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Zur Lage im Nahen Osten: Die Ruhrbarone telefonieren mit Arye Sharuz Shalicar

Arye Sharuz Shalicar: Früherer Pressesprecher der IDF

Arye war bis 2017 Pressesprecher der IDF

Arye Sharuz Shalicar ist ein deutsch-iranischer-israelischer Politologe, Publizist und Buchautor (Der neu-deutsche Antisemit, Hentrich & Hentrich, 2018).

Der ehemalige Sprecher der IDF (Israelische Verteidigungskräfte) ist Berater vom israelischen Außen- und Nachrichtendienstminister.

Als Politologe und ehemaliger Sprecher der israelischen Verteidigungskräfte (IDF), ist Arye ein Experte für den ewigen Konflikt im Nahen Osten.

Ein guter Ansprechpartner in Israel für die Ruhrbarone, um Informationen zur aktuellen Situation im Nahen Osten zu erhalten.

Aus diesem Grund, haben die Ruhrbarone heute mit ihm telefoniert.

Ruhrbarone: Vor ein paar Tagen ist die Situation im Nahen Osten wieder eskaliert. Nach massiven Raketenangriffen aus dem Gazastreifen. Seit heute Morgen gibt es einen Waffenstillstand: Wie siehst Du die aktuelle Entwicklung?

Arye: Generell ist mittlerweile klar, dass die palästinensischen Terrororganisationen das immer wieder machen. Also alle paar Wochen oder Monate fangen sie an mit kräftigen Beschuss und dann, nach einer gewissen Zeit, tritt ein Waffenstillstand ein, der eigentlich nur eine Art Ruhepause vor dem nachten Mal ist. Also sie hauen einfach raus um sich selber irgendwie auch aufzuspielen. Aber weder sie bewirken wirklich was, noch wir schaffen wirklich was.

Ruhrbarone: Diese ewigen Angriffe gibt es ja nur, weil die Hamas von ihren Problemen im Gazastreifen ablenken muss. Dort läuft es ja nicht so gut. Was will die Hamas dort erreichen?

Arye: Die Hamas leitet das dort nicht alleine. Der palästinensische Islamische Dschihad, das ist die zweitgrößte Terrororganisation, die 100% vom Iran unterstützt wird, macht ja auch mit. Wie die Hisbollah. Das sind Palästinenser, Sunniten, im Gazastreifen. Das ist eine Art Konkurrenz-Terrororganistion für die Hamas, aber die sind in den letzten Jahren durch die Unterstützung des Irans immer stärker geworden und zentraler geworden. Das ist vielleicht der erste Schlagabtausch, der jetzt in den letzten Tagen war, an dem die Hamas und der palästinensische islamische Dschihad wirklich beide extrem aktiv waren und kooperiert haben.

Was haben sie erreicht? Nichts wirklich. Im Endeffekt geht es nicht wirklich besser. Und die Frage ist, ob die irgendwann mal schnallen, daß Terror und Raketenbeschuss auf Zivilisten nicht der der richtige Weg ist um die eigene Sache voranzubringen.

Arye Sharuz Shalicar Foto: Privat

Arye Sharuz Shalicar Foto: Privat

Ruhrbarone: In wenigen Wochen startet der Eurovision Song Contest in Israel. Ist dies auch ein Motiv für die Angriffe der letzten Tage?

Arye: Schau, also der ESC, der Eurovision Song Contest, ist ja erst in etwas weniger als zwei Wochen. Ich weiß auch nicht wie die nächsten zwei Wochen aussehen werden, aber ich denke nicht, daß das jetzt ein direkter Angriff auf den Eurovision Song Contest war, denn wenn dass so wäre, dann hätten die zwei Tage, nicht zweieinhalb Wochen, vorher geschossen.

Ruhrbarone: In den deutschen Medien wird der Konflikt ja immer sehr einseitig dargestellt. Du bist ja Berliner. Als deutscher Israeli: Wie siehst Du diese Wahrnehmung mit Deiner deutschen Seite?

Arye: Also, die deutschen Leitmedien – unter anderem auch SPIEGEL, leider auch die ZEIT, FAZ  und das ZDF – die bringen sehr oft Täter-Opfer-Umkehr. Es wird immer irgendwie erwähnt, wie Israel angreift und Israel droht und Israel Vergeltungsschläge durchführt. Israel macht dies, Israel hier und Israel da. Ich bin mittlerweile zu 100% überzeugt und ich hab da auch meine Umfragen gemacht, in Kreisen von Deutschen die wirklich, ich sag jetzt mal, objektiv sind. Und die haben alles gesagt: „Du hast wirklich Recht. Das hat mit der Vergangenheit zu tun.“

Diese Täter-Opfer-Umkehr, da steckt etwas ganz tief bei Deutschen. Zumindest bei denen, die in den Medien linksextrem sind. Und das ist eine Art Nazismus, weil man die eigene Vergangenheit nicht positiv verarbeitet hat, wie das Verhältnis zu den Juden und bei allen was die Juden machen,  irgendwie das Negative suchen und zeigen möchte.

Ruhrbarone: Erklärt das auch den großen Einfluss des BDS in Deutschland?

Arye: Ich denke, dass das damit zu tun hat. Natürlich. Wo sonst, sollte BDS Einfluss haben, wenn nicht in Kreisen wo Antisemitismus vorherrscht. Wo man nur darauf wartet, gegen Juden vorzugehen. Und nicht nur in Deutschland. Auch in anderen europäischen Ländern natürlich. Auch in Amerika und anderswo. Aber in Deutschland, gerade in Deutschland wegen der Vergangenheit, sollte eigentlich die deutsche Gesellschaft die erste Gesellschaft auf der Welt sein, die zu Boykott gegenüber dem jüdischen Staat ein riesiges Nein sagt.

Glückwünsche nach Teheran

Ruhrbarone: Du hast die deutsche Gesellschaft als Vorbild angesprochen. Vor ein paar Monaten hat der deutsche Bundespräsident, Frank-Walter Steinmeier, im Namen des deutschen Volkes dem iranischen Regime zum Revolutionsgeburtstag gratuliert. Wieso wird da nicht mal von Israels Seite an die Staatsräson erinnert?

Arye: Die Staatsräson, das ist ja sowieso ist mittlerweile eher ein Lippenbekenntnis. Es ist ja nicht so, dass durch diese Staatsräson in vielen Sicherheitsthemem mit uns d’accord sind. Um nur drei Themen zu nennen, bei denen wir mit der deutschen Politik nicht die selbe Meinung haben. a) Die Hisbollah, der politische Arm, die Deutschen weigern sich, die Hisbollah komplett als Ganzes als Terrororganisation zu kennzeichnen. Andere Länder, wie die Amerikaner und die Briten, machen das. Die Hisbollah ist nun mal eine Terrororganisation, ein verlängerter Arm des  iranischen Regimes. Kein Zweifel. Und wenn die selber sich nicht unterscheiden, wieso muss Deutschland das machen? Das ist der erste Punkt.

Der zweite Punkt ist der ewige Nahost-Konflikt. Den man sich in Deutschland jedesmal so vor Augen führt, wie vor 50 Jahren. Juden gegen Araber. Israel gegen Palästinenser. Alles andere wird so ein bißchen zur Seite gekehrt. Und in diesem „Israel gegen Palästinenser“ und „Juden gegenüber Muslime oder Araber“ macht man halt gerne diese Täter-Opfer-Umkehr, was sehr verzerrt. Man sucht die Schuld beim Juden. Das passiert leider, wenn es um die Palästinenser geht, immer wieder.

Das dritte Thema, wo wir mit den Deutschen auch nicht einer Meinung sind, das ist der Iran. Wo wir und die Amerikaner wissen, das Druck auf das iranische Regime, hoffentlich, zu einer positiven Lösung beitragen wird. Und nicht zu Krieg. Und die Deutschen – und andere Europäer auch – machen genau das Entgegengesetzte und versuchen das iranische Regime zu unterstützen.

Das sieht man auch, wenn Steinmeier seine Glückwünsche halt genau an diese Mullahs richtet, die zuständig sind für Morde und Inhaftierungen und Folter an unschuldigen Menschen. Da müsste es eigentlich einen Volksaufstand geben in Deutschland, dass man das zulässt. Das ist mir wirklich unbegreiflich.

Und natürlich weißt Du, das da ein weiteres Thema ist, was Israel wirklich traurig findet: Nämlich, dass gerade Deutschland in den Vereinten Nationen, nicht mit Mörder- und Terrorstaaten gemeinsame Sachen gegen Israel machen sollte, wenn Abstimmungen sind.

Besuch in Berlin: Arye, unterwegs mit der Berliner Polizei; Foto: Privat

Besuch in Berlin: Arye, unterwegs mit der Berliner Polizei; Foto: Privat

Ruhrbarone: Das Abstimmungsverhalten im sogenannten Menschenrechtsrat der UN wird ja oft genug von UN-Watch thematisiert…

Arye: Genau. Da wird immer gerne gegen Israel gebasht, weil das ist das Thema wo die meisten Staaten mit Diktatoren und Faschisten, einig sind. Dann muss man sich nicht untereinander streiten. Und dann zieht man gerne über den Juden unter den Staaten her. Und Deutschland macht da halt, mehr oder weniger, mit. Indem es sich mal enthält, mal zustimmt.

Gelder für den Terror

Ruhrbarone: Du hast Deutschland und die europäischen Staaten angesprochen. Wieso schicken die EU und Deutschland weiter Geld in den Gazastreifen, wenn dieses in Terrortunnel und Kriegsgerät investiert wird?

Arye: Prinzipiell ist Israel kein Gegner von Geldern an das palästinensische Volk. Oder an Förderung für zivile Infrastruktur, Schulen, Medizin und Essen. Da ist man nicht dagegen. Da kann soviel Geld kommen wie man schicken will. Aber das Problem ist, und da sind die Europäer weiterhin sehr naiv, ich glaube die ersten die es begriffen haben sind die Norweger die nichtmehr wie früher Geld schicken ohne zu schauen, wo es hinterher landet. Viele Europäer, auch die Deutschen, schicken gutwillig das Geld und beobachten nicht, wo das Geld am Ende wirklich landet. Diese ganzen Raketen die aus Gaza geschossen werden, das kostet. Tunnelbau: Das kostet. Die Marine, das Marinekommando der Hamas, und alles andere was die so an Geräten und Logistik haben: Das kostet alles Geld. Wo kommt dieses Geld her? Unter anderem wird ein gewisser Teil von Fördergeldern in Terror investiert. Seit etlichen Jahren.

Ruhrbarone: Was kann Israel machen, damit das aufhört?

Arye: Schau, das Dilemma ist, dass Fördern mit Geldern einzustellen, würde auch heißen, dass die einfache Bevölkerung leidet. Du weißt die leben nicht gut, denen geht es nicht gut. Mutter, Vater mit sieben Kindern meinetwegen, wo der Vater keinen Job hat oder nur Kleingeld: Die müssen sich auch irgendwie ernähren. Und nicht jeder dort ist Schuld daran, dass die Hamas oder der Islamische Dschihad dort eine Mafiabande ist. Die dort brutal die Menschen regiert und aufstacheln. Nicht jeder dort, muss dafür schuldig gemacht werden. Ich persönlich glaube daran, je besser es den Menschen geht, desto weniger hat Terror eine Chance.

Aber. Und hier ist ein riesiges Aber. So wie Du und ich das verstehen, so verstehen dass auch die Terroristen. Es ist in ihrem Sinne, dass es den Menschen schlecht geht. Damit sie weiterhin an der Macht bleiben.

Frieden im Nahen Osten

Ruhrbarone: Es gab ja mal den arabischen Frühling. Mit Regime Changes in zahlreichen Staaten. Wie groß ist die Chance, dass die Bevölkerung irgendwann das Hamas-Regime zum Teufel jagt?

Arye: Es gab vor ungefähr einen Monat einen Miniaufstand. Da habt Ihr drüber geschrieben. Der wurde von der Hamas brutal niedergeschlagen. Und seitdem hat man von einigen diesen Aufständischen nichts mehr gehört. Aber das interessiert niemanden, auch nicht in Deutschland. Weil solange keine Juden involviert sind, warum sollte es irgendjemanden stören wenn Palästinenser Palästinenser abschlachten? Aber es ist nicht so einfach, in diesen Strukturen. Es ist schwer sich gegen die Hamas zu stellen. Eine Terrororganisation, die wirklich über einige zehntausend Mann, teilweise bewaffnet und ausgebildet, verfügt. Sich in so einem Landstreifen gegen die zu stellen, ist fast eine Mission Impossible.

Ruhrbarone: Thema Mission impossible: Wie könnte ein Frieden aussehen?

Arye: Kompletter Frieden mit Hamas und Islamischer Dschihad ist undenkbar. So, wie wir das Leben verehren, so sind die auf Tod aus. Das kennst Du ja. Der Name Islamischer Dschihad sagt doch schon alles. Wo ist der Unterschied zwischen Islamischer Staat und Islamischer Dschihad?

Da muss bei eigentlich jedem die letzte Alarmglocke angehen. Und man muss wissen, was genau der Sinn von diesen Leuten ist. Die wollen nicht Seite an Seite mit Juden oder Christen leben. Die wollen auch nicht  irgendwelche moderaten Muslime in ihren Reihen. Die wollen einen islamischen Staat. Die nennen sich halt Islamischer Dschihad statt Islamischer Staat.

Aber es  ist vom Sinn her das Selbe.

Nur ist das Problem bei denen, dass die den mächtigen Iran hinter sich haben. Die Schiiten. Nicht weil die sich groß leiden können. Sondern weil der Iran diese für die eigenen Zwecke ausnutzt. Und genauso auch der Islamische Dschihad den Iran für die eigenen Zwecke ausnutzt.

Ruhrbarone: In Israel leben Juden, Christen Muslime ja friedlich miteinander. Wissen die Menschen in Gaza, daß sowas auch funktionieren kann?

Arye: Ja. Absolut. Das wissen die. Und das ist auch die Gefahr für die Hamas und den Islamischen Dschihad. Deshalb gibt es dort keine freien Medien. Fernsehen und Medien dort, werden von Hamas und von palästinensischen Islamischen Dschihad geleitet. Und da wird nicht positiv über Israel oder Frieden und zusammenleben gesprochen. Sondern genau das Gegenteil.

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