Referendum in der Türkei: Ich werde nicht wählen!

Erdogan (Mitte, grün vor Neid auf die Solidarität für Deniz Yücel) und seine Minister sind derzeit auf Werbetour. (Symbolfoto/ Quelle: Pascal/ Flickr/ cc-by-sa)

Ihr kennt doch bestimmt die Szene aus den Mafia-Filmen, wo der Mafia-Boss das Opfer fragt, mit welche Methode er getötet werden möchte. So ähnlich sehe ich die Präsidentschaftswahl oder wie es offiziell heißt das „Verfassungsreferendum“ in der Türkei. Ich sage absichtlich Präsidentschaftswahl, weil der Begriff eher der Realität entspricht. Denn, wie die Verfassung aussieht, ist eigentlich egal. Von Gastautor Musa Öztürk

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Österreich: Kein Gewerbeschein für Humbug

Hach, ein Einhorn. (Foto: kaboompics/ pixabay/ freie Verwendung)

Der Esoterikmarkt floriert in Österreich. Aktuell sind mehr als 15.000 sogenannte „Human- und Tierenergetiker“ aktiv. Jeder österreichische Staatsbürger kann diese Art von Gewerbeschein ohne weiteres erwerben – einfach online von zuhause aus. Lediglich die Kopie des eigenen Lichtbildausweises und ein 3- seitiges Formular müssen an die zuständige Bezirksbehörde gemailt werden. Vor zwei Jahren habe ich im Rahmen eines Satireprojektes selber das Gewerbe der Humanenergetikerin angemeldet.
Ein Gastbeitrag von Andrea Walter (36), Pädagogin aus Niederösterreich.

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Marcel H. aus Herne – Bausteine einer tragischen Geschichte

Ist jetzt lange Zeit alleine und offline: Marcel H. (Symbolfoto – Quelle: Flickr/ antonf/ cc-by-sa)

Gastautorin und Kriminalpsychologin Lydia Benecke mit psychologischen Ausführungen zu Marcel H., der vor einer Woche verhaftet wurde, nachdem er sich in einer Imbiss-Bude in Herne gestellt hatte. Er hatte zu diesem Zeitpunkt mutmaßlich zwei Menschen getötet.

Immer, wenn tragische Verbrechen begangen werden und besonders dann, wenn Kinder die Opfer sind, folgt auf das unwillkürliche Entsetzen und die typischerweise hiermit verbundene Dämonisierung des Täters die Frage nach dem „Warum“. Im so bizarren wie öffentlichkeitswirksamen Fall von Marcel H. ist es nicht anders.

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Postindustrielle Landschaften: „Das Chaos lässt sich nicht ordnen. Nur in der Abstraktion lässt es sich begreifen“

 

Panoramablick über die wichtigsten Elemente des Landschaftsparks Duisburg-Nord Foto: kaʁstn Disk/Cat Lizenz: CC BY-SA 3.0 de


Ein großartiges Text- und Bilderbuch ist zu annoncieren: „ROST ROT“ des Münchner Landschaftsarchitekten Peter Latz über den Landschaftspark Duisburg-Nord, erschienen Ende 2016 im Hirmer Verlag München. Eine englischsprachige Version gerade für den angelsächsische Markt gibt es ebenfalls. Von unserem Gastautor Dieter Nellen.

In diese Publikation persönlicher Erinnerung, projektbezogener Dokumentation und planerischer Reflexion sind viel gestalterische Liebe und inhaltliche Sorgfalt geflossen. Man mag sie deshalb auch als ein Geschenk des Autors an sich selbst und sein grandioses Landschaftswerk verstehen.

In fünf Kapiteln über „Annäherung, Strukturen, Methoden, Orte, Visionen“ wird die behutsame Umcodierung der ehemaligen Meidericher Eisenhütte in eine bisher dahin nicht vertrautes Palimpsest von Park und Landschaft mit unverändert prägender Industriearchitektur dargestellt. Thematisch weiterführende Exkurse zu Ökologie, Vegetation, zur Pflege des Parks und seiner industriellen Denkmäler schließen sich an. Es gibt zahlreiche – bestens aufbereitete – Pläne und Bilder, so dass der gesamte Arbeitsprozess sicht- und lesbar wird. Es ist eine Lust darin zu blättern.

Was in der opulenten Darstellung des Jahres 2016 leider fehlt, sind allerdings die kulturellen Interventionen: Sie waren bereits mit dem Finale der IBA 1999 über Konzerte, Installationen und Aufführungen eingezogen und liefern dem Ensemble mittlerweile Jahr für Jahr ganz unabhängig vom Reiz der Landschaft starke Bilder und Formate.

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Hasspostings: Grau verbieten!

Immer unterwegs, um Menschen etwas zu verbieten: Renate Künast

Heute Morgen hat Renate Künast ein Interview im Deutschlandfunk gegeben, in dem sie sich zu Heiko Maaß‘ Gesetzentwurf zum Thema „Hasspostings“ geäußert hat. Vieles von dem, was sie gesagt hat, habe ich nicht verstanden. Das hat mit verworrenen Formulierungen zu tun und damit, dass sie wenig konkret wurde, vor allem aber damit, dass ich ihr Rechtsverständnis nicht begreifen wollte.  Ein Zwischenruf von Gastautor Robert von Cube

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Shoppen für eine bessere Welt?

Das CentrO in Oberhausen. Foto: © Thomas Mayer


Das Nationale Programm für nachhaltigen Konsum will privaten Konsum zur politischen Handlung machen – ein Irrweg. Letztlich drängt man arme Menschen zum Konsumverzicht. Von unserem Gastautor Thilo Spahl.

Konsum ist zu einer komplizierten Angelegenheit geworden. Vorbei sind die Zeiten, als es nur darum ging, was einem gefällt oder schmeckt oder das Geld wert ist. Der moderne Verbraucher soll nicht nur an die eigene Gesundheit denken. Er soll auch die Natur, das Klima, das Tierwohl und die Interessen seiner nahe sowie weit entfernten Mitmenschen berücksichtigen. Die Idee der Nachhaltigkeit soll seine Kaufentscheidungen leiten.
Zweifellos ist es eine positive menschliche Eigenschaft, nach Wegen zu suchen, die Welt in irgendeiner Weise besser zu machen und sich dafür zu engagieren. Die Frage ist, ob Konsum der richtige Weg ist. Und die zweite Frage ist, ob der Staat uns hier an die Hand nehmen muss.

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Mehr Geld für alle

Von Mizgin Bilmen. Mein Geld materialisiert sich in Dingen, und diese Dinge decken meinen Horizont; danach breitet sich das Geld um mich herum aus, in Form von Zahnbürste und Bett, Zucker und Deodorant, den Gläsern im Schrank, dem Parkettboden, dem hässlichen Wandschrank mit den weißen Türen. Das Sofa ist mein Geld. Der Computer. Die Bettdecke. Alles. Die 19 Grad Celsius in meiner Wohnung sind mein Geld. Das Licht ist mein Geld. Das Klo ist mein Geld. Die Bücher, die Blätter, die Spiele. Die Pornos. Die Ohrstäbchen. Die Teppiche. Der Abfall ist mein Geld. Ich bringe den Abfall raus, also mein Geld, also meine Zeit, also mein Leben, und schmeiße es in den Container. Ich bezahle fürs Wegwerfen. Ich bezahle dafür, nicht zu haben. Ich bezahle dafür, nicht zu besitzen. Ich bezahle für Abwesenheit. (Matias Faldbakken)

Und so denke und quatsche ich fröhlich vor mich hin, wo ich doch selbst ein Kind der libertären Bewegung der Moderne bin, ohne mich je bewusst dazu entschieden zu haben und ich weiß doch, dass auch ich immer noch an unaufgelösten inneren Wiedersprüchen kranke.

 

Die Türkische Regierung als Ülkücü (Graue Wölfe) in gelebter Symbiose mit der Muslimbruderschaft in Hamburg.


Seit geraumer Zeit warnen Verfassungsschutz, auch mancher Politiker und Experten, vor einer radikalisierten von Deutschland entfremdeten türkischen Jugend. Auch wird die derzeitige Bewegung um AKP-Anhänger bis hin zu stramm rechten Grauen Wölfen, als „Türkische PEGIDA“ bezeichnet. Und dies zu Recht. Von unserem Gastautor Richard Schüll.

Aggressiv gewalttätig, völkisch, und islamistisch.

Der Verfassungsschutz in Hessen schreibt in Bezug auf die Grauen Wölfe dazu:

Wiedervereinigung“ aller Turkvölker

Ein weiteres Element der Ülkücü-Ideologie* bildet die Idee einer „Großtürkei“ in den Grenzen des ehemaligen Osmanischen Reichs. Die damit einhergehende Forderung nach der „Wiedervereinigung“ aller Turkvölker (Panturkismus) zeigt zum einen, welches Verständnis von Völkerverständigung Ülkücü-Anhänger* propagieren, und zum anderen, dass sie völkerrechtlich gültige Staatsgrenzen in Frage stellen. Die Verherrlichung der kriegerischen Vergangenheit des Osmanischen Reichs impliziert eine latente Neigung zur gewalttätigen Durchsetzung ideologischer Ziele. Diese Haltung kommt im „Ülkücü-Eid“ zum Ausdruck:

„Ich schwöre bei Allah, dem Koran, dem Vaterland, bei meiner Flagge. Meine Märtyrer, meine Frontkämpfer sollen sicher sein, wir die idealistische türkische Jugend, werden unseren Kampf gegen Kommunismus, Kapitalismus, Faschismus und jegliche Art von Imperialismus fortführen. Unser Kampf geht bis zum letzten Mann, bis zum letzten Atemzug, bis zum letzten Tropfen Blut. Unser Kampf geht weiter, bis die nationalistische Türkei, bis das Reich Turan erreicht ist. Wir, die idealistische Jugend, werden niemals aufgeben, nicht wanken, wir werden siegen, siegen, siegen. Möge Allah die Türken schützen und sie erhöhen.“

Begriffe wie „Märtyrer“, „Frontkämpfer“, „Kampf“ oder die Formulierung „bis zum letzten Tropfen Blut“ zeigen eine kämpferische Komponente, die allzu oft an Männlichkeits- und Selbstbehauptungsvorstellungen unter türkischen Migranten bzw. (jugendlichen) Personen mit türkischem Migrationshintergrund anknüpft und latent gewaltbefürwortend ist.

Islam ist unsere Seele, Türkentum ist unser Leib“

Neben dem Türkentum räumt die Ülkücü-Ideologie* dem Islam eine besondere Bedeutung ein.

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Reservate der Unabhängigkeit – Stippvisiten in ultrarechte kulturpolitische Diskurse

Alexander Kerlin


Dieses Essay ist lang geworden. Das war nicht geplant. Ich konnte nicht aufhören. Oder sagen wir so: Es hörte nicht auf, mich anzugehen. Ich nehme das als Indiz: Wir werden es länger mit diesen Angriffen zu tun haben. Länger, als wir annahmen, und länger, als uns lieb sein wird. Von unserem Gastautor Alexander Kerlin.

Ausgangspunkt zu meinen Überlegungen war ein Kurzaufenthalt in Belarus (=Weißrussland) im vergangenen Herbst. Ob ich nicht einen kleinen Reisebericht veröffentlichen dürfte, fragte ich bei dem Theaterportal Nachtkritik nach. „Gern“, antwortete mir die Redakteurin, „wie wäre es, dem ganzen einen thematischen Spin Richtung Kunstfreiheit zu geben?“ Damit war die Büchse der Pandora geöffnet, und ich habe sie nicht wieder geschlossen bekommen.

Die folgenden Beobachtungen führen von den USA über Ungarn, Polen und Israel in die Türkei, verharren lange in Belarus – und versuchen immer wieder Rückschlüsse auf die Situation in Deutschland zu ziehen. Es sind unsystematische Stippvisiten in ultrarechte und autokratische Kulturdiskurse und -politiken, auf der Suche nach Berührungspunkten zwischen Trump, PiS (Polen), Orbán (Ungarn), Lukaschenka (Belarus) und der AfD.

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Die vergessenen Rotarmistinnen


Als »vertierte Flintenweiber« hat sie die NS-Propaganda denunziert, als »Feldmatratzen« wurden sie von den eigenen Landsleuten verhöhnt – weibliche Angehörige der sowjetischen Armee. Bis zu einer Million Frauen sollen im Zweiten Weltkrieg in der Roten Armee gedient haben. Obwohl die Rotarmistinnen ihrer Anzahl wie Tätigkeit nach historisch etwas völlig Neues waren, ist wenig über sie bekannt, weder über ihren Alltag, noch darüber, wie viele von ihnen gefallen sind. Russische Archive »mauern« noch immer, und in der öffentlichen Wahrnehmung kommen – wenn überhaupt – nur ausgesuchte Heroinnen vor. Von unserer Gastautorin Judith Kessler.

Die hunderttausenden Namenlosen, die ihnen gegenüber stehen, die einfachen Rotarmistinnen, ihr Alltag und ihre Leistungen bleiben weitgehend unbeachtet – bis heute. Das Frauenbataillon zur Verteidigung der Kerenski-Regierung, das von dem ehemaligen Dienstmädchen Maria Botschkarewa 1917 aufgestellt wurde, war das Startsignal für den Einsatz von Frauen in der Roten Armee. Bereits im Bürgerkrieg dienten sie im Nachrichten- und

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