A local Hero´s Diary III: Sex, Drogen & Godard

Unser Gastautor Carsten Marc Pfeffer berichtet auch im dritten Teil wie seine Local Hero Woche in Bochum gelaufen ist.

Mittwoch, 14 Juli: Eine Ahnung von frisch aufgetragenem Chanel Nr. 5 kommt aus dem Bad. Sie ist also schon aufgestanden. Wenn sie zu Bett geht, dann sagt sie: „Ich mag keinen Kapitalismus, weil er mich ins Bett schickt, obwohl ich noch gar nicht müde bin.“ Jetzt ist sie wach und wuselt durch meine Wohnung, schon halb im Job. „Das ist alles deine Schuld“, hör ich sie rufen. Diesmal also nicht der Kapitalismus. Manchmal frag ich mich, ob ihr Kommunarden-Slang nicht bloß Fake ist. Immerhin hat sie sich in eine der reichsten Familien der Stadt eingeheiratet. Es gibt Orte, an denen bin ich für sie nur ein Schatten. So wie sie wiederum viele dunkle Stellen in meinen Songs markiert. Ein Hinweis, der vielleicht diese Indiskretion entschuldigt.

Mittlerweile habe ich mich auf die Couch begeben und lese ein wenig in Tender Bar von J.R. Moehringer. Ein großartiges Buch, sehr filmisch. Es erzählt meine Geschichte – aber das denke ich immer, wenn ich ein Buch lese. Manchmal sogar, wenn ich einen Film sehe. In der Küche wird ein Laptop heruntergefahren. Jetzt kommt sie rein und schaut mich mitleidig an. Leicht gelangweilt, aber ansprechbar.

„Kommst du Freitag zum Gig?“
„Wir sind doch bis Montag auf…“
„Dann Dienstag?“
„Dienstag.“

Irgendwie scheint die Local Hero Woche in Bochum heute eine Auszeit zu nehmen. Ich überfliege das heutige Kulturprogramm in der Tageszeitung und erkenne den Schwindel. Heute passiert nichts, was nicht auch sonst passiert wäre. Was natürlich nicht stimmt, weil ein imposantes Programm zusammengeschustert wurde, das auch einige Überraschungen bereithält. Doch fehlt zwischen Semesterkonzert und Fiege-Kino-Open-Air der besondere Kick. Herbert Grönemeyer mit Westerngitarre vor dem Bratwursthäuschen – das wär doch mal was. Da fallen mir gleich zwölf Überschriften zu ein. Doch es sieht so aus, als würden die Local Heroes einen Tag lang ihre Kraft sparen wollen, für das, was da noch kommt. Auch ich sollte mich etwas schonen und entscheide mich, bis Montag keine Pressejobs mehr anzunehmen. Immer wieder falle ich zurück in so nölige Phasen, besonders wenn ich Bahn fahre. Das muss an dem vielen Arbeiten liegen. Immer auf der Suche nach einem Thema, und immer wieder muss die größte Skrupellosigkeit mobilisiert werden, um all das zu Papier zu bringen. Dazu dieser nervennagende Zweifel, weil man weiß, dass man von dem Ganzen überhaupt keine Ahnung hat und nur ein Ignorant und ein Wahnsinniger ist. Dabei hatte ich mir doch für meine Songs das Nervenkostüm so sonderbar verzärtelt… – Es wird auch ohne Jobs gehen.

Agenten im Raucherkino

Um mich auf dem Laufenden zu halten, gehe ich ins Konkret. Ich hätte auch ins Tucholsky gehen können; ein Café um die frühe Mittagszeit ist der beste Platz für einen Journalisten. Die Leute wissen, dass man von der Presse ist und erzählen einem alles. Ein verstörender Trend. Aber vielleicht gibt es ein kollektives Verlangen zu beichten. Wie im Fernsehen. Vielleicht. Größer ist allerdings das Verlangen zu petzen. Was auch mir lieber ist, denn nichts schreibt sich besser als Aufreger. Da erscheint auch schon mein Informant. „Soll schwer was los gewesen sein, gestern beim Leo“, beginnt er. „Alles, was Rang und Namen hat in der FIFA hat auf seiner Dachterrasse gefeiert.“ So, so. Aber für solch einen Klamauk hatte ich ihn nicht ins Café bestellt. Nun schweigt er, als gelte es einen Wettkampf zu gewinnen. Für einen kurzen Augenblick muss an etwas ganz anderes denken, dann komme ich zurück zum Thema.

„Was ist mit der Liste?“
„Welche Liste?“
„Na, die Liste!“
„War schwer ranzukommen?“
„Wieviel?“
„War ‘ne Menge Arbeit.“
„Wieviel?“
„Meinen Deckel im Oblomow.“

In Ordnung. Die Liste ist es wert. Sie ist die Inkunabel einer Epoche, die wir alle nicht verstanden haben werden. Es ist der Cateringrider von Revolverheld, Stand 02.2010. Erst gestern hatten die Jungs im Rahmen der FIFA U-20-Frauen-WM ein Konzert auf dem Konrad-Adenauer-Platz gegeben. Hot. Ich liebe diese Liste. Sie ist zwei Seiten lang und besteht ausschließlich aus pointierten Schnullibulli-Wünschen. Ein Parceforceritt: „ab morgens bitte Salat – sehr gerne Antipasti – Rohkost – hochwertiger Käse (Comte, Allgäuer Bergkäse) – 2 Kisten 0,5 Liter EVIAN (Alternativ Vittel, Volvie, etc, wichtig: NULL Kohlensäure) – Abendessen: Grundsätzlich bitte so viel wie möglich Vollwertkost & aus biologischem Anbau! Danke! – 25 Vollkornsandwiches mit Käse und/oder Schinken inkl. Salatblatt (die Hälfte der Sandwiches bitte vegetarisch)“. Wunderbar. Mit der Ernährung fängt es an. Askese für das Ego. Was ist eigentlich aus dem guten alten Rock’n Roll geworden? Wie konnte da bloß die Diskurshoheit verloren gehen. Ich weiß noch, wie Andreas „Bär“ Läsker zur letzten DSDS-Staffel erklärte, dass das wilde Leben im Showbizz nur ein Gerücht sei. Schließlich, so der ehemalige Fanta4-Manager, erfordere es viel Leistungsbereitschaft, ein Popstar zu werden. Er wirkte so unglaublich sympathisch dabei. Das Mantra von Eigenverantwortung, Fleiß und Anpassungsfähigkeit – wer schaltet zuerst die Kiste aus? Wie kann man den Kids nur so einen Scheiß erzählen? Wo bleibt denn da die Verantwortung? Lasst sie doch saufen, kiffen und rumvögeln, verdammt noch mal! Popkultur ist Umbauplan. Muss man denn die letzten Nischen der Freizügigkeit den Parametern der Verwertbarkeit unterziehen? Es verschenkt sich doch von selbst! Es ist flauschig und will gedrückt werden. Auch ich sage mir jeden Tag: Carsten, du solltest mehr Drogen nehmen und dadurch dein gesamtes Bewusstsein verändern. Vielleicht könntest du so dein Herz öffnen und jemanden herein lassen. Dieses ganze Lokalmatador-Tagebuch bekäme den Sound eines brillanten Turbonegro-Songs. Allein, ich bin nicht so. Zog ich vor zehn Jahren noch mit meiner Old-School-Band kreuz und quer durch das Land, so bin ich heute ein alter, müder Mann. Natürlich nicht ganz so alt und müde, wie viele andere Männer in meinem Alter, aber auch kein Jungspund mehr. Was natürlich wunderbar ist. Vieles erübrigt sich in diesem Alter einfach. Das macht den Kopf frei für Wesentlicheres. Ich könnte jetzt beispielsweise eine Karriere starten. Abschlüsse sind vorhanden, die Empfehlungsschreiben anerkannter Professoren liegen vor, aber ach: wozu all das? Alles was ich im Augenblick wirklich will, das ist ein Slush Puppie mit Waldmeistergeschmack. ICE BLAST. Vielleicht schaffe ich mir einen Hund an. Wer weiß das schon? Frauen tragen T-Shirts, auf denen steht „I (Herz) N.Y.“ Dazu Soleil de Sicile, Resette Mediteranee, Perlier und der für Bochum so typische Baustellenlärm. Es ist ein wunderschöner Tag. Ein Hund wäre wirklich super. Ich liebe dieses Leben, und ich liebe den Beat dieser Stadt. Das einzige, was ich bedauere, ist, dass aus mir kein homosexueller Mann geworden ist. Die Homosexualität würde vieles in meinem Leben vereinfachen und außerdem viel besser zu meinem Lifestyle passen. Alles wäre ein großer starker Fluss. Doch so bleibt es kompliziert. Was schade ist. Aber letztendlich immer wieder handhabbar.

Zuhause bei Godard @ Kracauer

Warum sind die Gedanken da? Weil sie uns mitunter einen Spaß bereiten und uns einen magischen Schutz gewähren vor jeglicher Unbill des Lebens; die Hinführung zur ewigen Seligkeit und Amen. – Wenn ich mich jetzt beeile, dann schaffe ich es noch in mein Godard-Seminar. Irre. Ich bin seit Tagen so überdreht, dass mir schwindelt. Ein bisschen so wie Michael Douglas in WonderBoys. Nur ist meine Performanz kantiger, mehr ruhriger. Gleichsam muss ich irgendetwas an mir haben, dass es die Leute so stark zu mir hinzieht. Es ist schon sonderbar, wie sich alles bemüht ist, Wohlklang und Gefälligkeit in meiner Gegenwart auszuströmen. Ich habe das sehr gerne. Und so grüße ich nach links, lächele nach rechts, umarme ein Gauloises-PR-Mädchen und federe mit einem Hopsasa in das baufällige GB-Gebäude. Zum Schaden meiner Kniescheiben. Meine Güte, in zwei Tagen ist der Gig und ich bin gefangen in einem geriatrischen Körper. Wie macht das eigentlich Boris Gott? Ach ja, der ist ja jünger. Komisch, als ich ihn damals in der Dortmunder Nordstadt kennenlernte, wirkte er älter. Das muss ungefähr vor sieben Jahren gewesen sein, ich hatte mich gerade von Sylvia getrennt. Die schöne Zeit mit den Mountain Boys. Dieser Videoklipp, in dem ich einen schwulen Cowboy spiele, schade, dass er niemals ausgestrahlt wurde. Selbst Donata war ja damals noch in Dortmund, bevor sie die Bühne wechselte, um am Köpenicker Stadttheater zu spielen. Boris, weißt du noch? Neujahr, als sich Donata von dir in einem ALDI-Einkaufswagen durch die Nordstadt kutschieren ließ. Martin war dabei. Wer noch? Ich kam, glaube ich, erst gegen Mittag. Oder die Geburtstagparty bei Donata, die ich zu dieser Zeit schon Dolores nannte. Die Polizei hatte uns dreimal verwarnt, danach bekamen wir alle Hausverbot. Los, runter auf die Straße. Und was taten wir? Wir gingen einfach zwei Häuser weiter zu Daniel, wo ich bis in die Mittagsstunden aus Ilma Rakusas Love after love vertrug, bis ich mich schlafend gesungen hatte. Warst du da überhaupt dabei? Ich erinnere mich nicht mehr. Alles liegt übereinander und feilscht um Realpräsenz. Das Ganze hat einen gewissen Rhythmus und ergibt durchaus einen Sinn. Nur komme ich nicht mehr drauf, es fehlt die Tonspur. Die Stimme als Bild des Bewusstseins. Als fehlt der Kommentar von Godard, denkt ein Überleitungs-Junkie und drückt die Türklinke zum Seminarraum. Klopfen geht gar nicht, wenn man zu spät kommt. Auch sollte man sich nicht groß entschuldigen. Das stört nur den Flow. Ganz zu arrogant sollte man sich allerdings auch nicht gebärden, sondern durchaus ein bisschen Schuldgefühl durchblicken lassen und sich still auf seinen Platz setzen. Weitere Eskapaden, wie beispielsweise einen Apfel zu essen oder unter vorgetäuschter Notdurft den Raum zu verlassen, um eine Selbstgedrehte zu rauchen, sollten erst nach mehreren erfolgreichen Wortbeiträgen gewagt werden, wenn das Vertrauen wieder hergestellt ist. Logo, reinpoltern, die Anwesenheitsliste unterschreiben und beim Rausgehen zum Abschied die Tür knallen, ist auch beliebt. Aber nicht mein Niveau. Es ist halt alles eine Formfrage.

Die Kunst der Montage

Nehmen Sie Sergei Michailowitsch Eistenstein, beispielsweise Bronenosec Potemkin: „Kontrast auf allen Ebenen, vom Konflikt der graphischen Linien, Flächen und Bewegungen in der Abfolge der Einstellungen bis zu topologischen und ideologischen Gegenüberstellung“ (Metzler Filmlexikon). Dazu extreme Nahaufnahmen und eine Kamera, die die Gegensätzlichkeit von oben und unten überwinden will, und gerade deshalb diese immer wieder thematisiert. Allein diese Herangehensweise wäre für die Darstellung der Bochumer Local Hero Woche großartig. Aber es macht noch zu viel klick und klack. Alles ist hintereinander montiert. Die Heiligkeit der Bilder. Nehmen Sie dagegen Jean-Luc Godards Histoire(s) du cinema und sagen Sie mit Deleuze einmal „Zeitkristall“. Es geht hier um Transsubstantion. Ist doch klar, dass Godard von André Bazin beeinflusst war. Und der konnte seinen Katholizismus eben nie ganz überwinden. Bilder: Spur nicht Zeichen. Aber eben auch immer Realpräsens, Turiner Grabtuch und so weiter. Godard flappt nun alles synkopisch übereinander. Na und? – Im Kino stellt sich das Ereignis in seiner Zeitigkeit eben selbst dar. Da darf man am Schneidetisch auch mal ‘ne Nase nehmen und die großen Register ziehen. So wird das Unsagbare sichtbar. Warum Kausalkomplexe pushen? Weltgeist kaputt. Nein, wir wollen keine Opfer übergehen. Hegel war ein Idiot. Schauen Sie sich das ruhig mal an. Hier können Sie was lernen.

Ansonsten lasse ich heute alles ausfallen. Keinen Bock das Set zu proben. Die Songs sind noch nicht fertig und werden es auch nicht. Es ist mir egal. Egal, ob ich mich verspiele, den Text vergesse und mich aufführe wie ein weinerliches Kind. Mir ist nie irgendetwas peinlich. Ich kann überhaupt nicht so denken. Ich will einfach nur dabei sein, wenn es passiert. Ich und Boris Gott, Freitag ab 19:30 im Zacher. Fucking Hell. Ach Boris, du weißt, dass ich nicht Gitarre spielen kann, dass ich nicht singen kann, und dass es mit mir immer ein Abendteuer ist, weil meine Launen sehr stark sein können. Weshalb mache ich das alles überhaupt? Wegen dir, Boris. Ich möchte, dass du in der Brüderstraße ankommst und dich wohl fühlst. Weil wir Freunde sind. Seit Tagen dudel ich deine LPs rauf und runter. Alles deine Songs kenne ich auswendig. Natürlich frage ich mich, wie aus dir so ein großer Liedermacher werden konnte, während ich ein Vormittagsphantast geblieben bin. Aber ich frage mich das ohne Neid. Weil ich dich liebe. Weil ich deine Freundin liebe. Und weil ich die Dortmunder Nordstadt liebe. Boris, sieh doch nur, wie die Sonne untergeht. Die ganze Stadt verwandelt sich in einen Café cortado leche y leche. Ich will doch einfach nur in deiner Nähe sein, wenn du singst: „Engel wie wir sind keine Engel. Große Fresse und schon zu viel Scheiß gebaut. Wir weinen heimlich nur im Kino. Wir haben dickes Fell, darunter dünne Haut.“

Wir werden das alles ganz neu erfinden müssen. Es geht auch nicht mehr mit unseren Wohnungen. Wie kann man nur so leben? Seit Amsterdam habe ich nicht mehr gespült, dazu die Haufen aus Wäsche, CDs und Büchern, die sich in der ganzen Wohnung verteilen. Ein Plakat von Ian Curtis über dem Bett in zweifacher Ausführung, Seriation und so. Ich schaue in den Spiegel und mache Bäh. Dann rufe ich sie nochmal an. Vielleicht kann sie sich ja für einen Augenblick davonstehlen. Unsere Stimmen – ein Flügelschlag: War ein böser Tag heute, ja? Bin ich ein böser Mann, ja? – Komm mach mich müde, Kleines. Komm erzähl mir aus deinem Leben.

A local Hero´s Diary II: Alles in vollem Gange

Unser Gastautor Carsten Marc Pfeffer berichtet wie seine Local Hero Woche in Bochum gelaufen ist.

Dienstag, 13. Juli Nun ist es amtlich: das wird meine große Woche. Da ist nicht nur mein Bochum-Total-Gig mit Boris Gott am Freitagabend im Zacher. Nein, am Sonntagmorgen werde ich zudem im Freien Kunst Territorium an der Diekampstraße einige Gedichte aus meinem Amsterdam-Zyklus vortragen. Außerdem hat die Goldkante angerufen. Die beliebte Wohnzimmerbar befindet sich gegenwärtig in der Renovierung, gleichwohl haben die Betreiber einen Tisch für Sonntag auf der A40 zum Still-Leben Ruhrschnellweg gemietet und lassen nun höflich anfragen, ob ich nicht Zeit und Lust hätte, auf der Autobahn ein paar Songs zu spielen. Ehrensache. Vielleicht zusammen mit dem Liedermacher Unter anderem Max? Von mir aus gerne. Ich rufe Max an und wir verabreden uns für Sonntag um 13.30 Uhr am Tisch der Goldkante. Das läuft doch gut an.

Naturgemäß habe ich verschlafen und nicht die größten Ambitionen, einen Teller sowie ein Messer zu spülen, um mir ein Frühstück zu bereiten. So gehe zu El Toro und gönne mir ein Entrecôte. Was sind schon 20 €, wenn man mit 800 € im Dispo steckt? (Man kann es wenden, wie man will, er bleiben 20 €.) Nach der Hochrippe des Rindes bricht sich der Schweiß seinen Bann. Die ganze Stadt ist in Bewegung. Von überall strömen junge weibliche Fußballfans mit Trikot und Schminkset Deutschland herbei. Selbst die Vuvuzelas (auf Setswana auch gerne Lepatata genannt) ertönen wieder. Was ist hier los? Richtig, die FIFA U-20-Frauen-WM hat begonnen. 22.000 Menschen strömen in das Bochumer Stadium an der Castroper Straße und erleben ein fulminantes 4:2 im Auftaktspiel Deutschland-Costa Rica. Zudem spielen Revolverheld schon heute Abend ihr inoffizielles Eröffnungskonzert für Bochum Total am Konrad Adenauer Platz, wo bereits seit den frühen Mittagstunden die ersten Fans am Bühnenrand ausharren. Wohlfeil wird das Ganze von der Stadt unter dem Logo der Bochumer Local Heroes Woche präsentiert. Logo drauf und fertig. Das ist das Problem. Die Stadt ist pleite und hängt sich in dieser Woche an alles, was auch nur nach Kultur riechen könnte. Die Ordnung des Diskurses parasitär betrieben. Aber irgendwie auch sympathisch. Die Stadt ist pleite, ich bin pleite, beide reden wir über Kultur – so viel Nähe war selten. Es funktioniert. „Wegen des Gesamtpakets“, wie mir Tommyboy aus dem Medienhaus smst.
Schlimm dagegen, wie ich rumlaufe. Ich kann mir das gar nicht erklären. Im letzten Jahr bin ich fast ausschließlich in Anzügen aufgetreten, gerne auch mit Krawatte. Ja, ich hatte sogar einen kleinen Fetisch für Manschettenknöpfe entwickelt. Heute dagegen schleppe ich mich durch die City wie ein Waldschrat. Ich will gar nicht wieder von meinem Schamhaarbart anfangen. Es ist diese bescheuerte Cargo-Hose, die ich trage. Diese albernden Adidas-Sportschuhe mit Good-Year-Sohle. Diese völlig sinnentleerte Tätowierung auf meinem Unterarm sowie meine verfranzten und vom Sonnenlicht gebleichten Haare. Ich sehe aus wie ein Berufsjugendlicher. Ich könnte weinen. Ich trage ein T-Shirt von Nike, nicht von Fortuna. Bereits vor vier Tagen hatte ich es getragen. Ich bemerke es erst in der U-Bahn am Geruch. Da hilft auch kein Axe-Alaska mehr. Warum dauert Bahnfahren eigentlich immer so lange? Und warum kann ich auf meinem BlackBerry immer noch keine Mails empfangen? „Bei Kleist kippt es und bei Kafka fällt es um“, pflegte meine Deutschlehrerin zu sagen. Entnervt erreiche ich das Büro der BSZ.

Konsensorientierte Redaktionskultur

„Ich brauche unbedingt 6.000 Zeichen und ein Foto zur Bochumer Local Heroes Woche. Am besten die ganze Seite 4“, so platze ich mit einen kleinen Verspätung in die Redaktionskonferenz. “Gibt es nicht. Nächste Woche ist das Thema durch und außerdem ist das eh alles Murks“, entgegnet mir der Genosse Hauptsetzer. Um in diesem Klima einer konsensorientierten Redaktionskultur mein Thema doch noch durchboxen zu können, bedürfte es eines längeren Vortrages über die Hintergründe meines Begehrens. Ich habe die Energie und bekomme schließlich 4.500 Zeichen auf Seite 3. Okey dokey. Jetzt aber schnell nach Hause und das Set geprobt. Zuvor noch kurz ins Zacher, den Deckel von letzter Nacht zahlen.

Hier finden sich am frühen Nachmittag so langsam alle wieder ein. Der DJ Renate von Rosen steht am Tresen und speist Audio-CDs in sein Laptop ein. „Schon mal Playlist machen, für die Kopfhörer-Party“, erklärt er. Kibi plant den Einkauf für das Wochenende und Tommyboy trinkt voller Wehmut einen Almdudler. Dr. Love schimpft über das Wetter. „Affenhitze!“ Schweigendes Einverständnis. „Von wem war noch mal Pogo in Togo?“, will Renate wissen. „United Balls, du Spacko“, hör ich mich sagen. Er tippt es in die Playlist. So langsam kommt Leben in die Bude. Renate erzählt, dass er und Dr. Love gestern im t.a.i.b. gewesen wären. In dieser „komischen Raupe vor dem Riff-Gelände“. Mit dieser Bambuskonstruktion sei dem Architekten Jonathan Haehn ein großes Symbol gelungen, so Tommyboy ohne von seinem Amldudler aufzublicken. „Langweilig!“, brüllt Dr. Love und kratzt sich am Bauch. Ich bestelle einen ersten Pastis. Allgemeines Kopfschütteln der Anwesenden. „Wir war es denn im t.a.i.b.?“ „Na ja“, fährt Renate fort, „viel Elektro-Gebrutze und leichtbekleidete Mädchen.“ „Dafür waren die Getränke auf Spendenbasis, hehe“, ergänzt Dr. Love. Der Ventilator zerhackt das Licht der Dachluke. Es hat sich etwas abgekühlt und langsam wird es Zeit, dass wir alle nochmal an die Arbeit gehen. Wir alle haben unsere besten Jahre verschenkt. Aber in dieser Woche sollte ein Local Hero fleißig sein.

Die Einsamkeit der Schildkröte

Die City scheint nun wirklich auseinanderbersten zu wollen. Sehr viele Touristen für einen Dienstag und überall passiert etwas. Als ich am Kurt-Schumacher-Platz vorbeikomme, empfangen mich vertraute Gospelgesänge, krawattentragende Schlauberger präsentieren direkt daneben irgendwelche Automobilmodelle. Charakterpanzer. Fürchterlich. Aber anscheinend unvermeidbar. Egal, ich muss nach Hause, das Set proben, an die Pforte klopfen. Doch heute generiert es sich mühsam. Vielleicht hätte ich den Pastis nicht trinken sollen. Kann mich kaum konzentrieren, fühle mich schrecklich einsam und verbraucht. Wie konnte mein Ausdruck nur so weinerlich werden? Wann war ich das letzte Mal verliebt? Warum kann ich nicht besser für mich sorgen? Blablabla. – Ich nehme jetzt diesen ganzen Seelenmüll und packe ihn in meinen Song. Egal ob C-Dur oder A-moll. Ein letzter Zweifel und dann singe ich: „Spürst du nicht auch diese Wut in dir? Sag, könnten wir das nicht transportieren. Ich würd dich so gern einmal kennenlernen. Ach komm, trockne meine Tränen in der Dunkelheit, schau dort stürzt der Turm jetzt ein. Und der Wecker klingelt um sieben.“

Die Greifhand schmerzt. Ich weiß noch, wie erschrocken Dr. Schröder nach der heutigen Redaktionskonferenz auf den Zustand meiner Fingerkuppen reagierte. „Das sieht aus wie abgefräst“, sagte er. „Einfach nur krank!“ Ich aber vergewisserte ihm, dass das ganz normal sei, wenn man viel probe. Schließlich spiele ich ja auf Stahlsaiten. Die Kunst verlange halt nach einem Einsatz, und wenn mir am Abend die Hand schmerzt und ich ganz in meinem sehnsüchtigen Verlangen nach Liebe aufgegangen bin, dann war es ein guter Tag. Für die Kunst. Vielleicht.

Teil I: Drei Akkorde weiter…Klick

A local Hero´s Diary I: Drei Akkorde weiter

Unser Gastautor Carsten Marc Pfeffer berichtet wie seine Local Hero Woche in Bochum gelaufen ist.

Montag, 12. Juli Die Woche der Local Heroes beginnt mit einem Kaffee, einer Selbstgedrehten und der druckfrischen Tageszeitung. Tommyboy hat die Bochumer Kultur mit Dieter Gorny aufgemacht. Die Kreativwirtschaft und die temporäre architektonische Intervention in der Baulücke (t.a.i.b.), kurz: „die Neubausituation City-Tor-Süd“ – wie immer flockig runtergeschrieben. Darunter folgt ein Artikel von mir. „Tenöre wie im Klangteppich verwoben.“ Ich hatte versucht für das Unsagbare in einer Komposition Krzysztof Pendereckis synästhetische Bilder zu finden. Von „pseudointellektuell“ bis „geht gar nicht“, verspotteten mich meine Kritiker. Aus Angst vor einer noch größeren Blamage hatte Tommyboy in meinem Artikel sämtliche Assoziationen relativiert. Daher sind die Tenöre nun auch „wie“ im Klangteppich verwoben. Eine Ungeheuerlichkeit. Ich lege die Zeitung beiseite, koche neuen Kaffee und dreh mir eine weitere Zigarette. Heute geht es zur Konkurrenz.

Die Produktion der Bochumer Stadt- und Studierendenzeitung könnte an diesem Montag nicht enervierender sein. Das Philosophische Institut an der Ruhr-Universität soll aufgeteilt werden. Ein Skandal!, wettert der Mittelbau. Vom Ende der Geisteswissenschaften wird gesprochen. An allem sei nur der Rektor schuld. Persönlich zitiert werden möchte aber keiner. Da ist man als Journalist machtlos. Ich plädiere dafür, weiter an der Gerüchteschraube zu drehen, um das Thema aufzublasen. Zum wiederholten Male werde ich an diesem Morgen als „Spinner“ bezeichnet. Mein Artikel über die wieder erhältlichen Memoiren Tana Schanzaras wird hingegen wohlwollend aufgenommen. Es ist schon eine besondere Ehre, Mitglied der „ältesten kontinuierlich erscheinenden Studierendenzeitung im deutschsprachigen Raum“ (so der offizielle Titel auf Wikipedia) sein zu dürfen. Ich mag auch das Gender-Gap. Ich finde das alles super.
Gegen Mittag wird der Kater unerträglich. Warum musste ich auch bei Helmut und Marita wieder mit den Rabauken bechern? WM-Finale oder nicht, meine Bauspeicheldrüse gibt Pfötchen. Ab heute werde ich mich vegetarisch ernähren, versprochen. Ich entscheide mich in der Mensa für Tofu mit Mozzarella und Brunnenkressesauce. Dr. Schröder tut es mir gleich. Wieder viel zu heiß heute, aber ein Gewitter zieht auf. So, so. Noch Seite 4 setzen und ein letztes Mal Korrektur lesen, dann wird es Zeit für den Feierabend. Die Online-Redaktion muss heute ohne mich auskommen. „Kommt jemand Freitag zu meinem Gig mit Boris Gott?“ – „Vielleicht.“

Habitus des Disparaten

In der U35 gerate ich ins Grübeln. Seit drei Wochen lasse ich mir einen Bart wachsen. Warum? Ich weiß es nicht, aber irgendetwas sagt mir, dass ich mich gegenwärtig in meiner persönlichen Bart-Phase befinde. Ich sehe die Musiker der Prog-Rock-Phase der 70er vor mir. Alle mit Bart. Sie lachen so dionysisch und sind dabei ganz versunken in den Flow ihrer ekstatischen Musik. Aber was hat das mit mir zu tun? Nullkommanix. Ein Bart juckt, man schwitzt mehr und der Habitus verirrt sich im Disparaten. Doch was noch schlimmer ist: mir wächst überhaupt kein richtiger Bart. Die Härchen sind viel zu weich und wie sie sich auf meiner Backe kräuseln, sehen sie eher aus wie Schamhaar. Das irritiert nicht nur mich. Wobei festgestellt werden muss, dass die Frauen in meiner unmittelbaren Umgebung mitleidender auf mich reagieren, die Männer hingegen aggressiver. Ein Dilemma. Aber ich sollte nicht über so einen Scheiß nachdenken, sondern mich um meine Songs kümmern.

Auch in der Wohnung ist es viel zu heiß. Das Gewitter hatte nur für eine vorübergehende Abkühlung gesorgt. Nun ist alles sumpfig. Mein T-Shirt hat sich vom Brustbein aus mit Schweiß vollgesogen und klebt nun beengend an meiner Haut. Runter damit. Ich bin zuhaus. „Kratze den Mann aus dir raus. Verrate die Länder der Väter. Keine Arme, keine Beine, keine Ohren – nur Gefieder“, schallt es aus der Anlage. Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal eine Pressemeldung über Hans Unstern gemailt bekam. Wegen des Namens „Unstern“ hatte ich gedacht, es würde sich um irgend so ein überflüssiges Gothic-Projekt handeln und die Mail ungelesen in den Papierkorb befördert. Als ich Unsterns Debüt dann zu hören bekam, schämte ich mich schrecklich. Heute zählt Hans zu den treuesten Copiloten meiner Tagtraumreisen. Aber zu viel Fremdeinfluss ist natürlich auch nicht gut, wenn die eigenen Songs noch nicht fertig sind. Immerhin ist Freitag bereits der Auftritt.

So geht es nun schon seit vielen Jahren. Zu Bochum Total spiele ich ein kleines Liedermacher-Set im Zacher in der Brüderstraße. Stets ist es mir ein Pläsir. Besonders weil das Ganze so unambitioniert daherkommt. Im Frühling schreibe ich ein paar Songs und im Sommer trage ich sie auf dem Festival vor. Vielleicht folgt im Herbst noch ein weiterer Gig in einer Szenekneipe meiner Wahl, aber im Winter kommt die Gitarre ganz sicher wieder auf den Dachboden. Mehr nicht. Einmal begleitet mich ein Pianist von der Folkwangschule, ein andermal ein Gitarrist aus der lokalen Punk-Band. Mehr braucht es nicht zum Glücklichsein. Und jedes Jahr tun es mir mehr Musiker und Kleinkünstler aus Bochum gleich. Man darf getrost behaupten, dass ich das Off-Programm des Festivals erfunden habe. Das besondere an 2010 ist, dass Bochum Total in diesem Jahr in die Local-Heroes-Woche eingebunden worden ist, wegen Kulturhauptstadt und so. Und irgendwie spricht mich das an. Irgendwie freut mich das, denn ich bin gerne unter Freunden. Doch bin ich kein Freund von Patriotismus, worunter gemeinhin auch der Lokalpatriotismus fällt. Ich lebe hier gerne, wenn es multikulturell, kreativ und unabhängig zugeht. Aber ich habe nicht das Gefühl, hier wirklich verwurzelt zu sein. Doch was hatte ich über die Lieder von Tana Schanzara geschrieben? „Das ist der Sound von Ürdinger und Bierschaum, von Lohntüten und Schrebergartenidyll. Diese Lieder waren wichtig für die kulturelle Identifikationsleistung der Bewohner_innen einer Dorfgemeinschaft namens Ruhrgebiet. Sie sind die Leuchtpfade hin zu einer Kulturmetropole.“ – Da hatte mich wohl wieder der Pathosteufel geritten. Aber vielleicht könnte es so gehen. Letztendlich müssen die Lieder darüber entscheiden. Die Lieder und der Einsatz. Also ran an die Arbeit.

Die Aufhebung der Ökonomie

Die neuen Songs sind in diesem Sommer sehr ausdrucksstark geworden. Der Einfluss von Gisbert zu Knyphausen ließ die früheren Einflüsse von Tom Liwa oder sogar Götz Wiedmann zurücktreten. Keine Frivolitäten mehr! Nur noch ein verzweifelter Schrei nach Liebe. Hören wir doch endlich auf damit, so zu tun, als hätte es Ulla Meinecke und Stefan Sulke nie gegeben. Die Verschichtungen fließen, und ich jedenfalls will mich nur noch verschenken. Ich will auch keine Gage. Lediglich eine zarte Aufhebung der Ökonomie.

Die Probe: schwitzend auf dem Bett. Sechs Stunden später sind die Finger wund gespielt und meine Stimme ist nur noch ein schmerzhaftes Kratzen. Von nun an werde ich jede Stunde eine Ipalat-Halspastille einnehmen und versuchen, mich abzulenken. Was schwierig ist, wenn man das Pony erst mal wachgerüttelt hat. Alles ist jetzt Schall und Rhythmus, hat eine Eigendynamik entwickelt, lässt mich nicht zu Ruhe kommen. Alles schreit nach einem Drink.

Tommyboy ruft an und wir lassen den Tag im Zacher ausklingen. Es ist eine wundervolle friedliche Nacht. Selbst das Klima ist nun erträglich geworden. Vom Bahnhof aus trotten junge Menschen mit ihren Koffern Richtung Jugendherberge. Sambuca oder Grasovka? Wir nehmen einen. Nach zwei weiteren gesellen sich die Mädchen zu uns. Wir scherzen und trinken und planen einen Ausflug an den Silbersee in Haltern. Ich bestelle mir ein Kotelett – aber nur wegen der sagenhaften Panade, wie ich versichere. Dann beginne ich mit Tommyboy über die theoretischen Vorzüge Robert Connells gegenüber Judith Buttler zu streiten. Gerade war es noch Mitternacht, nun ist es schon halb drei. Ein bisschen Schlaf sollte schon sein, immerhin gibt es bis Freitag noch viel zu tun.

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Größte deutsche Banane vor dem Aussterben?

Hamborn liegt im Duisburger Norden und dort gibt es, direkt an der A 42, in Sichtweite der IKEA, einen hundertjährigen Botanischen Garten mit einem Tropenhaus. Von unserem Gastautoren Helmut Junge

Das Tropenhaus selbst ist nur etwa 40 Jahre alt, und ist wegen der Finanzkrise der Stadt Duisburg, und den, laut Umweltdezernenten Peter Greulich, viel zu hohen Renovierungs- beziehungsweise Unterhaltskosten stark Schließungsgefährdet. Zwar gibt es einen Ratsbeschluss vom März dieses Jahres, der dieses Tropenhaus als erhaltenswert betrachtet, aber die Stadt Duisburg kann längst nicht mehr souverän über ihren Haushalt entscheiden und am 7. Juli gibt es ein Gespräch mit dem Regierungspräsidenten, wobei dieser noch einmal mit darüber entscheidet, was die Stadt Duisburg mit ihrem Geld tun darf, und was sie nicht damit tun darf.
Kürzlich hat der Umweltdezernent Dr. Peter Greulich in einem Interview mit der WAZ die Heiz-und Personalkosten als unverhältnismäßig hoch, gegenüber dem Nutzen für die Bürger bezeichnet. Er hätte in der Vergangenheit die Örtlichkeit häufiger besichtigt, aber niemals einen Besucher angetroffen. Angesichts der geringen Resonanz müsste ernsthaft über den Erhalt des Tropenhauses nachgedacht werden, zumal das Dach, wie er sagte „abgängig“ sei. Die WAZ Duisburg-Nord schrieb vor ein paar Tagen einen Artikel darüber, der allerdings nur im kleinen Lokalteil DU-Nord zu lesen war!

Nun ist es in der Tat so, dass dieser botanischen Garten kaum über die Grenzen Hamborn hinaus bekannt ist! Aber daß das Tropenhaus gar nicht frequentiert wird, das stimmt nach meinem eigenen Beobachtungen nicht, denn in den 20 Minuten, in denen ich heute meine Fotos geschossen habe, waren außer mir noch vier Besucher gleichzeitig dort. Aufs ganze Jahr hochgerechnet würde das bedeuten, dass etwa jeder Hamborner Bürger einmal im Jahr das Tropenhaus besichtigt.

Ich halte das für eine akzeptable Resonanz, denke aber, da ist tatsächlich noch einiges an Werbung zu leisten. Dazu kommt noch, daß sich die Bevölkerungszusammensetzung in den letzten Jahrzehnten durch den Zuzug von Menschen aus dem mediterranen Ländern stark verändert hat.
Bei diesen Neubürgern ist nach meiner Beobachtung noch nicht so viel Symphatie für eine Dschungelatmosphäre gewachsen.
Diese Bevölkerungsgruppen wären aber sicher interessiert an Pflanzen, die aus ihrer Heimat stammen. Da wäre eine Sonderausstellung mediteraner Pflanzen sicher keine schlechte Werbeidee.

Nebenbei bin überzeugt davon, dass dieses Tropenhaus eine Attraktion auch für die Bewohner der Nachbarstädte werden könnte. Aber nicht mal im nur wenige Kilometer entfernten Oberhausen weiß jemand, daß dort einige echt attraktive Raritäten zu besichtigen sind.

Da ist also insgesamt, tatsächlich noch einiges an Werbung zu leisten.
Was gibt es denn da zu sehen?
Dort stehen die größten Bananenpflanzen Deutschlands, und die größte deutsche Banane trägt zur Zeit Früchte!
Dort steht ein 8 Meter hoher Ficus, und unzählige mittelgroße und kleinere Pflanzen erzeugen den Eindruck, dass sich der Besucher in einem fantastischen Tropenwald befindet.
Das Haus verfügt über riesige Sortenvielfalt von Fuchsien, vielleicht die größte im großen Umkreis. Die Vegetation im Inneren des Tropenhauses ist also bemerkenswert, und läßt sich, falls das Tropenhaus abgerissen würde, nicht mehr wiederherstellen.
Wie stehen die politischen Parteien in Duisburg dazu?
SPD und CDU haben jeweils bereits mit interessierten Bürgern Ortsbesichtigungen durchgeführt. Auf telefonische Nachfrage hat mir für die Duisburger Grünen deren Fraktionsgeschäftsführer Ralf Krumpholz gesagt, dass seine Fraktion im März für den Erhalt des Tropenhauses gestimmt hätte, und diese Beschlußlage noch gilt.
Die Position der Duisburger Linkspartei zu erfragen war etwas schwieriger, weil deren Geschäftsstelle erst nicht besetzt war und ich dann über die Telefonnummer der Ortsgruppe Hamborn deren Fraktionsvorsitzenden Hermann Dierkes persönlich am Apparat hatte. Der war grad nicht in Sachen Weltpolitik unterwegs, und erklärte mir, daß die Linkspartei das Konzept der Stadtverwaltung zur Stilllegung des Tropenhauses abgelehnt hat, und sich auch in Zukunft für den Erhalt dieses Tropenhaus einsetzen will. Der Regierungspräsident könnte seiner Meinung nach aber im Juli den gesamten Haushaltsentwurf der Stadt Duisburg noch kippen.

Ausblick: Das Tropenhaus ist technisch intakt, und könnte nach Ausbessern von ein paar Dachscheiben noch 20 Jahre ohne größere Kosten eine überregionale Bedeutung bekommen, wenn etwas Phantasie in zusätzliche Events gesteckt würde. Sonderausstellungen z.B. zur mediterranen Pflanzenwelt, oder attraktive Einzelpflanzen einfügen.
Also Werbung machen. Dann kann man vielleicht sogar Eintrittskarten verkaufen, denn bisher ist der Besuch kostenlos.

Ein Hamas Helfer zu Gast bei Freunden – Norman Paech an der Uni Duisburg-Essen

Norman Paech und Lothar Zechlin Foto: Thomas Rodenbücher/Xtranews

Eigentlich sollte man meinen, dass es sich selbst in den schäbigsten Ecken der BRD rumgesprochen hat, dass es sich bei Prof. Dr. Norman Paech um einen schieren Ideologen, einen eingefleischten Israelhasser handelt, mitnichten jedoch um einen netten emeritierten Völkerrechtler, der sich allein der methodischen Suche nach neuen Erkenntnissen verschrieben hat.

Von unserem Gastautor Sebastian Mohr

Paech, selbsternannter Völkerrechtsexperte und bis 2009 außenpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion der Linkspartei und seit drei Wochen als authentische Stimme des Free- Gaza Movement in den deutschen Medien unterwegs, vergleicht schon seit Jahren das Vorgehen des israelischen Militärs mit Nazimethoden, empfiehlt die Hamas als Dialogpartner und stellt Israel als einen Fremdkörper im Nahen Osten dar. Juden in der Westbank sind für ihn keine Zivilisten und daher sei der bewaffnete Kampf gegen sie eine völkerrechtliche Notwehr. Auch gebe es keinen Antisemitismus im Nahen Osten und der Terror der Hamas und Hisbollah sei lediglich reaktive Gewalt gegen israelische Aggressoren. Seit seiner Ausflugsreise gen Gaza auf dem Flaggschiff der Gaza Flottille, weiß man nun auch, dass er keine Berührungsängste mit Islamisten und türkischen Faschisten hat, wenn zur Feindfahrt gegen Israel aufgerufen wird.

Trotz oder gerade wegen dieser Obsession erhielt Paech am gestrigen Abend eine weitere Möglichkeit seinen Sermon bezüglich der jüdischen Nation loszuwerden. Diesmal jedoch nicht in einer ranzigen Kabache eines x-beliebigen Ortsverbandes der Linken, sondern in einem eigens dafür hergerichteten Kolloquium, an der Universität Duisburg Essen. Eingeladen hatten ihn Prof. Dr. Zechlin, ehemaliger Rektor der Universität Duisburg Essen sowie langjähriger Freund des hauptberuflichen Israelkritikers, in Zusammenarbeit mit dem Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) und dem Lehrstuhl Prof. Dr. Debiel.

Das Thema seines Gastvortrages lautete schlicht „Völkerrechtliche Fragen des Israel/Palästina Konfliktes“ und rief zwangsläufig jene Gestalten an den Duisburger Campus, die sich seit Jahren in unterschiedlicher Intensität, der Sonderbehandlung Israels verschrieben haben.
Unter den rund fünfzig Anwesenden machten Paechs linke Adepten eindeutig die Mehrheit aus. Namentlich handelte es sich dabei um Genossen der Roten Antifa, dem Initiativ e.V., der Roten Hilfe und der Jugendorganisation der MLKP.

Selbstredend waren auch der Vorsitzende der hiesigen Regionalgruppe der deutsch-palästinensischen Gesellschaft (DPG) und Angestellter des Duisburger Umweltamtes Dr. Ribhi Yousef anwesend, sowie Murat Yilmaztürk, Vorsitzender des vom Verfassungsschutz beobachteten Human Dignity and Right e.V.(HDR). Alles in einem, eine sachkundige Gemeinschaft von aufrichtigen Friedensfreunden.

Annähernd eine Stunde nahm Paech nun sein Auditorium an die Hand und begleitete es hinüber in das paechsche Paralleluniversum. So erfuhr man dort, dass Israels Bedrohung einzig und allein aus seinem Inneren herrühre, kein arabisches Volk es jemals bedroht habe und das schließlich jegliche Aggression im Nahen Osten – man ahnte es schon – von Israel ausgehe. Da überrascht es auch nicht, wenn er über ethnische Säuberungen fabuliert, die momentan in Israel durchgeführt werden. Befeuert durch zustimmendes Gemurmel und jauchzenden Wortfetzen, entblödete Paech sich ebenfalls nicht Katajun Amirpurs historisches Vermächtnis zu reanimieren, in dem er Ahmadinejads Vernichtungsdrohungen gegenüber Israel als einen schlichten Übersetzungsfehler darstellte. Ein Fehler, den Israel und die USA zu verantworten haben und – so raunt es in den paechschen Weiten – den nächsten Waffengang gegenüber dem Iran einleiten soll. Ergo war es ein Heimspiel für den verhinderten Märtyrer und Menschenfreund aus Hamburg und gleichzeitig langersehnter Balsam für ein linkes Konglomerat, was doch in letzter Zeit so sehr unter der Knute der zionistischen, respektive antideutschen Lobby zu leiden hatte. Eben eine Gesinnungstankstelle zum Nulltarif mit universitärem Kolorit.

Das diese Veranstaltung bereits im Vorfeld in den Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg Essen auf Desinteresse oder gar Wohlwollen traf, sollte eigentlich nicht verwundern, reden wir hier doch über einen akademischen Betrieb, noch dazu in Duisburg, jene Stadt der Boykottwillige und Wohnungsstürmer , in der ebenfalls Massenveranstaltungen von Islamiste niemanden mehr aufzuschrecken vermögen. Lediglich einzelne Studierende waren es, die Paechs Auftreten an einer Universität für inakzeptabel hielten und es im Verbund mit der liberalen Hochschulgruppe vermochten, eine erste Veranstaltung zu unterbinden, so dass Paech und seine Fürsprecher mit einem Kolloquium, statt einer regulären Vorlesung vorlieb nehmen mussten.

Paechs unsägliche Aussagen, seine Delegitimierungsversuche und seine fortwährende Dämonisierung Israels sowie seine offene Zusammenarbeit mit Djihadisten und Faschisten vor Gaza, ließen im besagten Lehrbetrieb jedoch keinen Zweifel an seinen Eigenschaften als Nah-Ost und Völkerrechtsexperten aufkommen, noch regte sich dort Protest hinsichtlich seines Gastvortrages. Im Gegenteil, stellte sich ein Teil des Instituts unverblümt hinter das gestrige Kolloquium.

Diese Ignoranz im akademischen Überbau, spiegelte sich derweilen auch am Bodensatz des ansässigen akademischen Betriebs wieder, in der sogenannten Interessensvertretung der Studierenden im sozialwissenschaftlichen Milieu, dem Fachschaftsrat der Sozialwissenschaften, deren Mitglieder sich sonst im Kampf gegen Ungerechtigkeiten aller Art hervortun. Da wird gerne zum Boykott von Studiengebühren aufgerufen oder ganze Hörsäle tagelang besetzt, aber wenn es darum geht Kritik an einer Veranstaltung eines Hamas Freundes und Kriegstreibers zu äußern, verlässt man sich doch lieber auf die Fachkompetenz und Integrität des ehemaligen Rektors der Universität DUE, respektive Prof. Dr. Zechlins. Jenem, dem man noch vor gut fünf Jahren das Büro zertrümmern wollte, weil man nicht willens war, Studiengebühren zu zahlen.

Wie sich die Zeiten ändern können, oder doch eher nur das Sujet des Anstoßes? Sich gegen den Auftritt eines lupenreinen Antisemiten zu positionieren sollte ein Leichtes sein, doch nicht so in Duisburg. Hier gilt bis auf weiteres: Für das uneingeschränkte Recht auf Israel-Kritik und für die bedingungslose Redefreiheit von Hamas-Helfern und Antisemiten, im Stadtrat, in städtischen Einrichtungen und im universitären Betrieb sowieso.

Der Autor ist Mitglied im Bündnis gegen Antisemitismus Duisburg

Die Initiative Nachrichtenaufklärung holt vergessene Themen ans Licht

Medien lieben Kriege. Von A wie Afghanistan bis Z wie Zagreb – militärische Intervention sind immer ein dankbares Thema, schließlich lassen Tote, Trümmer und Traumata die Einschaltquoten und Auflagenzahlen in die Höhe schnellen. Dass es alternativ auch erfolgreiche zivile Konfliktlösungen gibt – wie beispielsweise beim Nepal-Konflikt und bei der Loslösung der baltischen Staaten von der Sowjetunion – wird in den Medien gerne klein gehalten. Friedliche Lösungen verkaufen sich nicht gut. Von unserer Gastautorin Malina Opitz

Eine solch einseitige oder lückenhafte Berichterstattung kann ein Fall für die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) sein, die auch das Thema „zivile Friedensstrategien“ publik machte. Die Initiative wurde 1997 vom Medienwissenschaftler Peter Ludes nach dem US-amerikanischen Vorbild „Project Censored“ gegründet und ermittelt jedes Frühjahr eine Top-Ten, der in den Medien am meisten vernachlässigten Themen. Auf die Liste schafften es dieses Jahr auch: „Die rechtswidrige Anwendung von Polizeigewalt“, „Lücken bei der Finanzaufsicht bei Kirchen“, „Patente auf menschliche Gene und Gensequenzen“ und an erster Stelle „Notstand im Krankenhaus: Pflegebedürftige allein gelassen.“

Zuvor waren rund 150 Vorschläge aus der Bevölkerung eingegangen. In Uni-Seminaren wurden sie auf Relevanz und Vernachlässigung geprüft und anschließend einer Jury aus Wissenschaftler und Journalisten vorgelegt. „Unsere Top Ten sind fast immer komplexe und rechercheintensive Themen ohne aktuellen Anlass“, sagt Miriam Bunjes, die das Rechercheseminar an der TU Dortmund leitet. Im journalistischen Alltag fehle schließlich oft die Zeit für aufwendige Recherchen neben dem Tagesgeschäft. „Wir machen das bekannt, was nicht laut aufschreit. Der aktuellen Top 1 – zur widrigen Situation von Pflegebedürftigen in Krankenhäuser – fehlte offenbar eine Lobby mit Einfluss: Obwohl es ein halbe Million Menschen betrifft, haben die deutschen Medienvertreter das Thema übersehen.“ Nach der Veröffentlichung habe es viele Journalistenanfragen gegeben. Das sei enorm wichtig, damit die Themen nicht sogleich wieder in der Versenkung verschwänden.

Jeder kann Themen einreichen…Hier

Der kretische Pope

Blick auf die Bucht von Matala mit den berühmten Höhlen

Wir waren zum ersten Mal auf Kreta. So ein paar alte Traditionen zu entdecken, hatten wir schon gehofft, schließlich hatten wir ja mal, lang, lang ist`s her, Alexis Sorbas gesehen und dachten, dass sich dort auf der Insel vielleicht doch noch etwas an Tradition erhalten hat. Von unserem Gastautor Helmut Junge

Aber selbst die ländliche Bevölkerung hat sich mittlerweile längst der modernen Zeit angepasst, und so ist uns außer ein paar schwarz gekleideten, sehr alten Frauen, die am Straßenrand Apfelsinen verkauften, zumindest optisch kein traditionelles Element aufgefallen. Die jungen Frauen und die jungen Männer jedenfalls waren nicht anders gekleidet als die, die wir üblicherweise in Deutschland antreffen. Alle sprechen Englisch und viele sogar Deutsch und sind sehr nett, besonders zu uns Deutschen. In den Städten gibt es Internet Cafés, so dass ich dort sogar die Diskussionen bei den Ruhrbaronen verfolgen konnte. Witzigerweise las ich dort sogar den Ruhrbaroneartikel über Südkreta. Es hat also zeitgleich mindestens zwei Ruhrbarone-Leser auf Kreta gegeben. Obwohl also rein äußerlich für einen flüchtigen Besucher nichts von der alten Tradition zu erkennen ist, hat es doch ein Erlebnis gegeben, dass ich in dieser Form nicht erwartet hätte.
Und das war ein kluger religiöser Schachzug.

Als wir eines morgens auf der Treppe in unserem Hotel in Rethrymno standen und Richtung Rezeption gingen, hörten wir die laute Stimme eines Priesters, der eine religiöse Zeremonie abhielt. Die Priester der griechisch orthodoxen Kirche werden allgemein Popen genannt. Sie gehören auf Kreta zum normalen Straßenbild und haben immer einen schwarzen Kittel an und tragen einen Zopf am Hinterkopf, dürfen aber im Gegensatz zur katholischen Priestern heiraten, denn die Trennung der beiden christlichen Kirchen erfolgte schon lange vor der Einführung des Zölibats.

Natürlich wunderten wir uns darüber, dort im Hotel einen Popen zu hören, und als wir näher kamen, konnten wir durch eine halb geöffnete Bürotür sehen, dass dort zwei oder drei Leute standen, und der Stimme dieses Popen lauschten. Den Popen selber konnten wir nicht sehen, hatten auch keine Ahnung, um was es bei dieser Aktion ging. In der Rezeption selbst war niemand anwesend. Wir legten unseren Zimmerschlüssel auf die Theke und machten, wie geplant, unseren Tagesausflug. Nachmittags kamen wir zurück und holten unseren Zimmerschlüssel in der Rezeption ab. Bei solchen Gelegenheiten machten wir mit der Dame an der Rezeption meistens einen kurzen Smalltalk. So auch diesmal. Dabei fiel mir wieder der Pope vom Vormittag ein. Wir fragten sie, ob sie wüsste, was der Priester am Morgen veranstaltet hätte. Ja, sie wusste es, schmunzelte , und erzählte uns, dass dieser Priester wegen ihrer Tochter da gewesen sei. Ihre Tochter hätte vor einigen Tagen ein Baby bekommen, und es wäre Tradition, dass eine Mutter bei so einer Gelegenheit, nach altem orthodoxen Ritus 40 Tage lang bei dem Kind bleiben müsste, und dabei die Öffentlichkeit zu meiden hätte.

Jetzt seien bei ihrer Tochter erst 12 Tage vergangen, aber ihre Tochter fühle sich erholt, und hätte zudem noch das Glück, dass sie ihr Kind bei ihrer Schwiegermutter gut versorgt unterbringen könnte. Außerdem wäre sie für ihren Arbeitgeber wichtig, so dass sie nicht so lange fehlen wollte. Beim Nachdenken über eine Lösung für dieses Problem, sei ihr der Gedanke gekommen, einen Priester zu engagieren, der durch eine religiöse Fürsprache bewirkt, dass ihre Tochter von dieser traditionellen religiösen 40 Tage Regel befreit wird. Der Priester sei praktischerweise in ihr Hotel gekommen, hätte das nun gemacht, und so könnte ihre Tochter unbesorgt in die Öffentlichkeit, und sogar wieder arbeiten gehen. Dabei lächelte sie verschmitzt, und wir hatten das Gefühl, dass sie sich freute, mit diesem Trick dem lieben Gott ein Schnippchen geschlagen zu haben.

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Kreative in die Industrie!

Während das Ruhrgebiet noch auf die Kreativwirtschaft setzt ist man in Berlin schon weiter: Industrie soll her. Doch auch die Hauptstadt hat ausser bunten Broschüren nicht viel zu bieten. Von unserem Gastautor Frank Muschalle. Frank betreibt das Blog Frontmotor, stammt aus dem Ruhrgebiet und lebt und arbeitet in Berlin.

Wer ist kreativ?
Ich kenne etliche Anhänger von Richard Floridas These, dass die Zukunft den Kreativen gehört. Aber ich kenne keinen Manager oder Politiker, der sie in Deutschland mal in größerem Stil richtig umgesetzt hätte. Geht es um „Kreative“, fühle ich mich auch als Ingenieur angesprochen. Ich habe an der Entwicklung von StartStop-Automatiken und Hybridantrieben mitgearbeitet. Ich habe Wettbewerbe für Konzerngeschäftsideen und Hauptstadtphotographien gewonnen. Ich weiß, wovon ich rede, wenn ich sage: Kreativität wird in der Industrie nicht wirklich wertgeschätzt. Das „Management“ von Kreativen, bzw. das Verwerten ihrer Leistungen, schon eher. Ich habe schon länger den großen Plan in der Tasche, um irgendwann den Absprung zu machen. Aber irgendetwas hält mich davon ab.

Richard Floridas Leistung liegt meiner Meinung nach darin, zu erkennen, wie wichtig der Modus ist, in dem Kreative arbeiten. Welches die Bedingungen sind, die sie für attraktiv halten. Aber auch unter welchen Bedingungen, aus Kreativen ein Big Business werden kann. Kreativ sind in diesem Zusammenhang alle, die Werke schaffen, die durch ein gewerbliches Schutzrecht schützbar sind, also Texte, Grafiken, Filme, Fotos, Musik, technische Lösungen und Software.

Die kreativen Geschäftsmodi
Es gibt Kreative, die in Vorleistung gehen. In ihr Werk investieren, ihre Schutzrechte absichern und dann Kunden dafür suchen, die bereit sind, für Lizenzen zu bezahlen. Das sind die Unternehmer in eigener Sache. Sie schaffen Produkte, die sich durch einfaches Kopieren beliebig vervielfachen und als Stücklizenzen verkaufen lassen. Diese Kreativen schaffen Arbeitsplätze in der Entwicklung, Redaktion, im Studio und in der Produktion und sie generieren Steuereinnahmen. Ihnen kommen Multiplikatoreffekte zu.

Und es gibt Kreative, die mögen die gleiche Ausbildung und Bildung genossen haben, und die gleichen Dinge tun, sogar die gleichen Werke herstellen. Der wichtige Unterschied: Sie tun dies im Auftrag. Als Dienstleistung. Ihr Vorteil: Sie müssen keine Investitionen riskieren, kein Eigenkapital beschaffen. Und sie haften nicht. Ihr Nachteil: Sie werden nach Aufwand bezahlt und haben in der Regel eine Klausel in ihrem Dienstleistungsvertrag, nach der sie die Verwertungsrechte an ihren Auftraggeber abgeben. Diese Kreativen sind die Prototypen der Ich-AGs. Sie erfinden das Rad immer wieder neu, im Auftrag für andere. Von Multiplikatoreffekten profitieren sie nur wenig.

Richard Florida und seine Anhänger wie Wolf Lotter meinen erstere, wenn sie von der Creative Class schwärmen. Auch der frühere Blogger, Podcaster und heutige Chefinnovator bei HP, Phil McKinney meinte die Produktentwickler, als er sagte: Kreativität kann jeder lernen. Man muss es einüben, es fällt nicht vom Himmel. Die Politik und viele Wirtschaftsförderungen jedoch haben das Thema lange missverstanden und dachten, hinter mancher Ich-AG lauere ein Steve Jobs.

Richtig ist auf jeden Fall: Nur durch kreative Leistungen schaffen wir neues Wachstum (wenn wir das wollen). Nicht durch Nachahmung und Preisdumping. Einer der wenigen richtigen Sätze von Angela Merkel lautet: Wir dürfen um soviel teurer sein, wie wir besser sind. Aber um besser zu sein, muss man etwas riskieren. Und braucht einen Instinkt für Chancen. Was wir im vergangenen Jahrzehnt aber erlebten war: Ihr müsst um so viel billiger werden, wie wir Euch schlechter managen. Das war die Ansage in vielen Konzernen.

Der freiberufliche Auftragsprogrammierer konkurriert gegen die unschlagbar billigen Konkurrenten aus Indien und China. Der Lizenzgeber aber, der ein Produkt für einen neuen Markt erdacht, geschaffen und mit Schutzrechten abgesichert hat, muss wenig Konkurrenz fürchten. Hat das jetzt jeder verstanden, der Politik gestaltet und Wirtschaftsförderung betreibt?

Berlin und das Ruhrgebiet im Dienstleistungszeitalter
Landes- und Regionalpolitiker haben einige Lernprozesse hinter sich. Und gerade das Ruhrgebiet und Berlin haben sehr ähnliche Lernprozesse hinter sich. Beiden brach die industrielle Basis weg. Sie beobachteten wie Massenarbeitsplätze aus der Produktion nach Fernost exportiert wurden. Ihre Reaktion darauf: Dann müssen wir uns auf das stürzen, was nicht exportiert werden kann: Dienstleistungen. Die müssen immer am Kunden, also im Lande, erbracht werden. Deshalb waren Dienstleistungen das neue Allheilmittel. Doch sie taugten als wirtschaftspolitische Strategie nur dafür, Leute über Wasser zu halten. Beispielsweise in Callcentern. Callcenter haben keine Schornsteine und beschäftigen trotzdem hunderte von Leuten zu beliebig flexiblen Arbeitszeiten. Und nutzen Telekommunikation, waren also nach dem Verständnis von Regionalpolitikern „innovativ“.

Ein früherer Kollege sagte vor fünfzehn Jahren so passend: „Deutschlands Zukunft liegt nicht darin, dass wir uns alle gegenseitig die Haare schneiden.“ Da wussten wir noch nicht, dass es auch eine Dienstleistungswelle für Akademiker geben würde: Dienstleistung, oder gar Beratung, als Euphemismus für „akademische Leiharbeit“. Wieder ein Missverständnis zwischen Politik und Wirtschaft. Der dienstleistende Akademiker ist ein vagabundierender Experte mit Out-of-Area-Einsätzen fern seiner Heimat und Familie. Die Beratungsfirma steuert wenig zu seiner Expertise bei. Die erwirbt er sich im Job. Seine Expertise ist das Einzige, was ihm keiner nehmen kann. Wohlgemerkt, eine Expertise für eine Bedingung, die die andere definiert haben: Softwareprodukte, Prozesse, Rechte, Standards.

Kreativ ist der Experte, der eine unbediente Marktlücke erkennt, und eine Produktidee entwickelt. Einen Prototypen bastelt und an Probanden testet. Sich dann Startgeld bei Freunden und Familien leiht und damit zur Bank geht und weiteres Geld leiht. Das ist mein Verständnis. Doch die meisten meiner Bekannten, die das Zeug hierfür hätten, bleiben lieber angestellte Kopfwerker. Das Ruhrgebiet hat das Malocherethos auf den Kopf übertragen. Berlin wiederum hat seine antikapitalistische Grundhaltung verinnerlicht. Man gründet nicht, um reich zu werden.

Der Kreative – arm, aber sexy
Der Berliner Senat schwamm eine Weile auf der kreativen Welle mit. Weil Berlin so viele Kreative hat: Zig Modedesigner in der Kastanienallee in Berlin Mitte. Tausende „selbständiger“ Softwareentwickler. Aber daraus wurden nur ganz wenige produzierende Unternehmen, die „ansprangen“ und schutzrechtsfähige Standardprodukte in die Welt verkaufen. Wir haben keinen neuen Steve Jobs und keinen neuen Karl Lagerfeld. Und erst recht keine neuen Produktionsstätten mit vielen Arbeitsplätzen. Jedenfalls keine, die das Ergebnis der Berliner Wirtschaftsförderpolitik wäre.

Doch seit einigen Tagen gibt es hier eine neue „Agenda“: Zurück zur Industrie. Oder, als Imperativ und mit Link zur Vergangenheit:

Kreative in die Industrie!

„Hauptstadt im Gespräch“
Vor einigen Tagen hat der aus seiner Lethargie erwachte Wirtschaftssenator Wolf (Linkspartei) einen „Masterplan“ veröffentlicht. Darin drücken die üblichen Verdächtigen von IHK, „Netzwerken“, Wirtschaftsförderungen etc. aus, was Berlin „jetzt“ braucht und dass Berlin „alle Chancen hat“. Man hat aber auch nichts verpasst, wenn man dieses Pamphlet nicht gelesen hat.

Am Samstag, 05. Juni, hingegen fand im Charlottenburger Ludwig-Erhard-Haus die zweite „Berliner Ideenkonferenz“ der SPD statt. Motto: „Neue Industrialisierung – Nachhaltiges Arbeiten und Wirtschaften“.

Dort fielen Stichworte, die ich vor Jahren vergeblich versuchte, in der Berliner FDP zu etablieren. Aber heute ging es los. Heute war, um bescheiden anzufangen, die Rede von AEG als Blaupause für Apple, weil schon der alte Rathenau wusste, dass man neuartige Produkte besonders kundenfreundlich gestalten muss, damit sie von Kunden angenommen werden. (Das stimmt: die alten Dreh-Lichtschalter im Keller waren den Drehschaltern nachempfunden, mit denen man davor die Gasleitung für die Beleuchtung aufdrehte.)

Auf dem Podium tummelten sich ein Wirtschaftsprofessor, ein Berater für Wirtschaftsförderung, der Manager des Technologiezentrums Adlershof und sogar eine echte Unternehmerin: Gabi Grützner von der micro resist GmbH. Sie ist auch Beirätin für Mittelstand beim Wirtschaftssenator..

Zuerst befürchtete ich, dies sei wieder mal eine Veranstaltung, bei denen sich die nicht wenigen Angestellten der Wirtschaftsförderung, Landesbank, Stadtmarketing, IHK und öffentlich finanzierten „Netzwerkkoordinatoren“ gegenseitig Vorträge halten und Kaffee und Kekse anbieten. Aber das war doch etwas anders, besser:

Denn während die Philosophie vieler Teilnehmer sonst lautet: „Hauptsache, man wird nichts gefragt“, war das Publikum ausdrücklich zu Ideen und Fragen aufgerufen. Außerdem hatte man mit Christian Stahl einen schlagfertigen Moderator.

Unverzichtbar: Die nacheilenden Propheten von McKinsey
Das Opening besorgte McKinsey mit der sensationallen Erkenntnis, dass Berlin „mehr kann“. Modellstadt für -Achtung: Sensation- Elektromobilität sein zum Beispiel. Berlin sei hier im Wettbewerb mit dem Ruhrgebiet und Singapur. Man müsse „jetzt“ etwas tun.

Ich hatte genau das der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt schon mal vor zwei Jahren vorgeschlagen. Antwort damals: Elektroautos sind zu leise. Die schleichen sich an Fussgänger ran und fahren sie dann um. Außerdem sind die noch völlig unterentwickelt. Sagte mir damals eine wissenschaftliche Angestellte aus der Senatsverwaltung. Wenn nun aber McKinsey das gleiche schreibt und fordert, ist das etwas ganz anderes. Dann ist das professionelle Kreativität aus gutem Hause.

Der Technozentrumsmanager
Der Adlershofer Manager lobte McKinsey ausdrücklich dafür, dass die sich mal „hingesetzt und nachgedacht“ hätten. Das erinnerte mich an die Art, mit der sich Wolfgang Schäuble neulich bei Josef Ackermann für dessen „Engagement“ in Griechenland bedankte…

Der Volkswirt
Der Professor für Volkswirtschaft griff als nächstes das Bild vom Kreativen mit Laptop im Cafe auf, um zu verdeutlichen, dass die neuen Industrien nicht mehr mit großen Hallen und Schornsteinen daher kommen.

Die Unternehmerin
Worauf ihm die Unternehmerin Grützner später erwiderte: „Ich habe schon lange nicht mehr mit einem Laptop im Cafe gesessen habe. Ich muss eigentlich andauernd irgendwelche Aufgaben und Probleme lösen und finde nie Zeit, mit meinem Laptop im Cafe zu sitzen.“

Sie wies darauf hin, dass achtzig Prozent der Berliner Unternehmer weniger als fünfzehn Mitarbeiter haben. Und dass es angesichts des niedrigen Gehaltsniveaus in Berlin schwierig sei, Hochschulabsolventen und ausgelernte Azubis im Unternehmen zu halten. Viele wanderten einfach ab nach Süddeutschland. Kreativität sei auch wichtig, aber zum Handwerkszeug fürs Wachstum gehöre mehr. Denn jedes neue Produkt müsse aus einer erfolgreichen Cash-Kuh finanziert werden.

Kapital? Kein Bedarf
Da fiel mir eine Diskussion aus meinem sozialliberalen Gesprächskreis im Grunewald ein. Ich meldete mich am Mikro: „Ich wundere mich, warum das Stichwort Kapitalbedarf und Unternehmensfinanzierung noch nicht genannt wurde.“ Einwurf vom Moderator: „Sie meinen, nach all den unrealen Zockereien jetzt mal in was Reales investieren?“ – Und ich so: „Genau: Warum kann ich als Berliner nicht in Berliner Startups investieren? Warum werden hierfür nicht mal Fonds aufgelegt und Foren für Anleger und Existenzgründer organisiert?“.

Heftiges Kopfnicken bei der McKinsey Beraterin. Doch Kopfschütteln bei der Unternehmerin. Wie bitte? „Nee, ich kann Ihnen nur raten: Bleiben Sie selbstbestimmt! Holen Sie sich keine Mitbestimmer ins Haus. Die Berliner Banken haben während der Finanzkrise alle weiter gut funktioniert und den Berliner Mittelstand mit Krediten versorgt. Die IBB hat die 250.000 Euro Startdarlehen aufgelegt und die Mikrokredite. Funktioniert alles gut.“

Woran es wirklich hapert
Was ihr viel Dringender fehle seien gute Vertriebsmitarbeiter. Das wiederum wusste ich seit fünf Jahren, als ich mit der IHK Frankfurt/Oder und Professor Fricke von der TFH Wildau mal eine Vertriebs- und Marketinginitiative für Technologieunternehmen organisiert hatte. Da waren wir auch mal in ihrem Unternehmen zu Gast.

Da war ich baff. Mein im Kern immer noch liberales (aber eben sozialliberales) Weltbild ein wenig erschüttert. Dem Berliner Mittelständler fehlt es nicht an Kapital oder Krediten. Die McKinsey Beraterin sagte mir später in der Pause, solche Fonds gebe es inzwischen. Man könne hin und wieder im -nächste Überraschung:- Tagesspiegel davon lesen, oder Werbung sehen.

Was Frau Grützner von der Berliner Politik erwarte, waren nur zwei Dinge: Erstens, werdet schneller. Sie könne selten so lange warten, bis die Politik etwas entschieden habe. Und man werfe im Bezirk nicht alle Regeln um, wenn mal der Bürgermeister wechselt. Und zweitens: Lasst Euch was einfallen, womit Ihr die jungen Leute in Berlin haltet. (Wenn man das so liest, wundert man sich: Ich dachte immer, vor allem die Jugend ziehe es nach Berlin..).

Mein Zwischenresüme, bevor der SPD-Landesvorsitzende Müller- zum „Hard Talk“ (Konfrontationsinterview) musste: Die neue Industrialisierung kommt sehr sozialdemokratisch daher. Die Berliner Unternehmer wollen kein Fremdkapital mehr und leiden nicht unter Kreditklemmen. Sie erwartet von der Politik, dass die Verwaltung schneller wird. Und dass irgendwer die Jugend im Lande hält.

Dazu also wurde noch Gastgeber und SPD – Chef Michael Müller interviewt. Er eröffnete mit einem verblüffenden Statement: „Die Politik will sich zurücknehmen, wenn auf dieser Konferenz über Ideen diskutiert wird.“ Klang das nur in meinen Ohren so schwach..? Was er von der McKinsey – Studie halte, nach der Tourismus, Elektroautos und die Pharmazie bis zu 500.000 neue Arbeitsplätze hergäben? Antwort, und das fand ich gut: „Es ist richtig, so einen hohen und konkreten Anspruch zu haben.“ Und außerdem sei es Gerhard Schröder zu verdanken, dass die SPD wieder über Wirtschaft spreche und Kompetenz beanspruche.

Drei dicke Pfunde, mit denen Berlin im Wettbewerb um die neue Industrialisierung wuchern könne, seien die leeren Großflächen inmitten der gewachsenen Großstadt: Tempelhof, Tegel und der alte Humboldthafen, nördlich vom neuen Hauptbahnhof. Richtig. Mit sowas kann das Ruhrgebiet überhaupt nicht dienen.

Elektromobilität? – Nur schienengebunden
Und dann fragte ihn der Moderator, was er denn von Berlin als Modellstadt für Elektromobilität halte. Müller antwortete: „Also, für Entfernungen unter 100 Kilometern muss eigentlich keiner mit dem Auto fahren. Meine Vision ist die einer Großstadt, in der der öffentliche Nahverkehr so gut ist, dass niemand mehr ein Auto braucht.“

Dieses Statement, ein echtes Statement gegen das Auto als Produkt und für Mobilität als Dienstleistung, brachte den größten Applaus auf der gesamten Veranstaltung. Wir waren wieder am Ausgangspunkt des Diskurses angekommen.

Duisburg nach dem Karstadt-Coup

„Wir haben es gehofft, aber natürlich haben wir auch gebangt. Und es ist so passiert, und wir sind glücklich“, sagt Rita Rodenbücher, die Betriebsratsvorsitzende bei Karstadt in Duisburg, dem WDR. Eine Beitrag von unserem Gastautor Werner Jurga.

Sie wissen vermutlich schon, was passiert ist. Und wenn nicht, können Sie es sich denken. Der Rat der Stadt Duisburg hat gestern in einer kurzen, nicht öffentlichen Sitzung beschlossen, auf die Erhebung von Gewerbesteuern bei dem insolventen Warenhauskonzern zu verzichten.
Dass 98 % der Städte mit Karstadt-Häusern einen solchen Verzicht erklären, ist eine der Bedingungen dafür, dass der Insolvenzverwalter seinen Rettungsplan überhaupt in Kraft treten lässt. Sonst spielen nämlich die Gläubiger nicht mit. Einerseits.
Andererseits gehe den Städten durch diesen Verzicht kein einziger Cent verloren. Weil es ja nur um rein „virtuelles“ Geld gehe, weil Karstadt ja insolvent ist, und was man sich sonst so erzählt bzw. erzählen lassen muss.

Wir reden also über einen Verzicht, der im Grunde gar kein Verzicht ist, auf den die Gläubiger aber doch zwingend bestehen, weil sie nun einmal Prinzipienreiter sind. So kennt man sie doch, diese Hedgefonds, Private Equitity Fonds und wie sie sonst alle so heißen, an die der Super-Manager Middelhoff dereinst Karstadt verkloppt hatte.
Zugegeben, die ganze Sache ist auch für besagte Gläubiger in Sachen „creating value“ nicht ganz so toll gelaufen wie für Herrn Middelhoff selbst. Und dies führt dann dazu, dass selbst Sozialdemokraten ihren Respekt bekunden. Selbstverständlich nicht für Herrn Middelhoff, der sich – möglicherweise nicht immer ganz gesetzestreu -eine goldene Nase verdient hat, sondern Respekt für die Gläubiger.
Wenn die nämlich so richtig Verluste gemacht haben und versuchen zu retten, was zu retten ist, sind das nämlich – im sozialdemokratischer Terminologie – gar keine Heuschrecken mehr, sondern einfach nur Leute, vor denen man einfach Respekt haben muss.
Opfer bringen, tolle Sache – egal ob Investoren oder Arbeitnehmer. Und wenn Letztere dann auch noch bereit sind, demnächst noch mehr Opfer zu bringen, dann, ja dann …
… sind sie glücklich. Wie Frau Rodenbücher. Die einfach nur darauf hofft, dass irgendwie gerettet werden kann, was vielleicht noch irgendwie zu retten ist. Für die meisten Karstadt-Beschäftigten ist es die einzige Chance. Denn wenn die Stelle weg ist, ist sie weg.
Insofern sieht es für die Belegschaft schon etwas anders aus als für die Gläubiger. Sicher, die Motive zur Erlangung sozialdemokratischen Respekts ähneln sich. Auch hier gilt: wenn weg, dann weg. Das Geld, aber eben in den meisten Fällen nur ein Teil des Geldes. Irgendwie wird es schon weitergehen. Gehedget wird schließlich immer.
Trotzdem: wenn´ s ums Geld geht, hört die Freundschaft auf. Und der Insolvenzverwalter tut sowieso nur seine Pflicht. Und so hat er in freundlichen Worten über eine Anwaltskanzlei der Stadt Duisburg dargelegt, dass es absolut rechtswidrig ist, wenn eine Stadt nicht auf ihren Anspruch auf die Gewerbesteuer verzichten möchte. xtranews hatte aus einem der Redaktion vorliegenden Schreiben zitiert.
Der Insolvenzverwalter reagierte mit diesem Vorgehen auf eine Entscheidung des Rates der Stadt. Am Montag, den 10. Mai, hatte der Stadtrat einstimmig (!) einen Verzicht auf die Gewerbesteuer abgelehnt. Das heißt: nicht ganz einstimmig. Der Oberbürgermeister hatte sich als einziger dafür ausgesprochen.
Es kam zu wütenden Protesten der Karstadt-Belegschaft, die schon am 12. Mai ihrem Ärger vor dem Rathaus und vor dem SPD-Parteibüro Luft machte. Auch in der örtlichen wie überörtlichen Presse wurde ein enormer Druck aufgebaut, der glauben lassen wollte, das weitere Schicksal Karstadts hinge vom Abstimmungsverhalten im Duisburger Stadtrat ab.

Der Ältestenrat wurde einberufen, der eine weitere Sitzung des Stadtrates anberaumte, der gestern, am 21. Mai 2010, gerade einmal zwanzig Minuten dafür brauchte, seine Entscheidung vom 10. Mai zu revidieren. Und – irgendwie schön: abermals fiel der Beschluss einstimmig. Nur eben, dass gestern das exakte Gegenteil beschlossen wurde, nämlich der Steuererlass.
Dass die SPD sowohl in diesem Beitrag als auch bei den gewerkschaftlichen Protesten besonders erwähnt wird, ist folglich nicht ganz fair. Es mag zum einen dadurch erklärlich werden, dass sowohl das Karstadt-Personal als auch ich in besonderem Maße auf die SPD hoffen – wenn auch die Hoffnungen nicht immer deckungsgleich sind.
Es liegt aber auch daran, dass sich die sozialdemokratische Fraktion den 180o-Schwenk schwerer gemacht hatte als die anderen. Während die CDU recht früh ein Einlenken auf die Linie ihres Oberbürgermeisters signalisierte, schwiegen Linke und Grüne eisern. Dagegen posaunte die FDP – als wolle sie unbedingt ihrem Umfaller-Image besonders eindrucksvoll gerecht werden – öffentlich heraus, auf jeden Fall bei ihrer ablehnenden Haltung bleiben zu wollen.
Bei der SPD mag man den Prozess der demokratischen Willensbildung innerhalb der Fraktion kritisieren. Und dass sich die Sozialdemokraten in ihrer Außendarstellung mit Ruhm bekleckert hätten, lässt sich beim besten Willen nicht sagen. Doch dass es eine ernsthafte Abwägung zwischen den nachvollziehbaren prinzipiellen Bedenken gegen einen Steuererlass und den scheinbar verheerenden Folgen eines Duisburger Sonderwegs gegeben hat, steht außer Frage.

Die Duisburger Kommunalpolitik steht – unabhängig von vordergründig parteipolitischen Betrachtungen – in diesen Tagen und Wochen nicht gut da. Sie wirkt – sei es Karstadt, sei es das Duisburger Stadtfenster, sei es die Duisburger Freiheit – manchmal inkompetent, häufig ohnmächtig. Dabei geht es doch um etwas!
Jedes einzelne dieser drei Projekte ist bedeutend für die Innenstadtentwicklung. Doch die Sache ist ernster: laufen die Dinge auch weiterhin so bedenklich wie bislang, ruinierte dies nicht nur das Prestige des Oberbürgermeisters (was zu verschmerzen wäre), es nährte Zweifel an den demokratisch gewählten (Kommunal-) Politikern insgesamt.
Zugegeben: die Einflussmöglichkeiten auf die Entwicklungen in Sachen Karstadt sind relativ gering. Inzwischen ist ein neuer Bieter aufgetaucht. Offenkundig wird hier ein großes Rad gedreht, und eine einzelne Kommune kann da nur schwer hineingreifen. Manchmal reicht auch schon eine solche Einsicht, um sich nicht weit über die Region hinaus lächerlich zu machen.
Doch meistens kann man auch ein wenig mehr bewirken. Dann geht mehr; mehr als nur Kleinigkeiten. Was auch immer geändert werden muss, ich kann mir nicht helfen: ich werde den Eindruck nicht los, in vielen Fällen würde schlicht ein höheres maß an Professionalität ganz gut tun.