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Angewidert schaue ich auf den Irrsinn

Deutschland 2018 – Subjektives Symbolfoto. (Foto: SurFeRGiRL30/ Flickr/ CC BY SA 2.0)

Gerne würde ich irgendwas Witziges, Ausdrucksstarkes und überraschend Frisches darüber schreiben, wie ich die Situation in Deutschland derzeit erlebe, und darin dann auch auf das heutige Urteil im NSU-Prozess, das Überholen der SPD durch die AfD, den Suizid eines jungen Afghanen, Horst Seehofer und die allgemeine überhitzte Situation zu sprechen kommen. Allein: mir fällt nichts mehr ein.

Ich sitze jeden Tag immer geschockter da. Komme aus dem Kopfschütteln nicht heraus. Habe immer mehr und plastischer den Eindruck, dass diese Demokratie mit großem Geschrei und ein wenig tätlicher Gegenwehr auf einen Abgrund zurast, den alle sehen und sich bemühen zu beschreiben, wie groß, wie tief, wie vernichtend er ist, aber nicht willens sind, wirklich etwas dagegen zu tun. Dann sind da die, die sich auf den Abgrund freuen, die ihn als Aufstieg sehen, auf eine neue Ebene. Des Deutschseins, des nationalen Selbstbewusstseins.

Und dann gibt es diejenigen wie mich, die zweitere bekämpfen wollen, aber nicht mehr glauben, dass der Weg ersterer etwas bringt, außer Sich-selbst-auf-die-Schulter-klopfen. Und dann habe ich aber keine anderen Ansätze, um etwas dagegen zu tun. Beziehungsweise habe ich welche, doch die will niemand hören.

Sie haben damit zu tun, dass die demokratischen Parteien sich nicht von den Rechtsradikalen vor sich her treiben lassen sollten, dass die Demokraten die großen Themen des Landes angehen, den Menschen zuhören, und sich weder von Elitelinken noch von Salonfaschisten die Themen diktieren lassen sollten. Das ist der eine Ansatz.

Ein anderer Ansatz ist, es dann doch bitte ernst zu meinen und danach zu handeln, wenn man Vergleiche zu Weimar und dem Aufkommen des deutschen Faschismus zieht. Den Vertretern und Anhängern eines neuerlichen Faschismus wäre direkt nicht mit Tweets, Shitstorms, Wortgefechten, Artikeln oder Petitionen, geschweige denn Faktenchecks sinnvoll zu antworten – sondern mit Aktionen. Menschen wählen – auch derzeit – Rechtsradikale nicht, weil sie nicht wissen wofür diese sind, sondern weil sie wissen, wofür diese stehen. Und dabei sind ihnen all diese Sozialthemen völlig egal. Der bekannte Woody-Allen-Dialog zur Bekämpfung von Nazis mit Baseballschlägern statt mit Artikeln drängt sich mir immer wieder auf.

Ich hingegen handle nicht direkt, und kann auch die Politik der demokratischen Parteien nicht ändern. Für die konkrete Aktion bin ich zu feige, oder zu gesetzestreu, für die Änderungen der Agenda von Parteien fehlt mir der Einfluss.

So kann ich nur daneben sitzen. Ich sehe, wie Menschen nicht wollen, dass die Rechtsradikalen noch stärker werden, aber das, was die AfD bisher groß gemacht hat, nämlich das Spielen ihrer Themen und das, was sie nicht klein gemacht hat, nämlich öffentliche Empörung und Faktenchecks, weiter spielen. Es gibt in der Psychotherapie den Satz: Wenn es funktioniert, mach mehr davon – wenn etwas nicht funktioniert, mach etwas anderes. Das interessiert im politischen Leben derzeit niemanden, weder Politiker noch uns, das Wahlvolk.

Und so sterben Flüchtlinge, weil man sich in der Flüchtlingspolitik am AfD-Narrativ orientiert. Völlig unabhängig davon, dass es a) kein reales Flüchtlingsproblem mehr gibt und b) es der Nicht-AfD-Wähler Leid ist, immer und immer wieder darüber zu diskutieren.

Dann ist da einer wie Horst Seehofer. Es gibt derzeit wenige, die noch ehrloser durch die deutsche Politik trampeln. Seinem eigenen Anspruch war er nie treu, ebenso wie seiner Frau, auch wenn er beides gerne von anderen einfordert. Nun läuft er politisches Amok, alle sehen zu, erschrocken bis amüsiert, aber niemand stoppt ihn. In einer gerechten Welt wäre Seehofer nun bald wegen fahrlässiger Tötung angeklagt, aber das ficht ihn nicht an. Er gehört zu einer Kaste von Politikern, die ihre Verachtung für die Regeln, die sie dem normalen Volk auferlegen, sogar noch stolz zur Schau tragen, und sich dann über Parteienverdrossenheit wundern.

Eine Zeitlang hatte ich auf junge Menschen, auf aktive Akademiker, bei der Verteidigung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung gehofft. Diese Hoffnung ist vorbei. Statt für Freiheit einzutreten, wird an den Unis lieber darüber diskutiert, welches Gedicht überstrichen, welche Statue verhüllt, welcher Diskurs nicht geführt werden darf – und wieviele Geschlechter es nun eigentlich gibt. Die Diskurse sind hier völlig der Relevanz entrückt, sie sind von der Gesellschaft entkoppelt, Refugien eine pseudointellektuellen Pseudoelite geworden, die mit ihrer Art der Politik fortsetzt, was man Eskapismus nennen kann. Was meine Generation noch als Paper-und-Pencil-Rollenspiele kannte, passiert heute in manch einem AstA und Studierendenparlament.

Gesamtgesellschaftliche Diskurse sind derzeit auch nicht mehr möglich. Es gibt kein Grau, es gibt keine Suche nach Lösung, auch nicht innerhalb eines demokratischen Spektrums, zumindest nicht, wenn man sich Online-Medien anschaut. Jeder ist entweder Nazi oder linksgrünversifft. Auch dann, wenn man weiß, dass der Andere es nicht ist. Das gibt Klicks. Man wähnt sich auf der Seite des Guten, das Internet wird reconquistet, und dass man dadurch nationalliberale, konservative und andere demokratische Rechte ins Lager der Rechtsradikalen treibt, ist dann doch egal – wieso sind sie denn auch nicht linke, aufgeklärte Menschen? (Und natürlich klopft man sich auf die Schulter.) Der eigentliche Treppenwitz ist, dass man damit genau den Mechanismus übernimmt, den man bei der AfD erlernt hat, und der ihr gefällig ist, weil sie eben die künstliche Spaltung der Gesellschaft forcierte.

Lange habe ich auch auf die transnationalen Zusammenschlüsse gehofft, die EU, die NATO. Ich tue es nicht mehr. Die EU hat ein Problem mit treibenden Plastikstrohhalmen, aber nicht mit Kinderleichen. Sie toleriert in ihren Mitgliedsstaaten die Unterdrückung von Minderheiten, die Abschaffung der Pressefreiheit, das Ende der unabhängigen Justiz, wenn man doch nur in allen Staaten dieselbe Datenschutzverordnung hat. Sie ist unfähig, im Kleinen gute Gesetze zu erlassen und unwillig, im Großen gute Werte zu verteidigen. Sie ist eine beliebig agierende Bürokratur von selbstzweckorientierten Politikern geworden, die auch sehenden Auges keine Schritte unternimmt, um sich abzeichnende blutige Konflikte, wie in (Nord)Irland einzudämmen.

Die NATO wiederum ist zu schwach, und ebenso beliebig. Von der westlichen Wertegemeinschaft ist wenig übrig. Die zweitgrößte Armee der NATO gehört einem Despoten, der aufs eigene Volk schießen lässt und sich zum Diktator aufgeschwungen hat. Und letztlich ist niemand der anderen NATO-Staaten willens, die eigenen Armeen wieder auf Vordermann zu bringen. Kein Wunder, dass der Staat mit der größten NATO-Armee da auf Protektion der Anderen keinen Bock mehr hat.

Und nun? Ich weiß es nicht. Und das ist kein cleverer Winkelzug am Ende dieses Artikels. Es fühlt sich eher wie ein Armutszeugnis an. Jeden Tag daneben zu stehen, und zu sehen, dass es falsch ist, wie es ist, und es immer falscher wird, und keinen realistischen Weg zu einer Veränderung zu sehen.

Und ein schönes Ende für das Ende dieses Artikels habe ich auch nicht.

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9 Kommentare zu “Angewidert schaue ich auf den Irrsinn

  • #1
    ruhrreisen

    .."ich hingegen handle nicht direkt, und kann auch die Politik der demokratischen Parteien nicht ändern. Für die konkrete Aktion bin ich zu feige, oder zu gesetzestreu, für die Änderungen der Agenda von Parteien fehlt mir der Einfluss."…

    Worte alleine reichen eben nicht. Da muss der Mensch seinen Allerwertesten von seinem Schreibtischstuhl erheben, die Ärmel hochkrempeln und sich bewegen.. Und im besten Fall, seine Postille dafür nutzen, andere durch die spitze Feder zu animieren, es ihm gleichzutun. Oder darüber nachzudenken, ob man seine Zeit mit Worthülsen weiter verschwenden will.

  • #2
    Ke

    Alles Sche…"?
    "ich bin dagegen" ist einfach, aber wofür ist denn jetzt der Autor?

  • #3
    Thomas Schalow

    Du siehst alles zu "schwarz". Lass die Sonne wieder in dein Leben und die "bunten" Vögel wieder zwitschern.
    13% haben die AFD gewählt. Na und. Dann sind es trotzdem 87%, die die AFD nicht gewählt haben.
    Wenn du Zeit hast, gönn dir eine Auszeit. Mach Urlaub in einem Kloster. Vielleicht Münster Schwarzach in der Nähe von Würzburg. Und du wirst sehen, das wirkt Wunder. 😁😉 Mfg Thomas

  • #4
    Ines C.

    Volles Ja zur Analyse. Deshalb gucke ich seit 2 Jahren: wie haben Menschen in den ganz dunklen Zeiten Widerstand geleistet? Bin dann bei Hannah Arendt gelandet. Constantin Seibt, der ja manchmal nahezu prophetisch schreibt, grad auch wieder in der Einordnung der Politik Angela Merkels, nennt Politik mit Arendts "Handlung"-Ansatzs "Kategorie der Wunder". Oder einfacher, um mich nochmal als Tolkien-Fan zu outen 🙂 -die Ringe-Trilogie ist ein Widerschein des Kampfes auf Leben und Tod der Demokratie-: "Es sind die kleinen Dinge, alltägliche Taten von gewöhnlichen Leuten, die die Dunkelheit auf Abstand halten. Einfache Taten aus Güte und Liebe". (Gandalf)

  • #5
    Arnold Voss

    https://www.ruhrbarone.de/wir-leben-nicht-im-post-sondern-im-protodemokratischen-zeitalter/137314

  • #6
    Frank L.

    Ein weiterer "Demokrat" der über das – aus seiner Sicht – bevorstehende Ende der Demokratie jammert und gleichzeitig nicht willens, fähig oder schlicht zu faul ist, die Werkzeuge eben jener Demokratie zu nutzen: Politisch aktiv werden, als Kandidat, Parteimitglied, Organisator von Demonstrationen, Petitionen oder Eingaben, als Demonstrant usw.
    Ein Auto rollt an einem Abhang auf einen tiefen Abgrund zu und der Mensch hinter dem Steuer, statt dass er Bremse oder Lenkrad nutzt, hält sich die Augen zu, beginnt zu weinen und bejammert sein eigenes, unausweichliches Schicksal.
    Stattdessen wird darüber rumgeheult, dass ihm – als Einzelperson(!) – "für die Änderungen der Agenda von Parteien fehlt mir der Einfluss." Welch wahrhaft demokratischer Geist scheint da durch, wenn es bedauerlich erscheint, als Einzelmensch nicht diktatorengleich Parteien zu Richtungsänderungen zu zwingen. Oder das man selbst – hach leider – ja zu gesetzestreu ist. Da hat jemand Demokratie wirklich verstanden…
    Mit diesem Demokratieverständnis ist der Autor des Textes Teil des Problems, Mitverursacher der Krise die er sieht und symptomatisch für all die verhinderter Retter der Demokratie, die in den letzten Jahren ihr Gejammer in die Welt rülpsen, sie – die Demokratie – aber offensichtlich nicht verstanden haben oder zu faul für die nötigen Anstrengungen und zu selbstzentriert für die nötigen Kompromisse sind.
    Wenn euch wirklich was daran liegt, bekommt euren fetten, verwöhnten Hintern hinter dem Schreibtisch hoch und tut etwas! Tretet ein Partei bei oder gründet eine, arbeit darin mit und erwartet nicht, dass eure ganz persönlichen Vorstellungen 1:1 umgesetzt werden. Organisiert Demonstrationen oder nehmt an welchen Teil, sprecht mit den Abgeordneten eures Landes, eures Bezirks, eurer Stadt, wenn euch was auf den Nägeln brennt. Startet Unterschriftenaktionen und Petitionen.
    Ja, das ist Arbeit. Aber – oh Überraschung! – diese Arbeit ist Teil des Systems, dass euch – angeblich – so am Herzen liegt.

  • #7
    Peter Freimensch

    "Diese Demokratie" ist schon mindestens knappe zwanzig Jahre keine Demokratie mehr. Mit allen dazugehörigen Folgen, wie beispielsweise eingeschränkte Rechtsstaatlichkeit.

    Die Hauptursache sehe ich darin, das sich der größte Teil der sogenannten Vierten Gewalt langsam und unmerklich zum Sprachrohr der Mächtigen entwickelte. Wer das nicht glaubt, sollte einfach mal das Niveau alter Texte im Spiegel-Archiv mit den heutigen Ausgaben dieser mittlerweile traurigen Postille vergleichen. Oder der Zeit. Oder der Welt. Und so weiter …

    Und heutige bundesdeutsche ÖR-Medien würden sicher jeder Diktatur, die auf sich hält, zur Zierde gereichen.

    Obwohl ich mich nicht (mehr) zum Kreis der heute in meinen Augen denkfaulen und realitätsfremden Linken zähle, löst auch in mir diese aktuelle Mischung aus Narrenschiff und Orwellschem 1984 nur noch Resignation aus. Es muss zweifellos erst noch schlechter werden, bevor es wieder wieder besser werden kann …

    Ich trete kürzer, ich arbeite weniger. Das Leben ist zu kurz.

  • #8
    Gerd Klahr

    >>Kein Wunder, dass der Staat mit der größten NATO-Armee da auf Protektion der Anderen keinen Bock mehr hat.<<
    Protektion durch einen Staat, von dem eine Kongressabgeordnete öffentlich DAS schreibt >>

    Tulsi Gabbard
    @TulsiGabbard

    For years the CIA has directly & indirectly been arming so-called "moderate" rebels who are allied with al-Qaeda to overthrow Syrian govt

    01:26 – 17. Dez. 2016

    kein Wunder, dass deren Regeln immer unbeliebter werden.
    justmy2c

  • #9
    Laubeiter

    Meine Sicht auf die Unis ist so: An ihnen wird nicht anstelle über Freiheit über die Wirkung von Gedichten diskutiert, sondern an ihnen wird Freiheit am Beispiel der Wirkung von Gedichten diskutiert. Als 68 die Studenten sich beklagt haben, sie würden nicht gehört, haben ihnen Profs wie Adorno auch gesagt, dass etwas tun statt denken wollten, während für ihn Denken Tun sei; heute wollen die Studenten ein Gedicht entfernen, während die Intellektuellen sie auffordern, über das Gedicht zu reflektieren – Generationenfrage!

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