WM 2026: Nicht der angebliche Trump-Anruf ist der eigentliche Skandal – sondern die Überraschung darüber

Der WM-Pokal. Foto: Robin Patzwaldt

Kaum hatte die FIFA die Sperre gegen US-Stürmer Folarin Balogun nach dessen Roter Karte im Sechzehntelfinale zur Bewährung ausgesetzt, war die Aufregung riesig. Als dann Berichte auftauchten, wonach US-Präsident Donald Trump persönlich bei FIFA-Präsident Gianni Infantino interveniert haben soll, überschlugen sich die Reaktionen. Jürgen Klopp sprach zum Beispiel davon, dass ein solcher Vorgang „alles infrage“ stelle, andere warnten vor einem historischen Präzedenzfall und einer Beschädigung der Integrität des Turniers.

Doch bei aller berechtigten Kritik an einer möglichen politischen Einflussnahme stellt sich für mich eine ganz andere Frage: Woher kommt eigentlich diese angebliche Überraschung? Haben viele Beobachter in den vergangenen Monaten und Jahren wirklich nicht hingeschaut?

Die Nähe zwischen Trump und Infantino ist kein Geheimnis

Natürlich wäre es problematisch, wenn ein Staatspräsident direkt Einfluss auf sportrechtliche Entscheidungen nehmen könnte. Darüber muss man gar nicht diskutieren. Der Fußball lebt von der Glaubwürdigkeit seiner Regeln. Werden diese je nach politischer oder wirtschaftlicher Bedeutung eines Gastgebers oder einer Nation unterschiedlich ausgelegt, verliert der Wettbewerb seine Legitimation.

Nur: Die enge Beziehung zwischen Donald Trump und Gianni Infantino ist nun wirklich keine neue Erkenntnis. Seit der Vergabe der Klub-WM und der Weltmeisterschaft in die USA präsentierten sich beide immer wieder auffallend harmonisch. Infantino war regelmäßig an Trumps Seite zu sehen, lobte dessen Engagement für den Fußball und betonte mehrfach die hervorragende Zusammenarbeit. Wer daraus schloss, dass zwischen Politik und FIFA eine ungewöhnliche Nähe entstanden ist, wurde damals häufig noch als übertrieben kritisch bezeichnet.

Jetzt aber tun viele so, als käme diese Entwicklung völlig überraschend. Genau das erscheint wesentlich bemerkenswerter als die eigentlichen Vorwürfe.

Die FIFA hat ihr Glaubwürdigkeitsproblem selbst geschaffen

Selbst wenn sich der angebliche Telefonanruf letztlich nicht zweifelsfrei bestätigen lassen sollte, bleibt das eigentliche Problem bestehen. Die FIFA hat in den vergangenen Jahren kaum etwas dafür getan, Vertrauen in ihre Unabhängigkeit aufzubauen. Stattdessen häufen sich Entscheidungen, die zumindest Fragen aufwerfen.

Ob Katar, Saudi-Arabien, die aufgeblähte Klub-WM oder immer neue politische Inszenierungen rund um ihre Turniere – der Weltverband vermittelt seit Langem den Eindruck, dass wirtschaftliche und politische Interessen mindestens genauso wichtig sind wie sportliche Prinzipien.

Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass viele Fans inzwischen sofort das Schlimmste vermuten. Vertrauen entsteht nicht durch Hochglanzveranstaltungen oder Pressekonferenzen, sondern durch nachvollziehbare, transparente und konsequente Entscheidungen. Genau daran mangelt es der FIFA seit Jahren.

Wer heute empört ist, sollte auch die Entwicklung der vergangenen Jahre kritisch hinterfragen

Die Diskussion um Balogun wird vermutlich noch lange nachhallen. Sollten die USA das Achtelfinale gewinnen, wird der Fall über jedem weiteren Erfolg schweben. Das ist weder für die Mannschaft noch für das Turnier gut.

Dennoch richtet sich meine Kritik weniger gegen die aktuelle Empörungswelle als gegen ihre Selektivität. Wer jetzt plötzlich schockiert feststellt, dass Politik und FIFA offenbar enger miteinander verflochten sein könnten als gedacht, blendet die Entwicklung der vergangenen Jahre aus. Diese Nähe war sichtbar. Sie wurde dokumentiert. Sie wurde öffentlich gelebt.

Deshalb ist der mögliche Trump-Anruf für mich nicht der eigentliche Skandal. Der eigentliche Skandal besteht darin, dass viele Verantwortliche, Experten und Beobachter nun so tun, als hätte niemand diese Entwicklung kommen sehen können. Die Warnsignale waren längst da. Man wollte sie nur allzu oft nicht sehen.

Vielleicht führt dieser Fall wenigstens dazu, dass künftig nicht erst dann über die Unabhängigkeit der FIFA diskutiert wird, wenn ein spektakulärer Einzelfall Schlagzeilen produziert. Denn Glaubwürdigkeit entsteht nicht in Krisenmomenten – sie wird über Jahre aufgebaut oder eben verspielt. Und genau daran muss sich der Weltverband messen lassen.

In der App öffnen
Werbung

Dir gefällt vielleicht auch:

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments
Älteste
Neueste
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x