nicht so mit Bildern zu haben: So wurde auf Fotos, die den Betroffenen der Probsteigasse vorgelegt wurden, die Frisur so geändert, dass sie zu den Zeugenangaben passte – und das zum Teil per Hand. Gleichzeitig sei den Verletzten ein Foto von Johann H. mit Bart vorgelegt worden, obwohl von einem Bart keine Rede war. Realitätsnahe Abbildung ist anders. Wenn man den Bart wegretuschiert hätte, hätte man womöglich die komplette Gesichtsform verändert und damit ein Wiedererkennen erschwert. „Und das passiert nicht, wenn man Frisuren hinzufügt?“, fragt eine Obfrau.

V. wirkte bei ihrer Aussage sehr nervös. Sie knetete ihre Hände, antwortete auf Fragen der Ausschussmitglieder nur nach häufigem und langem Stocken. An Details ihrer Ermittlungsarbeit konnte oder wollte sich die Zeugin nicht erinnern. Für eine 25-jährige Beamtin in Deutschlands führender Kriminalbehörde hatte sie erstaunliche Erinnerungslücken. Immer wieder schaute sie sich Hilfe suchend nach ihrem Vorgesetzten um. Dieser saß am Rand des Sitzungssaales, lächelte zufrieden oder ignorierte die Blicke seiner Untergebenen, indem er, wie in einer schlechten Komödie, an die Decke schaute. Nachdem sich die Befragung über längere Zeit hinzog, ohne zählbare Ergebnisse zu erzielen, entschied der Ausschuss, die Zeugin zu entlassen. „Bauernopfer“ war am Rande des Geschehens zu hören. Mehr erhoffen sich die Obleute nun von V.’s Vorgesetztem – er soll statt ihrer geladen werden.

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Ein Kommentar zu “NSU-Ausschuss NRW: Ein Bauernopfer vom BKA

  • #1
    Hero Lucky King Unchanged

    Jetzt gibt es schon Bauernopfer im Prozess um Nazi-Terrorismus. Ich versetzt mich gerade in die Opfer, wie sie von einer 23-jährigen Disco-Hüpfdohle bezüglich eines Terrorattentats befragt wurden, das der Familie zugefügt wurde. Ehrlich, das war doch auch Sinn der Sache, wie das beschlossen wurde. Die Opfer permanent verhöhnen und verletzen.
    Wenn man das Ganze einmal durchschaut hat, dann weiß man, daß die so vorgehen müssen.

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