„Meine Mutter suchte die Wahrheit“

In seinem Zimmer hat Dennis nur das Nötigste. Ein Bett, eine kleine Kommode und einen Schreibtisch. Die Wände sind in gelben und grünen Pastelltönen gestrichen. Es gibt weder Bilder noch Fotos. Außer eines. Direkt über dem Bett. Dort hängt ein Bild aus Metall an einem kleinen Nagel. Es zeigt eine junge Frau im Seitenprofil mit langen Haaren und einer brennenden Kerze. Dieses Bild gehörte der russischen Journalistin Nadezhda Chaikova. Seiner Mutter.

Dennis setzt sich auf sein Bett. Er hat kurze leicht gelockte Haare, trägt weite Jeans und einen blauen Kapuzenpullover. Er nimmt einen Schluck aus einer Plastikfalsche. Dann blickt er auf den Boden und fängt an zu erzählen. „Sie war auf der Suche nach der Wahrheit. Mitten im Krieg. Sie ist nach Tschetschenien gefahren, um über die Geschehnisse von dort zu berichten. Von ihrem Blickwinkel. Dabei hatte sie Kontakt mit sehr gefährlichen Leuten. Ein Mal hat sie schlechtes Glück gehabt und ist nicht zurückgekommen.“

Seine Mutter schreibt damals für die russische Wochenzeitung „Obshchaya Gazeta“. Zwischen 1994 und 1996 fährt sie regelmäßig nach Tschetschenien, um über den Krieg mit Russland zu berichten. Sie will wissen, was die Menschen in der Kaukasusrepublik bewegt. Dafür spricht sie mit beiden Seiten. Sie trifft sich mit tschetschenischen Rebellen und interviewt russische Sicherheitskräfte. „Meine Mutter hat sehr intensiv gearbeitet. Sie war immer weg und hat mich bei Freunden gelassen. Aber ich wusste nie wo sie ist oder was passiert. Niemand hat mir was gesagt. Manchmal bin ich im Kindergarten bis spät nachts geblieben. Ganz alleine.“

Seine Verwandten kümmern sich zwar um ihn, aber oft ist Dennis auf sich selbst gestellt. Sein syrischer Vater lebt zu dieser Zeit nicht mehr in Moskau, sondern wieder in seiner Heimat. Trotz der großen Belastung macht er seiner Mutter keinen Vorwurf. „Ich war nie sauer. Ich wollte nur wissen, wieso sie nicht da ist. Und ich habe bis heute keine Antwort auf die Frage.“

Wenn seine Mutter von ihren Reisen zurückkommt, ist die Freude groß. Daran kann Dennis sich noch gut erinnern. Doch irgendwann gibt es kein Wiedersehen mehr. Seine Mutter geht immer größere Risiken ein. Sie arbeitet verdeckt, kleidet sich wie eine Tschetschenin. Offenbar gelingt es ihr brisantes Videomaterial zu sammeln, das die russischen Truppen schwer belastet. Es soll den Überfall des russischen Militärs auf das tschetschenische Dorf Samashki zeigen. Im Frühjahr 1996, kurz nach den Aufnahmen, wird Nadezhda Chaikova entführt und ermordet. Das Video verschwindet. Damals ist Dennis sechs Jahre alt.

Seine russischen Verwandten sind mit der Situation vollkommen überfordert. „Als sie gestorben ist, hat meine Familie mir gar nichts davon erzählt. Weil sie das selber emotional nicht hantieren konnten, mir zu erzählen, dass meine Mutter tot ist.“ Aber auch ohne Worte versteht Dennis, dass seine Mutter nicht mehr lebt. „Ich habe einfach gefühlt, dass sie tot ist…ich habe sie vermisst.“   Am Tag ihrer Beerdigung ist die öffentliche Anteilnahme groß. Im Zentrum von Moskau sind die Straßen voller Menschen. Alle nehmen Abschied von der jungen Journalistin. Außer ihr Sohn Dennis. Er ist nicht dabei. Die Verwandten schweigen beharrlich. Der verpasste Abschied beschäftigt ihn bis heute. Erst ein Jahr später, als er bei seinem Vater in Syrien lebt, sagt der ihm die Wahrheit. „Die Verwandten von meiner Mutter haben nichts gesagt und er hatte Angst. Wie soll ich meinem Sohn das erklären? Ich kann mich erinnern, dass ich fast nicht geweint habe. Ich hab’ gesagt, ich wusste das schon lange. Aber ich wollte das dir nicht erzählen, weil ich Angst hatte, dass du traurig wirst.“

Zwei Jahre bleibt Dennis bei seiner syrischen Familie. Für ihn eine besonders schöne und wichtige Zeit. „Ich habe gute weibliche Vorbilder in meinem Leben gehabt. In Syrien. Die Schwestern von meinem Vater waren immer für mich da. Statt meiner Mutter.“ Später lebt er wieder in Russland und zieht 1999 mit seinem Vater nach Schweden, der dort als Dolmetscher arbeitet.  Heute spricht Dennis fünf Sprachen. Eine Muttersprache kennt er nicht. Wie er denkt und träumt hängt immer davon ab, wo er sich gerade aufhält. In seiner Freizeit treibt er Kampfsport und beschäftigt sich mit der Malerei. Plötzlich steht er auf und zieht eine große Mappe unter dem Bett hervor. „Hier sind einige meiner Zeichnungen“. Er klappt die Mappe auf und legt ein Bild auf den Laminatboden. Es zeigt einen Mann mit einem Schnurrbart, der ein Mikrophon in der Hand hält. Der Blick ist starr. Aus seinem Mund läuft Blut. „Das Blut könnte symbolisch für seine Nachricht stehen. Aber eigentlich ist es besser, wenn ich nicht erkläre, was ich male. Dann verliert es an Wirkung. Der Betrachter soll es deuten.“

Neben dem Malen und dem Sport ist der Zugang zum Internet für ihn sehr wichtig. Dort kommuniziert er mit seinen Freunden in Schweden und verfolgt, was in den Medien passiert. Denn auch vierzehn Jahre nach dem Tod seiner Mutter riskieren viele Journalistinnen und Journalisten in Russland immer noch ihr Leben. 2006 wird Anna Politkowskaja vor ihrer Wohnung erschossen. 2009 wird Natalja Estemirowa entführt und ermordet. Und Anfang des Monats wird der Journalist Oleg Kaschin brutal zusammengeschlagen. „Ich denke, dass sie sehr mutig sind. Aber es gibt keine Wahrheit im Krieg. Es gibt keine Wahrheiten da. Die Sachen sind, wie sie sind. Im Krieg. Die Leute, die im Krieg sterben, sind nicht die Leute, die vom Krieg profitieren. Die Versteckten hinter den Kulissen retten ihre Ärsche immer.“

Auch im Fall seiner Mutter gibt es bis heute keine Wahrheit. Der Mord wurde nie aufgeklärt. „Meine Mutter hat eine kleine Notiz hinterlassen, dass wenn ihr was passiert, dass wir nicht die tschetschenischen Rebellen beschuldigen sollen, sondern den russischen Geheimdienst. Darüber kann man viel spekulieren. Also beide Seiten hatten genug Motive. Vielleicht waren es doch die Rebellen. Keine Ahnung.“  Dennis möchte wissen, wer seine Mutter umgebracht hat. Aber er will nicht, dass dieser Wunsch sein Leben bestimmt. Denn auch das Wissen um die Wahrheit könnte ihm seine Mutter nicht zurückbringen. „Für meine Mutter wäre es wichtiger gewesen, dass es keine Kriege mehr gibt, als dass ihr Mörder gefunden wird. Das wäre in ihrem Sinne. Dass es endlich Frieden gibt.“

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3 Kommentare

  1. #1 | Georg K sagt am 20. November 2010 um 22:05 Uhr

    Schöner Text, danke.

  2. #2 | Martin Böttger sagt am 22. November 2010 um 16:05 Uhr

    Dem schliesse ich mich an. Wäre schön, nach langer Zeit wieder mehr von Meriem lesen zu dürfen 😉

  3. #3 | Pat Boone sagt am 22. November 2010 um 16:07 Uhr

    Ja, mehr davon, Meriem!

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