
So langsam setzt sich wohl auch in Nordrhein-Westfalen eine Erkenntnis durch, die man hierzulande offenbar möglichst lange und gerne verdrängt hat: Die Olympia-Bewerbung von Köln-RheinRuhr ist keineswegs der große Selbstläufer, als der sie uns in den vergangenen Monaten (unter anderem vom WDR) gerne unkritisch verkauft wurde. Im Gegenteil. Nach dem Abschlussbericht der DOSB-Evaluierungskommission liegt Konkurrent München mit 87 Punkten vor Köln-RheinRuhr mit 85. Berlin folgt mit deutlichem Abstand bei 74,6 Punkten.
Das Rennen um die deutsche Bewerbung ist damit zwar scheinbar eng. Aber selbst wenn NRW diesen Wettbewerb am Samstag in Baden-Baden überraschend für sich entscheiden sollte, wäre das hier im Westen noch lange kein Grund, die Sektkorken knallen zu lassen.
Denn dann würde der eigentliche Wettbewerb überhaupt erst beginnen.
Und genau bei diesem Gedanken wird die Bewerbung aus NRW plötzlich ziemlich klein. Denn was national noch als innovatives, nachhaltiges und dezentrales Konzept verkauft werden kann, dürfte im internationalen Vergleich erheblich schwerer zu vermitteln sein.
International wird es richtig ungemütlich
Das Grundproblem liegt auf der Hand: NRW möchte Olympia möglichst vernünftig organisieren. Bestehende Infrastruktur nutzen, möglichst wenig neu bauen, die Region einbinden und die Wettbewerbe auf zahlreiche Orte verteilen. Das klingt zunächst einmal sympathisch.
Nur: Der internationale Spitzensport funktioniert längst nach anderen Maßstäben.
Die aktuellen Entwicklungen rund um internationale Großereignisse zeigen, wie stark es um Inszenierung, Modernität, Vermarktung und maximale Außenwirkung geht. Wer dagegen mit der Grugahalle oder der Westfalenhalle als olympischen Wettbewerbsstätten Eindruck schinden möchte, dürfte es auf der internationalen Bühne schwer haben.
Natürlich haben beide Hallen eine große Geschichte. Aber genau das ist der Punkt: Olympia 2036, 2040 oder 2044 wäre kein Nostalgiefestival des Ruhrgebiets. Internationale Sportverbände dürften kaum begeistert sein, wenn ihnen anstelle moderner, speziell für solche Veranstaltungen konzipierter Arenen in die Jahre gekommene Traditionshallen präsentiert werden.
Man muss das nicht schlecht finden. Man sollte nur ehrlich genug sein, die Konsequenzen daraus zu benennen.
17,6 Millionen Tickets lösen das Problem nicht
Die NRW-Bewerbung hat im nationalen Vergleich durchaus Argumente auf ihrer Seite. Bei den möglichen Tickets liegt Rhein-Ruhr mit 17,6 Millionen national deutlich vorne. Auch bei den möglichen Tageszuschauern erhielt das Konzept die Höchstwertung. Bei der „internationalen Strahlkraft Sport“ kam NRW ebenfalls auf 100 Punkte und damit vor Berlin und München.
Nur wird aus einer hohen Zahl möglicher Zuschauer noch keine überzeugende olympische Bewerbung für die Weltbühne.
Denn genau dort könnte sich die vermeintliche Stärke des Konzepts als Schwäche erweisen: Viele Menschen, viele Städte, viele Veranstaltungsorte – aber eben auch viele Wege und kein vergleichbares olympisches Zentrum.
München punktet laut Evaluierungskommission gerade mit seinen kurzen Wegen und der zentraleren Organisation. Bei der sportfachlichen und operativen Eignung lag die bayerische Bewerbung vorne.
Und wenn schon innerhalb Deutschlands darüber diskutiert wird, welches Konzept sportlich und organisatorisch überzeugender ist, dürfte die internationale Konkurrenz kaum leichter werden.
Vielleicht sollte NRW lieber dankbar scheitern
Das eigentlich Absurde an der derzeitigen Debatte ist deshalb die Vorstellung, ein Erfolg gegen München wäre bereits ein großer Triumph. Selbst wenn NRW am Samstag gewinnt, hätte man zunächst nur die deutsche Vorauswahl überstanden.
Danach müsste man internationale Sportfunktionäre davon überzeugen, dass eine Ansammlung vorhandener Arenen in Köln, Dortmund, Essen und anderswo tatsächlich das attraktivere olympische Gesamtpaket darstellt als Bewerbungen aus Regionen, die ihre Spiele möglicherweise deutlich konzentrierter und mit modernerer Infrastruktur präsentieren können.
Das dürfte schwierig werden. Sehr schwierig sogar.
Und vielleicht wäre es deshalb für NRW gar nicht die schlechteste Nachricht, wenn der nationale Traum am Samstag platzt. Dann wäre wenigstens frühzeitig Schluss mit dem millionenschweren Bewerbungszirkus, den politischen PR-Terminen und der medialen Dauerbeschallung rund um das Thema.
Denn eines sollte man bei aller Begeisterung nicht vergessen: Selbst ein deutscher Zuschlag wäre noch kein olympischer Sieg. Er wäre lediglich das Ticket für den nächsten Wettbewerb.
Und dort dürfte für die NRW-Bewerbung mit ihrem arg begrenzten Charme dann endgültig sehr schnell Schluss sein.
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