Vor 35 Jahren: Ein Fußballspiel des BVB, das für mich zur Zeitreise wurde

Unser Autor im Jahre 1986 an der Berliner Mauer. Foto: privat

Der Tag der Deutschen Einheit ist für viele einfach ein freier Tag im Herbst – für mich aber ist er jedes Jahr auch eine kleine Reise in die Vergangenheit. Denn 1990 habe ich etwas erlebt, das ich bis heute nicht vergessen habe: Ich bin ins Ausland gefahren und, streng genommen, nie wieder offiziell zurückgekehrt.

Ein besonderes Spiel in besonderen Zeiten

Wie das passieren konnte? Ganz einfach: Der BVB spielte damals im UEFA-Cup beim FC Chemnitz, dem früheren Karl-Marx-Stadt. Es war der 2. Oktober 1990, also der Abend vor der Wiedervereinigung. Ost gegen West – sportlich wie politisch ein besonderes Duell. Ich war 19, großer Dortmund-Fan und fuhr mit meiner Familie extra in die sich gerade auflösende DDR, um live dabei zu sein.

Im Ernst-Thälmann-Sportforum herrschte eine ganz besondere Atmosphäre. Knapp 12.000 Zuschauer, darunter rund 2000 BVB-Fans, sahen den 2:0-Auswärtssieg der Dortmunder. Thomas Helmer (24.) und Michael Rummenigge (50.) trafen für Schwarz-Gelb. Auf dem Platz standen damals Namen wie Wolfgang de Beer, Michael Zorc, Frank Mill oder Flemming Povlsen – eine echte Malochertruppe, weit entfernt vom heutigen Starensemble.

Knüppel statt Klatschpappen

Ganz so romantisch war der Abend aber nicht durchgehend. Ein paar Chemnitzer Krawallmacher stürmten plötzlich unseren Block. Meine Eltern und ich saßen wie eingefroren auf unseren Plätzen und entgingen nur knapp einer ordentlichen Abreibung. Eine Szene, die wir in der Familie noch oft erzählt haben.

Rückkehr ohne Grenze

Und dann kam das eigentlich Kuriose: Nach dem Spiel machten wir uns spät auf den Heimweg Richtung Nordrhein-Westfalen. Am Grenzübergang Herleshausen passierten wir kurz nach Mitternacht die innerdeutsche Grenze – also am 3. Oktober 1990, dem Tag der Wiedervereinigung. Nur: In dem Moment gab es diese Grenze offiziell gar nicht mehr. Technisch gesehen sind wir also nie wieder „eingereist“.

Rund um den ehemaligen Grenzposten loderten Lagerfeuer, es gab Bier- und Grillstände – einige wollten die historische Stunde direkt vermarkten. Aber die meisten, so auch wir, waren einfach müde und fuhren weiter. Trotzdem war mir schon damals bewusst: Das hier ist ein Moment, den ich nie vergessen werde.

Und genau daran denke ich jedes Jahr am Tag der Deutschen Einheit – mit einem Schmunzeln und ein bisschen Wehmut.

In diesem Sinne: Einen schönen Feiertag euch allen!

Dir gefällt vielleicht auch:

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
1 Kommentar
Älteste
Neueste
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
thomas weigle
thomas weigle
3 Monate zuvor

Nein, Robin, du warst nicht im Ausland, du warst in der Zone, die für Deutschlands sämtliche Regierungen seit 1949 bis 1990 völkerrechtlich kein Ausland war.Weil das so war, bekam auch jeder Flüchtling aus der Zone umstandslos den deutschen Pass. Diese Regelung der verschiedenen deutschen Regierungen waren für die Zonenmachthaber immer ein großes Ärgernis.

Werbung