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Alles außer Pop – The Cure I

Keine Band hat mich in meiner Jugend so geprägt wie The Cure. Und weil Robert Smith endlich ein neues Album angekündigt hat, will ich die bisherigen Werke hier nach und nach besprechen. Denn ich mag alle Alben von The Cure, auch die neuesten.

Die Reise beginnt schon etwas geheimnisvoll, weil es eigentlich zwei Debut-Alben von Cure gibt, die sich weitgehend gleichen. Für mich ist Boys Don’t Cry das erste Album, aber eigentlich ist das falsch. Boys Don’t Cry zählt als Compilation und das Debut ist Three Imaginary Boys. Die größten Hits der Anfangstage waren da aber nicht drauf (z.B. eben besagtes Boys Don’t Cry), so dass nochmal diese Platte hinterhergeschoben wurde. Die Songs, die dafür fehlen (z.B. Meat Hook, Foxy Lady) sind größtenteils nicht die wichtigsten, meines Erachtens. Verwirrt bin ich nur gerade, weil bei Spotify Object fehlt und gegen So What getauscht wurde. Auf der LP ist es andersherum.

Für mich ist dieses erste Album auch tatsächlich die erste Begegnung mit meiner späteren Lieblingsband gewesen (obwohl das ca. 1991 war und bereits die Disintegration erschienen war). Auf der Feier zum 14. Geburtstag meines Freundes Moritz wurden plötzlich keine Kinderaktivitäten mehr durchgeführt (oder, wie man die Zeit zwischen Topfschlagen und Saufen vorübergehend elegant überbrückt hatte: ins Kino gegangen), sondern es wurde getanzt. Pogo nannte sich das und zwei Bands wurden dazu in Dauerschleife gespielt: The Police (So Loneley etc.) und The Cure. Kann sein, dass ich die Band und den Song schon mal vorher irgendwo gehört hatte, aber hier ging es richtig los. Ich besorgte mir dieses Album auf Kassette und hörte es auf meinem Walkman, zusammen mit ein paar anderen Tapes, Velvet Underground etwa oder Cat Stevens oder, ich geb’s zu: den Toten Hosen.

Die Boys Don’t Cry gehört zu den Alben, die ich so gut kenne, dass ich den Anfang des nächsten Liedes schon im Ohr habe, wenn der Schlussakkord des letzten erklingt. Gerade jetzt, wo die Frühlingssonne herauskommt, weckt diese Musik die Erinnerungen an meine Teenager-Jahre mit einem simplen Fingerschnippen. Ich bin mit dem Skateboard unterwegs, ich erlebe neue Freundschaften, ich rauche meine erste Zigarette auf einem Spielplatz in Kassel-Auefeld, ich bin unglücklich verliebt und die Welt ist groß und immer scheint die Sonne. Wenn ich Fire In Cairo höre, spüre ich regelrecht die Vibrationen in den Fußsohlen, die entstehen, wenn man schnell mit dem Skateboard über Asphalt rollt. Kann ich einfach anknipsen, dieses Gefühl. Ich glaube, das besondere an der Pubertät ist, dass man die Erwachsenenwelt mit der gleichen unmittelbaren Intensität erlebt, mit der man kurz zuvor noch im Spiel versunken war.
Subway Song war damals ein Spektakel, bedeutet mir aber rückblickend nicht so viel. Three Imaginary Boys weißt vielleicht am Stärksten auf die nächsten Alben hin, langsam und düster und weniger treibend als die punkigeren Lieder á la Plastic Passion.
Neben Boys Don’t Cry sind meine Lieblingssongs … alle anderen. Aber vielleicht doch am meisten Jumping Somenone Elses Train, Fire In Cairo, 10:15 Saturday Night. Letzterer steht so sehr für alles, was ich seitdem in Musik gesucht habe, diese Spannung, das Bedeutungsschwangere, die emotionale Energie. Zwei Soli (oder ein zweitteiliges Solo) prägen das Ende des Songs, eines sägend und leidenschaftlich, voller verzweifelter, ekstatischer Kraft, das zweite trostlos und intim und gleichermaßen verzweifelt und gerade deswegen auch so tröstend. Diese beiden Pole haben mich seitdem begleitet, die habe ich immer gesucht, die habe ich zum Beispiel auf den frühen Alben von Isis gefunden oder bei Damnation a.d. oder bei guten Indiebands oder in klassischer Musik, ganz egal.

Nächstes Mal geht es weiter mit Seventeen Seconds!

Der Autor schreibt hier alle zwei Wochen über Musik. Über Musik redet er auch im Podcast Ach & Krach – Gespräche über Lärmmusik.

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