Premiere in Dortmund: Tristan und Isolde

Tristan und Isolde Opernhaus Dortmund (Foto: Thomas Jauk)
Tristan und Isolde
Opernhaus Dortmund (Foto: Thomas Jauk)

Zum Spielzeitauftakt an der Dortmunder Oper hat Intendant Jens-Daniel Herzog sich einiges vorgenommen. Mit Richard Wagners „Tristan und Isolde“ wagt er sich an eine Oper, die an alle Beteiligten höchste Ansprüche stellt. Die Interpreten haben enorme Rollen zu stämmen, Dirigent und Orchester müssen in der „Treibhausmusik“ Wagners einen Pfad zwischen atmosphärischem Schweben und durchsichtiger Klarheit finden und die Regie in den eher handlungsarmen vier Stunden dieser „Handlung mit Musik“ Spannung erzeugen, ohne in Aktionismus auszubrechen. Und was macht Jens-Daniel Herzog? Er legt ganz locker die Latte auf internationales Niveau. 

Natürlich spart das Publikum am Ende der Premiere am 6.9. nicht mit Buhs für die Regie, aber dass das passieren würde, war schon in der ersten Sekunde klar. Und auch Jens-Daniel Herzog wird es gewusst haben. Als sich noch während des Vorspiels der Vorhang öffnet, sieht man Tristan an einem Schreibtisch sitzen. In einer unvorstellbar kargen Amtsstube, deren einzige Zier ein Bild König Markes im Stile eines Diktators ist. Ein Gefangener wird hereingeführt, muss sein Geständnis unterschreiben, bekommt die Augen verbunden, wird abgeführt und dann ist ein Schuss zu hören. Es bleibt den ersten Akt über bei der Amtsstube, das von Wagner vorgesehene Schiff ist gestrichen. Auf grauen Kunstlederstühlen müssen Brangäne und Isolde ausharren, um Aufnahme in Kornwall gewährt zu bekommen. Auch im weiteren setzt sich Bühnenbildner Mathis Neidhardt, mit dem Jens-Daniel Herzog schon seit vielen Jahren eng zusammenarbeitet, über die Vorstellungen Richard Wagners und der Wagnerianer hinweg. Stattdessen lässt er immer neue Räume dieser trostlosen Markediktatur auf der enorm geschickt eingesetzten Drehbühne erscheinen.

Tristan ist ganz offensichtlich ein gut funktionierendes Rädchen im Staatsapparat. Isolde und ihre Dienerin Brangäne erdulden die Repressalien und Demütigungen, bis sie endlich in Markes Reich ankommen. Mag sein, dass die Vergewaltigung Brangänes durch Steuermann und  Seemann etwas zu viel ist, zumal sie (wie meist in der Oper) bei nicht einmal geöffneter Hose doch arg harmlos daher kommt. Die drückende Atmosphäre dieses autoritären Staates, ist viel besser beschrieben durch die Räume und das kalte Gebahren Markes und seiner Untertanen. Wagners schwül dampfende Musik tut ihr Übriges dazu, da sie erzählt, was diese Diktatur alles unterdrückt. So erfolgreich unterdrückt, dass es ohne Hilfsmittel nicht hervorbrechen kann. Das Hilfsmittel ist bei Wagner ein Liebestrank, den Brangäne Isolde statt des erwünschten Todestrankes reicht. Die märchenhafte Verbrämung lässt Herzog hier beiseite, denn was sollte ein Todestrank anderes sein als Gift? Und was ist dann ein Liebestrank? Natürlich eine starke psychoaktive Droge. Als solche lässt Herzog sie auch wirken und Tristan und Isolde drehen nach der Einnahme durch, wie Technopartybesucher auf Ecstasy. Und plötzlich wird ganz klar, was Wagner uns hier erzählt. Das verklausulierte Märchen aus einer grauen Vorzeit, bekommt Heutigkeit. Was Tristan und Isolde im weiteren erleben, ist eine wahnhafter, völlig übersteigerter Liebesrausch, der jede Anbindung an die Realität verloren hat. Nur in diesem Drogendelirium können sie so kopflos ihre gesellschaftliche Existenz aufs Spiel setzen, sich so sehenden Auges in die Arme von Markes Schergen stürzen. Der gesamte zweite Akt besteht ja nur daraus, dass sie ihr Liebesdelirium trotz der klaren Warnungen Brangänes so lange zelebrieren, bis Marke sie entdeckt. Sie wollen entdeckt werden, weil sie sich aufgrund der Droge für unverwundbar halten. Sie wollen entdeckt werden, weil die Droge ihnen den Tod als letzte Erfüllung ihrer Liebe vorgaukelt. Wer hier so tut, als wären Tristan und Isolde bei klarem Verstand, treibt sie in das Opern-Klischee. Wie ungemein hellsichtig ist dagegen die Deutung von Jens-Daniel Herzog, wenn er mitten im Liebesrausch den Hingerichteten vom Anfang erscheinen läßt, als drohenden Horrortrip, der in jeder Droge lauert. Und dann liefert diese Erscheinung auch noch Tristan die Idee, sich und Isolde die Augen zu verbinden, um den nahenden Tag fernzuhalten und blind zur eigenen Hinrichtung zu schreiten. Hier manifestiert sich die gesamte Brillianz von Herzogs Deutung. Einer Deutung, die immer aus einem ganz tiefen Textverständnis herrührt. Ganz genau hat Herzog hier in Wagners Worten nachgeschaut und inszeniert präzise an ihnen entlang, selbst wenn es für die konservativen Opernbesucher erst einmal nicht so ausschaut.

Anders als bisher meist in Dortmund, sind diesmal die Titelpartien mit Gästen besetzt. Alles andere wäre allerdings auch fahrlässig, denn Lance Ryan als Tristan und Alison Oakes als Isolde haben so enorme Partien zu bewältigen, dass sie nicht am nächsten Abend einfach so wieder in einer anderen Oper auf der Bühne stehen könnten. Wären die Rollen also mit Ensemble-Mitgliedern besetzt, würde das schlichtweg den Repertoire-Betrieb des Hauses gefährden. Während Oakes bei der Premiere rundweg überzeugte, war Ryan nicht immer perfekt. Seine Stimme klang in den lyrischen Passagen und besonders in den tieferen Registern perfekt, in der kraftvollen Höhe wirkte sich allerdings leicht schneidend. Das Dortmunder Ensemble muss sich mit den Nebenrollen zufrieden geben – und zeigt dabei mal wieder, wie überaus großartig es aufgestellt ist. Martina Dike singt eine Brangäne von großer Klangschönheit und gestalterischen Kraft, Karl-Heinz Lehner ist ein erfurchtgebietender Marke, Sangmin Lee veredelt als Kurwenal vor allem den dritten Akt.

Und dann sind da die Philharmoniker unter Gabriel Feltz. Ganz zu Beginn des Vorspiels sind sie sehr leise und für einen Augenblick kommt fast die Angst auf, hier würde ein theoriebeladener Diskurs-Wagner zelebriert, doch vermutlich ist der Eindruck auch nur der schwierigen Akustik im Parkett des Hauses geschuldet, denn im Weiteren liefert Feltz einen Tristan, der genauso intelligent und frisch daher kommt, wie Herzogs Inszenierung es braucht. Sehr ausgewogen zwischen rauschhafter Aufwallung und präziser dramatischer Geste, nie zerdehnt oder in undifferenziertes Wabern abrutschend.

Dieser „Tristan“ markiert ganz klar, dass die Dortmunder Oper sich in die Top-Liga aufmacht. So rundum gelungenes Musiktheater ist viel zu selten zu erleben. Es ist ein Abend, der jeden Opernfreund zur Begeisterung treiben muss und gleichfalls geeignet ist, Wagner und die Oper an sich für bisher unerfahrene zu erschließen.

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[…] uns das Setting in einer Militärdiktatur interessieren? Unklar. Bei seiner Inszenierung von „Tristan und Isolde“ brachte es noch eine deutliche zusätzliche Ebene in die Geschichte ein. Hier bleibt es […]

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