Ruhrpilot – Das Navigationssystem für das Ruhrgebiet

u-turm1Ruhr2010: Kulturhauptstadt lebt in Dortmund von Sponsoren…Der Westen

NRW: SPD trifft Linkspartei…Kölnische Rundschau

Kneipen: Zu viel Bürokratie in Essen…Der Westen

Twitter: Kurze Ansage…Blogbar

Hamas: Aus niedrigen Beweggründen…xtranews

StreetView: Interview mit Google…Pottblog

Dortmund: Pohlammn will Hochkultur fördern…Ruhr Nachrichten

Dortmund II: Streit um FZW…Ruhr Nachrichten

Medien: Mendener Zeitung macht dicht…Medienmoral NRW

Wirtschaft: Kommunen schlagen Private…Zoom

RuhrStadt: Photowettbewerb startet…Ruhr Digital

2010, Odyssee im Stadtraum

uliseeb_400hSechs Uraufführungen, 14 Stunden Schauspiel, 77 Schauspieler – im Ruhrgebiet wurde am Wochenende ein Theatermarathon gegeben. Doch  die „Odyssee Europa“ ist weniger Extremsport für Theaterjunkies als ein fröhlicher Ausnahmezustand.

Ein Glas Wein auf der Premierenfeier, „dann schlaf‘ ich wohl ein“. Ulrike Seybold vom Organisationsteam der „Odyssee Europa“ ist erschöpft. Gerade hat sie die aus dem Bochumer Schauspielhaus strömenden Theaterbesucher mit einem Megaphon angetrieben. Seit Wochen arbeiten die Organisatoren an den Abläufen des Wochenendes: „Die Mitreisenden begeben sich bitte in die bereit stehenden Busse“, scheppert es über den Theatervorplatz – auf zur nächsten Etappe, einer Schifffahrt mit Abendessen auf dem Rhein-Herne-Kanal Richtung Westen. Am Ende des ersten Tages bringt das Theater Oberhausen noch Uraufführung Nummer Drei.

Ein  Theatermarathon hat eigene Gesetze. Selbst Feiern wird zur logistischen Herausforderung. Die Polen, meint Anselm Weber der scheidende Intendant des Essener Grillo-Theaters auf dem Deck des Ausflugsschiffs, „die Polen haben schon um Sieben angefangen, da wird es nachher schwer reinzukommen.“ Gerade spiegeln sich die Lichter von Hafenanlagen im Fahrwasser des Rhein-Herne-Kanals, der Mond scheint über dem Südufer, Wanne-Eickel ist nicht weit. Die Idylle auf einem Fahrgastschiff „das älter ist als die Titanic“, wie der Kapitän stolz verkündet.
dobuehne_400qNoch betagter ist der Stoff, dem sich diese Theaterreise widmet: Die Odyssee von Homer, die älteste Reiseliteratur des abendländischen Kulturraums. Odysseus, ein Sieger von Troja, findet nicht zurück nach Ithaka zu Frau, zu Hof und Sohn. Der Gott Poseidon wütet gegen ihn, der Held muss über stürmische Meere, mit einer Zauberin leben. Beschützt von der Göttin Athene, bereist er sogar die Unterwelt, um seinen Weg zurück zu finden.

Für die sechs europäischen Schriftsteller, die sich im Auftrag der Ruhr 2010 dieses Stoffes angenommen haben, ist die Heimkehr Odysseus‘ einer der Ausgangspunkte. Nach zwanzig Jahren strandet Odysseus an der Küste Ithakas. Doch seine Gemahlin Penelope erkennt ihn kaum wieder, nassauernde Freier haben sich am Hof eingenistet und ihr erwachsener Sohn Telemachos. Odysseus tötet Penelopes Verehrer und alle Helfershelfer. Doch wie die Geschichte weiter geht, verliert sich in Mythen.

Am Essener Grillo-Theater hat der polnische Autor und Regisseur Grzegorz Jarzyna einen blassen Mann stranden lassen, der sein Gottvertrauen verloren hat. Einsam beginnt er ein stummes Gebet, bevor er in die Schlacht gegen die Freier zieht, den Tod findet er aber durch die Hand seines aufmüpfigen Sohnes. Um diese Rückkehr geht es auch im Finale, der am lautesten bejubelten Inszenierung am Sonntag Abend in Dortmund. Nun liegt Schnee auf Ithaka. Die Freier nennen sich  „Reformer“, sie haben Stauseen, Industrien, Schlachthöfe geschaffen, sie begnügen sich nicht mehr mit Odysseus‘ Weinkeller. In großem Stil beuten sie Ithaka aus, bis sie von Odysseus erschlagen werden. Müde hält er hernach seinen Sohn in den Armen – hält er ihn zu fest? „Odysseus, Verbrecher“ nennt der österreichische Autor Christoph Ransmayr seine Version der Odyssee, tapfer und wortkarg hat der Dramatiker die Theaterfahrt durchs Ruhrgebiet mitgemacht.

Zum Beispiel Oberhausen: Hier belauern sich vier Freier in Badehosen in einem leeren Pool. Bange warten sie auf Odysseus Heimkehr, ringen immer verzweifelter um Penelopes Gunst, die den mörderischen Wettkampf der Nebenbuhler wie die Spielleiterin einer Fernsehshow beobachtet. Als eine abschreckende Idee, mit der sich Penelope die Männer vom Leib hält, ist der Odysseus des irischen Autoren Enda Walsh übrigens der mächtigste dieses Wochenendes.

Nach einer kurzen Nacht steht Oliver Scheytt mit den anderen Reisenden im Foyer des Theaters an der Ruhr in Mülheim und wirkt schon sehr zufrieden mit dem Theater-Happening: „Wir sind bei den Leuten angekommen mit den Geschichten, der Idee, diesem Wochenende“, sagt der Geschäftsführer der Ruhr 2010 zur Halbzeit. Zu anstrengend sei das nicht, findet der Kulturpolitiker, oft bleibe noch Zeit für einen Kaffee, „und die Reisen empfinde ich als angenehm“.

muelnonn_400qDie Agentur „Raumlabor“ aus Berlin hat das Umfeld der Aufführungen entwickelt, auch die Busfahrt von Mülheim nach Moers am Ruhrdeich entlang. Rechts strömt der Fluss zum Rhein, links die Autobahn, dazwischen die Kleingartenanlage „Ruhrperle“; spitzgiebelige Häuschen, Deutschlandfahnen und blaue Autobahnschilder. Später passiert die Reisegruppe die weißen Riesen von Hochheide, trostlose siebziger Jahre Wohnsilos im Schmuddelwetter. Das Orkantief bringt Regen, Hagel und Wind von der Nordsee.

Das Moerser Schlosstheater spielt in einer ehemaligen Tennishalle eine weibliche, türkische Odyssee der Autorin Emine Sevgi Özdamar. Eine Irrfahrt der jungen Perikizi die um Auswanderung kreist, um Ausbeutung, Anpassung und auch für die Zuschauer in einem befreienden Hochzeitsfest gipfelt, einem „Bad in der offenen See“. Tee wird dazu gereicht, Süßigkeiten und Kolonya – türkisch Kölnisch Wasser. Dann ein Paukenschlag: Der Moerser Intendant bittet die Besucher für die kleine Bühne zu unterschreiben. An der Westgrenze des Ruhrgebiets befürchtet man, die Kommune werde das Theater schließen.

Die Irrfahrt endet in Dortmund, ein riesiges Straßenbahndepot, eine Festtafel für dreihundert Gäste, türkische Musik, türkische Küche, lange Schlangen, ein Stimmensummen. Das Paar nebenan ist einfach nur „glücklich“, diese Reise mitgemacht zu haben. Sie kommen aus Essen, haben das Theaterhappening trotzdem mit Übernachtung gebucht. Die Gelegenheit, sechs so unterschiedliche Stücke so kompakt vorgeführt zu bekommen, habe sie begeistert – aber noch mehr die „neuen Kontakte mit anderen Zuschauern oder unseren Gastgebern in Moers“. Und dann müssen ihm alle am Tisch von ihren Erlebnissen berichten und welches der Stücke, am besten gefallen habe.

gesicht_400qNatürlich ist dieser Reigen der Ruhrtheater auch ein Kräftemessen der Bühnen. Nicht nur die Autoren der Stücke, Vertreter der anderen Theater sind vor Ort, auch Prominente wie der Intendant des Berliner Ensembles. Mit Buhrufen reagierte Claus Peymann etwa auf den Hauptdarsteller an seiner alten Arbeitsstätte Bochum. Auf einer Guckkastenbühne hat Odysseus von seinem Abstecher in die Unterwelt berichtet – ein stark rauchender, fast leidenschaftsloser Held, der in dem Stück von Roland Schimmelpfennig auch als „Mann aus dem Lotto-Totto-Laden“ oder „Mann vom Sofortdienst“ geführt wird. Das Publikum hatte für das Spiel von Wolfgang Michael weit mehr übrig als Legende Peymann.

„Nein“, sie werde kein Ranking der Ruhrbühnen vornehmen, sagt eine Zuschauerin, Lehrerin aus Essen vor der letzten Aufführung: „Diese Art von Reise hat mich begeistert, diese Inszenierung mit uns“. Im Katalog der Odyssee stehe ja, dass es „um die Bühnenwerdung der Welt“ gehe. Ihre Theaterfreundin meint, sie habe selten mit so vielen Leuten gesprochen – komisch, dass es das nur bei einem solchen Happening gebe? War es das türkische Essen im Nordstadt-Depot, der frische Eindruck – diesen beiden gefiel die Auswanderer-Odyssee aus Moers besonders gut.

Nächste Termine: Sa/So 6./7. März 2010; Sa/So 13./14. März 2010; Fr/Sa 2./3. April 2010; Sa/So 22./23. Mai 2010

Hilf dem Hobo, kauf ne bodo!

bodo0310coverDie neue bodo ist raus! Das ist die Stunde, Gutes zu tun. Seit 15 Jahren hilft das Straßenmagazin Menschen in schwierigen sozialen Lagen – helft mit, kauft es.


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Dortmund: Pohlmann will Langemeyer zur Kasse bitten

pohlmannDer Wahlbetrug in Dortmund könnte ein juristisches Nachspiel bekommen: CDU-OB-Kandidat Joachim Pohlmann will im Falle seins Wahlsiegs den ehemaligen OB Gerhard Langemeyer zur Kasse bitten.

Im Interview mit den Ruhrbaronen sagte Pohlmann, dass Langemeyer als oberster Wahlbeamter der Stadt einen  großen finanziellen Schaden zugefügt hätte, für den er nach Möglichkeit zahlen müsse: „Er bekommt ja eine Menge Geld vom RWE, davon kann er was an die Stadt zurückgeben.“

Langemeyer hatte vor der Wahl die wirtschaftliche Situation er Stadt verschleiert und gehört somit zu den Verantwortlichen für die OB-Neuwahl in Dortmund am 9. Mai. Pohlmann will auch eine Verhaltenskodex schaffen, der es verhindern soll, das Politiker schnell Posten bei städtischen Unternehmen übernehmen,  wie zuletzt der ehemalige CDU-Fraktionsvorsitzende Hengstenberg, der auf einen lukrativen Job bei den Entsorgungsbetrieben der Stadt wechselte.  Hengstenbergs Verhalten verurteilte Pohlmann scharf.

Das ganze Interview bald hier auf den Ruhrbaronen.

Wagenknecht-Abmahnanwalt siegt gegen Blogger im einstweiligen Verfahren

sahra-wagenknecht_pressefoto1Wegen der Verwendung eines alten Pressebildes von Sarah Wagenknecht (Die Linke) hat der Abmahnanwalt der Fotografin Helga Paris vor dem Landgericht Berlin einen ersten Sieg gegen Blogs erzielt. Zuvor war er mit seiner Geldscheffelei noch vor dem Amtsgericht Charlottenburg gescheitert. In einer einstweiligen Verfügung hat nun das Landgericht beschieden, dass der Blogger Thomas Rodenbücher von xtranews eine Unterlassungserklärung abgeben muss, wonach er das Bild nicht mehr verwenden darf. Der Blogger muss die Kosten des Verfahrens tragen. Der Streitwert liegt bei 2000 Euro. Die Kosten demnach im Bereich zwischen 200 und 400 Euro. Das Geschäftsmodell eines Abmahnanwaltes hat also mal wieder gezogen.

Nach dem Sieg von Thomas vor dem Amtsgericht Charlottenburg habe ich gedacht, die Nummer wäre ausgestanden. Aber leider hat das Landgericht das nicht so gesehen. Es folgte einer Argumentation, die auch von Rechtsanwalt Markus Kompa hier vorgetragen wurde. Demnach war es im vorliegenden Fall belanglos, dass die Linke das nun abgemahnte Foto von Sarah Wagenknecht über zehn Jahre lang unwidersprochen als freies Pressefoto für den allgemeinen Gebrauch im Internet verbreiten hat. Es war belanglos, dass die Fotografin für das Foto damals gutes Geld von der damaligen PDS Dortmund bekam.

Das Gericht sieht es als Recht, dass der Abmahnanwalt nun für die Fotografin Helga Paris bei allen Bloggern im Internet abkassieren darf, die das Foto von Sarah Wagenknecht malk benutzt hatten. Der Abmahnanwalt Ronald Schmidt aus der Kanzlei Haupt hat auch die Ruhrbarone schon bedroht. Und weitere Blogs.

In unseren Augen ist das kein Recht. Die Gründe, die hier dagegen sprechen, sind in unseren Augen das stillschweigende Einverständnis von Paris in die Verbreitung ihres Fotos als kostenloses Pressefoto. Auch im Internet. Die Fotografin hat ZEHN Jahre tatenlos zugesehen, wie sich ihr Foto verbreitete, um dann plötzlich gierig zu werden.

Das Gericht hat nach meiner Auffassung den Zeitfaktor nicht richtig bedacht, wenn es darauf abhebt, dass der Abmahner seit einiger Zeit versucht, von den Linken Geld einzutreiben. Diese Versuche dort Geld einzusammeln sind ja durchaus gegebenenfalls OK. Aber diese Versuche gibt es auch erst seit jetzt vielleicht einem Jahr. Das Gericht sagt, diesen Streit sei bewiesen, dass die Fotografin nicht mit der Verbreitung ihres Fotos im Internet einverstanden gewesen sei. Gut, und was ist mit den zehn Jahren davor, als sie untätig zuschaute, wie sich ihr Pic verbreitete wie frisch geschnittene Fleischwurst? Selbst bei Anne Will wird das Foto von Wagenknecht auf der Internetseite benutzt. Aber dort kassiert der Abmahner offensichtlich nicht ab. er stürzt sich lieber auf Blogger. Supertyp der Anwalt.

b1Und warum hat sie diese Sache nicht öffentlich gemacht? Warum hat sie bewusst weiter Blogs ins Messer laufen lassen? Mehr noch, die Geldmasche von Abmahner Schmidt ins Causa Paris-Wagenknecht blieb unter der Decke, bis die Blogs  vor ein paar Monaten als neue Einnahmequelle entdeckt wurden. Deswegen ist es auch falsch, wenn das Gericht so tut, als hätten entweder der Blogger oder die Öffentlichkeit etwas von dem Streit zwischen dem Abmahner und den Linken mitbekommen können.

Mir drängt sich der Verdacht auf, als würde hier versucht, unter Missbrauch des Urheberrechtes Abmahngebühren einzutreiben. Das ist doch strafbar, oder?

Ich finde die Sache degoutant. Und hoffe, Thomas Rodenbücher findet die Kraft weiter zu kämpfen. Jetzt braucht er erstmal einen guten Rechtsanwalt und Hilfe für die bislang aufgelaufenen Kosten.

Wer was für ihn tun will, kann sich direkt an ihn wenden über xtranews.

Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand. Ich hoffe am Ende siegt die Gerechtigkeit. In der Diskussion zwischen Kompa und mir steht es damit 1:1.

Hier habe ich mehr über den Abmahner Schmidt geschrieben.
Wagenknecht-Abmahnanwalt kriegt nicht genug. Nach der ersten Klatsche zieht er vor das nächste Gericht
Sieg für Blogger. Abmahnanwalt erlebt Desaster in Sachen Wagenknecht
Update: Abmahnärger um Bild von Sahra Wagenknecht

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rau_ruettgersNRW: Raus langer Schatten…Der Westen

Literatur: „Ey Jupp, du altes Arschloch!“…Berliner Literaturkritik

Henri V: Merkel bei Premiere…Der Westen

Pro NRW: Rechten die Show stehlen…Bo Alternativ

Pro NRW: Kein Platz in Horst…Gelsenkirchen Blog

Pop: Festland…Spex

NRW: Die Rüttgers-Inszenierung…Wir in NRW

Ruhrgebiet: FDP-Vize Witzel im Interview…Pottblog

Frauen: Wozu noch Feminismus in Blogs?…Kontextschmiede

Geld: Geschäftsmodell Abmahnung…Süddeutsche

Online: Deutschland gegen Transparenz bei ACTA…Netzpolitik

Umland: Mescheder Kreistag…Zoom

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odysseus

Ruhr2010: Odysseus im Revier…Welt

Ruhr2010 II: Premiere mit Pennplatz…Spiegel

SPD: Gabriel rüttelt NRW-Genossen auf…Spiegel

Wirtschaft: Ruhrgebiet fällt zurück…Welt

FDP: Geschätzter Westerwelle…Gelsenkirchen Blog

Bochum: Frauen in Mali…Bo Alternativ

Pop: BlackIsBeautiful auf ByteFM!…Ruhrclubbing

Architektur: Mies van der Rohe Award…Revier Magazin

Bildung: Superhelden…Walhus

Ebay: Ärger wegen Paypal…Der Westen

Hannelore Kraft und die Chance der SPD zum Sieg in NRW

kraftDie SPD setzt zum Angriff auf die CDU an. Gemeinsam und solidarisch soll die schwarz-gelbe Regierung von Miet-Mich Jürgen Rüttgers (CDU) abgelöst werden. Gut. Der Parteitag in Dortmund war eine Paradeveranstaltung, um den Willen zum Sieg zu beweisen. Aber wie ist es denn, wenn man hinter die Kulissen schaut?

Da ist nicht alles Gold, was glänzt. Zunächst zum Inhalt: Die SPD will mit der Bildungspolitik nach vorne. Das soll der zentrale Baustein des Wahlkampfes werden. Mit diesem Thema soll der Gegner gestellt werden. Die SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft verweist in ihrer Rede auf die Defizite in NRW, die vielen Abbrecher, die miesen Kindergärten und die überforderten Schüler. Gut, das ist OK. Leider ist diese Taktik für die SPD gefährlich. Denn ausgerechnet in der Bildungspolitik verbirgt sich das größte inhaltliche Manko im Wahlprogramm der Genossen. Die Gemeinschaftsschule.

Die Bildungspolitiker der SPD haben die aktuellen Probleme zwar alle erkannt. Sie wissen um die Schwierigkeiten und Fallstricke. Sie konnten auch die Partei überzeugen, dass ein Wandel nötig ist. Gerade bei den populären Forderungen wie der Abschaffung der Studiengebühren war das auch einfach.

Allerdings gelang es den Bildungspolitikern nicht, der Parteispitze um Hannelore Kraft beizubringen, für einen radikalen Wandel einzutreten. Die wichtigsten Vordenker der sozialdemokratischen Schulbewegung haben sich den Mund fusselig geredet. Allein, sie konnten sich nicht mit ihrer Forderung nach einer Gesamtschule für alle durchsetzen. Die NRW-Spitze mit Kraft ganz vorne sind überzeugt, mit dem Thema Gesamtschule nicht siegen zu können, deswegen haben sie ein neues Ding erschaffen. Ein Kuchen, an dem viele Konditoren mitgepampt haben, manche auch, die von Bildungspolitik keine Ahnung haben. Die Rede ist von eben der Gemeinschaftsschule.

Im Kern soll in dieses Institut das Lernen in Haupt-, Real-, Gesamtschule und Gymnasium unter einem Dach vereinen. Ein bisschen Gesamtschule, mit dem gemeinsamen Unterricht für alle bis in die 6. Klasse. Ein Wenig Beliebigkeit, mit der Wahl zwischen Turboabi und Abi nach 13 Jahren. Das nenne ich matschig wie Brei, ohne klare Kante. Leistungsträger werden sich verabschieden auf andere Schulen und aus der Gemeinschaftsschule wird eine Resterampe besonderer Art. Statt auf dieses mediokre Projekt zu setzen, hätte die SPD mutig auf die Einführung einer neuen Gesamtschule drängen müssen. Aber egal. Lassen wir die zentrale Bildungspolitische Auseinandersetzung mal außer Betracht. Da können genug Leute besser drüber reden.

Reden wir hier mal vom Wahlkampf: Es wird Hannelore Kraft kaum gelingen, dieses unscharfe Konstrukt einer nennenswerten Zahl von Wählern im Wahlkampf zu erklären. Der politische Gegner allerdings hat alle Leichtigkeit dabei, die Gemeinschaftsschule von Kraft als Gesamtschule im Schafspelz zu verunglimpfen.

Die SPD hat mit dieser Art der Bildungsreform nichts gewonnen, nur der CDU Angriffsfläche geboten.

Ich finde dies bedenklich, weil sich auch hier eine Führungsschwäche innerhalb der SPD offenbart. Statt Maßstäbe zu setzen, an denen sich Wähler orientieren können, verlässt sich Hannelore Kraft auf den kleinsten gemeinsamen Nenner ihrer Anhänger. Wie das außen wirkt, scheint fast egal.

Damit kommen wir zum zweiten zentralen Punkt des Landesparteitages. Der Spitzenkandidatin. Die Bildungspolitik ist nur ein Beispiel, an dem sich die Schwäche von Kraft in Widerschein ihrer strahlenden Aura messen lässt. Sie gibt keine Führung, sondern lässt ängstlich Abmoderieren. Damit ist sie kaum mehr als ein Mädchen im Vordergrund, hinter deren Rücken vieles möglich wird.

Wie soll das werden, wenn sie mit echten Gegnern zu tun hat? Mit dem Chef des RWE beispielsweise, mit Jürgen Großmann. Ich wette, der Manager atmet einmal ein, dann klebt ihm Kraft quer unter der Nase. Nehmen wir die jahrzehntealten Klein-Braunkohlekessel am Niederrhein. Die alten Kaffeemühlen sollen seit Jahren abgeschaltet werden. Aber sie werden es nicht, weil das RWE sich wehrt.

Wenn Kraft hier Stärke zeigen will, werden die Leute rund um Großmann ihr sehr schnell erklären, dass dann a) Arbeitsplätze bedroht sind, b) Unternehmen abwandern könnten, c) vor dem Düsseldorfer Landtag Demos aufziehen dürften. Ich glaube nicht, dass Kraft dann stark bleibt. Vor allem, weil sie zusätzlich Anrufe von diversen Gewerkschaftern erhalten wird, die ihr erklären, wie Recht Großmann hat.

Dass Großmann bereit ist, Demos zu politischen Zwecken organisieren zu lassen, hat man in Hessen vor der Bundestagswahl gesehen. Dort lies er RWE-Azubis für den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) vor einem Atomkraftwerk aufziehen. Die vielleicht größte politische Leistung seit dem Ende von Winston Churchill. Die organisierte Gewerkschaftsjugend ausgerechnet für Koch zu mobilisieren – das schafft nicht jeder. Vor dieser Leistung dürfte jeder Wahlkämpfer vor Neid erblassen.

Naja, worauf ich hinaus will: Ich glaube, die SPD hat eine gute Chance, die Wahl in NRW zu gewinnen. Ich glaube auch, Kraft ist nicht ganz falsch. Die Menschen sehen die Frau und denken, ach so schlimm ist die gar nicht. Gerade persönlich als Mensch wird sie mit ihrem authentischen Auftreten viele Wähler überzeugen können. Dazu kommt eine immer stärker werdende Partei, die immer besser mobilisiert und immer attraktiver wird. Davor muss man den Hut ziehen.

Ähnlich wie Andrea Ypsilanti wird Kraft deshalb am Ende sehr viele Leute überraschen mit ihrem positiven Abschneiden.

Allerdings wird ihr dabei auch Rüttgers helfen, dem im Wahlkampf noch jede Menge böser Enthüllungen drohen. Allein in den kommenden zwei Wochen stehen dem Mann einige miese Überraschungen bevor, vor denen ich jetzt schon Angst hätte, wenn ich er wäre.

Aber ich sehe auf der anderen Seite die Gefahr, dass Kraft diese Chance der SPD mit einem nicht überzeugenden Programm, wie der Einführung der Gemeinschaftsschule, verschenkt – sei es im Wahlkampf, sei es nach der Wahl in den Koalitionsverhandlungen. Auch im Sieg kann man verlieren.

Und ich glaube leider auch, dass sie keine wirkliche politische Alternative zu Rüttgers ist. Sie ist als Politikerin zu schwach, um eine gute Ministerpräsidentin zu werden. Ich hätte der SPD eine stärkere Kandidatin gegönnt. Auch wenn das jetzt einfach nicht mehr organisatorisch möglich war.

Auf dem Landesparteitag der Genossen haben nur drei Leute gegen Kraft als Spitzenkandidatin gestimmt. Ich vermute, das waren die Leute, die sie am besten kannten.