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subrosa – Erlebnisse aus dem Paralleluniversium


Otto von Bismarck hat behauptet, dass niemals so viel gelogen wird, wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd. Das ist komplett falsch, denn am meisten wurde immer noch im subrosa gelogen. Stimmt nicht? Doch! Hier kommt der Beweis.

Als ich mich umdrehe steht Siegerlandelvis in der Tür. Es ist Spätsommer 1995, die Stimmung ist gut. „Wo ist Otze?“ fragt Lothar. „Der kommt sicher gleich, der musste heute noch zur Uni.“ Ach so, sage ich. Wir versammeln uns wie eigentlich jeden Samstag um den großen Stammtisch herum, der in der Mitte vom subrosa steht. Das ist gut für die Getränkeversorgung. Ein Fingerzeig und Menne stellt die nächste Runde hin. Wenn es ausufert, noch eine Runde Sauren dazu, das ist ein Mischschnaps mit Limettenjuice, Korn und noch ein paar anderen feisten Spezialitäten. „Der wirkt wie ein isotonisches Sportlergetränk, danach kannst du einen Marathon laufen – und kommst locker unter die ersten drei“, sagt Siegerlandelvis und geht rüber um noch eine Runde zu bestellen. „Die blöde schwüle Hitze, da hat man gleich noch mehr Durst“, sagt ein Typ, der sich noch nicht vorgestellt hat.

Wir kommen ins Gespräch. Ronny heißt er und kommt aus dem Osten. „Bin hier auf Montage, den ganzen Sommer lang. Gibt einen Elektriker auf der Baustelle, der hat mich hier her geschleppt“, so die erste Kurzvorstellung von Ronny. Seine dicke Maurerpranke umfasst seine Thier-Bierflasche und hebt ab in Richtung Schlund. Der Typ kann zupacken, das sieht man sofort. Endlich kommt Otze und Christoph Heitmann ist auch am Start. Hallo hier, hallo da. Mit Lothar vertieft sich Otze sich gleich ins Gespräch und dreht dazu eine Zigarette. „Wer seid ihr überhaupt, was macht ihr?“, fragt Ronny in unsere Runde. Diese Frage nimmt Otze direkt Volley: „Das ist geheim, wir dürfen da nicht drüber sprechen.“ Ronny überlegt kurz und legt dann nach: „Seid ihr Wissenschaftler?“ Wie kommt der denn auf so ein schmales Brett? Wir sind eher eine Mischung aus Tagedieben und Quatschköpfen. „Wir forschen gerade an einer geheimen Sache und unterliegen der Schweigepflicht“, sagt Lothar und die Runde verfinstert sich. Alle spielen dieses Spiel wie auf Knopfdruck mit und Ronny hängt nun am Haken.

Er fragt weiter, was wir denn da erforschen – und warum das so geheim ist. „Es kann mich eine fünfstellige Konventionalstrafe kosten, wenn ich darüber rede – aber da du der einzige bist, der nicht aus unserem Team ist: wir forschen an einem Atomkraftwerk-To-Go, was sich Endverbraucher in den Vorgarten stellen können. Wir haben gerade ein Verfahren entwickelt, was die Energiewende herbeizuführen kann. Damit hätten wir viele Probleme rund um den Energiesektor auf einmal gelöst“, sagt Lothar mit eindringlichem Tonfall. Ronny stutzt, aber er fragt weiter: „Aber ist das nicht arschgefährlich? Kann da nicht eine Tschernobyl-Katastrophe in Klein passieren?“ Siegerlandelvis hakt ein und durchmengt mit unglaublich viel Expertise seinen Vortrag. „Die Ummantelung dieser innovativen Energie-Gewerke ist aus Katmium-Sulfat. Die dazugehörigen Brennelementlagerbecken sind mit einem Sicherheitsbehälter verchromt, der bei Störfällen verhindert, dass radioaktives Material in die Umwelt gelangt. Ein totsicheres Ding, sag ich dir.“

Als die Augen von Ronny immer größer werden und er kaum noch folgen kann, krönt unser Fake-Experte aus dem Siegerland seinen Vortrag: „Du musst dir den Reaktor vorstellen wie eine Thermoskanne – nur doppelt so sicher.“ Damit ich keinen Lachkrampf bekomme, gehe ich schnell zur Toilette. Was für ein Unsinn – und Ronny wird mit der vollen Münchhausenkette Stück für Stück durchgefüttert. Irgendwann muss der doch mal schnallen, dass er hier komplett hopps genommen wird. Als ich wieder komme referiert Otze über die angedachten Vertriebswege vom Atomkraftwerk-To-Go. „Wir suchen immer noch nach fähigen Leuten, ich kann dir gleich gerne mal meine Karte geben“, sagt Otze. Er kramt kurz im Portemonnaie und gibt ihm ein Kärtchen. Jetzt stutze ich. Später wird sich herausstellen, dass er besagte Karte von einem nervigen Vertreter auf der Cebit bekommen hatte, wo er mal in den Semesterferien gejobbt hatte. Ronny starrt kurz auf die Karte und steckt sie hastig in seine Geldbörse.

Dabei fällt ein Foto von seiner Freundin raus. Sie liegt alleine im Bett und ist unbekleidet. „Falls die auch einen Job sucht: wir brauchen auch viele Hostessen für unseren Messestand, melde dich ruhig.“ Ronny bedankt sich von jedem bei uns mit Handschlag und haut dann ab. Leider haben wir nie wieder was von ihm gehört. Hoffentlich geht es ihm gut.

 

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Ein Kommentar zu “subrosa – Erlebnisse aus dem Paralleluniversium

  • #1
    Norbert

    Laut Ruhr Nachrichten von heute soll das Subrosa nicht geschlossen werden, sondern verkauft werden.

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