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Schule in Recklinghausen ‚gebombt‘

Foto: Chantal Stauder
Foto: Chantal Stauder

Foto: Chantal Stauder

In den vergangenen Wochen erhielten mehr als 50 Graffitikünstler Zugang zu temporären Freiflächen auf drei Etagen in den alten Klassenräumen der ehemaligen Paulus-Canisiusschule in Recklinghausen. Das Gebäude wird demnächst abgerissen. Hier konnten sich Sprayer aus der Stadt, aus Belgien, den Niederlanden, Luxemburg und Griechenland nochmal so richtig austoben. Herausgekommen ist eine beeindruckende, zweitägige Ausstellung zum ThemaBack to School“. Sie umfasst unter anderem Installationen, Collagen und mehrdimensionale Bilder im Großformat.

Markus Becker kurarierte die Ausstellung als künstlerischer Leiter. Er griff im Zuge dessen auch selbst zur Sprühflasche, um das ehemalige Lehrerzimmer zu „bomben“. Becker sagt: „Das Gebäude an sich war schon ein Reiz. Plötzlich wollten 50 Leute eine Tafel. Da jeder schon mal da war, konnten auch alle etwas mit dem Thema „Schule“ anfangen.“ Er lobt den Umgang der Sprayer miteinander und mit dem Gebäude: kein Müll, kein Ärger.

Lob aus der Szene

Foto: Chantal Stauder

Foto: Chantal Stauder

Über die Styles und Arbeiten sagt er: „Ein Highlight sind mit Sicherheit die Sachen vom Dater als Graffitilehrer ganz oben in der Aula. Wir haben aber auch Anti-Style. Leute, die gegen professionelle Dosen sind. Da läuft dann alles wie damals in New York. Wir haben darauf geachtet, dass verschiedene Styles vertreten sind: eine Mischung aus Illustratoren, Leuten mit professionellem Equipment und ganz klassischen Stylemalern.“

Ärger mit Besuchern, die ihren Schriftzug auf den Bildern hinterlassen hätten, gab es jedenfalls nicht. Für Becker eine deutliches Lob und eine Respektsbekundung. Er grinst: „Oben ist eine neutrale Stelle, da waren am Anfang zwei Namen drauf. Im Laufe der Ausstellung haben dort Viele ihren Namen dazugesetzt.“ Wieder lächelt er und sagt: „Leute aus der Szene zu beeindrucken ist auch nicht so leicht.“

Foto: Chantal Stauder

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Während er erklärt, wie er bei seiner eigenen Arbeit im Lehrerzimmer vorgegangen ist, betreten zwei ehemalige Schüler den Raum. Sie sind begeistert. „Wir waren vor fünf Jahren Schüler hier und haben ein Video bei Facebook gesehen. Da mussten wir sofort hierherkommen und uns das ansehen. Das Blaue hier ist genial!“ Jetzt stehen sie vor auseinandergeschraubten Schränken und besprayten Wänden mitten im ehemaligen Lehrerzimmer. Zwischen einigen Holzelementen finden sie die Namensschildchen ihrer damaligen Lehrer: „Der Rolfsmeier war der Coolste Und der Herr Lott!“

Lehrerin geflasht

Foto: Chantal Stauder

Foto: Chantal Stauder

Becker findet das Konzept genial. Denn anders als in einem Museum muss niemand auf die Werke aufpassen. Zudem enstehen keine Kosten für den Betrieb. Hier gibt es keine Hemmungen, keine Respektsdistanz zu Exponaten, keine Aufsicht. Nahkontakt mit dem Werk ist erwünscht. „Wir hatten vorhin eine Lehrerin da, die hier 32 Jahre unterrichtet hat. Die war geflasht“, sagt er. Auch Strom gibt es in dem Gebäude schon lange nicht mehr. Becker sagt: „Wir brauchen keine Lampen für die Inszenierung. Gesprayt wurde bei Tageslicht.“

Einsatz für mehr Freiflächen

Initiator des künstlerischen Großprojekts war in erster Linie die Altstadtschmiede. Sie ist ein soziokulturelles Zentrum in der Innenstadt von Recklinghausen. Klaus Iwannek, der verantwortliche Leiter der Altstadtschmiede steht vor dem Gebäude und blickt zufrieden. Er sagt: „Die Besucher waren sehr gemischt und die Ausstellung ein voller Erfolg. Aber sie zeigt auch: Es gibt so viele Sprayer, für die eigentlich der Ort fehlt.“ Er berichtet von den wenigen legalen Freiflächen in Recklinghausen. Vor einigen Jahren konnte Iwannek schon einmal ein abrissfertiges Haus an der Vestlandhalle für ein ähnliches Projekt gewinnen. „Back2School“ war eine Aktion im Rahmen von Respect4you, einem etablierten Projekt für Jugendliche.

 

Zur Auststellung existieren nicht nur Fotos, sondern auch ein Kurzfilm, der die Entstehungsphase der Ausstellung sowie einige Bilder und Installationen dokumentiert.

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