Corona und Katastrophenschutz: Können wir noch die Kurve abflachen?

CoVid in einer Bearbeitung von K. Gercek

Seit dem 15. März 2020 unterhalten sich die Ruhrbarone mit Magnus Memmeler.  Bis heute sind 28 Interviews entstanden, die den Katastrophenschutz ins Visier nehmen und auch die Corona-Krise nachzeichnen. Im 29. Interview geht es u.a. um die Gesundheitsämter am Limit, um mehr als 14.000 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden und immer wieder um den Katastrophenschutz.

Ruhrbarone: Fünfstellige Infektionszahlen haben wir letzte Woche in Aussicht gestellt. Unsere Erwartung ist nun wahr geworden. Mit Blick auf die Uhr ist es schon nach zwölf? Wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung?

Memmeler: In der Tat machen die Infektionszahlen dieser Woche nicht zuversichtlich, dass es gelingen wird, das Infektionsgeschehen noch lange zu beherrschen. Ich denke, wir befinden uns an einem Punkt, den man mit der mahnenden Erinnerung des Finanzamtes vergleichen kann, doch endlich seine Steuererklärung einzureichen, wenn man Strafzahlungen vermeiden will. Die Zeit wird extrem knapp, in der wir unser Verhalten ändern und mit der Einhaltung der doch simplen Regeln unseren Beitrag leisten können, das Infektionsgeschehen wieder beherrschbarer zu machen.

Wenn Prof. Dr. Lothar H. Wieler als Präsident des RKI alle Gesundheitsämter fast flehentlich darum bittet, die Kontaktverfolgung bei Infektionen nicht aufzugeben, damit Infektionsketten nachverfolgt und dadurch unterbrochen werden können, sollte dies auch den Letzten aus dem besoffenen Traum von Partybegegnungen wach küssen. Das größte Infektionsrisiko besteht inzwischen im Privatleben, da es noch immer zu viele Menschen gibt, die sich im Lateinunterricht nur den Spaß „in dubio pro libido“ merken konnten (Im Zweifel für das Vergnügen). Genau diesen Egoismus weniger prangert unsere Kanzlerin inzwischen zum zweiten Mal und nahezu wortgleich in ihrer Ansprache an.

Nein, anders als bei vergangenen Neujahrs- oder Weihnachtsansprachen hat sich die Regie nicht beim Tape vergriffen, sondern die Kanzlerin will zum Ausdruck bringen, dass sie sich ernsthaft Sorgen macht und wir alle gefordert sind, uns an Regeln zu halten, die andere schützen. Dass das erforderlich ist, beweisen auch Angestellte in medizinischen Fachberufen, die sich trotz aller Warnungen mit innigen Umarmungen im Dienst begrüßen, obwohl sie nicht wissen, wo die Kolleginnen und Kollegen am Wochenende feiern waren.


Magnus Memmeler (53 Jahre) lebt in Kamen. Seit über 31 Jahren arbeitet er im Rettungsdienst und Katastrophenschutz. 25 Jahre davon hat er diverse Leitungsfunktionen eingenommen. Er war beauftragt zur Organisation des Sanitätsdienstes beim DEKT in Dortmund und Verantwortlicher einer großen Hilfsorganisation bei der Versorgung und Unterbringung von Geflüchteten in den Jahren 2013 – 2018. Er war zudem Mitglied bei der Stabsarbeit von Bezirksregierungen und in Arbeitskreisen des Innenministeriums bei der Konzeption von Katastrophenschutzkonzepten.


Wenn der AFD-Justiziar Stephan Brandner sagt, die AfD mache mit der Abmahnung gegen das Maskengebot im Bundestag im Kleinen vor, was er sich auch von den Bürgern außerhalb des Parlaments wünsche, hilft das nicht dabei, die besonders hartnäckigen Regelbrecher wieder an Bord zu holen. Die Aufforderung, die Bürger sollten gegen „staatliche Schikanen“ klagen und „greift unsinnige staatliche Vorschriften gerichtlich an.“

Es zeigt endgültig, dass dieser rechte Mob nicht nur nicht wählbar ist, weil er auf die Gesundheit von uns allen sch(…) , stellt aber leider auch eine unglaubliche Gefahr dar, weil sich unglaublich große Teile unserer Gesellschaft ihre Informationen noch immer auf der Titelseite der Bild holen. Die von Schäuble im Bundestag angeordnete Maskenpflicht gilt seit dem 6. Oktober und erst einmal bis zum 17. Januar. Wer sich nicht daran hält, muss aus meiner Sicht zu Recht mit einem Bußgeld rechnen. Wie wir inzwischen alle wissen, halten sich AFD Abgeordnete nicht nur im Bundestag nicht an die bestehende Maskenpflicht. Der AFD Abgeordnete Stefan Brandner postet sogar sein Bild, ohne Maske im Zug, um seine Freiheit zu demonstrieren, die ja auch schon mal auf der Zugtoilette ausgelebt werden musste, um sich vor Kontrolleuren zu verstecken. Die Hamsterkäufe von Toilettenpapier und das Verhalten von Abgeordneten wie Brandner erwecken den Eindruck, dass das DIXI-Klo der passende Führerbunker für die AFD sein könnte – außen blau und innen braun.

Herr Lindner und die FDP machen es derzeit jedoch nicht unbedingt besser, wenn medienwirksam und populistisch von Willkür bei der Anordnung von Einschränkungen der Bürgerrechte geredet wird. Ja, es ist inzwischen zwingend angezeigt, dass der Bundestag und alle Landtage, die erforderlichen Maßnahmen erneut demokratisch legitimieren, um die Akzeptanz gegenüber den erforderlichen Schutzmaßnahmen zu schaffen, die aktuell zwingend erforderlich ist.

Entschuldigen Sie diesen kurzen Ausbruch. Angesichts der zahlreichen Dinge, die es zu verbessern gilt und der Tatsache, dass Mitarbeitende im Gesundheitsamt bis nach 22:00 Uhr verzweifelt versuchen, Kontakte zu recherchieren, damit die Inzidenzwerte eventuell doch wieder gesenkt werden können, macht es erforderlich, Brandstifter öffentlich zu benennen, wenn wir einen Flächenbrand vermeiden wollen.

Ruhrbarone: Kein Problem, denn Regelbrecher und geistige Brandstifter scheinen derzeit ja wirklich das größte Problem zu sein. Was gilt es im Moment zu verbessern? Wie können wir noch die Kurve kriegen oder besser abflachen?

Memmeler: Um zu unterstreichen, wie dringend es ist, dass Politik, Behörden und natürlich wir alle den erforderlichen Beitrag dazu leisten, dass das Infektionsgeschehen nicht unbeherrschbar wird, muss ich erneut darauf hinweisen, wie sich die Lage im Pflegebereich inzwischen entwickelt hat. In Bremen und Bayern ist es jetzt zu den ersten Ausnahmefällen gekommen, bei denen infizierte Pflegekräfte unter bestimmten Voraussetzungen infizierte Bewohner versorgen dürfen. In Bremen und im unterfränkischen Mellrichstadt ist dieses dem Personalmangel geschuldete Szenario nun Realität geworden.

In Bremen, wo sich in einem Wohnheim von den insgesamt 15 Bewohnern mit geistigen Behinderungen neun mit dem Coronavirus infiziert haben, dürfen nun einige der zehn ebenfalls positiv getesteten Mitarbeiter die Versorgung der infizierten Bewohner übernehmen. Möglich macht ein Passus in der jüngsten Corona-Verordnung vom 6. Oktober der Freien Hansestadt.

Dort heißt es in § 22 Absatz 2, das Gesundheitsamt könne „in begründeten Härtefällen oder zur Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit (…) auf Antrag weitere Befreiungen erteilen“. Antragsberechtigt sei „der Dienstvorgesetzte, die Arbeitgeberin oder der Arbeitgeber oder im Falle einer selbständigen Tätigkeit die betroffene Person selbst“.

Aus Personalmangel werden nun auch in Mellrichstadt infizierte Pflegekräfte eingesetzt, die sich aber ausschließlich um infizierte Bewohner kümmern dürfen, die auch in einem separaten Wohntrakt untergebracht sind. Die Pflegekräfte, so heißt es, hätten sich freiwillig dazu entschieden und zeigten bislang keinerlei Symptome. Das Gesundheitsamt in Bad Neustadt habe ausdrücklich nur deshalb eine Ausnahmeregelung erlassen, weil ansonsten die Versorgung der Bewohner nicht hätte sichergestellt werden können.

Für die infizierten Mitarbeiter gelten in beiden Fällen strenge Auflagen: So dürfen sie ihre Wohnungen nur verlassen, um zur Arbeit zu gehen. Nur noch mit solchen Sonderregelungen kann vielerorts die Versorgung von Pflegebedürftigen aufrechterhalten werden, denn die beiden beschriebenen Fälle dienen hier nur als Beispiel.

Luftfilter in Klassenräumen scheitern an politischer Kurzsichtigkeit

Und in einer Pressemeldung der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V. vom 20.10.2020 warnt Professor Marx davor, dass auf den Intensivstationen in zwei Wochen deutlich mehr Patienten liegen werden als noch im Augenblick. Es ist also wahrscheinlich, dass es auch in Kliniken bald zu sogenannten „Pestinseln“ kommen wird, wie Pflegekräfte Stationen, in Anspielung auf längst vergangenen Zeiten, Stationen nennen, auf denen Infizierte von Infizierten gepflegt werden müssen, weil das System sonst zusammenbrechen würde.

Vor diesem Hintergrund erscheint es völlig abstrus, dass der Einsatz von Luftfiltern in Klassenräumen an politischer Kurzsichtigkeit in zahlreichen Kultusministerien scheitert, denn der einzige Hinderungsgrund für deren Einsatz können die Kosten sein. Im Kampf gegen die Ausbreitung von Corona-Viren in Klassenzimmern könnten mobile Luftfilteranlagen eine wichtige Rolle spielen und einen zusätzlichen Beitrag dazu leisten, das Infektionsgeschehen nicht weiter ausarten zu lassen.

Für Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, ist klar, dass die Anordnung des Stosslüftens in Klassenräumen allein nicht reichen wird. Er schätzt, dass in etwa 100.000 Klassenräumen nicht richtig gelüftet werden kann. Aus einer aktuellen Umfrage des ARD-Magazins Monitor bei den Kultusministerien der Länder geht hervor, dass acht Bundesländer keine Anschaffung von Luftfilteranlagen planen und es ihren Schulträgern im Land auch nicht empfehlen wollen. Einige verweisen darauf, dass es „keine eindeutige wissenschaftliche Meinung“ gäbe. Genau dieser Verweis auf die Wissenschaft ist aber totaler Unsinn und stellt sich als Argument leider unmittelbar als Eigentor heraus. Selbst das Umweltbundesamt, die Behörde, die die Kultusminister berät, bestätigte unlängst die Wirksamkeit der Geräte.

„Die mobilen Luftreinigungsgeräte sorgen in jedem Fall dafür, dass die Konzentration an infektiösen Partikeln absinkt. Allerdings müssen die Anlagen entsprechend dimensioniert und richtig aufgestellt werden“, sagt Wolfram Birmili vom Umweltbundesamt.

Der Kostenpunkt in der Anschaffung ist je nach Gerät pro Klassenzimmer zwischen 1000 und 3000 Euro. Experten weisen darauf hin, dass mobile Luftfilteranlagen besonders in Klassenräumen nützlich wären, in denen nicht ausreichend stoß- und quergelüftet werden kann, um ansteckende Aerosole aus der Raumluft zu entfernen. In Fachkreisen ist mittlerweile unstrittig, dass sogenannte HEPA-Filter der Klasse H13 und H14 effektiv Aerosole und damit auch Viren aus der Luft filtern. Noch Ende August hatte das die NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer ausgesagt, sie halte von den Geräten viel, aber die Anschaffung für alle Klassenzimmer würde „Unsummen verschlingen“.

Während die Landesregierungen mit Förderprogrammen für Schulen zögern, haben einige Landesbehörden nach Monitor-Recherchen diese Geräte für sich selbst bereits angeschafft. Das Staatsministerium Baden-Württemberg zum Beispiel nutzt sie „vor allem in der hauseigenen Kantine zum Schutz der Beschäftigten oder bei größeren Terminen zum Schutz der Teilnehmenden“, heißt es. Auch die Hessische Staatskanzlei hatte sie in der Corona-Pandemie angeschafft, der Landtag NRW hat sich nach einem Testbetrieb auch für die Anschaffung mehrerer Geräte entschieden.

Eine Investition in mobile Luftfiltergeräte – auch in Schulen – ist für Joachim Curtius von der Goethe-Universität prinzipiell auch langfristig sinnvoll, da die Luftfilteranlagen nicht nur in den kommenden Monaten helfen würden, Infektionsrisiken in Schulen zu reduzieren, denn die Geräte könnten natürlich auch zukünftig zum Einsatz kommen, um zum Beispiel die Gripperisiken in den kommenden Jahren zu reduzieren.

NRW hat inzwischen ein neues Förderprogramm aufgelegt. 50 Millionen Euro für mobile Luftreiniger in Klassenzimmern, die nicht ausreichend gelüftet werden können. Auch Hessen und Rheinland-Pfalz haben erst in dieser Woche ähnliche Programme auf den Weg gebracht, Bayern fördert die Geräte seit Anfang des Monats. Insgesamt bieten aber nur vier von 16 Bundesländern ihren Schulen aktuell finanzielle Unterstützung für mobile Filteranlagen an. Warum werden diese Entscheidungen nach den Herbstferien getroffen und nicht im Sommer, als zahlreiche Virologen bereits auf die Risiken hingewiesen haben? Wir müssen dringend vor die Lage kommen und nicht pausenlos nach dem Tau suchen, wenn das Kind schon im Brunnen liegt.

Mit Faxgeräten gegen eine Pandemie

Ich zitiere aus einer Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie vom 19.10.20, damit auch dem letzten klar wird, dass es bitter ernst ist:

„Aufgrund der explosiven Infektionsdynamik, die wir in allen Hotspots quer durch Europa feststellen, steht zu befürchten, dass ab einer bestimmten Schwelle auch in bisher unkritischen Regionen die Kontrolle über das Infektionsgeschehen verloren geht. Bei Überschreiten dieses Schwellenwerts sind die Nachverfolgung einzelner Ausbrüche und strikte Isolationsmaßnahmen nicht mehr realisierbar und eine unkontrollierte Ausbreitung in alle Bevölkerungsteile, einschließlich besonders vulnerabler Risikogruppen, nicht mehr adäquat zu verhindern. Es steht zu erwarten, dass dies zu einer raschen Überlastung der Gesundheitssysteme führen würde, was zum Beispiel in Deutschland allein schon wegen des Mangels an Intensivpflegekräften bereits bei weit unter 20.000 Neuinfektionen pro Tag der Fall sein könnte. Hierunter wird nicht nur die Behandlung von COVID-19 Patienten, sondern die gesamte medizinische Versorgung leiden.“

Aktuell ist es bittere Wahrheit, dass wir versuchen, mit Faxgeräten eine Pandemie zu beherrschen, obwohl die Warnung der Virologen nicht eindringlicher hätte ausfallen können. Bisweilen mutet das Meldesystem wie bei Stille Post an. Immer wieder kommt es zu Unterschiedlichen Berechnungswerten der lokalen Gesundheitsbehörden im Vergleich zu dem, was das RKI offiziell mitteilt. Leider ist der vom RKI verkündete Inzidenzwert aber offizielle Entscheidungsgrundlage, wenn es gilt lokale Schutzmaßnahmen umzusetzen. Schön, dass ich in einem Kreis wohne, im dem der Landrat den mathematischen Kenntnissen seiner Mitarbeiter vertraut hat, als es auch in meinem Heimatkreis zu unterschieden in der Bewertung durch Kreis und RKI gekommen ist.

Wie so was passieren kann? Ganz einfach, Datenverzögerung. Das Robert-Koch-Institut ist zwar Deutschlands oberste Gesundheitsinstanz, allerdings ist die Behörde auf die Zahlen angewiesen, die von den Gesundheitsämtern übermittelt werden. Der Ablauf sieht wie folgt aus. In einem Labor wird eine Testprobe positiv auf Sars-CoV-2 getestet. Das Ergebnis wird an das örtliche Gesundheitsamt übermittelt, davon gibt es in Deutschland mehr als 400. Das Gesundheitsamt wiederum meldet die Zahl der Infizierten an die zuständige Landesbehörde. Erst die meldet die Daten dann dem Robert-Koch-Institut. Auf diese Art und Weise geht einige Zeit ins Land. Zusätzlich kommt hinzu, dass das RKI und die Landesbehörden unterschiedliche Zeitpunkte für die Übermittlung und Auswertung der Daten haben und auch die Gesundheitsämter nicht rund um die Uhr arbeiten.

Das RKI veröffentlicht seinen täglichen Situationsbericht mit Daten von 0 Uhr. Hamburg tut dies zum Beispiel um 9 Uhr, Berlin um 12 Uhr, Baden-Württemberg um 16 Uhr und Hessen um 21 Uhr. Eine Anpassung der Meldezeiten ist angeblich nicht ohne weiteres möglich, da Gesundheit Ländersache ist. Die Selbstständigkeit der Länder macht sich hier, wie auch schon bei Lockerungen und Beschränkungen, bemerkbar. Technisch ist es zwar möglich, dass die Gesundheitsämter ihre Daten direkt an das Robert-Koch-Institut übermittelten, dafür müsse allerdings das Infektions­schutz­gesetz in den Ländern angepasst werden. Damit würden sich die Bundesländer aber die Hoheit über ihre eigenen Daten nehmen. Meine Mutter würde sagen, dass sich die Herrschaften aber auch einfach mal am Riemen reißen können, weil es Not tut und aus der Not eine Tugend machen, indem man Pragmatismus lebt, ohne gleich Ländergesetze ändern zu müssen.

Bei so viel Amtsschimmel bereitet es dann Sorge, wenn Herr Seehofer verkündet, dass das BBK (Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe) zukünftig eine führende Rolle bei der Pandemie-Bekämpfung einnehmen soll und wir alle schon jetzt wissen, dass auch der Katastrophenschutz Ländersache ist.

Ruhrbarone: Da wir in den vergangenen Monate immer wieder unser Augenmerk auf den Katastrophenschutz legen, was plant der Bundesinnenminister Herr Seehofer?

Memmeler: Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) will das zuletzt heftig von ihm kritisierte Bonner Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) stärker für den Einsatz bei zivilen Katastrophenfällen und für den Kampf gegen die Pandemie ausrichten. Es steht zu befürchten, dass dies zu einer ähnlich exzellenten Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern führen wird, wie ich soeben für die Gesundheitsbehörden beschreiben musste. Anlässlich seines ersten Besuchs der Behörde in Bonn, die seinem Ministerium untersteht, gab Seehofer zu Protokoll:

„Dass wir das BBK reformieren – personell und strukturell – hat übrigens nichts mit dem Fehlschlag beim (bundesweiten) Warntag zu tun“. Vielmehr habe die Corona-Pandemie ihm deutlich vor Augen geführt, dass die Bonner Bundesbehörde mit ihren rund 400 Beschäftigten in den 16 Jahren seit ihrer Gründung „von Anfang an auf den Verteidigungs- und Spannungsfall beschränkt war“. Das BBK habe „beachtliche Ressourcen und auch eine Leistungsfähigkeit.“

Besonders, dass der Minister den BBK Mitarbeitern „eine Leistungsfähigkeit“ attestiert, wird bei den dort beschäftigen Kolleginnen und Kollegen unmittelbar Vertrauen in die Zukunft geweckt haben, da dem Minister mehr Wertschätzung leider nicht über die Lippen kam. Seehofer sagt nun, es sei nicht zu vertreten, dass diese Ressourcen im BBK für zivile Katastrophenfälle oder auch im Kampf gegen Pandemien nicht zur Verfügung stünden.

„Das möchte ich ändern. Das bedarf wahrscheinlich auch einer Gesetzesänderung.“

Diese Gesetzesänderung will er gemeinsam mit dem designierten neuen BBK-Präsidenten angehen. Seehofer kündigte an, dass der CDU-Innenpolitiker Schuster „wohl in der ersten Hälfte des November“ seinen Dienst als neuer Präsident des BBK in Bonn antreten werde. Seehofer will „diese strukturelle Veränderung“ des BBK mit einem neuen Arbeitsschwerpunkt etwa im Kampf gegen eine Pandemie aber erst umsetzen, wenn Schuster im neuen Amt sei. Zur Neuaufstellung des BBK solle es unter anderem Workshops geben wie auch der Rat externer Experten eingeholt werden.

Haben wir hier nicht schon oft genug die einschlägigen Drucksachen zitiert, die Ergebnisse von eben solchen Workshops zitieren, an denen zahlreiche Experten beteiligt waren?!

Hochziehen von Zugbrücken an den Innenministerien

Seehofer machte ebenfalls deutlich, dass man sich bei der Reform „primär in der Bundeskompetenz“ bewegen wolle. Befürchtungen von Bundesländern, wonach der Föderalismus im Zuge der BBK-Reform beschnitten werden könnte, seien „unbegründet“. Tosendes Gelächter in den Bundesländern überschattet aktuell wahrscheinlich das Geräusch, welches beim Hochziehen von Zugbrücken an den Innenministerien entsteht.

Mit dieser freundlich klingenden „Kriegserklärung“ erscheint für viele am Katastrophenschutz beteiligte Experten eine partnerschaftliche Analyse der Ergebnisse der LÜKEX 07, über deren Ergebnisse wir hier auch schon berichtet haben, fast schon als ausgeschlossen. Obwohl es bereits im Auswertungsbericht der LÜKEX 07 heißt:

„Grundsätzlich werden mit jeder LÜKEX die Zusammenarbeit und die Abstimmungswege zwischen den Bundesressorts, den Ländern sowie Kritischen Infrastrukturen (KRITIS) geübt. Schon in der intensiven Vorbereitung und Planung einer LÜKEX werden Optimierungen in Krisenmanagementprozessen vorgenommen, die Kommunikationsstrukturen gestärkt und Probleme erkannt.“,

muss nun leider davon ausgegangen werden, dass ein Elefant im Porzellanladen soeben dafür gesorgt hat, dass föderale Scheingefechte viel Energie rauben werden, die wir eigentlich für die Bewältigung der Pandemie benötigen.

Angesichts dessen was dem Katastrophenschutz nun bei der „Zusammenarbeit“ von Bund und Ländern droht, wirkt die von Frau von der Leyen abgefeierte Unterstützung Tschechiens fast schon grandios. Tschechien wird über die rescEU-Reserve eine erste Lieferung von 30 Beatmungsgeräten erhalten, nachdem das Land aufgrund steigender Coronavirus-Infektionen um Hilfe gebeten hatte.

Präsidentin von der Leyen sagte:

„Tschechien befindet sich derzeit in einer der schwierigsten Situationen in Europa. Das Land benötigt medizinische Ausrüstung für die Behandlung von Patienten. Wir lassen unsere europäischen Freunde in diesen schwierigen Zeiten nicht im Stich. Die Europäische Kommission mobilisiert medizinisches Material über unser Katastrophenschutzverfahren.“

Angesichts von tausenden Beatmungsgeräten, die das Bundesgesundheitsministerium bekanntlich verschenken will oder muss, ist die Großzügigkeit der EU geradezu grotesk.
Hintergrund: Die rescEU-Reserve kann verschiedene Arten von medizinischer Ausrüstung umfassen, beispielsweise Schutzmasken oder medizinische Beatmungsgeräte, die in der Intensivpflege eingesetzt werden, und sie wird ständig aufgefüllt. Die Reserve wird von mehreren Mitgliedstaaten unterhalten, die für die Beschaffung der Ausrüstung zuständig sind.

Die Europäische Kommission finanziert die Ausrüstungen sowie deren Lagerung und Transport zu 100 Prozent. Derzeit halten sechs EU-Mitgliedstaaten rescEU-Bestände bereit: Dänemark, Deutschland, Griechenland, Ungarn, Schweden und Rumänien.
Eventuell sollte ich zum Abschluss betonen, dass wir in der Bundesrepublik, im Vergleich mit allen anderen Staaten, tatsächlich hervorragend aufgestellt sind, um diese Krise meistern zu können, da die Antworten auf die heutigen Fragen auch das Gegenteil vermuten lassen können. Egal wie gut wir sind, wir können es sicherlich noch besser hinbekommen. Bleibt bitte alle besonnen und passt auf Euch auf.

Ruhrbarone: Herzlichen Dank und bleiben Sie gesund.

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5 Kommentare

  1. #1 | ke sagt am 25. Oktober 2020 um 14:07 Uhr

    Ist es ein föderales Problem oder ist es einfach die fehlende Flexibilität der Administrationen?
    Dass letzte Woche Daten von halb NRW nicht berücksichtigt wurde, obwohl die Server nur kurz und am Tag ausgefallen sind, zeigt doch eher, dass das Engagement in der verantwortlichen Bereichen fehlt.

    Die Behörden können einfach keine Pandemie und machen das, was bei Unsicherheit und Inkompetenz immer funktioniert:
    a) Zuständigkeiten klären
    b) Information hiding
    c) Datenschutz

    In den letzten Tagen musste ich öfter an Helmut Schmidt während der Flut 62 denken. Einfach mal pragmatisch agieren und notfalls später um Vergebung bitten.

  2. #2 | Helmut Junge sagt am 25. Oktober 2020 um 15:37 Uhr

    @Ke, es ist so wie beim Waldbrand.
    Bloß nicht sofort vor Ort löschen, sondern warten, bis es zu einem gemeinsamen Löschen durch alle Bundesländer kommt, weil dann alle Wälder brennen.
    Bei Covid geht es um gemeinsame Maßnahmen, weil dann alle angesteckt sind.
    Zwischendurch aber mit dem Finger in Richtung Ausland zeigen, wo es manchmal sogr noch schlimmer aussieht.
    Kapiert haben unsere Politiker von der ersten Welle garnichts, weil sie dann den Mumm haben müßten, in ihrem Zustängigkeitsbereich gegen den Willen großer Teile ihrer Wählerschaft zu regieren.
    Da versteckt man sich lieber hinter der Kanzlerin oder vielleicht sogar hinter der -EU, die noch weniger damit zu tun hat. Und wenn man wartet, bis Einreiseverbote durch andere Länder angeordnet werden, dann braucht man selber nicht mal Reisewarnungen auszusprechen.

  3. #3 | ke sagt am 25. Oktober 2020 um 16:30 Uhr

    Im Wesentliche ist das eine kommunale Sache.
    Da sitzen aber zu viele Parteisoldaten mit Posten.

    Die Administration verwaltet die Krise. Impulse, abgesehen vom Logdown, gab es nicht.
    Die privaten Veranstaltungen mit vielen Besuchern inkl. Schulöffnung war der Todesstoß.

    Dass man in 9 Monaten Pandemie nichts gelernt hat, sieht man daran, dass kein plan 100+ existiert etc. Dann haben wir in vielen Städten noch Lame Ducks als OB.

    Wir müssen es mal wieder alles selber machen. Wie in der ersten Welle und die paar Ignoranten irgendwie überzeugen oder durchziehen.

  4. #4 | Robert Müser sagt am 25. Oktober 2020 um 18:07 Uhr

    Vielen Dank wieder für diese Darstellungen.

    Mich beschleicht inzwischen das Gefühl, dass in einigen Revierstädte die Corona-Lage langsam entgleiten könnte. Die Gesundheitsämter können in manchen Fällen die Ketten nicht mehr sauber nachverfolgen. Gleichzeitig sind die ersten Kliniken an ihren Grenzen in Bezug auf die Intensivmedizin angekommen.

    Ein paar Beobachtungen aus der letzte Woche ohne Wertung:

    In einer Kleingartenanlage fand eine "kuschelige" Party in einem Baucontainer statt, kein Abstand und kein MNS,
    kein Einhalten von Abständen oder das Tragen von MNS im Bereich von Bahnhöfen, U-Bahnhöfen etc.,
    intensive Feiern in diversen privaten Wohnungen hier im Siedlungsbereich mit vielen Besuchern, viel Alkohol …

    Mal schauen ob dies alles gut ausgehen wird.

    An einem Teil der Bevölkerung scheinen die Bitten oder Hinweise in Sachen Corona-Schutz spurlos vorbeizugehen.

  5. #5 | Ottoburger sagt am 25. Oktober 2020 um 19:51 Uhr

    Wird das Ruhrgebiet zum Testfall der These: „Bist Du dumm, dann musst Du früher sterben!“ – oder gilt sogar: „Lebst Du mit Dummen, dann bist Du eher dran?“

    «Brandstifter»: Dass Bergbau Probleme hinterlässt, ist in der Satzung der RAG-Stiftung über Jahrtausendschäden zu lesen:

    § 2 Zweck – Zweck der Stiftung ist ( https://www.rag-stiftung.de/stiftung/satzung )

    • Unterstützung bei der Beseitigung und Vermeidung von Folgelasten des Steinkohlenbergbaus
    • Förderung von Bildung, Wissenschaft und Kultur in den Bergbauregionen an Ruhr und Saar, soweit dies im Zusammenhang mit dem deutschen Steinkohlenbergbau steht

    Die Menschen im Ruhrgebiet sterben fünf Jahre früher als solche in bevorzugten deutschen Regionen. Das Ruhrgebiet braucht eine Diskussion, wie mit Covid-Gefährdern (infektiöse «Brandstifter») durch Dummheit umzugehen ist.

    Appelle helfen nicht mehr und keiner hört darauf. Es wird ein sehr harter Winter! Das Ruhrgebiet wird lebensgefährlich.

    Siehe auch: https://www.ruhrbarone.de/nice-to-know-wissen-fuer-duisburger-duisburg-fuer-klugscheisser/191955#comment-1234848

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