Frau 2011 – Pampers, Posen, Positionen

Neulich war mir langweilig. So langweilig, dass ich mir eine Frauenzeitschrift gekauft habe, etwas, was ich sehr selten tue, meistens dann, wenn ich vorhabe, ein Flugzeug zu besteigen und mich mit sinnlosen Schönheitstipps von meinen Absturzfantasien ablenken möchte. In diesem Fall jedoch war ich zu Besuch in einem ostfriesischen Ferienort, hatte frisch gekauften Matjes in der Tasche und für den Abend noch nichts Größeres vor. „Frauen 2011 – Wie wir denken. Was wir fühlen. Wovon wir träumen“ – so titelte besagte Zeitschrift und warf den Köder nach mir aus. Von unserer Gastautorin Verena Geiger.

Endlich, jubelte ich innerlich, während ich den Köder schnappte, endlich kann mir jemand erklären, wie es in den Köpfen des Frauenkollektivs aussieht. Denn mein Alltag, obwohl ich umgeben bin von Frauen (fast) jeden Alters, gibt mir für die Entwicklung meiner Gruppenidentität Rätsel auf. Überall alternative Lebensentwürfe, unterschiedliche Meinungen, wohlmeinende Ratschläge, gutgemeinte Tipps, um dann doch „endlich mal anzukommen“. Und ich sage immer öfter entnervt: Es reicht! Zu viele Stimmen in meinem Kopf!

Was sagt denn die Prominenz zum aktuellen Standort der Damen? Wo verorten wir uns?

Alice Schwarzer sieht den Mann verlässlicherweise immer noch als Wolf im Schafspelz (manchmal auch Wolf im Wolfspelz – oder, die schlimmste Sorte, weil Vortäuschung falscher Tatsachen und oftmals langweilig in der Lebensführung: Schaf im Wolfspelz). Bascha Mika erzürnte das Feuilleton und all die Frauen da draußen mit ihrer Aussage, sie seien doch selbst schuld an ihrem Elend, dürften nicht jammern über fehlende Aufstiegschancen und darüber, das

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Moers 2011: „Kulturell überhaupt ganz weit vorne…“

An Selbstbewusstsein hat es den wirklichen und selbsternannten Protagonisten Moers Festival noch nie gemangelt. Nicht, als Burkhard Hennen die Veranstaltung mehr als 30 Jahre steuerte und entwickelte und auch nicht nach seinem Ausscheiden im Jahr 2005, als Reiner Michalke die Federführung über das Programm übernahm. Beim offiziellen Bürgermeisterempfang am Sonntag jedoch übertrafen sich die Akteure in Superlativen: Von der Hauptstadt des Jazz war die Rede, Moers sei kulturell überhaupt ganz weit vorne. Jazz, Schlosstheater, Comedy – etwas vergleichbares gebe es in ganz NRW nicht. Noch nicht einmal in Deutschland. Wer den Worten von Bürgermeister Norbert Ballhaus (SPD) und Co unbefangen zuhörte, der konnte meinen: Alles bleibt gut. Als dann noch NRZ-Chefredakteur Rüdiger Oppers mit tiefer Stimme und ohne roten Kopf davon erzählte, wie er zu Pfingsten im Freizeitpark das erste Mal im Leben die Vorzüge der freien Liebe kennenlernte, herrschte im kleinen Pressezelt eine Stimmung wie auf dem Oktoberfest – Freibier und Fingerfood inklusive.  Von unserem Gastautoren Holger Pauler.

Wenn wirklich alles so toll ist am linken Niederrhein: Warum wird dann an jeder kulturellen Ecke gespart? Warum werden Institutionen gegeneinander ausgespielt, wird das Festival mal eben um einen Tag verkürzt, steht, wie so häufig in der Vergangenheit, sogar dessen Existenz auf dem Spiel? Antworten darauf gab es nicht. Auch weil die Fragen ausblieben.

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Moers 2011 Update: Ornette Coleman bestätigt

Ornette Coleman Foto: Geert Vandepoele Lizenz: CC 2.0

Ornette Coleman soll auf dem Weg nach Moers sein. Sagt unser Gastautor Holger Pauler.

In der Programmvorschau tauchte er nur für ein paar Wochen auf: Ornette Coleman, Freejazz-Pionier, Erfinder der Harmolodics und, ausnahmsweise sind Superlative erlaubt, die letzte tatsächlich noch lebende Legende des alten und neuen Jazz sollte nach Moers kommen, zur 40. Auflage des Jazz Festivals. Die Macher des Moers Festivals gingen hohes Risiko. Die Auftritte des mittlerweile 81-jährigen Altsaxofonisten sind beinahe so selten wie Meisterfeiern auf Schalke. Im April kam dann die von Vielen befürchtete Nachricht: Ornette Coleman kommt nicht nach Moers, andere Arbeiten hätten Vorrang. Zu hoch gepokert: Im Laufe dieser Woche gab es dann erste Gerüchte – ausgelöst von durch einen Eintrag auf Colemans Website. Als einziger Termin für das Jahr 2011 steht dort: Moers Festival Germany June 10 to 12. Fans schwören, dass der Eintrag vor einigen Wochen dort noch nicht zu sehen war. Am Freitag Mittag verkündete WDR 5 schließlich dass sich Coleman auf dem Weg nach Moers befinde und eventuell sogar sein legendäres Plastik-Saxofon im Rucksack dabei habe. Die Verantwortlichen des Festivals wollten die Nachricht nicht dementieren. Nach der Absage Helge Schneiders und den ewigen Diskussionen um die ungesicherte Zukunft des Festivals wären das ausnahmsweise mal good news zu Pfingsten.

Update:

Mittlerweile wurde ein Konzert von Ornette Coleman und seinem Sohn Denardo an den Drums für Sonntagabend bestätigt. Dafür ist Shannon Jackson erkrankt. Das für   für heute Abend geplante Konzert fällt aus.

40. Moers Festival: Der lange Abschied, und jetzt auch noch ohne Helge

Das vierzigjährige Jubliläum des Jazzfestivals zu Moers am kommenden Pfingstwochende scheint unter einem schlechten Stern zu stehen. Von unserem Gastautor Thomas Meiser

Die Traditionsveranstaltung in der kleinsten Hauptstadt Deutschlands wurde zunächst um einen Tag verkürzt, weil es dem aus Köln stammenden künstlerischen Leiter Reiner Michalke nicht gelang, für den Montag, den letzten der vier Festivaltage, genug Finanzmittel für die üblicherweise zum Finale aufspielenden Bands aufzutreiben.

Was daran liegt, daß auch diese Niederrhein-Kommune der Haushaltssicherungspflicht unterliegt.

Um aber den abschließenden Spieltag noch in Gegenwart und Zukunft, also Kontinuität zu retten, verpflichtete Impresario Michalke den aus dem benachbarten Mülheim an der Ruhr stammenden Lokalmatador Helge Schneider zu einem montagabendlichen Konzert außerhalb des Moerskonzeptes.

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Essen: Kein Platz zwischen Hausfrauenkunst und Hochkultur?

Eigentlich wollte sich unsere Gastautorin Claudia Schildgen einen Text zur Essen Kontrovers-Diskussion „Kein Platz für Kreative“ kneifen, weil sie das Verhalten beider Seiten mehr als befremdlich fand – aber: wegen vieler Stichworte innerhalb der Debatte gibt sie nun doch ihren Senf dazu…

Wenn Künstler auf Politiker treffen, oder sagen wir Verwaltungsbürokraten, dann grenzt das an einen Kulturschock. Nicht mit jeder Sorte oder Gruppierung geben sich letztere gerne ab: Da gibt es die geschätzte Hochkultur, die brave Hausfrauenkunst, am besten noch alles in ordentlichen Vereinen organisiert, die Etablierten aus der Freien Szene – eben die, die im Geschäftsbereich Kultur ein Standing haben, durch jahrelang erfolgreiche Arbeit vor Ort, die einen langen Atem hatten, wo das Publikum letzendlich über Gut und Böse entschied oder eben leider auch die, die die richtigen Kontakte zu den wichtigen Personen in Verwaltung, Rat und Ausschuss haben. Um diese Gemeinheit nicht ganz so niederträchtig erscheinen zu lassen, sei gesagt, wo ist es nicht so, und außerdem gibts da ja noch einen Kulturbeirat, der den Bürokraten oder Handhebern empfiehlt, was bedacht werden soll, kann, darf und was nicht.

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Fiets pervers

Ein kurzer Blick auf zwei neue moderne Radstationen in Duisburg und in Bottrop. Von unserem Gastautor Thomas Meiser

Fietsen wir an. Und zwar erst mal in den Duisburg-Hochfelder Rheinpark. Ein postmodernes Architekturgeläuf, das den Rheinstrom erstmals dem
benachbarten Armutsstadtteil nahebringt.

Schöne Sache ist das, es gibt einen Beach voll aus Sand, ein BMXer- und Skater-Geläuf, zu dem die Afficinados selbst aus Düsseldorf anfahren und eine sehr große Wiese, auf der die Drachenfans immer dann wenn nachmittags der Wind vom anderen Ufer, von Rheinhausen aus, steht, mit beräderten Schlitten über das Gras einer großen schrägen Wiese taumeln, vom Drachenwind beheizt.

Seit ein paar Tagen gibt es da auch einen Laden.

Der heißt Ziegenpeter, geöffnet ganzjährig von 0900 bis 2200, betrieben fürs und vom Gemeinwohl, der Laden sieht innen aus wie eine Amsterdamse Kreativgastronomie in Dam-Noord vor einer Dekade, denächst soll sogar public W-LAN kommen, dann geh‘ ich da frühstücken.

Wenn nur nicht die Biergartenathmo so steinig steril wäre, man sitzt auf unverückbaren Betonquadern vor einem mit Schrauben interarsiiertem Holztisch in Greifnähe.

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Update: Gaza-Flotilla: Geplante „Friedens-Feldzüge“ gegen Israel

Mit Schiffen und Flugzeugen wollen „Friedensaktivisten“ einen Feldzug nach dem anderen gegen Israel durchführen. Der kommende Sonntag wurde zum „Naksa-Tag“ erklärt. Von unserem Gastautoren Ulrich Sahm

In Jordanien, Gaza, Syrien und Libanon wurden Aufrufe veröffentlicht, am kommenden Sonntag erneut die Grenzen Israels zu stürmen, unter dem Motto: „Wir wollen unser Land in Palästina zurückhaben.“ Doch wegen erwarteter Unruhen schon am Freitag, positionierte sich die Polizei in Jerusalem rund um den Tempelberg und die Altstadt. Premierminister Benjamin Netanjahu drohte am Donnerstag, dass die israelische Armee die Anweisung erhalten habe, keine Verletzung der Grenzen Israels zuzulassen. Die Soldaten sollten „mit Zurückhaltung aber mit Bestimmtheit“ alle Versuche unterbinden, erneut die Grenzen zu stürmen.
„Naksa“ wird der Jahrestag des Ausbruchs des Sechs-Tage-Krieges, am 5. Juni 1967

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ZURÜCK.PARTEI

Eine Kurzgeschichte von unserem Gastautor Ulrich Schröder

Egon Kranz hat eine Wette verloren: Er hätte seine Hand dafür ins Feuer legen können, dass die freiheitlich-klerikale Koalition die politische Minimalintelligenz besessen hätte, von einer politisch tödlichen Einführung Allgemeiner Studiengebühren im Lande abzusehen – hatten doch sogenannte Studienkonten bereits der Vorgängerregierung das Genick gebrochen. Er hatte dagegen gehalten, als irgendein durchgeknallter Ex-AStA-Vorsitzender herausposaunte, dass die liberalkonservative landespolitische Elite ganz gewiss den Fehler machen werde, das unterschätzte Studivolk gegen sich aufzuhetzen. Egon jedoch hatte dies für ausgeschlossen gehalten und schüttelte schließlich fassungslos den Kopf, als wenig später die Pläne bekannt wurden, die spätestens bei der nächsten Wahl den politischen Super-GAU für die Regierungsparteien bedeuten würden.
Als er seine Wettschuld einlöste, in die glücklicherweise nicht im Landtag vertretene Partei des dilettantischen Dogmatismus (PDD) einzutreten, um dort den außerparlamentarischen Widerstand gegen die Campusmaut voranzubringen, standen dort bereits die Zeichen auf Fusion: Aus der Konkursmasse der DDR durchgereichte Parteivermögensmittel waren Mitte der Nullerjahre strategisch eingesetzt worden, um im Westen eine dubiose pseudosozialistische „Wahlalternative“ aufzuziehen, um sie kurze Zeit später „freundschaftlich“ zu übernehmen: Die ZURÜCK.PARTEI mit ihrem Parteiorgan RÜCKWÄRTS samt Dreieckslogos als Ü-Strich-Ersatz, das in die unauslotbaren Untiefen der Vergangenheit eines anderen Deutschland zurückverwies, ward geboren.

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For the love of money

Tanzbare Sozialkritik der 70iger als Titelsong für eine Kapitalismus-Show. Eine musikalische Antwort auf Gerd Herholz’ Artikel „Über das Verschwinden von Kultur nicht nur im Geld- und Warenkrieg“. Von unserem Gastautor Andreas Lichte.

In der Amerikanischen Fernseh-Reality-Show „The Apprentice“ bewerben sich Kandidaten in einem „13-wöchigen Job-Interview“ für einen mit 250.000 US$ dotierten Einjahresvertrag in einem der Unternehmen des Tycoons Donald Trump.

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