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Funny van Dannen, Samstag, 9. Oktober, 19.30 Uhr, Kulturfabrik, Krefeld
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Funny van Dannen, Samstag, 9. Oktober, 19.30 Uhr, Kulturfabrik, Krefeld
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Kommunikation: Das Werkzeug ist nicht das Medium…Kontextschmiede
Vergiftete Mitarbeiter, verseuchtes Werksgelände, Razzien – das Dortmunder Unternehmen Envio hat eine Menge Probleme. Darauf reagiert es mit einer PR Offensive. 
Siemens hat mit seiner kürzlich versprochenen Beschäftigungsgarantie für alle Mitarbeiter viel Lob geerntet – doch nicht für jeden gilt der Pakt. Die Bochumer Siemens-Tochter Ruhrtal wird im kommenden Jahr geschlossen
Gregor Malten kann die Lobeshymnen auf seinen Arbeitgeber nicht fassen. „Ich wurde fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel“, sagt der Bochumer. Er ist bei der Ruhrtal AG beschäftigt, einer hundertprozentigen Tochter von Siemens. Der deutsche Elektro-Riese hatte erst Ende September einen unbefristeten Beschäftigungspakt für seine 128.000 in Deutschland beschäftigten Mitarbeiter geschlossen. Die Firma verpflichtet sich darin, künftig bundesweit auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten und erhielt dafür viel öffentliches Lob. „Bei uns im Betrieb sieht die Realität aber anders aus“, sagt Malten.
Im Mai haben die rund 140 Mitarbeiter erfahren, dass ihr Werk geschlossen werden soll. Bislang wurden dort Geräte für Umspannwerke hergestellt, so genannte Trennschalter für die Oberleitungen von Stromnetzen. Vor knapp zehn Jahren hatte Siemens die Ruhrtal-Firma aus der Insolvenz aufgekauft. „Damals wurde uns garantiert, dass wir unsere Jobs alle behalten“, sagt Malten. Dann hieß es plötzlich , das Werk in der Revierstadt sei nicht mehr konkurrenzfähig. „Es gibt einen enormen Druck auf dem Weltmarkt“, sagte Siemens damals. Das liege vor allem an den ausbleibenden Investitionen der Energiekonzerne, hieß es. Deshalb sollte ein Teil der Produktion in das Siemens-Starkstromkompetenzzentrum in Berlin verlagert werden, ein anderer in das Niedriglohnland Türkei.
Damals galt der Beschäftigungspakt noch nicht, sagt Georg Lohmann, Sprecher der Siemens AG in Nordrhein-Westfalen. „Wir haben den Mitarbeitern einen bunten Strauß an Möglichkeiten angeboten.“ Das Unternehmen habe beispielsweise eine Beschäftigungsgesellschaft gegründet, in der die Mitarbeiter noch bis Ende des Jahres eintreten können. Unabhängig davon würden „nicht wenige Mitarbeiter“ nach Berlin oder Istanbul wechseln oder sich auf andere Stellen bei Siemens bewerben. „Wir haben in Deutschland etwa 3000 offene Stellen“, so Lohmann. Allerdings werden vor allem Ingenieure gesucht, um die die Firma auch mit der Beschäftigungsgarantie gebuhlt hat. Die Ruhrtaler hingegen sind weniger nachgefragt – meist sind es einfache Handwerker, die es schwer haben auf dem Arbeitsmarkt.
„Auch ein Umzug nach Berlin ist für die meisten keine Alternative“, sagt Malten. Die Kollegen erwarteten Nachwuchs oder hätten sich ein Häuschen gebaut. Auch Ulrike Kleinebrahm bedauert, dass „wieder ein Werk in Bochum schließt“. Die Bevollmächtigte der IG Metall in Bochum hat schon viele menschliche Katastrophen im Ruhrpott miterlebt – das Aus für Nokia, die dauernde Bedrohung des Opelwerkes. „Siemens kümmert sich besser um seine Angestellten als viele andere Firmen“, sagt Kleinebrahm. Aber der Beschäftigungspakt sei dennoch als absolute Job-Garantie überbewertet worden. „Der Pakt hat seine Grenzen.“ Wenn ein ganzer Standort wie jetzt in Wattenscheid geschlossen würde, käme nicht jeder unter. „Die Ingenieure und Facharbeiter können sich die Stellen im Unternehmen aussuchen“, so Kleinebrahm. Aber die Sekretäre, Bürokräfte und Elektriker könnten leer ausgehen.
Malten ist untröstlich. „Vor drei Jahren haben wir Siemens aus der Patsche geholfen“, sagt er. Damals hätten er und sein Team viele Stunden umsonst gearbeitet, um das Werk zu retten. Jetzt stünden sie vor dem Nichts. „Der Pakt war in Bochum immer nur einseitig – die Mitarbeiter haben garantiert, unter allen Bedingungen weiterzuarbeiten.“
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Fairness ist schwierig, wenn es um hohe Politik geht. Das erfahren gerade die Städte im Wettbewerb um den Titel Innovation City. Dieses Zukunftsprojekt wurde vom Initiativkreis Ruhr ausgelobt. Die Siegerstadt soll hier das Geld bekommen, um sich – oder besser gesagt einen großen Teil seines Stadtgebietes – komplett ökologisch umzubauen. Die Bedeutung des Vorhabens ist kaum zu überschätzen. Am Ende könnten rund zwei Milliarden Euro in eine Stadt fließen, die heute nicht mal weiß, wie sie die Schlaglöcher in ihrem Asphalt beseitigen soll.
Man sieht also, es geht um was. Und immer wenn es um was geht, machen die Oberbürgermeister im Ruhrgebiet das, was sie am Besten können. Sie kämpfen gegeneinander für den eigenen Kirchturm. Im Wettbewerb sind noch Gelsenkirchen, Bottrop, Essen, Mülheim und Bochum. Das erste sortieren fällt leicht: Essen und Bochum sind draußen, weil die einen schon die Kulturhauptstadt hatten und die anderen eine miese Bewerbung abgegeben haben. Mülheim dürfte aus dem Rennen sein, weil die Stadt nicht mal einen Haushalt hinbekommt.
Es läuft also auf einen Zweikampf zwischen Gelsenkirchen und Bottrop hinaus. Und jetzt beginnt das Hardcore-Lobbying von Frank Baranowski, SPD-OB von Gelsenkirchen. Die Bewerbung von Gelsenkirchen ist so Lala. Nur ein Highlight hat das Stück: Gelsenkirchen hat sich gemeinsam mit Herten beworben. Das ist wichtig, weil in Zukunft vor allem Projekte mit EU-Geld gefördert werden sollen, die Städteübergreifend angelegt sind. Für Innovation City ist das entscheidend, denn richtig Geld gibt es vom Innovationskreis Ruhr nur sehr wenig für den Sieger. Der Rest muss vor allem über Fördermittel von EU und Land eingeworben werden. Was macht jetzt Baranowski? Er telefoniert mit allen möglichen Leuten und weißt jeden darauf hin, dass diese Kooperation zwischen Herten und seiner Stadt das Entscheidende ist. Er lobbyiert eben rum. Dabei sollte man wissen, dass Frank Baranowski nicht irgendwer ist. Er ist Chef der Ruhr-SPD mit entscheidendem Einfluss in der aktuellen Landesregierung. Bei etlichen Mitgliedern der Jury kommt seine Botschaft deswegen an. Zum Beispiel beim unsäglichen Noch-RVR-Chef Heinz-Dieter Klink. Dieser SPD-Parteisoldat kommt aus dem Gelsenkirchener Stadtrat. Da er kein eigenes Rückgrat hat, ist davon auszugehen, dass er dem Drängen Baranowskis erliegt.
Schon laufen Gerüchte durch das Revier, dass das Rennen sowieso schon gelaufen sei. Dass die Jury-Entscheidung, wer den Titel Innovation-City kriegt, nur noch Formsache sei, weil Baranowski die Sache schon geschoben habe. Wenn da das Wörtchen wenn nicht wäre. Denn immer noch gibt es Leute, die auf eine faire Bewertung der Bewerbungen jenseits des Lobbyings setzen. Und hier liegt Bottrop nicht schlecht im Rennen.
Zwar hat die Gemeinde keine echte Kooperation mit einer Nachbarstadt vorzuweisen – aber immerhin eine Willensbekundung von Gladbeck, mit den einstigen Erzfeinden aus Bottrop zusammenzuarbeiten, wenn es um die Innovation City geht. Selbst Oberhausen hat unter der Hand erklärt, mit Bottrop zu kooperieren, sollte der ungeliebte Nachbar den Preis abräumen. Dazu hat Bottrop sich die meiste Mühe mit der Bewerbung gemacht. Es gibt etliche clevere Projekte und Firmen wie Rockwoll oder die RAG Immobilien haben sich als Unterstützer zusammengefunden. Dazu gibt es in der Stadt eine echte Bereitschaft in der Bevölkerung, das Vorhaben mitzutragen.
Sollte es fair zugehen, müsste die Bottroper Bewerbung wenigstens ordentlich im Vergleich mit der Gelsenkirchener bewertet werden. Sollte sie dann schlecht sein, kann sich keiner beschweren, sollte die Schalke-Gemeinde gewinnen.
Sollte aber Gelsenkirchen nur siegen, weil Baranowski besser Lobby kann, als der weithin unbekannte Bottroper Neu-Oberbürgermeister Bernd Tischler, SPD, dann wäre das eine Schande für den Innovationskreis Ruhr. Er wäre dann nur noch eine dieser Revier-Kungelrunden, von denen es sowieso viel zu viele gibt.

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Durch Essen führt ein Kulturpfad. Unser Gastautor Tobias Steinfeld ist drübergelaufen. Hier ist sein Bericht:
0 Schritte: Montag, 20. September im Jahre der Kulturhauptstadt Essen, 18.06 Uhr. Im Halbkreis stehen wir zusammen: Dutzende Menschen, teils mit roten Fahnen behangen. Davor ein spätgotischer Hallenbau: weiße Wände, schwarzes Dach, Fenster mit Spitzbögen. 1543 wurde die Marktkirche am Flachsmarkt von Bürgern besetzt. Sie schrien nach evangelischen Predigern. Sie setzten sich durch.
Knapp 500 Jahre später: “Offenes Mikro”. Ein Mann namens “Horst” spricht. Über die “Sarrazin-Hetze“, darüber, dass Arbeiter sich länderübergreifend helfen müssen. Der Flachsmarkt ist eine Stätte des Protests. Es ist die 305. Montagsdemo gegen Hartz IV. Ich stehe auf dem ersten Glas-Stein des Kulturpfades. “Klack”, setze den Schrittzähler auf Null. DIE LINKE verteilt Flugblätter. Zwei Polizisten im grünen Bulli hängen gelangweilt in den Sitzen, die Unterarme halb aus den Fenstern gelehnt, die Hoffnung verloren, ihr Einsatz könnte ausgerechnet bei der 305. Auflage verlangt werden. Rechts davon auf einem Podest: Alfred Krupp, der das Geschehen vom besten Platz überwacht. Genau hier am Flachsmarkt kam er zur Welt. Im Haus Nr. 9. 1812 war das. Der größte Waffenhersteller seiner Zeit forderte von seinen Arbeitnehmern Gehorsam, bot dafür aber Gegenleistungen. Er garantierte umfassende Sozialleistungen, wie Krankenversicherung und Rente, sah seine Arbeiter somit gut behandelt. Krupp führte eine Dauerfehde mit der Sozialistischen Arbeiterpartei. Auf seiner schwarzen Liste standen Arbeiter, die zu Demos gingen. Sie wurden entlassen. Türkis und in Stahl gegossen erträgt er nun die Unbeugsamen von 2010.
“Danke Horst” sagt ein Mann mit Rauschebart, der jetzt das Mikro hält. Applaus.
“Studiengebühren abschaffen“, fordert er, kommt dann auf Burschenschaften, floskelt: “Lieber ein Geschwür am After, als ein deutscher Burschenschaftler.” Das sei nicht “politisch gemeint“, soll nur zeigen “was wir von diesem rechten Gesocks halten.” Ich mag Burschenschaften auch nicht, gehe jetzt aber besser los, bevor die Glatzen, die, wie jeden Tag hinter der Marktkirche rumlungern, auf die Idee kommen, den gelangweilten Polizisten im Bulli zu einem unverhofften Einsatz zu verhelfen.
Unmittelbar vor mir sind sechs blaue Steine ins Pflaster eingelassen Form und Größe einer Ritter-Sport-Tafel. Sie liegen genau in Schrittweite auseinander. Ich gehe, schaue auf den Schrittzähler an meinem Gürtel. Sechs. Stimmt.
Ich folge dem Pfad die Kettwiger Straße hoch, durch eine Douglas-Duftwolke, vorbei an H&M und O2 Shop.
223 Schritte: Links von mir der Essener Münster. Ein hagerer, leicht gebräunter Mann Anfang dreißig steht hier. Er trägt Tarnkleidung. Die Gitarre stört sein Erscheinungsbild, Gewehr würde ihm besser stehen. Ich weiß nicht, was er spielt. So leise. Vor ihm auf dem Boden liegt der Gitarrenkoffer. Leer. Keiner hört ihn.
An der braunen Sandstein-Fassade des Münsters hängen Plakate. “Komm zur Ruhe” steht darauf. Jeden Tag um 12 Uhr wird zur Andacht geladen. Ich vermute, es handelt sich um ein Wortspiel, angelehnt an Grönemeyers gefloppten Song zur Kulturhauptstadt “Komm zur Ruhr” Für Marketing-Gurus ist Ruhr 2010 wie ein Abenteuerspielplatz zum austoben. Statt aufgeschlagenen Knien gibt es andere Wunden: Ruhr-Atoll, Ruhrlights, Ruhrblicke. Eines dieser Ruhrlights erlebe ich in diesem Augenblick. Hallender Disco-Sound. Kommt näher, wird lauter, verschluckt das Geklimper vom Tarn-Mann ganz. Ein Mann kommt vom Kennedy-Platz auf den Münster zu. Der rechte Arm stützt den ausladenden Recorder auf seiner Schulter. Das schwarze T-Shirt steckt in der zu großen Jeans. Von Weitem erinnert sein grooviger Gang an Detlef D! Soost. Aus der Nähe erkennt man unter der weißen, zur Seite gedrehten, Van Dutch-Cap getönte Brillengläser und ein froschliches Gesicht, wie das von Wolfgang Lippert, das Anfang der 90er ein paar mal Wetten Dass ??? moderierte. Es dröhnt wie aus einem aufgemotzten Kadett: “Here we go, hear me say! It´s Revolution in Paradise!” Ein ähnliches Leitmotiv liegt Ruhr 2010 zu Grunde: Wandel durch Kultur Kultur durch Wandel. Mir wird klar: Heath Hunter war 1996 seiner Zeit voraus. Lippert wandelt die Kettwiger runter, Richtung Demonstranten, Polizisten, Glatzen und Krupp. Die revolutionären Klänge verebben, das Klimpern des Tarnmannes schleicht sich ein. Ich muss weiter.
544 Schritte: Rast an der 1. Dellbrügge vor dem Grillotheater. 1892 wurde hier Lessings Minna von Barnhelm uraufgeführt. Momentan ist Spielpause. Links und rechts hängen Plakate an den Wänden. Eine Frau mit gekochten Spaghetti als Haarpracht und der Schriftzug “Mit Essen spielt man nicht” sind zu sehen. Die Kampagne soll zeigen, dass Kultur auch Lebensmittel ist. Mitten auf der 1. Dellbrügge steht ein älterer Mann. Er spielt Quetschkommode, laut, tanzt von einem Bein aufs andere. La Cucaracha (Die Kakerlake) singt er mit Herzblut und einem Lächeln unter dem schwarzen Schnauzbart. Die Musik ist sein täglich Brot. Die Leute laufen an ihm vorbei, Einkaufstaschen in den Händen, den Kopf nach vorn gerichtet, als hätten sie Kopfhörer auf, müssen zum Bahnhof. Ein Mann, der die Obdachlosenzeitung verkauft, bleibt vor ihm stehen. Sie verneigen sich voreinander. Er geht seines Weges in Richtung des Spaghetti-Plakats. Dass man mit Essen nicht spielt, weiß er. Plötzlich Stille. Kein La Cucaracha mehr. Er blickt aufs Handy und packt die Quetschkommode ein. Essen ist fertig.
Ich gehe weiter. Das Glockenspiel spielt Das Bergmannslied: “Glück auf Glück auf. Der Steiger kommt“. Ein metallenes Quietschen mischt sich in den Spieluhr-Klang. Es ist das Sicherheitstor vom Juwelier Deiter. Der damalige Geschäftsführer versteckte das Glockenspiel während des zweiten Weltkrieges erfolgreich vor den Nazis.
897 Schritte: Ich habe die Fährte verloren. Ein einzelnes Steinchen leuchtet auf dem Willy-Brandt-Platz. Ich laufe kreuz und quer über den Platz am Bahnhof und weiß jetzt wie Hänsel und Gretel sich fühlten, als ihre wegweisenden Brotkrumen von Vögeln gefressen wurden. Mein Blick fällt auf ein riesiges Banner. “Wir sind Kulturhauptstadt”. Das gibt Sicherheit. Einer von uns wird mir sicher helfen auf den rechten Pfad zu gelangen. Wie aus dem nichts taucht er auf. Das Lippert-Double samt Recorder. Es tut gut, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Er scheint unbeschadet durch die Montagsdemo getanzt zu sein und verkündet jetzt eine frohe Botschaft: die “Love Message” zu der sich Scooter, Fun-Factory, E-Rotic und andere Größen 1996 für einen guten Zweck vereinigt hatten. 2010 haben wir uns zusammen getan, um gemeinsam Kulturhauptstadt zu sein. “We are sending out a love message to the world, a love message to the world. Can you hear the message of love?” Die Musik weckt Erinnerungen. Ich schließe die Augen, sehe mich lässig an einem Auto-Scooter stehen. Ich rieche gebrannte Mandeln und Zuckerwatte, dann schales Bier. Ich öffne die Augen. Eine alte Frau schüttet neben mir eine PET-Flasche aus und packt sie in eine der prallen Lidl-Tüten am Fahrradlenker. Lippert kräht den Refrain mit und verschwindet hinter dem Handelshof, in dem einst ein kleiner Junge namens Heinz Rühmann ein und ausging. Die Familie Rühmann führte das Hotel zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts.
Ich sehe blaues Licht. Es ist der Pfeil an der Rolltreppe zur U-Bahn. Ich fahre runter. Unten gibt es keine blauen Steine. Ich fahre wieder hoch.
Vor mir stehen Lippert und ein Mann auf dessen Jacke “Ordnungsamt” steht. Der Rekorder ist stumm. Der Ordnungsmann belehrt Lippert, der die Brille abgenommen hat, die schiefe Kappe aufbehält. Viele hätten es anders gemacht, wenn sie seriös wirken wollten, Lippert nicht. Einsichtig und tonlos tanzt er davon Schritte wie Detlef D! Soost.
Es riecht nach Abgas. Unter der Brücke westlich vom Bahnhof nehme ich meine Fährte wieder auf. Exakt jeder zwölfte Schritt trifft einen blauen Stein.
Ein kleiner Junge steht mit seiner Oma an einer Haltestelle. Er liegt total im Trend des Kulturpfades, trägt Turnschuhe, die bei jedem Schritt blau aufleuchten. Nach Scooter, Heath Hunter und Lippert jetzt auch noch blinkende Sneaker Der Kulturpfad ist voll Neunziger. Im Dunkeln der Unterführung will ich die Lichtquellen im Stein mal genauer anschauen, werde jetzt von drei Jugendlichen überholt. Einer von ihnen rotzt auf den Stein an dem ich stehe. Ich bin empört: “Was soll der Scheiß?” Die Jungs bleiben stehen: “Wieso?” Ich: “Wisst ihr eigentlich was das ist?” Sie: “Hä? Nö.” Ich: “Der Kulturpfad.” Sie: ”Ach, echt?” Ich: “Ja.” Der Rotzer kommt auf mich zu. “Wusst ich nich. Hier haste ne Kippe. Sorry!” Ich: “Schon gut“. “Wenn se dir nich schmeckt, brich den Filter ab, die hab ich aus Lloret, weißte?” Sie gehen weiter, auf den Pfaden der Kultur, und das Beste: Sie wissen es. Ich folge.
1301 Schritte: Bereits 19.36 Uhr. Vor mit bauen sie sich auf wie Riesen: RWE, Postbank, Evonik, VodaPhone, ThyssenKrupp. Bevor ich mich hindurch kämpfe, stelle ich mich ans Brückengeländer. Unter mir die A 40, der Ruhrschnellweg. Autos sausen unter mir her, auf ihrem eigenen Kulturpfad. Es dämmert. Ich zünde mir die Zigarette aus Lloret an. Der Wind weht stark, hier über der Autobahn. Qualm zieht in alle Richtungen. Hinter mir steht ein Denkmal für die Bergarbeiter der Stadt Essen. “Steile Lagerung” von Max Kratz: Bergmänner mit Grubenhelmen und -lichtern, eingepfercht in einem engen Stollen. Sie hacken in Kohle. Drahtige Körper, leere Blicke, rußige Lungen. “Freiheit” heißt es hier, wo Essens Skyline über allem wacht. Ich breche den Filter ab und rauche auf. Der Tipp war gut.
Vereinzelt kommen mir Menschen entgegen. Feierabendzeit. Männer mit Aktenkoffern im sicheren Griff. Sie tragen Mäntel die Frauen Pumps: klackernde Absätze auf dem Bordstein zwischen den Wirtschaftsriesen. Alle gehen Richtung Bahnhof. Sie sind “Vorweggeher“. Das verraten die Plakate und Schilder vor dem RWE-Powergebäude. “Kultur elektrisiert” steht hier auf einem weiteren Plakat. Darauf zu sehen ist ein Künstler mit elektrisiertem Haar und Pinsel in der Hand. Ich schaue auf den Messer: 1374 Schritte Kultur habe ich hinter mir. In der Fensterscheibe prüfe ich meine Frisur: alles platt wie immer. Nix elektrisch. Weiter gehts. Ich warte bis das rote Licht der Ampel dem grünen weicht und folge den blauen Lichtern, in den Stadtgarten hinein. Da ist das Aalto-Theater. Der Verkehrslärm hinter mir verflacht. Die Bäume rauschen. Ich höre leise Musik. Es könnte ein Klavier sein.
1906 Schritte: Ich stehe vor einem erleuchteten Fenster. Im Kellerraum mit weißen Wänden und altem Teppich sitzt ein Mann. Von oben sehe ich sein lichtes Haar, vor ihm ein Notenständer, in seinen Händen Cello und Bogen. Er übt. Aus Angst beobachtet zu werden, bleibe ich nur kurz.
2300 Schritte: Ich setze mich auf einen Begrenzungsstein an der Philharmonie. Es ist dunkel. Ich höre Flugzeuge, schaue hoch, sehe sie nicht, tiefe Wolken am Himmel. Ein Karnickel hoppelt über den Kulturpfad. Ein junges Pärchen verlässt ihn, geht über die Wiese. Die Frau hat Sorge in Hundescheiße zu treten, doch der Mann kann sich durchsetzen. Wenn sie wüsste, dass Sekunden später eine Ratte hier vorbeihuscht Sie würde das Gemecker einstellen und dankbar sein. Weiß sie aber nicht.
Ein Walker und eine Walkerin kommen, stapfen die Stufen vor der Philharmonie hinauf. “Da sind ja die drei Kollegen” Sie meinen die Statuen “Ganz große Geister” von Thomas Schütte. Baumhohe, Angst einflößende Wesen, zumindest jetzt im Dunkeln. Sie tragen Raumanzüge. Schwer zu sagen, ob sie in Tanzpose oder in Kampfhaltung dastehen. Die Sportler dehnen sich, lehnen an den dicken Beinen der Geister. “Wer sind hier die Geister?“ ist die aufklärerische Frage, die Schütte mit seiner Kunst stellt. Die Frau macht Gymnastik, der Mann zählt stets von 15 runter. Er ist ihr persönlicher Trainer. Jetzt macht sie “die Brücke”, er geht in die Hocke: Fünf Geister der großen Gesten in der Dunkelheit des Stadtgartens.
Er checkt jetzt ihren Puls, singt dabei “Listen to your heart” von Roxette. Sie lacht. Er erzählt von Felix Magath: “Wir können froh sein, dass der nicht Bundestrainer geworden ist. Der war nämlich erster Kandidat“, weiß er. “Aber so erfolglos, wie der gerade ist. Außerdem ist der eh nur n Schleifer.” Muss er gerade sagen. Mein Hintern wird kalt. Ich stehe auf und geistere weiter auf den Pfaden der Kultur.
Immer mehr Bäume stehen am Rand des Weges. Die blauen Lichter leuchten den Pfad vor mir aus, hunderte Meter, wie die Landebahn am Flugplatz. Aber hier geht es hoch und runter, rechts und links. Alle elf Schritte ein Stein. Die Laternen am Rand leuchten orange, weißlich und gelb die Glassteine im Boden alle im selben blau.
2665 Schritte: Es riecht nach Seehundbecken. Etwas steht am Wasser. Hüfthoch. Dahinter die rauschende Fontäne. Ich zünde mein Feuerzeug an. Ein bärtiger Kopf blickt mich an. Er gehört H.J. Stefen: Stadtgartendirektor 1883 bis 1907. Stefen erweiterte den Park 1888, als dieser den Besuchermassen nicht mehr genügte. Die Basis für den Stadtgarten entstand 1863: Bürger gründeten die “Essener Gemeinnützige Aktiengesellschaft”. Zu dieser Zeit sehnten sie sich nach einem exklusiven Volksgarten, der Wohlstand demonstrieren und zu gesellschaftlicher Anerkennung führen sollte. Unbemerkt hat sich ein Mann hinter mir auf die Bank gesetzt. Das Licht einer Laterne bescheint den Tetrapack Wein zu seinen Füßen. Gesellschaftliche Anerkennung sucht er hier nicht. Er holt Holz-Stäbchen aus seiner Cord-Jacke, isst Sushi. Ich wünsche guten Appetit. Er bedankt sich. Zufriedene Erschöpfung liegt in seiner Stimme. “Das tut nach der Arbeit immer ganz gut.” Mein Magen knurrt. Auch wenn Kultur Lebensmittel sein soll ich hätte jetzt gerne ein Brot.
3135 Schritte: Am Ende des Stadtgartens steht ein Wegweiser. Je näher ich dem Folkwang komme, desto gewissenhafter scheint der Weg gewiesen zu werden.
Der Bürgersteig an der Rüttenscheider Straße ist menschenleer. Meine Nase beginnt zu laufen. Es ist kalt geworden.
3581 Schritte: Ich kann das Folkwang sehen. Der kastenartige Komplex wirkt von außen steril. Davor stehen in regelmäßigen Abständen junge Bäume. Das Ganze sieht aus, wie ein Modell in einem Architekturbüro. Ich muss nur noch über die neue Fußgängerbrücke mit ihrem blauen Geländer. Mich beschleicht ein euphorisches Gefühl. Ich wähne mich am Ziel, sehe das Kulturwissenschaftliche Institut, so steht es am Gebäude am Ende der Brücke.
3783 Schritte: Ich stehe wieder auf dem Boden und sehe, dass es weiter geht: Überall blaue Steinchen. Ich laufe einmal um das gefeierte Museum Folkwang. So akkurat und klar seine graue Fassade, so glatt ist auch die Rasenfläche umher gestutzt. So sieht Kulturrasen aus. Vielleicht ist es auch die elektrisierende Wirkung der herausragenden Gemäldesammlung drinnen, die seine Halme streng nach oben zieht. Innen läuft gerade die Sonder-Ausstellung “A star is Born Fotografie und Rock seit Elvis“. Hieße es “Fotografie und Disco seit Dr. Alban” würde vielleicht auch Lippert kommen. Ich folge der Goethestraße bergab.
4794 Schritte: Montag 20. September im Jahre der Kulturhauptstadt Essen, 20.31 Uhr. Ich stehe auf dem letzten Stein des Kulturpfades am Ziel.
Vor mir der mächtige neoromanische Bau der Erlöserkirche. Außer ein paar Autos, die vorbei fahren ist hier niemand. Sie ragt in den Himmel, ich bin ein kleiner Punkt auf dem Pflaster. Wir sind beide da.
“Klack”, setze ich den Schrittzähler auf Null.