Was Rassismus wirklich ist – und warum die aktuelle Definition gefährlich ist

Rassismus ist Mist. Ihn zu instrumentalisieren, allerdings auch. Grafik: erstellt mit Sora
Rassismus ist Mist. Ihn zu instrumentalisieren, allerdings auch. Grafik: erstellt mit Sora


Ein Kommentar über ideologische Scheuklappen, Opferhierarchien – und den Preis für ein falsches Weltbild.

Rassismus ist Mist. Aber: Rassismus ist kein neues Phänomen. Menschen haben sich schon immer abgegrenzt – Stamm gegen Stamm, Dorf gegen Dorf, Kultur gegen Kultur. Was heute „Rassismus“ heißt, war früher schlicht Feindbildpflege. Das ist ein evolutionäres Überbleibsel, das Zugehörigkeit stiften und Fremdes abwehren sollte. Später wurde daraus eine Ideologie: biologisch aufgeladen, systematisiert, tödlich. Doch so vielschichtig Rassismus historisch auch ist, eines ist er ganz sicher nicht: ein exklusives Problem irgendeiner Mehrheitsgesellschaft.

Rassismus kennt kein Monopol. Er ist ein zutiefst universelles menschliches Problem. Und genau das ist es, was mich an der aktuellen Debatte so stört: die Einseitigkeit, mit der Rassismus oft zugeordnet wird. Denn eine bestimmte ideologische Strömung hat es geschafft, den Begriff so umzudeuten, dass nur noch „die Mächtigen“ (wer immer das sein mag) rassistisch sein können. Wer keine strukturelle Macht hat, so die Theorie, könne per Definition nicht rassistisch sein. Das ist bequem für bestimmte Gruppen, aber gefährlich für alle.

Der kalkulierte Kunstgriff mit der „Macht“

Die Vorstellung, dass Rassismus Macht voraussetzt, ist keine neutrale Beschreibung des Phänomens – sie ist ein politischer Trick. Ein kalkulierter Kunstgriff, um Rassismus auf ein ideologisch gewünschtes Täterbild zu verengen. Statt Verhalten zu beurteilen, zählt nur noch die gesellschaftliche Position. Die Folge: Wenn ein Schüler einen anderen als „Scheißdeutscher“ beschimpft, dann ist das laut dieser Definition kein Rassismus. Wenn ein Migrant einen Juden angreift, dann ist das allenfalls „antizionistische Empörung“. Und wenn die Mehrheit darauf hinweist, dass es auch umgekehrte Diskriminierung gibt, dann ist das „weiße Fragilität“.

Das ist kein Fortschritt – das ist Selbstbetrug. Und letztlich ist es sogar selbst rassistisch. Die Folgen dieser verdrehten Definition sind gravierend, und sie reichen tief in den Alltag hinein:

Freifahrtschein für Diskriminierung: Wer per Definition kein Rassist sein kann, darf andere ohne Konsequenzen abwerten, beleidigen oder bedrohen. Das ist Gift für jedes gesellschaftliche Klima und verhindert die Ursachenbekämpfung.
Spaltung statt Solidarität: Opfergruppen werden gegeneinander ausgespielt. Der universelle Anspruch auf Gleichbehandlung, der sonst ständig betont wird, geht verloren.
Sprachliche Zensur: Medien und Institutionen meiden bestimmte Wahrheiten aus Angst, als rassistisch zu gelten. Ross und Reiter werden nicht genannt, stattdessen verbiegt man sich maximal, um möglichst wenig Informationen preiszugeben.
Vertrauensverlust: Die Menschen spüren natürlich, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird, und wenden sich ab. Nicht weil sie Rassismus verharmlosen, sondern weil sie die Doppelmoral nicht mehr ertragen. Eine der Folgen dieser Entwicklung ist dann auch die wachsende Zustimmung zu problematischen Parteien.
Schwächung echter Antirassismusarbeit: Wer jeden kritischen Gedanken als rassistisch brandmarkt, entwertet den Begriff und macht ihn politisch vielleicht nutzbar, aber moralisch wertlos. Längst ist festzustellen, dass die Bezeichnung als Rassist kaum noch ernstgenommen wird – vor allem dann, wenn schnell klar wird, dass der Vorwurf nicht zutrifft.

Rassismus ist keine Einbahnstraße: Zwei Beispiele aus dem Alltag

Schule: In vielen Großstadtschulen gehören Begriffe wie „Kartoffel“ oder „Opferdeutscher“ zum Pausenhof-Jargon. Lehrer berichten von systematischer Ausgrenzung deutschstämmiger Schüler durch andere, oft arabischstämmige Schüler. Aber in der offiziellen Bildungsdebatte heißt es oft, das sei „kein struktureller Rassismus“, sondern „Reaktion auf Diskriminierung“ oder „soziokulturelle Spannung“. Einem betroffenen Kind hilft das gar nichts. Im Gegenteil lernt es, dass sein Leid wertlos und ungewollt ist. Das erzeugt ein Gefühl von Machtlosigkeit, und daraus folgen oft Aggressionen.

Medien: Wenn antisemitische Gewalt von arabischstämmigen oder muslimischen Tätern verübt wird, liest man davon oft nur wenig oder sogar nichts. Oder es wird schnell auf den Nahostkonflikt, soziale Benachteiligung oder „importierte Konflikte“ verwiesen. Wer genauer hinschaut, wird das Gefühl nicht los: Manche Formen von Hass scheinen weniger berichtenswert, wenn sie aus der falschen Ecke kommen. Dieses Aussortieren zerstört das Vertrauen in die klassischen Medien und überhöht alternative Portale und Formate, die sich dieser Themen annehmen.

Wenn die Statistik nicht das aussagt, was sie aussagen soll

Ein besonders heikler Aspekt in der Rassismusdebatte ist der Umgang mit der polizeilichen Kriminalitätsstatistik. Genauer gesagt: mit dem, was nicht in ihr steht oder falsch zugeordnet wird. Immer wieder geraten Ermittlungsbehörden und Medien in die Kritik, wenn sie Herkunftsangaben zu Tatverdächtigen veröffentlichen, vor allem bei Gewalt- oder Sexualdelikten. Aus Angst vor „rassistischer Instrumentalisierung“ wird dann geschwiegen, relativiert oder statistisch geschönt. Besonders problematisch ist dabei ein automatischer Mechanismus: Wer eine fremdenfeindlich erscheinende Tat begeht und nicht sofort identifiziert werden kann, wird in der Statistik zunächst unter „politisch motivierte Kriminalität – rechts“ eingeordnet. Das geschieht häufig in Fällen, in denen Migranten Opfer sind; selbst wenn sich später herausstellt, dass es sich um Auseinandersetzungen innerhalb migrantischer Milieus handelt. Diese pauschale Vorverortung mag intern praktikabel erscheinen, ist aber statistisch irreführend und politisch brandgefährlich. Denn so wird rechte Gewalt künstlich aufgebläht, während andere Gewaltformen ausgeblendet oder bagatellisiert werden. Die Folge: Die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik verliert an Glaubwürdigkeit, differenzierte Ursachenanalysen werden erschwert und das Vertrauen in Staat und Medien sinkt weiter. Wer jedoch echte Probleme nicht benennt oder falsch etikettiert, stärkt nicht den gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern überlässt das Feld jenen, die mit den vermeintlich simplen Antworten auf komplexe Fragen immer bereitstehen.

Was wäre besser?

Ein glaubwürdiger, gerechter Antirassismus müsste drei Dinge leisten:

Erstens: Er müsste universal sein. Jeder Mensch kann rassistisch denken oder handeln, unabhängig von Hautfarbe, Herkunft oder Machtverhältnissen.
Zweitens: Er müsste das Individuum in den Mittelpunkt stellen, nicht die Gruppe. Diskriminierung verletzt den Einzelnen, nicht die Statistik.
Drittens: Er müsste den Begriff Rassismus wieder auf das Wesentliche zurückführen: die bewusste oder unbewusste Abwertung anderer Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Kultur; egal von wem, egal gegen wen.

Klingt einfach, wird aber nicht passieren. Denn ein ehrlicher, universalistischer Antirassismus würde einer ganzen Empörungsindustrie die Geschäftsgrundlage entziehen. Wer heute reflexartig mit dem immer gleichen Playbook „gegen rechts“ bellt, müsste plötzlich tatsächlich inhaltlich arbeiten, differenzieren, vielleicht sogar Selbstkritik üben. Und genau das ist in vielen Kreisen weder gewollt noch geübt. Der Kampf gegen Rassismus würde vom moralischen Dauerfeuer zum nüchternen Diskurs, und das wäre vielen schlicht zu anstrengend.

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paule t.
paule t.
6 Monate zuvor

Was der Autor hier macht, ist auch keine „neutrale Beschreibung“ des Problems ohne „ideologische Scheuklappen“ (die haben bekanntlich immer nur die anderen), sondern es ist im Gegenteil selbst hoch ideologisch und lässt wichtige Aspekte nicht nur außer acht, sondern blendet sie bewusst und programmatisch aus.

Warum dieses harsche Urteil?
Der Autor beschäftigt sich mit dem Problem ausschließlich und gewollt („Ein glaubwürdiger, gerechter Antirassismus müsste […] das Individuum in den Mittelpunkt stellen“) auf individueller Ebene. Gesellschaftliche Strukturen, Machtverhältnisse, kulturelle Traditione usw. usw. werden nicht nur nicht betrachtet, sie werden aggressiv beseite gewischt. Als Problem kommen bei ihm nur noch negative Einstellungen (und darauf beruhende Handlungen) von Individuen gegen Angehörige anderer Gruppen vor.

Damit werden sowohl große Bereiche dessen, was Forschung darüber, was Rassimus ist und wie er funktioniert, beiseite gewischt, als auch alltägliche Erfahrungen von Rassismus betroffener Menschen, die eben nicht nur von einzelnen Personen negativ behandelt werden, sondern gesellschaftlichen Strukturen gegenüberstehen, die ihnen immer wieder Ausgrenzungserfahrungen bescheren, teilweise sogar ohne dass spezifische Individuen entsprechende individuelle Überzeugnungen haben.
So viel gewollte Ignoranz gegenüber wissenschaftlicher Diskussion und Erfahrungen Betroffener ist schon bemerkenswert.

Besonders merkwürdig ist, dass er diese Ausblendung gesellschaftlicher Aspekte nicht wirklich begründet. An Stelle einer Begründung behauptet er einfach, dass die Einbeziehung struktureller Aspekte wie Machtverhältnisse zu „Einseitigkeit“ führe. Darauf, dass die Einbeziehung weiterer Aspekte außerhalb des rein Individuellen nicht etwa zu einem besseren Verständnis des Phänomens führe, sondern im Gegenteil zu „Einseitigkeit“, muss man erst mal kommen! Also um nicht einseitig zu sein, müssen wir offenbar Machtverhältnisse ausblenden.

Zusätzlich behauptet er einfach, dass durch die Betrachtung struktureller Machtverhältnisse in Zusammenhang mit Rassismus bestimmte Probleme der Betrachtung entzogen würden („Statt Verhalten zu beurteilen, zählt nur noch die gesellschaftliche Position“). Das ist aber horrender Quatsch.
Wenn man eine Rassismusdefinition verwendet, die gesellschaftliche Machtverhältnisse berücksichtigt, dann ist es vielleicht in der Tat kein Rassismus in diesem Sinne, wenn eine Person jemand anderen als „Scheißdeutscher“ beschimpft, denn „deutsch“ ist dann zwar der Aufhänger für diese konkrete Beschimpfung, aber eben kein Persönlichkeitsmerkmal, aufgrund dessen die beschimpfte Person gleichzeitig auch regelmäßig Nachteile bei der Wohnungs- oder Jobsuche, bei der Empfehlung für die weiterführende Schule, bei Beurteilungen verschiedenster Art, bei Begegnungen mit (Sicherheits-)Behörden usw. erlebt.

Dass man diesen Unterschied zwischen individueller Beschimpfung (oder, wenn es regelmäßig vorkommt, Mobbing) und Rassismus, der strukturelle Elemente beinhaltet macht, heißt aber selbstverständlich nicht, dass man die Beschimpfung und das Mobbing nicht als solche benennen und bekämpfen könnte. Selbstverständlich kann man das, und es geschieht doch auch.

Daraus folgt dann die sattsam bekannte Erzählung, dass angeblich bestimmte, tatsächlich von Rassismus betroffene Gruppen aufgrund falscher Rücksichten besser behandelt bzw. weniger kritisiert würden als die Mehrheitsgesellschaft. Das stellt die realen Verhältnisse auf den Kopf und ist von der Trumpschen Wahnvorstellung eines „Rassismus gegen Weiße“ nicht weit entfernt.
Das Gegenteil ist doch der Fall: Eine ausländische Herkunft eines Straftäters wird (das ist durch Untersuchungen belegt!) relativ häufiger in den Medien benannt als eine deutsche Herkunft und nicht etwa umgekehrt. Aufsehenerregende Verbrechen werden in den Medien intensiver und länger behandelt, wenn der Täter Migrationshintergrund hat. Antisemitismus wird in den letzten Jahren in den Medien doch fast ausschließlich als importiertes Problem behandelt, so als wüssten Deutsche gar nicht mehr, wie das geht. Die Liste ließe sich fortsetzen.
Unter diesen gesellschaftlichen Verhältnissen so zu tun, als würde allein eine bestimmte Rassismusdefinition dafür sorgen, dass man bestimmte Probleme nicht ansprechen könne, während genau das ständig geschieht, zeugt einfach nur von Realitätsverlust.

Und wofür all das? Nun, die Stoßrichtung ist klar und wird dankenswerterweise ja sogar relativ offen ausgesprochen: Die Machtverhältnisse in der Gesellschaft sollen nicht mehr kritisiert werden, sondern nur noch individuelles Fehlverhalten. Sprich, die Verhältnisse sollen so rassistisch bleiben dürfen, wie sie sind. Nur Fehlverhalten von Individuen soll noch angesprochen werden.
Und die komischen Leute mit falscher Hautfarbe, falschem Namen, falschem Essen, falscher Religion usw., die sind auf einmal nicht mehr benachteiligt, wie man es rausfinden könnte, wenn man gesellschaftliche Verhältnisse betrachtet – sie sind einfach auch nur genau so potenzielle Rassisten wie alle anderen, denn manche von ihnen haben auch individuelle Vorurteile. Und mehr als individuelle Vorurteile wollen wir nicht mehr kennen. Das ist natürlich ganz prima, wenn man selber die richtige Hautfarbe usw. hat.

Aber all das ist natürlich nur ein „nüchterner Diskurs“, während die andere Seite eine „Empörungsindustrie“ ist. Klar.

paule t.
paule t.
6 Monate zuvor

@ Till Oliver Beck,
Zitat: „Der Fokus auf das Individuum dient nicht der „Ausblendung“ von Strukturen, sondern der Erinnerung daran, dass jede Form von Abwertung, auch ohne institutionelle Macht, problematisch ist.“

Damit, „dass jede Form von Abwertung […] problematisch ist“, haben Sie natürlich recht. Aber es ist auch eine Binsenweisheit, wirklich ein Allgemeinplatz, dem jeder zustimmen kann.

Nun gibt es aber noch bestimmte Formen von Abwertung, die nicht nur auf individueller Ebene statfinden, sondern die außerdem noch durch gesellschaftliche Machtstrukturen gestützt werden – durch ein „allgemeines ‚Wissen'“ über davon betroffene Menschen (dass diese teilweise auch internalisiert haben), durch eine Verteilung von gesellschaftlichen Machtpositionen, durch „normale Vorgehensweisen“, die bestimmte Gruppen benachteiligen, usw.
Der Unterschied zur individuellen Abwertung ist dabei u.a. der, dass die individuelle Abwertung üblicherweise auf die konkreten Situationen und Akteure bezogen ist, während die Abwertung aufgrund gesellschaftlicher Strukturen bleibt, die Betroffenen können sie nicht einfach hinter sich lassen, sondern sie kann einem immer wieder begegnen.

Und weil das, durch den Bezug auf allgemeine Strukturen, eine andere Sache ist, verdient es eine besondere Betrachtung und einen besonderen Begriff. Und dieser Begriff ist – in dem Fall, dass die abwertenden Strukturen auf Herkunft und/oder körperliche Merkmale und/oder ähnlich fest eine Gruppe definierende Merkmale geht – „Rassismus“. Und diese Betrachtungsweise blenden Sie sehr wohl aus, indem Sie nur auf das Individuelle schauen wollen.

Dass das eine „Diskussion“ wäre, „die bestimmte Tätergruppen aus ideologischen Gründen systematisch entlastet“, ist übrigens reinweg lächerlich. Offensichtlich reden wir hier ja von Tätergruppen, die – außer dass sie Täter sind – gleichzeitig auch noch von Rassismus betroffenen Gruppen angehören. Nun werden Täter aus diesen Gruppen aber keineswegs „entlastet“, sondern über Täter aus diesen Gruppen wird genau im Gegenteil viel intensiver in den Medien berichtet als über andere Täter (das ist nachweisbar), sie werden oft nicht als Täter wie jeder andere Täter behandelt, sondern als Repräsentanten ihrer Gruppe, wodurch dann wiederum die Gruppe insgeamt als problematisch erscheint. usw. Das ist das genaue Gegenteil von Entlastung.

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