
Die Reaktionen in Politik und Feuilleton auf die Berichterstattung über Rainer Brüderle könnten kontroverser nicht sein. Bei manchen Bemerkungen fällt ein altbekanntes Muster auf, was oft zum Tragen kommt, wenn (angesehene) Männer sich eines Belästigungsvorwurfs erwehren müssen. Dann nämlich tritt der männliche Bündnisfall in Kraft.
Eine Frau sagt, dass sie von einem Mann sexuell bedrängt wurde. Öffentlich. Das ist mutig. Und schon ist eine Schar von Männern reflexartig zur Stelle, um ihren Geschlechtsgenossen in Schutz zu nehmen. Eine beliebete Strategie dabei (1.): Das „angebliche“ Opfer unglaubwürdig machen.
Wie Guido Westerwelle: „Diese Art der Berichterstattung ein Jahr nach einem angeblichen Vorfall ist zutiefst unfair“.
Oder wie der FDP-Trauma-Experte Wolfgang Kubicki: „Ich wundere mich, dass die junge Journalistin offensichtlich über ein Jahr gebraucht hat, um ihr Erlebnis zu verarbeiten.“
Auch sehr beliebt (2.): Dem Opfer eigennützige Motive unterstellen. Wie FDP-Präsidiumsmitglied Jörg-Uwe Hahn:
„Diese Geschichte ist ein Tabubruch. Wer es nötig hat, so etwas als ‚Story‘ zu verkaufen, hat sich von seinem Chefredakteur vor den schmutzigen Karren spannen lassen. (…) Ich war bei den angeblichen (siehe 1., M.N.) Vorgängen nicht dabei. Es kommt mir aber so vor, als versuche der ‚Stern‘ eine große Schippe Dreck auf den liberalen Spitzenkandidaten zu werfen, und hofft dabei, dass schon irgendwas hängen bleibt. Das ist Journalismus unter der Gürtellinie.“
Drittens (3.): Dem Opfer selbst die Schuld geben. Wie Sebastian Edathy: „Es zeugt für mich von einem merkwürdigen Berufsverständnis, als Journalistin um Mitternacht an einer Hotelbar ein offizielles Gespräch mit einem Politiker führen zu wollen“.
… und schon wird sich die nächste Frau zweimal überlegen, ob sie sich gegen Belästigungen wehrt.
(Alle Zitate von Spon)






