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„Warum machen die das?!“

Es ist Wahlkampf in Berlin. Die NPD klebt in ganz Berlin, besonders gehäuft jedoch vor Orten wie dem Jüdischen Museum, dem Holocaust-Mahnmal, dem Haus der Wannsee-Konferenz usw. ein Plakat, das den NPD-Vorsitzenden Udo Voigt in Lederkluft auf einem Motorrad zeigt. Parole: „Gas geben!“ „Warum machen die das?!“ wird Werner Jurga von seiner Tochter gefragt. Mit der Antwort „weil sie Nazis sind“ ist es offenbar nicht getan. Also müssen weitere Erklärungsmuster herhalten … Weiterlesen

Werner Jurga mit Tochter (Foto: Rodenbücher / xtranews)

Als meine Tochter mein Arbeitszimmer durchquerte, hatte ich gerade dieses NPD-Plakat auf dem Bildschirm meines Laptops. „Gas geben!“ Das Plakat hängt in ganz Berlin, besonders gehäuft jedoch vor Orten wie dem Jüdischen Museum, dem Holocaust-Mahnmal, dem Haus der Wannsee-Konferenz, … – Es ist Wahlkampf in Berlin. Es ist nicht davon auszugehen, dass die NPD die Besucher dieser Gedenkstätten als wesentliche Zielgruppe ihrer Wahlwerbung ausgemacht hat. Das Plakat zeigt den NPD-Vorsitzenden Udo Voigt in Lederkluft auf einem Motorrad, in kleinen Lettern sein Name, in großen Lettern: „Gas geben!“

„Hey! Halt! Stopp!“ wies ich meine Tochter an. „Komm mal her! Sieh Dir das doch bitte mal an!“ Sie bremst, kurze Drehung, Blick auf den Bildschirm, Pause. Tiefer Atemzug, dann die Frage: „Warum machen die das?!“ – Wobei: der Begriff „Frage“ trifft eigentlich den Charakter ihres Statements nicht so ganz. Mmhh. Die Vorteile von Text – also Text pur, nur Text – liegen auf der Hand: keinerlei Ablenkung durch diverse sachfremde Einflüsse, Konzentration auf das Wesentliche, nämlich den Wortlaut der Aussage. Diese Vorteile gibt es jedoch nur für den Preis, dass die Formelemente der Meinungsäußerung verloren gehen: Gestik und Mimik, Lautstärke und Betonung u.v.a.m.

„Warum machen die das?!“ Sie präsentierte diese Frage faktisch ohne Sprachmelodie, jedes Wort einzeln ausgestoßen, zwischen den Wörtern immer eine kleine Pause: „Warum … – Machen … – Die … Das …“?! Wie viermal mit dem Fuß auf das Pedal der großen Basstrommel gestampft. Recht eindrucksvoll, auf mich muss es jedenfalls einigermaßen bedrohlich gewirkt haben. „Ja äh …, weil sie Nazis sind“, stammelte ich. Eine recht blöde Bemerkung, wie mir bereits beim Stammeln klar wurde, weshalb ich, um nicht ganz so blöde dazustehen, flugs noch eine kurz zuvor aufgenommene Information nachschob. „Die NPD hat auf Anfrage mitgeteilt, dass dieses Plakat so zu verstehen sei, dass ihres Erachtens in der Berliner Landes- und Kommunalpolitik jetzt einmal Gas gegeben werden müsse.“

Sie schloss unseren Vater-Tochter-Dialog mit einem – etwas leiseren – dumpfen bis resignativen „Ja klar“ ab. Dieses „Ja klar“, müssen Sie wissen, war und ist mir bestens bekannt. Ich bekomme es von ihr immer dann um die Ohren gehauen, wenn (und weil) ich meine väterlichen Ge- und Verbote nicht einfach so ex cathedra verkünde, sondern sie darüber hinaus mit den ihnen zugrunde liegenden pädagogischen Erwägungen begründe. Denn ich bin erstens modern und zweitens guten Willens. Ich meine es doch nur gut. „Ja klar“. Abgang, Ende dieser Szene, Vorhang, Warten auf den nächsten Akt.

Ich sage: „Moment!“ Sie ist zwar noch gar nicht abgerauscht; aber man kann ja mal „Moment“ sagen. Zumal es mir irgendwie nicht so ganz recht gewesen wäre, wenn meine kurze Erziehertätigkeit mit einem Zitat aus der NPD-Pressestelle ihren aus sich selbst heraus nicht so ohne weiteres verständlichen Abschluss gefunden hätte. Denn drittens habe ich als Vater auch noch meiner Vorbildfunktion gerecht zu werden. Also erstens modern, zweitens gutwillig, drittens vorbildlich. Ich bin nämlich aus tiefster Überzeugung – nach Überwindung einiger revolutionärer Jugendsünden – für diesen Staat und gedenke, meine Tochter in diesem Sinne zu erziehen. Also: erklären, erklären, erklären, …

„Schau mal! ,Gas geben!´ So etwas kannst Du doch nicht einfach so verbieten. So vor etwa dreißig Jahren, zum Beispiel. Da gab es mal so einen Schlagerfuzzi; ´ich will Spaß, ich geb Gas´ hatte der gesungen. Total bescheuert, wurde aber ein Riesenhit.“
Mein Maserati fährt 210
schwupp die Polizei hat’s nicht gesehn
das macht Spaß, ich geb Gas, ich geb Gas
„Kann man ungünstig finden, von mir aus auch schädlich. Aber das kannst Du doch nicht einfach verbieten!“ Sehr stark argumentiert. Immer am Beispiel erklären, sage ich. Die Miene meiner Tochter erweckte allerdings nicht den Eindruck, dass ich so richtig überzeugend rübergekommen wäre. Irgendwie bekam ich gar den Verdacht, dass sie gar nicht bereit war, mir zu folgen. Ja Mensch, ich bin doch der Vater!

Jetzt nicht die Nerven verlieren! Ganz cool bleiben. Wichtig. Also: eine kleine taktische Kurskorrektur. Wir sind gegen die Nazis, das ist ja sowieso schon mal klar. Nächster Versuch: „Schau mal hier! Da bringt die NPD in ihrem Dreckblatt ein Kreuzworträtsel. Gesucht wird ein Lösungswort mit fünf Buchstaben. Ein deutscher Vorname, der seit einiger Zeit – schreiben sie – etwas aus der Mode gekommen ist. Und wenn Du dann die fünf Buchstaben zusammen hast, ist die Lösung ,Adolf´. Unglaublich, nicht wahr?“

Mademoiselle sagt schon wieder nichts. Am liebsten würde ich … – Ich meine: was soll das denn?! Jetzt hatte ich doch klar Position bezogen. Und zwar ganz klar: „unglaublich“ sagte ich. Da muss sie doch nicht so ein Gesicht ziehen! Na klar: man kann über alles diskutieren. NPD verbieten, von mir aus, kann man machen. Oder man überklebt diese Plakate, wie das diese (Satire-) Partei gemacht hat. Lustige Aktion: „Gas geben – NPD“. Das Bild von diesem Voigt hatten sie überklebt mit Fotos von Jörg Haider und dem von ihm zu Schrott gefahrenen Sportwagen, mit dem sich der Alpen-Faschist mit Highspeed und stockbesoffen ins Jenseits katapultiert hatte.

Tolle Sache. Wollte ich eigentlich meiner Tochter auch noch zeigen und erklären. Erklären, erklären, erklären. Doch sie rauschte schon ab, d.h. diesmal kein Rauschen. Ungewöhnlich langsam verließ sie des Vaters Arbeitsstätte und murmelte nochmal vor sich hin, ebenfalls ungewöhnlich langsam: „Warum machen die das?!“ Klar: so ein Kind kann so etwas noch nicht verstehen. Das Beste wäre gewesen, ich hätte sie mit diesem ganzen Nazi-Scheiß einfach in Ruhe gelassen. Mein Fehler. Ich hatte es gut gemeint. Anti-Nazi und so. Aber das Kind ist doch erst vierzehn. Nur weil ich so ein Polit-Freak bin, habe ich längst noch kein Recht, ihr die schöne Kindheit mit so einem braunen Scheiß zu vermiesen. Außerdem sind noch Ferien und das Wetter ist schön.

So, bevor sie wach wird: schnell weg mit der WAZ. Weg vom Frühstückstisch! Nicht, dass das Kind so etwas wieder sehen muss. Über dem Umbruch der Kommentar von Ulrich Reitz, fette Überschrift: „Nazis in Dortmund“. Und unten auf der ersten Seite ein recht großer Bericht so in dieser Art. Alles schön und gut; aber das ist nichts für Kinder. Die können das einfach noch nicht verstehen. Das zeigt schon allein diese Frage: „Warum machen die das?!“ Süß, diese Kleinen! Aber so als Vater, so als Vorbild – da kannst Du nicht einfach hingehen und erklären! Alles zu seiner Zeit! Manchmal ist es besser, Du sorgst für einen Schonraum. Die Kleinen sollen doch ihre Kindheit genießen können. Gerade in den Sommerferien. Gerade bei schönem Wetter. Die wollen Spaß, die sollen Spaß haben. Und einfach mal so richtig unbeschwert  Gas geben können.

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8 Kommentare zu “„Warum machen die das?!“

  • #1
  • #2
  • #3
  • #4
    TJ

    Schade eigentlich, dass wir Erwachsene sowas immer zu erklären versuchen. Erklärbar ist das nämlich eigentlich nicht und entschuldbar es recht nicht.

  • #5
    Mir

    Die Tage mit meinem Kind in Duisburg Downtown. Am Stand für die Unterschriftensammlung zur Abwahl des OBs hat es den Sinn dieser Aktion verstanden und unkommentiert angenommen. Später beim Spaziergang im Hafenviertel vorbei an der unorthodox gebauten Synagoge stand ein Polizeiauto. Die Erklärung warum der Wagen meinen Infos zufolge mindestens seit 2010 dort steht wurde auch verstanden jedoch nicht angenommen. Mein Kind bestand auf die Begründung, die Synagoge besitze einen wertvollen Schatz im Innern, das nur das die eigentliche Erklärung für die Anwesehenheit des P.autos sein könne. Kindheit und Schonraum, hab ich auch gedacht und es dabei belassen.

  • #6
    Werner Jurga Beitragsautor

    @ mir:
    Ein Polizeiauto steht immer vor der Synagoge, von Beginn an, also seit der „Neueröffnung“ 1999.

  • #7
    frau biki

    schade, dass die tochter keine älteren geschwister hat die ihr dinge erklären an die sich papa nicht rantraut oder ihr ein jungle world abo schenken.

  • #8

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