Kommunismus ist die Perversion der Aufklärung. Faschismus die Antithese zur Aufklärung.

Der Irrtum vom „linken“ Hitler: Warum Alice Weidels Geschichtsverdrehung auch manche Bürgerliche in die Falle lockt

Wenn die AfD-Parteivorsitzende Alice Weidel im X-Talk mit Elon Musk oder auf Pressekonferenzen verkündet, Adolf Hitler sei eigentlich ein „Linksradikaler“ oder ein „sozialistisch-kommunistischer Typ“ gewesen, klingt das gefällig und beinhart antikommunistisch. Ist aber kein origineller historischer Beitrag. Es ist auch nicht wirklich neu.

Weidel betreibt einen durchschaubaren Ablenkungsversuch: Wer den Nationalsozialismus nach links externalisiert, will den ständigen Rechtfertigungsdruck wegen der rechtsextremen Ausrichtung der eigenen Partei loswerden und das lästige Argument der historischen Verantwortung entkräften.

Wer waren die ersten Opfer?

Wer Weidels These folgt und den Nationalsozialismus in die linke Ecke stellt, verhöhnt die historischen Tatsachen und das Schicksal der Gegner des Regimes. Die ersten, die nach dem Januar 1933 in das Konzentrationslager Dachau verschleppt, gefoltert und ermordet wurden, waren keine konservativen Bürgerlichen, ganz zu Beginn nicht einmal Juden, sondern Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschafter.

Die organisierte Arbeiterschaft wurde von der SA und der SS brutal zerschlagen, ihre Vermögen konfisziert. Innerhalb der NSDAP wurde der sozialrevolutionäre, antikapitalistische Flügel (rund um Gregor und Otto Strasser) beim sogenannten Röhm-Putsch 1934 physisch ausgelöscht.

Hitler schloss mit den traditionellen Eliten aus Wirtschaft, Militär und Adel einen Pakt, der auf völkischem Nationalismus und Rassenwahn basierte – das exakte Gegenteil von internationalistischem oder sozialistischem Denken. Manche von denen haben es ja später bitterlich bereut. Der Besen hat die Zauberlehrlinge erschlagen.

Diese Umdeutung basiert auf einer grundlegenden Verwechslung von Machtmitteln und ideologischen Zielen. Wer politische Bewegungen verstehen will, darf nicht nur auf die Rhetorik  blicken, sondern muss deren Kernidee an dem Maßstab messen, der die moderne Welt begründet hat: den Werten der Aufklärung.

Götz Aly: Die Illusion vom antikapitalistischen Hitler

Gerade für Freunde des freien Marktes klingt die Behauptung verführerisch, die NSDAP sei wegen ihres Namens („Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“) oder ihrer antikapitalistischen Rhetorik im Kern sozialistisch gewesen. Hier hilft ein Blick auf die wirtschaftshistorische Forschung, etwa auf die Arbeiten von Götz Aly [1]

Aly hat in seinen Studien zur NS-Sozial- und Wirtschaftspolitik (wie „Hitlers Volksstaat“) minutiös dargelegt, dass das Dritte Reich keineswegs die freie Marktwirtschaft zugunsten einer sozialistischen Planwirtschaft oder Vergesellschaftung abgeschafft hat. Die kapitalistischen Eigentumsstrukturen blieben unangetastet; Großkonzerne wurden nicht enteignet, sondern eng in die Rüstungs- und Kriegswirtschaft eingebunden.

Der vermeintliche „Sozialismus“ der Nazis war kein wirtschaftspolitischer Systemwechsel, sondern die rassistische Umverteilung („Arisierung“) und eine korrupte „Volksgemeinschaftsideologie“, die den Wohlstand der “arischen” Mehrheit durch ihren Raub- und Vernichtungskrieg finanzierte. Wer hier von „linker Politik“ spricht, verwechselt opportunistische Demagogie mit realer Wirtschaftsstruktur.

Methode ist nicht gleich Ideologie: Die Lehren von Arendt und Hayek

Ein klassisches Missverständnis, das zu derlei Irrtümern führt, und dem auch manche liberale Autoren erliegen, beruht auf der Verwechslung von Herrschaftstechnik und weltanschaulichem Ziel. Dass totalitäre Systeme in ihrer Praxis – wie die Unterdrückung der Opposition, die Gleichschaltung der Medien oder die Zerschlagung des Rechtsstaates und imperialistischer Kriegspolitik – ebenso verblüffende wie mörderische Parallelen aufweisen, ist unbestritten.

Bereits Hannah Arendt hat in „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“[2] präzise herausgearbeitet, wie sowohl der Stalinismus als auch der Nationalsozialismus den bürgerlichen Staat zerstörten, um eine atomisierte Masse total zu kontrollieren. Doch Arendt hat nie den Fehler begangen, die diametral entgegengesetzten Ziele dieser Diktaturen zu verschmelzen.

Auch Friedrich August von Hayek wies in „Der Weg zur Knechtschaft“[3] darauf hin, dass kollektivistische Wirtschaftsplanungen und unkontrollierte staatliche Macht – egal ob von links oder von rechts – unweigerlich in den Totalitarismus führen. Hayek argumentierte jedoch aus einer ordnungspolitischen Perspektive und betonte, dass der Faschismus aus der Krise des Kapitalismus und der Zerstörung des liberalen Marktes erwuchs, angetrieben von einer völkischen Reaktion, die mit dem universalistischen Gleichheitsversprechen des Sozialismus absolut unvereinbar war.

Kommunismus: Die Perversion der Aufklärung

Die Unterscheidung von „links“ und „rechts“ geht historisch auf die Sitzordnung der französischen Nationalversammlung von 1789 zurück. Seit jeher bezeichnet „links“ das Streben nach universaler menschlicher Gleichheit und Emanzipation. In diesem ursprünglichen Sinne entsprang auch der frühe Liberalismus dem linken Spektrum – als Kampf für die Freiheit des Individuums gegenüber der feudalen Standesordnung.

Der Sozialismus nimmt ebenfalls dieses aufklärerische Ideal der universalen Gleichheit als Ausgangspunkt. Im Versuch, seine Utopie einer klassenlosen Gesellschaft zu erzwingen, pervertiert der Kommunismus aber den emanzipatorischen Anspruch der Aufklärung. Das Individuum wird den Interessen eines Kollektivs untergeordnet, An die Stelle der befreiten Persönlichkeit trat die Unterordnung des Einzelnen unter das Diktat der historischen Gesetzmäßigkeit. Die liberale Freiheit wurde als „bürgerliche Illusion“ abgetan, Grundrechte wurden liquidiert, und der vermeintliche Weg zur universellen Befreiung der Menschheit schlug zwangsläufig in staatlichen Terror, Zwangskollektivierung und die Lager des Gulag um.

Der Kommunismus scheiterte (und scheitert immer wieder) letztlich nicht daran, dass er kein großes, im Kern auch humanistisches, Ziel hatte, sondern daran, dass er sein eigenes Gleichheitsversprechen durch entfesselte Staatsmacht und die Entmachtung des Individuums totalitär ad absurdum führte.

Faschismus und Nationalsozialismus: Die Antithese zur Aufklärung

Der Nationalsozialismus und der historische Faschismus standen hingegen – trotz ihres technologischen Modernismus und ihrer massenmobilisierenden Dynamik – von der ersten Stunde an als explizite und radikale Antithese zur Aufklärung.

Während aufklärerische und universalistische Weltanschauungen von der prinzipiellen Gleichheit aller Menschen als freie Individuen vor dem Gesetz ausgehen, basierte die NS-Ideologie auf dem genauen Gegenteil: dem Dogma der biologistisch konstruierten Ungleichheit. Ordnungsprinzip war weder die soziale Klasse des Marxismus noch das konservative Statusdenken, sondern die völkisch-biologische „Rasse“.

In Hitlers Weltbild galt nicht das Individuum, sondern der „Volkskörper“, in dem der Mensch nur als biologisches Rädchen zählte. Wer nicht dazugehörte – wie Juden oder Roma und Sinti –, konnte durch keine Assimilation oder Leistung ein gleichberechtigter Teil dieser Gemeinschaft werden; der Ausschluss war unumstößlich.

Dass der Nationalsozialismus den Begriff „Sozialismus“ im Parteinamen trug, war von Beginn an reine Propagandastrategie, um breite Arbeiterschichten zu ködern. Zwar griff der NS-Staat nach 1933 massiv und dirigistisch in die Wirtschaft ein, diktierte Preise, lenkte Investitionen und unterwarf die gesamte Produktion der Aufrüstung. Doch dieser staatliche Dirigismus diente keinem sozialistischen Egalitarismus, sondern der systematischen Mobilisierung für den Rassenkrieg und die gewaltsame Eroberung von „Lebensraum im Osten“.

Das Privateigentum an Produktionsmitteln wurde dabei im Kern nicht abgeschafft. Unternehmer und Großkonzerne durften ihre Betriebe behalten und massive Gewinne erwirtschaften, solange sie sich bedingungslos in die Kriegswirtschaft einfügten und von der „Arisierung“ – der rassistischen Enteignung jüdischen Eigentums – profitierten.

Hitler und Konsorten waren keine entgleisten Sozialisten oder Kommunisten, sondern radikale völkische Rassenideologen, deren Herrschaft von Anfang an auf die Vernichtung von Andersdenkenden und die physische Auslöschung von Minderheiten ausgerichtet war.

Konservativismus, Liberalismus und Totalitarismus

Wer den Nationalsozialismus als „links“ etikettiert, führt oft ins Feld, Hitler sei ja schließlich auch das pure Gegenteil eines Konservativen gewesen.

Darin liegt ein wahrer Kern, der jedoch zu einem historischen Fehlschluss verleitet: Hitler war in der Tat kein klassischer Konservativer. Während der Konservativismus – in bester Burke’scher Tradition[4] – auf die Bewahrung gewachsener Institutionen, tradierter Normen, des Rechtsstaates und gesellschaftlicher Stabilität setzt, war der Nationalsozialismus eine radikal-revolutionäre, modernistisch aufgeladene Bewegung. Er verachtete die bürgerliche Zivilgesellschaft, zertrümmerte traditionelle Bindungen und wollte den „Neuen Menschen“ züchten.

Genau hier zeigt sich die verhängnisvolle Allianz, die 1933 den Weg ebnete: Konservative Eliten aus Wirtschaft, Militär und Adel glaubten, sie könnten die NSDAP für ihre eigenen Ziele einspannen und bändigen. Das war ein tragischer historischer Irrtum. Der Totalitarismus fraß die konservativen Strukturen von innen heraus auf.

Für mich als Liberalen ist diese Unterscheidung essentiell: Der Liberalismus und der freiheitliche Rechtsstaat schützen das Individuum vor der Willkür des Kollektivs, der Konservativismus bewahrt die institutionellen Planken der Freiheit. Der Nationalsozialismus hingegen war der absolute Gegenentwurf zu beiden – die Herrschaft des völkischen Mobs, die weder Freiheit noch Tradition respektierte, sondern alles und jeden dem Diktat ihrer Ideologie der Ungleichheit unterordnete.

Wer Parallelen zum Aufstieg der AfD findet… liegt nicht ganz falsch imho. Wiederholt sich Geschichte als Farce? 

Quellen

[1) Götz Aly: Hitlers Volksstaat: Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus (Fischer Taschenbuch). – https://www.fischerverlage.de/buch/goetz-aly-hitlers-volksstaat-9783596158638

[2] Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft (Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus; Piper Verlag) – https://www.piper.de/buecher/elemente-und-urspruenge-totaler-herrschaft-isbn-978-3-492-31709-2

[3] Friedrich August von Hayek: Der Weg zur Knechtschaft (The Road to Serfdom) – https://archive.org/details/roadtoserfdom0000unse/page/n3/mode/2up

[4] Edmund Burke: Grundlegende konservative Staatstheorie und Traditionsschrift (Reflections on the Revolution in France) – https://nlnrac.org/american/modern-constitutionalism/primary-source-documents/reflections.html

Beitragsbild:  Assemblée nationale – abandon de tous les privilèges à Versailles, séance de la nuit du 4 au 5 août 1789 – Wikimedia Commons

 

Autorenseite: Achim Chajim Hecht
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