Still wie ein Grab in den Lüften: Warum der deutsche Kulturbetrieb zum Judenhass schweigt

Jan Böhmermann, Quelle: ZDF, Ben Knabe

Einfach zwei, drei liebevolle Sätze schreiben, ein wenig Mitgefühl zeigen, dem Hass widersprechen: DIE WELT hat eine Reihe Promis gefragt, die gerne ihr „Gesicht zeigen“, wenn es gegen rechts geht. Die Islamo-Faschisten der Hamas werden offenbar eher „links“ verortet, es regnete Absagen. Sie kamen von Großmäulern wie Jan Böhmermann und Kleinformaten wie Rezo, von Leisetretern wie Enissa Amani und Lautsprechern wie Kraftclub und K.I.Z., von Gefühlsverdusselten wie Lars Eidinger und Multimillionären wie Marius Müller-Westernhagen. Gesicht zeigen? Gegen Judenhass? Das wagen 4 von 25.

Bis Freitag dachte ich, es sei der staatsfinanzierte Kultursektor, der seine Fahnen nach dem Wind hängt. Die Pride-Fahne, die sowieso durchs Dorf getragen wird oder die der Ukraine, mit denen man den Mut, den andere beweisen, bei sich selber einbuchen kann. Jetzt werden die Kultureinrichtungen dieses Landes von ihrem Dachverband, dem Deutschen Kulturrat aufgefordert, „ihre Solidarität mit Israel deutlich zu zeigen“; die Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) erlässt den Appell, „wir wollen als Gesellschaft Zeichen setzen, Zeichen der Solidarität mit Israel“ und erklärt, nie wieder ist jetzt!“  –  jetzt also riskieren die Kulturbetriebe politisch rein gar nichts wie immer. Und ducken sich weg. Jetzt ist schon wieder, der Kultursektor ist still wie ein Grab in den Lüften. Ähnlich aber auch, und das trifft ins Mark der freien Welt, ein weiter Teil der frei finanzierten Kultur und hier ausgerechnet jener, der sich sonst als politisch hoch engagiert aufplustert.

DIE WELT hat 25 Kultur-Promis gefragt, ob sie ein „Statement gegen Judenhass“ formulieren könnten, „wirklich nur 350 bis 800 Zeichen“. Alle die 25 Angefragten hatten sich zuvor courage-mäßig bewiesen und Gesicht gezeigt gegen Rassismus oder Frauenhass und dazu Songs getextet wie „Schweigen ist feige“.

Ergebnis: 2 Kultur-Promis sagten zu, nämlich die Influencerin Diana zur Löwen und die Friday for Future-Aktivistin Luisa Neubauer. Die Antilopen Gang und Feine Sahne Fischfilet hatten sich auf ihren Kanälen bereits zuvor klar positioniert; die Toten Hosen zeigten sich seltsam unschlüssig, die 20 anderen sagen ab, es sind:

Amani, Enissa

Böhmermann, Jan

Bücker, Teresa

Casper

Deichkind

Deutsche Fußball-Nationalmannschaft

Eidinger, Lars

Gümüsay, Kübra

Hasters, Alice

Heufer-Umlauf, Klaas (ruderte tags darauf zurück)

K.I.Z.

Kraftclub

Kuhnke, Jasmina

Lobrecht, Felix

Marteria

Müller-Westernhagen, Marius

Passmann , Sophie

Rezo

Tschirner, Nora (ruderte tags darauf zurück)

Winterscheidt , Joko

In der FAZ hatte Simon Strauss bereits zuvor über die „Hemmungen“ der Kulturbranche gerätselt, sich die Israelflagge ins Haus zu holen und dies mit einer „moralischen Unsicherheit“ erklärt: Es sei, als ob von ihr, der Israelflagge, „irgendein unkalkulierbares Signal ausginge, als stünde sie für etwas, hinter das man sich selbst im Angesicht der offensichtlichsten Verbrechen nicht stellen könnte“. Was könnte das sein, das Existenzrecht Israels? Oder das von Juden, schließlich ließe sich ja auch ein Davidstern ins Haus holen, auch der ist ganz offensichtlich ein „unkalkulierbares Signal“, wieso? Um wessen „Existenzrecht“ geht es hier?

„Wer Juden angreift, greift uns alle an“

Den Satz von dem, der uns alle angreife, wenn er Juden angreife, hat Olaf Scholz, der Bundeskanzler (SPD), erst jetzt wieder an „uns alle“ adressiert. Wenn es irgend ernst gemeint ist, kann es nur heißen, dass sich alle angreifbar machen müssen. Und dass sie selber dafür sorgen müssen, angreifbar zu sein, wer soll es denn sonst tun. Und wenn, dann zuerst die, die von sich selber denken, sie hätten einen öffentlichen Auftrag, öffentliche Resonanz, eine öffentliche Verantwortung.

Die meisten von den 20, die WELT-Autor Frédéric Schwilden ein Statement verweigert haben, in dem es, so Schwilden, „nicht um Politik“ gehen sollte, „nur um die Solidarität mit Juden“, schoben zeitliche Gründe herbei, um Ihr Wegtauchen zu erläutern. Das ist nun allerdings infam. Als sei man sich gewiss, dass Juden auch morgen noch abgeschlachtet würden, als laufe es einem nicht weg. Die eiserne Kälte, die sich darin zeigt, ließe sich anders kommunizieren, professioneller und plausibler als mit zeitlichen Gründen. Hier 20 Vorschläge, einer für jeden von denen:

1 | Kein Herz.

2 | Wohl Herz, schlägt aber nicht für Juden.

3 | Angst vor Entfreundungen.

4 | Angst vor Anfeindungen.

5 | Was kriege ich dafür?

6 | Juden zählen nicht.

7 | Juden zählen wohl, aber nicht als Follower.

8 | Ich kann Juden nicht gut leiden.

9 | Ich kann Juden supergut leiden, der jüdische Staat muss halt weg.

10 | Keine Ahnung.

11 | Voll die Ahnung, die passt nur nicht dazu, dass Babys im Freiheitskampf ausgeweidet werden.

12 | Mein Agent hat mir das geraten.

13 | Nein, war nicht mein Agent, war mein Versicherungsagent.

14 | Die WELT? Gehört eh den Juden.

15 | Die WELT gehört natürlich nicht den Juden, sie hört nur auf deren Kommando.

16 | Ich bin gegen jeden Hass, da brate ich für Juden keine Extrawurst.

17 | Ich bin keine Beauty-Influencerin.

18 | Viel Zeit, aber keine Idee.

19 | Tolle Idee, aber die darf man in Deutschland nicht sagen.

20 | Vielleicht beim nächsten Massaker.

 

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