Oh Gott, die Orchester streiken!

Die Krise hat das Ruhrgebiet voll im Griff: Opel vor dem Kollpas, ThyssenKrupp will einsparen, die WAZ plant Entlassungen – und jetzt streiken auch noch die Orchester.

Bochumer Symphoniker Foto: BoSy

In Dortmund haben sie es schon getan:Schockierte Zuschauer mussten am Freitag erleben, dass es statt der Aufführung von „Im weissen Rössl“ nur Flugblätter  und Erklärungen gab. Das Dortmunder Orchester war in den Streik getreten. Eine ähnliche Klassik-Krise bahnt sich auch in Bochum an: Dort drohen die Philharmoniker damit, die Bratsche in die Ecke zu werfen und zur Schalmei des Klassenkampfes zu greifen. In Duisburg musste schon ein Orchester durch zwei Klaviere ersetzt werden.
Die Gründe sind nachvollziehbar: Statt Lohnerhöhungen gab es seit Jahren nur Applaus und der Tarifpartner Deutscher Bühnenverein will lieber mit dem einzelnen Orchester statt mit deren Gewerkschaft, dem Orchesterverband, verhandeln. Die Bochumer Symphoniker sind überdies noch sauer, dass in den vergangenen Jahren so viele Orchester geschlossen wurden.
Der Streik kann sehr lange dauern und wird den Arbeitgeber so wenig schockieren wie streikende Bergleute – jeden Tag, an dem die Orchester streiken sparen die Arbeitgeber Geld – sie müssen dann nicht mehr jeden einzelnen Konzertbesucher mit ein paar hundert Euronen subventionieren. Es würde sich sogar lohnen, jeden traurigen Kartenbesitzer dessen Konzert ausfällt auch noch zu einem opulenten Mahl einzuladen – alles billiger als ein Konzert.
Wollten die Orchester ihren Arbeitgebern wirklich drohen dann nicht mit Streik sondern mit Zusatzkonzerten, Matinees und einer Reihe hinterlistiger Kammerkonzerte – wie die Bergleute, deren Streik dieses Land über Jahrzehnte aushalten könnte – Überschichten hingegen die Haushalte ruinieren würden.
Im Pop-Bereich, der wirklichen Welt also, wo Musiker von dem Geld ihrer Hörer leben, habe ich bislang nichts von Streiks gehört – allerdings auch noch nie von Tarifen. Bands spielen brav auch vor halbleeren Hallen – es sei denn ihr Name ist Oasis.

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5 Kommentare

  1. #1 | Malte sagt am 1. Dezember 2008 um 16:06 Uhr

    Vielleicht streiken ja auch bald die Ruhrpottbloger! Wer weiß schon, was noch so kommt!? 😉

  2. #2 | Jens sagt am 1. Dezember 2008 um 21:01 Uhr

    Witzig. Als ich die Berichte vom Streik in Dortmund las, war mir schon fast klar, dass so ein Beitrag folgen würde. Freue mich, dass ich richtig liege. 😉

    (auch wenn ich inhaltlich anderer Meinung bin)

  3. #3 | Malte sagt am 2. Dezember 2008 um 11:16 Uhr

    Der Mensch ist halt doch berechenbar 🙂

  4. #4 | Jens Kobler sagt am 2. Dezember 2008 um 12:09 Uhr

    Ich sehe hier gar keine (sinnhafte) Wertung in dem Artikel muss ich sagen. Die Ochsentour, die Bands hinter sich bringen bis sie Oasis äh gewesen sein können dürften (Blair, Koks, die Appleton, Alan McGee, etc.) haben die einzelnen Orchestermusiker meist individuell hinter sich gebracht und nicht als phantasiertes Popsuperheldenkollektiv. In den USA haben zB nicht nur die Schauspieler gestreikt, und dass Bands sich oft schmerzfrei hochdienen – Hauptsache man glaubt an sich, haha – ist ja wohl kein Wert an sich, oder? Insofern empfinde ich solch eine solidarische Aktion als begrüßemswert, entgegengesetzt dem im Artikel in Teilen implizierten, dass sie „von den falschen Leuten“ und „zweckfrei“ daherkommt.
    Dem Publikum des Orchesters aber implizit nahe zu legen, sie möchten doch das Orchester behandeln oder behandelt wissen wie eine Rockkapelle, das geht mir entschieden zu weit und grenzt an typisch verquirltem Dummpopadvokaten-Populismus. Wie geht das eigentlich einher mit der Idee einer Popakademie? Klassik aufs Feld, Rockklischees fördern? Schon wieder? Jetzt erst? Warum?

  5. #5 | Jens Kobler sagt am 2. Dezember 2008 um 12:10 Uhr

    Oh Gott, ich hab in der Aufzählung Patsy Kensit vergessen. 😉

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