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Unsere Jahre ohne Guido

Dr. Philipp Rösler mit Nicole Bracht-Bendt und Dr. Guido Westerwelle auf der Landesvertreterversammlung der FDP Niedersachsen zur Aufstellung der Landesliste für die Bundestagswahl 2009 - Foto via Wikipedia

Dr. Philipp Rösler mit Nicole Bracht-Bendt und Dr. Guido Westerwelle auf der Landesvertreterversammlung der FDP Niedersachsen zur Aufstellung der Landesliste für die Bundestagswahl 2009 - Foto via Wikipedia

Dienstag, 30.08.2011, 22:28 Uhr, ARD-Tagesthemen: der Kommentar zur Lage der FDP. Ulrich Deppendorf ist außer sich. Die FDP, so wie sich dieser Verein jetzt präsentiere, brauche ihn kein Mensch. Liberalismus, längst andernorts besser aufgehoben. Westerwelle, … – Am Ende dieses dritten oder vierten Tages pausenlosen Westerwelle-Bashings gibt Deppendorf zu bedenken, dass der amtierende Außenminister nicht allein für das deutsche Abstimmungsverhalten zu Libyen im UN-Sicherheitsrat verantwortlich gewesen sei, dass auch die Kanzlerin und der Verteidigungsminister die Stimmenthaltung offensiv in den Medien vertreten hätten, und dass seitens der Opposition kein nennenswerter Protest hätte vernommen werden können.

Deppendorf vergisst Trittin; doch ansonsten hat er schon Recht: Deutschland hadert in Sachen Libyen mit seinem Erscheinungsbild, einer muss ja schuld sein, und Westerwelle hat – in den letzten Tagen noch eine Abschlussoffensive draufgesetzt – alles dafür getan, dass die Rolle des Schurken im Stück der deutschen Schande mit ihm besetzt wird. Wäre für dieses Casting Stefan Laurin der Alleinverantwortliche, hätte sich Guido Westerwelle nicht so ins Zeug loslegen müssen. So aber … – Da muss man erst einmal drauf kommen, dass die (deutsche) Politik der Wirtschaftssanktionen Gaddafi den Rest gegeben habe! Allein diese Idee! So etwas bringt nur einer. Voll die spätrömische Dekadenz …

Mit „Guido Westerwelle nicht zu mögen ist keine große Kunst“ beginnt der Leitartikel der Financial Times Deutschland (FTD). Überschrift: „Westerwelle muss nicht zurücktreten“. Der Leitartikel gibt – wie immer – die Meinung der gesamten Redaktion wieder, die in den Schlusssatz mündet: „Es ist ein Wunder, dass sich Westerwelle das immer noch antun lässt.“ Kolumnist Wolfgang Münchau weicht heute von der Linie des Blattes ab; er sieht nur einen „Weg aus der Krise: Guido muss gehen“. Sein Kommentar beginnt so: „Noch kämpft Guido Westerwelle. Aber er wird es wohl nicht mehr schaffen. Die Freien Demokraten haben mittlerweile begriffen, dass sie ohne seinen Rücktritt die Kurve bis zur nächsten Bundestagswahl nicht kriegen werden.“
Wie lange mag uns die Frage nach dem Verbleib Westerwelles im Amt des Bundesaußenministers als Topthema der Nachrichten wohl noch durch den Tag begleiten?! Wochen? Monate? Jahre? Okay, wenn Jahre, dann höchstens zwei. Vorausgesetzt die Koalition hält bis zum regulären Wahltermin im Herbst 2013 durch und mighty Rösler hält mangels halbwegs geeigneten Alternativpersonals an seinem Parteichef-Amtsvorgänger, Freund und Förderer fest. Wie gesagt: „und“, also unter diesen beiden Bedingungen. Unwahrscheinlich, aber falls doch: zwei Jahre können sich mitunter ganz schön hinziehen.

„Niemals geht man so ganz, irgendwas von mir bleibt hier …“ 1987 nahm Trude Herr, von tödlicher Krankheit gezeichnet, Abschied von ihrem deutschen Publikum und zog sich auf die Fidschi-Inseln zurück. „Niemals geht man so ganz“ – aufgenommen zusammen mit Wolfgang Niedecken (BAP) und Tommy Engel (Bläck Fööss) – gilt als ihr Vermächtnis. 1988 erhielt Trude Herr das Bundesverdienstkreuz, 1991 verstarb sie. „Ich will weitergehn, keine Träne sehn, so ein Abschied ist lang noch kein Tod“, heißt es im Text des Liedes. Wir wussten, dass „Tod“ hier metaphorisch gemeint war. Trude Herr wird gehen müssen, aber etwas von ihr wird bleiben. Und von „dat Pummel“ ist etwas geblieben, und sei es, dass Dirk Bach – mit Apfelsinen im Haar und an den Hüften Bananen – ihren Hit intoniert: „Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann“.
Selbstverständlich wird auch von Guido Westerwelle etwas bleiben. Nur: was? Noch ist er ja da, maximal zwei Jahre noch, doch allzu wahrscheinlich ist das nicht. Vermutlich ist im nächsten Frühjahr Feierabend. Wann auch immer: die Jahre ohne Guido kommen unausweichlich auf uns zu. Stellen wir uns darauf ein! Schon bald ist es soweit. Unsere Jahre ohne Guido beginnen in Kürze, und enden werden sie niemals. Er wird nie wieder zurückkommen. Wie bei den ganz großen Box-Champions: „they´ll never come back“.

Was wird von ihm bleiben, vom Guido Westerwelle? Sein Gekläffe nach Steuersenkungen für Besserverdienende? Seine „anachronistische Form eines plumpen Verteilungsliberalismus“ (Münchau)? Vermutlich, wenngleich äußerst negativ konnotiert: „Westerwelle“ wird man nur sagen, wenn es in den nächsten Jahren und Jahrzehnten jemand wagen sollte, die anders nur schwer bestreitbaren Vorzüge der freien Marktwirtschaft  zu preisen. Totschlagargument, so nicht! Der Begriff „Westerwelle“ ist die Chiffre für den Gedanken, dass der Kapitalismus auch Schattenseiten hat. Immerhin. In Verbindung mit dem Guidomobil und der 18 unter der Schuhsohle steht „Westerwelle“ für das Plappermaul aus besseren Verhältnissen, das mit den Asis im Big-Brother-Container darüber plaudert, wie geil doch Freiheit ist. Niemals geht man so ganz.
Und doch ist dieser ganze Scheiß in seiner trivialen Banalität nicht nur vergänglich, sondern bereits jetzt fast schon vergangen. Die neoliberale Großoffensive mit heißen Aktientipps beim Frisörbesuch, Vergangenheit. Geschichte – wie Westerwelle, dem kläffenden Yesterday-„Man“. „Boss“, so der Werbeslogan der Firma, „separates the men from the boys“. Nein, Guido war nie ein Boss. „Es ist ein Wunder, dass sich Westerwelle das immer noch antun lässt“, leitartikelt die FTD. Gewiss, man fasst sich an den Kopf. Doch ohne dieses Ausmaß an Leidensfähigkeit hätte Deutschland niemals einen schwulen Außenminister bekommen. Einen bekennenden Homosexuellen. Dies bleibt, dies geht niemals so ganz, dafür gebührt Westerwelle unser Dank!

Ihr kauft mir den Schneid nicht ab!“ Pfeifen im Walde. Westerwelle hat immer wieder mal öffentlich über seine Zeit danach, also nach dem Politikerleben, nachgedacht. Rösler bestätigt bei jeder Nachfrage, dass er dabei bleibe, mit 45 – das wäre 2018 – als Politiker aufzuhören. Von Westerwelle wird nicht allzu viel bleiben, von Rösler gar nichts. Die beiden setzen gegenwärtig alles daran, dass auch von der FDP nichts bleibt. Doch ich befürchte, nicht einmal das werden sie hinbekommen.

 

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Ein Kommentar zu “Unsere Jahre ohne Guido

  • #1
    kalif

    Was soll überhaupt der scheiß mit Libyen? Natürlich haben wir falsch entschieden: Wir hätten ein grundsätzliches NEIN geben müssen. Wartet alle erstmal ab was jetzt noch kommt.
    Und das der kleine Rebellentrupp ( in Ländern die, die NATO schützt heißen sie Terroristen) mit der massiven Luftunterstützung der Kriegsgeilen NATO, Gaddafi und seine Leute aus dem Amt fegen war jedem klar! Ich mag Scarf ähm Westerwelle auch nicht, aber ihn jetzt wegen Libyien anzugreifen ist nur billigster Poppulismus.

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