Westfalia Herne: Scheitern als Chance?  

B.A. ist der bekannteste Fan von Westfalia Herne, doch so langsam weiß auch er nicht mehr weiter | Foto: Dominik Asbach

Der Fußball-Club Westfalia Herne kommt seit Jahren nicht aus dem Krisenmodus. Nach dem Abstieg in die Landesliga 3 Westfalen ist der Fehlstart nun perfekt: Vier Spiele, vier Niederlagen – und damit die Rote Laterne. In Herne macht sich inzwischen Ernüchterung breit.

Nach der vierten Pleite in Folge ist die Stimmung bei Westfalia Herne endgültig im Keller. „Wenn dieses Chaos so weitergeht, kommen bald nur noch 50 Leute. Es macht schon jetzt keinen Spaß mehr“, sagt Westfalia-Fan Dieter Rösler nach der jüngsten Niederlage gegen Sodingen. Vier Spieltage sind gespielt – und seine Geduld ist aufgebraucht. Sein Gesicht bleibt ernst. Dabei wäre der Rentner an diesem Nachmittag eigentlich lieber in seinem Schrebergarten geblieben. „Selbst mein Pflaumenbaum hätte heute besser gespielt als so mancher da unten auf dem Platz“, sagt er. Dann dreht er sich um und macht sich auf den Heimweg. Für heute hat er genug gesehen.

Vor zwei Wochen beim ersten Heimspiel war die Stimmung anfangs noch etwas besser. Die Herner Westfalia lief in blütenweißen Jerseys auf – für einen kurzen Moment fühlte sich das eher nach Real Madrid als nach bodenständiger Pölerei in der Amateurklasse an. Das Team von Trainer Kamil Bednarski, der inzwischen rausgeflogen ist, hatte sich für die neue Saison eigentlich viel vorgenommen. Zum ersten Heimspiel am 16. August 2026 kam mit dem FC 96 Recklinghausen gleich eine Mannschaft  zum direkten Nachbarschaftsduell vorbei. Für beide Teams hat eine neue Zeitrechnung begonnen: Westfalia musste in der vergangenen Saison den bitteren Gang in die Landesliga 3 Westfalen antreten. Recklinghausen erlebte dagegen das genaue Gegenteil und feierte den Aufstieg. Nun wollen sie sich in der siebten Spielklasse des deutschen Fußballs behaupten. Für die Westfalia geht es darum, sich neu zu sortieren. Der Verein blickt auf eine lange Geschichte zurück, doch die ganz großen Zeiten liegen inzwischen einige Jahrzehnte zurück – und gerade kriegt der Verein nur wenig bis gar nichts zustande.

Neue Saison, alte Probleme

Von Aufbruchstimmung ist auf den Rängen allerdings wenig zu spüren. Gerade einmal rund 200 Zuschauer haben beim ersten Heimspiel gegen Recklinghausen ins Stadion gefunden – gegen Sodingen kamen nur 180. Dabei bleibt der Eintritt erschwinglich: Acht Euro kostet der Stehplatz, sechs Euro zahlen Rentner – und wer jünger als 14 Jahre ist, kommt kostenlos rein. Das Publikum ist entsprechend bunt gemischt, wenn auch mit deutlichem Schwerpunkt auf der älteren Generation. Neben einigen Rentnern finden sich Schüler, Studenten und ein paar Groundhopper auf den Rängen ein. Einer fehlt allerdings: B.A., sonst eine feste Größe bei den Heimspielen und wohl der bekannteste Fan von Westfalia Herne, ist heute nicht dabei. Sein markanter Schlachtruf „Hääääääääärne“ – der langgezogene Ruf nach dem Stadtnamen – ist längst Kult. Weit über die Grenzen des Ruhrgebiets hinaus kennen Fußballfans den unverwechselbaren Ruf. B.A. selbst ist regelmäßig in den sozialen Medien zu sehen, seine kernigen Sprüche haben es sogar schon in verschiedene Sportsendungen geschafft. Sein bürgerlicher Name lautet Andreas Nördershäuser. Im Alltag arbeitet er als Fahrer für die Patientenbeförderung und lebt in Iserlohn. Für jedes Heimspiel reicht das Geld allerdings nicht: „Ich verdiene leider nur Mindestlohn, da ist nicht drin, dass ich zu jedem Heimspiel kommen kann. Aber natürlich unterstütze ich mein Team so oft es nur geht.“

1960 lagen die Zeiten noch anders: Die Herner Fans hatten allen Grund zum Jubeln. Foto: Archiv Ralf Piorr

In der letzten Saison ist B.A. zu manchem Auswärtsspiel gefahren: „Eines der besten war beim Dortmunder Vorort-Verein Brünninghausen. Da waren 300 Herner Fans anwesend, und ich würde mich sehr freuen, wenn wir so etwas mal häufiger hinbekommen würden.“ Doch heute klappt leider gar nichts. Nach einem sehr durchwachsenen Spiel verliert die Westfalia mit 2:4 gegen Recklinghausen. Das erste Auswärtsspiel der Saison beim Stadtnachbarn BV Herne ging auch schon mit 1:0 verloren. Dann folgten Niederlagen gegen Unna-Königsborn und den Stadtrivalen SV Sodingen.

In der Sommerpause hat Westfalia auf dem Transfermarkt ordentlich nachgelegt – und damit die Ambitionen für die neue Saison unterstrichen. Vor allem die Defensive wurde umgebaut: Mateo Ivancic kam vom SC Obersprockhövel, Fabijan Stojcic von der SpVg Schonnebeck und Marian Sarr vom SC Weiche Flensburg. Sarr bringt dabei sogar Bundesliga-Erfahrung mit. In der Saison 2013/14 kam er unter dem heutigen Bundestrainer Jürgen Klopp mehrfach für Borussia Dortmund zum Einsatz. Gegen Recklinghausen war von dieser Vergangenheit allerdings wenig zu sehen: Der inzwischen 31-Jährige blieb über weite Strecken blass, tauchte im Spiel kaum auf und konnte keine entscheidenden Impulse setzen. Die beiden auffälligsten Spieler der Herner waren Einwechsel-Stürmer Salimou Soumah, der 11 Minuten vor Schluss eingesetzt wurde – und Mittelfeldspieler Tokiya Monno, der auch ein Tor erzielte.

Hernes Vereinspräsident Ingo Brüggemann schlug nach dem Spiel gegen Recklinghausen betont optimistische Töne an: „Wir haben einen starken Kader zusammengestellt und die Voraussetzungen geschaffen, um im oberen Tabellenbereich mitzuspielen. Jetzt gilt es allerdings, diese Ambitionen auch auf dem Platz zu bestätigen und nach dieser Niederlage endlich die nötigen Ergebnisse einzufahren. Unser klares Ziel die Rückkehr in die Westfalenliga.“ Doch von guter Stimmung kann derzeit kaum die Rede sein: Nach vier Niederlagen zum Saisonstart steht Herne am Tabellenende. Für den neuen Trainer Cihan Yilmaz wird es damit zur Herausforderung, schnell wieder positive Energie in die Mannschaft zu bringen.

Die Westfalia – Hernes Aushängeschild ist angezählt

Einer, der das Auf und Ab bei Westfalia Herne aus nächster Nähe erlebt hat, ist Tim Eibold. Zwischen Sommer 2018 und Ende 2019 war er Sportlicher Leiter des Vereins. In seine Amtszeit fiel eine schwierige Phase: Finanzielle Altlasten aus den Vorjahren wurden bekannt – und brachten Westfalia schließlich an den Rand der Zahlungsunfähigkeit. Nach dem Insolvenzantrag vom 5. Dezember 2019 trat Eibold als einer der Verantwortlichen öffentlich auf und erläuterte die notwendigen Sparmaßnahmen. Im Zuge des finanziellen Absturzes und der anschließenden personellen Neuaufstellung verließ er den Verein. Es folgten Stationen bei BV Herne Süd und dem TuS Haltern.

Heute ist Eibold für den SV Sodingen tätig – wie die Westfalia ein Fußballverein aus Herne, der auch in der Westfalenliga spielt. „Wenn man, wie ich, aus Herne kommt, dann liegt es auf der Hand in der Heimatstadt zu arbeiten oder für einen Verein in der Stadt zu spielen. Ich glaube, Westfalia ist der größte Klub, den wir in Herne haben – und auch jemals haben werden. Egal in welcher Liga die Westfalia spielt, ist es schwer das Ganze zu toppen, allein aufgrund der Historie. Wäre die Insolvenz nicht gewesen, hätte ich sofort einen Vertrag auf Lebenszeit unterschrieben. Und dass ich jemanden wie Hans Tilkowski kennenlernen durfte, der zu den größten Spielern des Vereins gehörte, macht mich wirklich glücklich. Er stand ja auch beim legendären WM-Endspiel 1966 im Tor“, sagt Eibold. Hier fiel ein umstrittener Treffer am 30. Juli 1966 zwischen England und Deutschland im Londoner Wembley-Stadion. In der 101. Minute der Verlängerung traf der Engländer Geoff Hurst zum 3:2, nachdem der Ball von der Latte auf den Boden prallte – und Tilkowski keine Chance hatte, den Ball zu halten. Ob der Ball die Torlinie vollständig überschritten hatte, ist bis heute ungeklärt – moderne Analysen deuten darauf hin, dass es kein reguläres Tor war.

Sportdirektor Tim Eibold zusammen mit Hans Tilkowski, der als Stammtorhüter von Westfalia Herne auf 39 Länderspiele kam | Foto: Tim Eibold

Hans Tilkowski war als Mensch und Torhüter ein Gentleman. Er beherrschte das Torwartspiel auf der Linie nahezu perfekt und wartete oft bis zum letzten Moment mit seiner Reaktion. Über seine Heimatstadt, wo Tilkowski bis zu seinem Tod im Januar 2020 lebte, sagte er: „Ich habe immer gern in Herne gelebt. Viele Menschen von außerhalb konnten das nicht nachvollziehen.“ Über sein Leben im Ruhrgebiet ergänzt er: „Vor dem Fußball habe ich eine Schlosserlehre begonnen. Als ich merkte, dass meine Kollegen als Lehrlinge im Bergbau bereits 80 Mark verdienten, während ich 25 Mark bekam, wollte ich auch in den Bergbau wechseln. Aber das hat meine Mutter verhindert, da sie keinen weiteren Bergmann in der Familie haben wollte. 1938 war mein Vater mit einem Kumpel in einer Abbaustrecke verschütt gegangen.“ Über drei Tage dauerten die Rettungsarbeiten und die Angst, die die Mutter von Tilkowski hier aushalten musste, wollte sie keinesfalls noch einmal erleben.

Von der Schwer-Industrie zu „schwer vermittelbar“   

Herne war in den 1950er Jahren eine Boomstadt, weil die Montan-Industrie die Stadt reich und wohlhabend machte. Es gab insgesamt 11 Zechen vor Ort und zahlreiche Betriebe im Maschinenbau, dazu Gießereien, Schmieden, Anlagenbau-Betriebe und Zulieferer-Unternehmen für den Bergbau und die Stahlindustrie. Westfalia Herne war das sportliche Abbild davon, mit einer Elf um Spieler wie den späteren VfB Stuttgart-Trainer Helmut Benthaus, Alfred Pyka, „Atom-Otto“ Luttrop, Gerhart Clement oder eben Torhüter Hans Tilkowski war das Team eine gewichtige Größe in der damaligen Oberliga Westfalen. Doch das ist fast 80 Jahre her.

„Es ist einfach sau-schwer Sponsoren für den Verein zu finden. Man müsste ein Unternehmen finden, das sich mit den Stärken des Clubs identifiziert und bereit ist dafür auch tief ins Portemonnaie zu greifen“, sagt B.A. Bei Spielen trägt er gerne Anzug und Hemd, an seiner Brust prangen fast unzählige Goldkettchen, dazu trägt er einen akkurat geschnittenen Pornobalken-Schnäuzer und eine perfekt sitzende Vokuhila-Frisur. Er sieht aus wie einer der Typen vor der Boxbude auf der Cranger Kirmes in Herne, einem der größten Volksfeste in Nordrhein-Westfalen. Er, der 1967 in Herne-Baukau geboren ist und besonders durch sein lautes Organ auffällt, ist schon mit ein paar seiner Ideen an den Westfalia-Präsidenten Ingo Brüggemann herangetreten. „Man hilft ja, wo man kann“, sagt B.A., der Edelfan.

Tradition allein reicht nicht

Hat die Westfalia zu oft Pech? „Ja, leider ist das so. Nach der goldenen Zeit der 1950er Jahre hatte die Westfalia nochmal einen guten Lauf in den 1970er Jahren“, sagt B.A. mit schwerer Stimme, „aber das endete auch in einer Katastrophe.“ Damals gab es den Tankstellenmogul Erhard Goldbach, der bis zu 300.000 Mark monatlich an Sponsoren-Geldern in die Westfalia pumpte – und so konnte das Team vier Jahre lang mit Kultspielern wie Jochen Abel, Lutz Gerresheim oder Norbert Elgert in der 2. Bundesliga gastieren. Doch sein Geschäftsmodell mit 230 Goldin-Tankstellen beruhte auf einem groß angelegten Betrugssystem. Am 24. Juli 1979 durchsuchten Zoll- und Steuerfahnder unangekündigt die Firmenzentrale von Goldbach an der Heerstraße in Herne-Crange. Über Jahre hatte Goldbach unversteuertes, am Zoll vorbei geschmuggeltes Benzin verkauft, Belege gefälscht und Schwarzgelder in Koffern auf Auslandskonten schaffen lassen. Nach der Razzia setzte sich Goldbach zunächst ins Ausland ab. Die Fahndung nach ihm lief international – sogar die Fernsehsendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ suchte öffentlich nach dem einstigen Tankstellenkönig.

1977 war der Tankstellen-Mogul Erhard Goldbach (links im Bild) mit seinem Unternehmen Goldin Hauptsponsor von Westfalia Herne | Foto: Archiv Ralf Piorr

Am 13. Februar 1980 endete seine Flucht mit der Festnahme in Boppard. Noch im selben Jahr wurde Goldbach wegen Betrugs zu sechs Jahren Haft verurteilt. Am 3. April 1985 folgte ein weiteres Urteil: zwölf Jahre Gefängnis wegen Steuerhinterziehung. Insgesamt soll er dem Staat mindestens 360 Millionen Mark an Steuern vorenthalten haben – ein einmaliges Verbrechen in der Geschichte der Bundesrepublik. Mit Goldbachs Sturz geriet auch sein sportliches Prestigeprojekt ins Wanken. Der von ihm finanzierte SC Westfalia Herne verlor nach der Insolvenz seines Gönners die Spiellizenz und wurde vom DFB von der 2. Bundesliga in die Oberliga Westfalen zurückgestuft. „Heute wären wir allerdings froh, wenn wir endlich mal wieder in der Oberliga spielen würden“, kommentiert B.A. – das war zuletzt in der Saison 2020/21 der Fall.

Nach dem wenig gelungenen Saisonstart mit vier Niederlagen muss die Westfalia endlich in Form kommen. „Auf dem Papier ist das ein gutes Team, nur müssen sie eine Mannschaft werden, wo einer für den anderen brennt – sonst“, so betont B.A., „wird das wieder nichts.“ Tim Eibold, der inzwischen für den Konkurrenten aus Sodingen arbeitet, sagt: „Ich arbeite seit 13 Jahren als Sportdirektor im Fußball und entwickle mit der Zeit ein Gespür dafür, mit welchen Möglichkeiten Vereine arbeiten können. Die Westfalia verfügt aktuell über einen Etat, der einiges zulässt. Hinzu kommt der klare Anspruch, nach dem Abstieg den direkten Wiederaufstieg zu schaffen. Das zeigt sich auch in den bisherigen Transfers. Trotzdem glaube ich, dass sich der Verein in einigen Bereichen breiter aufstellen und die nötige Zeit für eine nachhaltige Entwicklung nehmen muss. Ich bin überzeugt, dass Westfalia das Potenzial hat, schon bald wieder in der Oberliga zu spielen.“ Wer so viele Rückschläge verkraften musste, hat irgendwann auch das Glück auf seiner Seite verdient. Für Westfalia Herne wäre dieser Moment längst überfällig.

1960 spielte Westfalia Herne in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft – hier beim ausverkauften Heimspiel gegen den Hamburger SV | Foto: Archiv Ralf Piorr
Autorenseite: Peter Hesse
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