NAZA in Duisburg: Das Filmforum hat den 9. November übersehen

Das Filmforum am Dellplatz in Duisburg
Das Duisburger Filmforum am Dellplatz, 2018. Foto: Peter Ansmann

Im Duisburger Rathaus war der 9. November lange genug bekannt, um eine Gedenkfeier und einen Schweigemarsch zu organisieren. Ein paar Straßen weiter, im städtischen Filmforum, stand für denselben Abend „NAZA“ im Programm. Den Zusammenhang mit dem Jahrestag der Novemberpogrome habe man bei der Planung übersehen, schreibt Geschäftsführer Michael Beckmann auf unsere Presseanfrage. Er selbst habe die Vorstellung abgesagt.

Der Termin habe sich aus dem Ende der Filmwoche ergeben. Als dem Haus die Bedeutung des Datums aufgefallen sei, habe er die Vorführung gestrichen, so Beckmann. Seine Begründung verdient den Wortlaut. Er habe die Entscheidung „aus Rücksicht auf möglicherweise verletzte, persönliche Empfindungen getroffen“. Wann genau er sie traf, schreibt er nicht. Am späten Abend des 3. November hatten wir im ersten Beitrag bereits vermerkt, dass der Montag aus dem Spielplan verschwunden war. Sonntag, der 8. November um 20.15 Uhr, und Dienstag, der 10. November um 20.30 Uhr, bleiben.

Spielplan für NAZA mit Vorstellungen am Sonntag um 20.15 Uhr und am Dienstag um 20.30 Uhr.
Zwei Vorstellungen bleiben im Programm. (Screenshot: Filmforum Duisburg)

Wer hat „Hetzfilm“ gesagt?

Eine Formulierung in Beckmanns Antwort fällt auf:

„Inhaltlich weise ich die Einordnung des Films als antisemitischen oder den Holocaust relativierenden Hetzfilm entschieden zurück.“

Wessen Urteil er damit zurückweist, sagt Beckmann nicht. Das Wort „Hetzfilm“ steht weder in meiner Anfrage noch in meinem Duisburger Beitrag. Milde fiel mein Urteil deshalb noch lange nicht aus. Im Nachtrag habe ich „NAZA“ selbst als „Propagandafilm“ bezeichnet. Und ich habe die Kritik an einer konkreten Montage aufgegriffen. Der Filmkritiker Rüdiger Suchsland beschreibt, wie im Film die Frage nach einem Genozid bejaht wird und kurz darauf Israelis beim Gedenken an die Schoa zu sehen sind. Er sieht darin eine Gleichsetzung von Opfern und Tätern. Im selben Text würdigt er die sachlichen Passagen des Films. Beides stand in der Anfrage. Meine Frage war, welche Bedeutung dieser Einwand für einen Kinoabend ausgerechnet am 9. November hat.

Im ersten Duisburger Beitrag lässt sich nachlesen, wer den Film kritisiert, was die Filmemacher entgegnen und mit welchen Worten das Kino den Film empfiehlt.

Beckmann hält die Abfolge der Bilder selbst für diskutabel. Er verteidigt „NAZA“ als israelkritischen Film über den Umgang der Armee mit zivilen Opfern in Gaza und betont, dass auch der Terror der Hamas vorkomme. Schon der erste Beitrag verwies auf Suchslands Beschreibung der Einleitung zum 7. Oktober. Beckmann nennt die Interviews mit 24 israelischen Soldaten und die Recherchen für den Film. In Venedig erhielten Yuval Abraham und Rachel Szor dafür den Spezialpreis der Jury.

Eine Empfehlung verträgt das Publikum

Für die beiden verbleibenden Vorstellungen plant Beckmann weder eine Einführung noch ein moderiertes Gespräch oder die Einbeziehung von Gegenpositionen. Ob das Haus mit der Jüdischen Gemeinde oder der Deutsch-Israelischen Gesellschaft gesprochen hat, lässt er offen. Wer die Gesprächspartner auswähle, greife bereits in die freie Rezeption ein, schreibt er. Er beruft sich auf die Kunstfreiheit und auf 56 Jahre Erfahrung mit seinem Publikum. Im eigenen Programmtext traut sich das Haus durchaus ein Urteil zu. Dort zählt „NAZA“ ohne jeden Zweifel zu den „unbequemsten und wichtigsten Filmen des Jahres“. Die freie Rezeption beginnt in Duisburg offenbar gleich nach der Leseempfehlung.

In Hamburg lud die Linke nach „NAZA“ zum Expertengespräch. Welche Antworten dort schon vor der ersten Publikumsfrage in der Einladung standen, zeigt der Blick ins 3001-Kino.

Fünf Fragen an Sören Link

Adressat der Anfrage vom 3. November war Oberbürgermeister Sören Link. Zuerst hat Michael Beckmann als Geschäftsführer erklärt, warum er den Montag aus dem Spielplan nahm. Inzwischen hat auch die Pressestelle der Stadt auf unsere Fragen geantwortet.

Die Stadt Duisburg kündigt eine Feierstunde im Rathaus und einen Schweigemarsch zum Kuhlenwall an.
Das Rathaus lädt zum Gedenken ein. (Screenshot: Stadt Duisburg)
Die fünf Fragen an Oberbürgermeister Sören Link im Wortlaut
  1. Auf der aktuellen Filmforum-Seite ist der 9. November nicht mehr als Spieltermin aufgeführt. Ist diese Vorstellung entfallen oder verlegt worden? Falls ja: Wann, aus welchem Anlass und von wem wurde das entschieden?
  2. Wie bewerten Sie die Kritik an der Verbindung von Genozidvorwurf und Shoah-Gedenken im Film? Rüdiger Suchsland beschreibt in seiner WELT-Rezension, dass nach etwa einer Stunde die Frage nach einem Genozid ausdrücklich bejaht werde und kurz darauf Bilder des israelischen Shoah-Gedenkens folgten. Er sieht darin eine Gleichsetzung von Opfern und Tätern, würdigt zuvor allerdings auch die sachlichen Passagen des Films. Welche Bedeutung hat dieser Einwand aus Ihrer Sicht für die ursprünglich vorgesehene Vorführung am Jahrestag der Novemberpogrome?
  3. Welche Verantwortung sehen Sie hier beim kommunalen Kino? Duisburg lädt für den 9. November zu einer eigenen Gedenkveranstaltung mit anschließendem Schweigemarsch ein, den Sie begleiten werden. Welche Erwartungen haben Sie vor diesem Hintergrund an den Umgang städtischer Kultureinrichtungen mit Filmen, deren Darstellung der Shoah beziehungsweise Israels so kontrovers diskutiert wird?
  4. Ist für die verbleibenden Vorführungen eine begleitende Einordnung vorgesehen? Denkbar wären etwa eine Einführung, ein moderiertes Gespräch oder Hinweise auf begründete Gegenpositionen. Gibt es dazu bereits Überlegungen oder Gespräche, beispielsweise mit der Jüdischen Gemeinde oder der Deutsch-Israelischen Gesellschaft?
  5. Können Sie die im Beitrag genannten 312.500 Euro als vorgesehenen städtischen Zuschuss für 2026 bestätigen? Welche Anforderungen an den Bildungsauftrag und die Vermittlungsarbeit sind mit der Förderung des Filmforums verbunden, und wie wird deren Umsetzung überprüft? Gemeint ist selbstverständlich der Zuschuss zum Kinobetrieb insgesamt, nicht eine Förderung dieses einzelnen Films.

„Mir ist bewusst, dass die konkrete Programmgestaltung beim Filmforum liegt. Für den Folgebeitrag interessieren mich Ihre persönliche Einordnung und die Perspektive der Stadt als Trägerin und Förderin.“

Das Rathaus hat Seite 502 mitgeschickt

Für Programm und Termine trage das Filmforum die volle Verantwortung, schreibt Stadtsprecher Christoph Witte. In den 56 Jahren seines Bestehens habe die Stadt als Eigentümerin das Programm nie beeinflusst. Zum Beleg für die Qualität des Hauses verweist Witte auf die regelmäßigen Auszeichnungen der Film- und Medienstiftung NRW, zuletzt für das Programmjahr 2025. Die Liste zum Kinoprogrammpreis NRW führt das Duisburger Filmforum unter „Sonderehrung ohne Prämie“.

Bei der Förderung wird es genauer. Witte hat Seite 502 des Duisburger Doppelhaushalts 2025/2026 mitgeschickt. Für beide Jahre stehen dort jeweils 312.500 Euro als Zuschuss an die Filmforum GmbH. Für 2027 bis 2029 plant die Stadt mit demselben Jahresbetrag. Das Geld dient dem Verlustausgleich des Kinobetriebs. Über die Mittel kann die Gesellschaft eigenverantwortlich verfügen.

Auf derselben Seite beschreibt die Stadt den medienpädagogischen Auftrag des Filmforums in Zusammenarbeit mit Schulen. Als Kennzahl nennt der Haushaltsplan für 2026 die Kosten je Einwohner: 61 Cent. Nach welchen Kriterien die Stadt beurteilt, wie das Kino seinen Bildungsauftrag erfüllt, führt Witte in seiner Antwort nicht aus.

Als Duisburg nach dem 7. Oktober seine Solidarität mit Israel erklärte, ging Sören Link an der Spitze des Zuges. Rabbiner David Geballe erinnerte daran, dass Solidarität auch dann noch gefragt sein würde, wenn der Krieg länger dauert.

Zum Verhältnis von Rathaus und Leinwand schreibt Witte: „Zensurstellen sind aus gutem Grund seit 1949 abgeschafft worden und durch die freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft ersetzt.“ In unserer Anfrage stand ausdrücklich, dass die Programmgestaltung beim Filmforum liegt. Wir wollten wissen, wie die Stadt den Bildungsauftrag ihres Kinos überprüft. Die Pressestelle ist für ihre Antwort bis ins Jahr 1949 zurückgegangen. Seite 502 hätte als Ausgangspunkt genügt.

Filmforum Duisburg: NAZA zur Reichspogromnacht – die Einordnung hat spielfrei

Autorenseite: Peter Ansmann
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