13

Stadtentwicklung: Gut ist, was ‚umsonst‘ ist?

Wenn es andere 'fördern', dann gibt es auch noch neue 'Kunst'. Foto: Robin Patzwaldt

Wenn es andere finanziell ‚fördern‘, dann gibt es in Waltrop auch noch neue ‚Kunst‘. Foto: Robin Patzwaldt

Wenn Städte, so wie hier im Ruhrgebiet, finanziell ‚klamm‘ sind, dann neigen sie bekanntlich dazu sehr oft und gerne nach irgendwelchen öffentlichen Fördertöpfen zu hechten. So können Sie ihren Bürgern dann doch noch irgendetwas bieten, den sich offenkundig stark beschleunigenden Verfall der Infrastruktur, zumindest scheinbar, abbremsen, ihm zumindest kurzzeitig etwas entgegenwirken, den Bürgern doch noch ein paar neue ‚Attraktionen‘ vor Ort bieten.

Es drängt sich einem da als Beobachter inzwischen teilweise der Eindruck auf, dass gut ist, was nicht selber bezahlt werden muss. Häufig genug wird die Sinnhaftigkeit der so ermöglichten Projekte dabei jedoch nicht wirklich gründlich hinterfragt, wie es scheint.
Aktuell kann bzw. muss ich das persönlich direkt vor meiner Haustür, in Waltrop (Kreis Recklinghausen) mal wieder miterleben. Das ehemals schöne Vorzeigestädtchen am Nordrand des Ruhrgebiets hat sich inzwischen offenbar sogar in die Top-10 der Städte mit der höchsten pro-Kopf-Verschuldung in NRW ‚emporgearbeitet‘.

Neue Investitionen sind der 30.000 Einwohner-Stadt selber daher so gut wie gar nicht mehr möglich. Was hier neu ist, das haben in der Regel Privatleute oder öffentliche Fördertöpfe bezahlt. Die Stadt selber hat keinen finanziellen Spielraum mehr, hat nicht einmal mehr ausreichend Mittel zur Verfügung um die gröbsten Instandhaltungsarbeiten im Stadtgebiet zu finanzieren. Im Ruhrgebiet so allerdings auch nicht ungewöhnlich, wie viele Leser hier sicherlich aus eigenem Erleben in ihrer Heimatstadt werden bestätigen können.

Soweit, so gut bzw. so schlecht.
Was tut man also um den Niedergang der Innenstadt zu stoppen bzw. erst einmal zu verlangsamen. Man setzt ein sogenanntes ‚Innenstadtkonzept‘ auf. Im Klartext heißt das hier: Mal sehen welche Projekte wir aus Landes- bzw. Fördermitteln noch finanziert bekommen.
In den letzten Jahren kam es so schon zu einigen merkwürdigen Investitionen. So haben die Schulen hier zwar häufig nagelneue Solarzellen auf dem Dach, die Klassenräume mussten die Eltern jedoch selber renovieren. Es gibt in der Fußgängerzone ein neues ‚Kunstwerk‘, doch leider keine bzw. kaum Blumen in den Pflanzkübeln der City. Oder es gibt ein neues ‚Bürgerbad‘, jedoch kein Brunnenwasser mehr für die öffentlichen Brunnen in der Innenstadt. Das finanzierten zuletzt zwei örtliche Banken per Spende, da die Stadt das Wasser zuvor nicht finanziert bekam. Solche und ähnlich merkwürdige Beispiele findet mal hier haufenweise. Das Alles muss man so nicht verstehen.

Aktuell liegen im Rathaus mal wieder große Baupläne auf dem Tisch, werden derzeit hitzig öffentlich diskutiert. So soll aktuell ein neues Stadthallenfoyer mit Geschäftsräumen errichtet werden, und auch ein 2.500 qm großer Vollsortimenter soll auf einem bisher weitestgehend ungenutzten Grundstück in der City zu einer Belebung der Innenstadt führen. Beides mit Hilfe privater Investoren und öffentlicher Förderung. Die Stadt selber hat ja nichts mehr beizusteuern.

Klingt ja auch zunächst vielleicht auch ganz sinnvoll, solange man sich nicht näher mit den Details beschäftigt. Hier zeigt ein Blick auf die Realitäten rasch, dass das sogenannte ‚Konzept‘ nicht wirklich zu überzeugen vermag.
Das Stadthallenfoyer zerstört eine seit Jahren genutzte Gastwirtschaft, nimmt einem Gastronomen die Existenz. Die Nutzung des neuen Foyers ist aktuell noch völlig unklar. Ebenso gibt es zahlreiche Bedenken zur baulichen Gestaltung und zur grundsätzlichen Notwendigkeit eines solchen Umbaus.

Noch kurioser mutet der Neubau des Vollsortimenters an. Entstehen soll nämlich ein ‚Edeka‘-Markt. Und einen solchen gibt es nur rund 200 Meter vom zukünftigen Standort derzeit schon. Zwar wäre der Neubau nun deutlich schöner und größer, doch ganz so einfach ist die Sache selbst dabei nicht. Kritiker sehen die unnötige Zerstörung eines Teils des Waltroper Stadtparks zu Gunsten eines großen, neuen Parkplatzes, den Edeka ‚fordert‘, sehen zudem zukünftigen weiteren Leerstand an Ladenflächen durch den Neubau, wenn hier ein Markt errichtet wird, der nur ein paar Meter weiter zieht. Denn eine Nutzung der alten Räume ist nicht in Sicht. Zudem erscheint auch die zukünftige Verkehrssituation in der Innenstadt durch die aktuellen Pläne sehr problematisch. Erwartet werden rund 2.000 zusätzliche Autos auf einer kleinen Straße entlang des Marktplatzes.

Bei zwei Bürgerbeteiligungen wurde die Stadtverwaltung und die Planer mit den Bedenken der Bürger konfrontiert. Tenor: ‚Das will der Investor so. Wenn das so nicht geht, dann kommt das Projekt eben gar nicht‘. Heißt im Klartext wohl: Der Investor bestimmt hier die Regeln, nicht (mehr) die Stadt. Und bevor sich die Stadt die Blöße gibt das Projekt gar nicht umsetzen zu können, im Ernstfall eben dann auch gar nicht mehr investieren zu können, dann ermöglicht sie zur ‚Not‘ eben ein Projekt dann eben auch zu Bedingungen, welche so wohl gar nicht im Sinne der Stadt bzw. im Sinne der betroffenen Bürger sind. Und das stimmt einen auch als nicht direkt betroffener Beobachter dann grundsätzlich schon sehr bedenklich.

Haben sich unsere Städte, hier im konkreten Fall Waltrop, inzwischen denn schon in eine solch missliche Lage gebracht, dass sie wirklich jedes Investment nehmen müssen was sie überhaupt noch bekommen können, in der Hoffnung so irgendwie noch die Entwicklung in ihrer Stadt irgendwie in eine positive Richtung drehen zu können?

Dass das dann betroffene Bürger im Zweifelsfalle sehr wütend machen kann, das habe ich selber als eigentlich emotional unbeteiligter Zuhörer bei diesen beiden Bürgerbeteiligungen jüngst miterleben können. Und das hat mich schon sehr nachdenklich gemacht.
Aber welche Alternativen haben Städte wie Waltrop überhaupt? Gibt es Eine? Seit ein paar Tagen denke ich nun schon darüber nach. Noch bin ich da nicht wirklich zu neuen Erkenntnissen gekommen. Das sich etwas ändern muss ist klar. Der Niedergang des Reviers, gerade auch im Kreis Recklinghausen muss gestoppt werden. Aber zu welchem Preis?

RuhrBarone-Logo

13 Kommentare zu “Stadtentwicklung: Gut ist, was ‚umsonst‘ ist?

  • #1
    Klaus Lohmann

    Hm, die Waltroper scheinen wirklich noch gut zu verdienen, wenn man sich eine Edeka-"Apotheke" in der City leisten kann und will;-) Interessierte Konkurrenz für so ein Projekt gäbe es doch bestimmt in Hülle und Fülle, wenn die Lage und Infrastruktur stimmt.

  • #2
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    @Klaus: Ja, tatsächlich verfügen die Waltroper Bürger, wenn ich richtig informiert bin, nach Haltern über die zweithöchsten Pro-Kopf-Einkünfte im Kreis RE.

  • #3
    WALTER Stach

    Robin,
    ja, Waltrop hat das zweithöchste sog. Pro-Kopf-Einkommen und die zwethöchste Kaufkraft nach Haltern im Kreis Recklinghausen, aber nur eine relativ geringe Kaufkraftbindung in der Stadt von…………? -Zahl habe ich im Moment nciht parat.

    Klaus Lohmann,
    einige hier pasende Stichworte:
    "Der Nahrungs- und Genussmittelbereich weist mit 1o.595 qm im Vergleich mit allen anderen Warengruppen die höchste Flächenausstattung auf"."
    -Entwicklungskonzept Innenstadt Waltrop, S.12-

    "Die wohnungsnahe Versorgung der Bürger ist durch die vorhandenen Lebensmittelmärkte …. mehr als gut" -so das Wirtschaftsförderugnskonzept Waltrop-

    "Es darf angenommen werden, daß zusätzuliche Verbrauchermärkte und Sb-Warenhkäuser im gesamten.
    östlichen Ruhrgebiet und in denangrenzenden Bereichen -Emscher-Lippe-Zone in der Regel bestehende Anbieter be- oder in Einzelfällen verdrängen werden.
    Folgich sollten sich die Kommuinen bei jeder entsprechenden Neuansiiedlung über die zu erwartenden den "Kannibalisierungseffekte" im Klaren sein."
    -so singemäß im Regionalen Einzelhandelskonzept für das östliche Ruhrgebiet udn die angrenzenden Bereiche -S.87.

    Mir scheint, daß EDEKA und der örtliche Investor das alles wissen, aber daß das den Rat der Stadt interessanterweise ganz und gar nciht interessiert, weil man seine These nicht zu hinterfragen bereit scheint,, nach der mit dem EDEKA – geplant in der Nähe der sog. Fußgängerzone mit derzeit wachsenden Leerständen – die Geschäfte in der Fußgängerzone wieder expandieren werden.

    Ich habe mich in Waltrop an die erst Fahrt aufnehmenden kritischen Auseinandersetzung über die Planung dieses Edeka-Marktes und werde das auch weiterhin nicht tun. Ich habe mcih hier lediglich gemeldet, um mit einen Einwurfaufgrund des Beitrages von Robin etwas Ergänzendes zum Sachverhalt beizusteuern.

    Eine andere Frage ist die nach dem Zusammenspeil von Investor gemeinsamt mit Edeka und den Verantwortlichen in Politik und Verwaltugn der Stadt Waltrop bezüglich des Edeka-Marktes an diesem Standort -ein anderer Investor/Betreiber war nie im Spiel.
    Ich vermeine zu erkennen, daß diesbezüglcih in Waltrop noch Einges öffentlich gesagt werden wird.

  • #4
    Arnold Voss

    In eine schäbigen Stadt gut zu verdienen ist allemal besser als in einer schönen Stadt wenig zu verdienen. 🙂

  • #5
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    @Arnold: Unsere Kaufleute hier beklagen allerdings den kräftigen Kaufkraftabfluss in den letzten Jahren. Die haben ja auch nichts davon, wenn die Leute lieber in Düsseldorf, Münster, oder im Internet einkaufen… 😉

  • #6
    WALTER Stach

    Robin,
    ich tendiere dazu, einer Kleinstadt wie Waltrop in der sog. Ballungsrandzone des Ruhrgebietes ehe als "kleine, aber feine" Wohn-, Einkaufs- und Arbeitstadt eine gute Zukunft zuzugesten als den mittelgroßen Städten wie Castrop-Rauxel, Herten,Gladbeck,Marl, die mit den Großen mithalten wollen aber objektiv nicht mithalten können -mit DO,BO,Essen,Münster- und die nicht die Überlebenschance einer Kleinstadt zu haben scheinen wie z.B.das kleine Waltrop. Wenn Waltrop allerdings das Kleine nciht als Chance erkennt, sondern mithalten will mit den mittelgroßen Nachbarn -oder gar mit den ganz Großen-, dann ist das der "Anfang vom Ende" der kleinen, aber feinen Wohn-, Einkaufs- und Arbeitstadt.
    Ich habe diese Position vor kurzem hier bei den Ruhrbarone auch im Zusammenhang mit der kommunalen Wirtschaftsförderng in Waltrop und im Kries RE vertreten, wenn es um die Bestandtserhaltung, die Neuansieldlujngspolitik bezogen auf kleine und mittlerer Betiebe aus Handel, Handwekr und Gewebe geht wider die "Großmannssucht" vom Standort großindustrieller Projekte mit überregionaler Bedeutung undt 1o.000 (3o.000?)Arbeitsplätzen -sh.New-Park-.

    Robin,
    wenn ich so oder so ähnlich mit Bürgern in der Stadt Waltrop rede, stoße ich regelmäßig zumindest auf Nachdenklichkeit, nur diese ändert nichts am offenkundig vorherrschenden Mehrheitswillen in der Komm.politik in Sachen Stadtentwicklung nichts -nebst großem Edeka-Markt in der Innestadt
    Das nehme ich ohne öffentlichen Kommentar vor Ort so zur Kenntnis.
    Schön für mich, daß ich dann und wann hier bei den Ruhrbaroen meine Gedanken zur Entwicklung der Region Ruhrgebiet, konkret zur Entwicklung des nördl.Ruhrgebietes, der sog. Emscher-Lippe Zone einschließlcih der Stadt Waltrop los werden und gelegentlich darüber eine Disk. anzetteln kann.

  • #7
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    Nach allem was ich so höre und lese ist Waltrop da auch gar kein Einzelfall, finden sich solche Beispiele einer grundsätzlichen Entwicklung auch anderswo hier in der Gegend, Walter. Habe mich deshalb ja auch bemüht hier einen etwas allgemeineren Ansatz zum Thema wählen, natürlich an das konkrete Beispiel hier vor unserer Nase angelehnt. Denn das ‚Drama‘ erlebe ich hier ja nun auch schon seit Jahren mit, ohne dass ich an der grundsätzlichen Entwicklung etwas ändern könnte. Es ist mir allerdings von Zeit zu Zeit ein Bedürfnis mein Unverständnis und meine Sorgen mal zu äußern. Sei es in der Lokalzeitung oder auch mal hier im Blog. Manche Dinge mag ich so einfach nicht unkommentiert bzw. schweigend über mich ergehen lassen, auch wenn ich (wir) es vermutlich bei allem Entsetzen darüber doch nicht ändern kann (können)…

  • #8
    WALTER Stach

    Robin,
    einverstanden mit dem Inahlt des ersten Satzes und kein Widerspruch zudem, was Du im Folgenden erklärst.

  • #9
    Klaus Lohmann

    Robin, richtig, Einzelhandels-Ansiedlungs"kriege" werden z.Zt. überall geführt. Ich hab hier ein aktuelles Beispiel aus Witten, wo im Ortsteil Annen die schon reichlich vorhandene Einzelhandelsfläche Wittens nochmals ausgeweitet werden soll (http://www.derwesten.de/staedte/witten/fuer-wickmann-areal-witten-stehen-weitere-investoren-bereit-id10912753.html). Die für heute geplante Sondersitzung des Rates wurde soeben mit einem Nullbeschluss und ergo weiterem Aussitzen des "Kriegs" zwischen Stadt und Investor bzw. Bürgerpartei beendet.

    Ich kenne Annen etwas näher und werde demnächst nicht mehr von einem Ort/Ortsteil, sondern von einem Autobahnausfahrt-Gewerbegebiet mit einzelner, dazwischen gestreuter Wohnbebauung reden:-(

  • #10
    keineEigenverantwortung

    Discounter sind heute so groß wie frühere Hyper-Supermärkte. Das betrifft heute insbesondere den Parkplatzbedarf. Ich sehe es hier eher noch positiv, wenn sich ein Markt in der Stadt ansiedelt. Sonst sind sie häufig nur mit dem Auto erreichbar. Die älteren Personen sind die Verlierer.

    Der Handel in den Vororten und Städten kann sein altes Geschäftsmodell nicht weiter verfolgen. Basis-Dienstleistungen gibt es im Discounter/Supermarkt. Viele andere Artikel in der Mall , der benachbarten Großstadt oder im Internet.

    Es bleibt eigentlich nur noch der Gesundheitsmarkt, Freizeitmarkt (Kunst, Fitness) sowie das Spezialgeschäft, für das sich ein Besuch jenseits der Einheitsware lohnt.

    In den 80er Jahren habe ich Waltrop noch mit vielen Einzelhändlern erlebt, die in den Schaufenstern zu Käufen animierten. Das galt auch bspw. für Brambauer.
    Insbesondere in Brambauer setzen bei mir gleich Fluchtreflexe ein. Das gilt auch für viele andere Vororte. Die kleinen Einzelhändler können eigentlich nur in der Nische mit dem Internet als weiteren Verkaufskanal überleben. Sonst sind die Ketten zu stark.

    Die Politik kann nur auf bürgerliches Engagement hoffen und Initiativen bspw. durch wenig Bürokratie fördern. Die Konzepte müssen von den Gewerbetreibenden bzw. Bürgern kommen.

    Wenn schon jedem Förder-Euro nachgerannt wird, um Engagement zu zeigen, bleibt zu hoffen, dass die Städte auch auf die Folgekosten achten. Der U-Bahn-Bau zeigte ja, was die hohen Förderungen bringen, wenn man den Unterhalt nicht bezahlen kann.

  • #11
    Dee F.P

    Robin, hier findest du Antworten:
    http://gemeinden-nrw.verdi.de/themen/gemeindefinanzen/++co++0fea0114-9c23-11e4-b518-525400248a66

  • Pingback: Stadtentwicklung: Gut ist, was ‚umsonst‘ ist? | Ruhrbarone | Halbwahr

  • Pingback: Städte im Kaufrausch: Stoppt endlich diesen Fördertopf-Wahnsinn! | Ruhrbarone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.