Der Rücktritt von Max Eberl bei Borussia Mönchengladbach offenbart ein großes Dilemma

Foto: Robin Patzwaldt

Fußball-Deutschland beschäftig aktuell die emotionale Pressekonferenz vom Freitag, bei der der Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach, Max Eberl, seinen sofortigen Rücktritt erklärt hat, weil er schlicht keine Kraft mehr hat um seinen Job auszuüben. Seine Offenheit wird gerade allseits gelobt. Der Respekt aller scheint im sicher. Das ist natürlich auch gut so, obwohl man sicherlich auch durchaus einige kritische Anmerkungen zum Verlauf seiner Amtszeit (insbesondere der letzten gut zwölf Monate) machen, Eberl jetzt nicht nur mit Lob und positiven Worten in seine angedachte und offenbar dringend nötige Auszeit verabschieden könnte.

Aber das erschiene mir an dieser Stelle hier jetzt ebenso unpassend, wie eine große Analyse der gestrigen Pressekonferenz. Mich erinnerte die Veranstaltung am Freitag und das Miterlebte in den vergangenen Wochen und Monaten nämlich stark an Abläufe und Beobachtungen, die wir, die wir den Fußball seit Jahren verfolgen, schon lange machen müssen, und die auch im Falle Eberls wieder vergleichbar ablaufen dürften. Leider, muss ich dazu sagen.

Als Max Eberl am Freitag öffentlich unter Tränen seinen Rückzug bekanntgab, weil er schlicht keine Kraft mehr hatte um Borussia Mönchengladbach aus der aktuellen Krise zu führen, da musste ich direkt an Robert Enke, Ralf Rangnick und auch Andreas Biermann denken, die in den vergangenen Jahren im Umfeld des Profifußballs, in ganz unterschiedlichen Positionen, mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen und Geschichten, ebenfalls Erfahrungen mit Überforderung und Rückzugsgedanken machen mussten. Auch Weltmeister Per Mertesacker klagte bereits öffentlich über den immensen Druck in der Branche.

In den Fällen von Enke und Biermann gelang der rechtzeitige Rückzug bzw. der Ruf nach Hilfe am Ende bekanntlich nicht. Enke nahm sich 2009 das Leben. Biermann starb von der Öffentlichkeit deutlich weniger beachtet im Jahre 2014. Rangnick arbeitet noch immer auf höchster Ebene im Fußball, trainiert, nachdem er 2011 beim FC Schalke 04 aufgrund eines Burnouts als Coach von einem Tag auf den anderen zurücktreten musste, inzwischen Manchester United.

Natürlich sind die Fälle nicht direkt eins zu eins miteinander zu vergleichen. Das ist klar. Es gibt natürlich Unterschiede zwischen einer Depression, einem Burnout und dem Gefühl einer Überforderung etc.. Die genauen Analysen, Abstufungen und Bewertungen überlasse ich dabei gerne den Fachleuten. Das ist hier und heute für mich auch gar nicht der Punkt, um den es mir in diesem Text geht.

Woran mich das Ganze am Freitag aber sofort erinnert hat, und weshalb ich mich vorhin entschlossen habe das Thema hier heute doch kurz aufzugreifen, das sind die vielen warmen Worte, die im Umfeld des Enke-Suizids damals fielen, nachdem seine Geschichte publik wurde und national diskutiert wurde. Von einem starken Anstiegs des Drucks auf die Protagonisten im Profifußball und im Sport generell war damals schon die Rede.

Viele Verantwortungsträger wollten schon vor rund zwölf Jahren mit dafür sorgen, dass den Beteiligten im Profisport bzw. im Profifußball zukünftig deutlich weniger Druck auferlegt würde, dass (wieder) sensibler mit ihnen umgegangen und ihnen mehr und frühzeitigere Hilfe zugetragen werden solle. Schöne Worte, an deren Umsetzung mir damals schon Zweifel kamen.

Druck wegnehmen und größtmöglicher Erfolg im Profisport, das schien mir schon 2009 eigentlich unvereinbar. Und als Max Eberl am Freitag von seiner immensen Belastung im Job als Manager sprach, die jetzt zu einem solchen Erschöpfungssyndrom bei ihm führten, da erinnerte mich sofort an die großen Worte, die damals bei der Trauerfeier von Robert Enke im Niedersachsenstadion von Hannover fielen, als unter anderem Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff neben anderen DFB-Spitzen von damals das Mikrofon ergriff und deutliche Veränderungen in dieser Hinsicht in Aussicht stellte.

Es mag durchaus viel passiert sein in dieser Richtung, doch offenbar reicht es noch immer nicht, wie die Entwicklung in Mönchengladbach zeigt. Kann überhaupt jemals genug getan werden um das Einknicken von starken Persönlichkeiten unter dem psychischen Druck der Arbeit in diesem Geschäft auszuschließen, um dafür zu sorgen, dass solche Führungspersonen nicht nach einiger Zeit in der Verantwortung plötzlich komplett den Spaß an der Sache verlieren? Ich glaube nicht.

Zumindest hat Max Eberl offenbar für sich noch rechtzeitig erkannt, dass er aus dieser Tretmühle Profifußball raus muss. Das ist vielleicht das Gute am gestrigen Tag. Insgesamt hat er aber gezeigt, dass dem Thema Druck und einem menschlicheren Umgang miteinander, noch immer nicht wirklich viel Aufmerksamkeit gewidmet wird. Sonst wäre die Schockwelle, die Eberls überraschender Rückzug auslöste, vermutlich auch nicht so groß zu werden.

Denn dass u.a. auch die Auswirkungen von Social Media, die beim Suizid von Enke 2009 quasi noch keine Rolle gespielt haben, die Problematik zudem ebenfalls nicht gerade kleiner gemacht haben dürften, das sollte ja nicht erst in den letzten Tagen deutlich geworden sein. Es sind nicht nur im Profifußball herausfordernde Zeiten, denen sich Millionen in diesem Lande stellen müssen, und die vielleicht in ihrem tiefsten Innern ähnlich leiden wie Eberl, und die nicht einfach mal so aus ihrem Job aussteigen können. Da kann man schon einmal grundsätzlich nachdenklich werden, gänzlich losgelöst vom konkreten Fall….

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3 Kommentare

  1. #1 | Bochumer sagt am 29. Januar 2022 um 12:34 Uhr

    Das Buch "Spieltage. Eine andere Geschichte der Bundesliga." vom Ronald Reng beschreibt den Lebebsweg von Heinz Höher, der als erster Trainer der Bundesliga von sich aus zurück trat. Schon damals war der Druck sehr hoch. Das Phänomen ist nicht neu und auf Fußball begrenzt. Ich finde es gut, dass die Resonanz da mittlerweile eine andere ist. Das ist ein Fortschritt.

  2. #2 | thomas.weigle sagt am 29. Januar 2022 um 13:09 Uhr

    BTW-der erste Trainer in der BL, der entlassen wurde,war Herbert Widmayer im Herbst 1963. Der Club war mit 8-2 Punkten gestartet, verlor dann u.a. gegen den KSC, Schalke und Lautern,gegen die 0:5 zu hause, ebenso hoch bei 1860. Da war recht schnell Schluß mit lustig. In den Jahren der Oberligen waren solche Entlassungen eher unüblich. Da waren viele Trainer doch länger bei Vereinentätig als heute. Daher schlug die Entlassung des Clubtrainers recht hohe Wellen. Schalke gab seinerzeit ein gutes Beispiel, denn man wollte mit Trainer Langer nach dem Abstieg 65 auch in der damaligen Regionalliga West den Wiederaufstieg in Angriff nehmen. Wir alle wissen,durfte Schalke ja dann als eine Folge der Vertreibung Herthas aus dem Bundesligaparadie, erstklassig bleiben.Langer war 64 von BMG zu 04 gewechselt.

  3. #3 | thomas.weigle sagt am 29. Januar 2022 um 20:10 Uhr

    Zunächst die Trainer, dann auch die Manager, Sportmanager standen von Anfang an unter Druck. Dieser Druck wuchs mit der Höhe ihrer Gehaltsschecks. Wem`s in der Küche zu heiß ist, muss halt von kalten Speisen leben. Es ist so,wie @Robin schreibt: Kein Normalo, also kein Polizist, kein Rettungssanitäter, kein hauptamtlicher Feuerwehrmann, etc.kann sich eine Auszeit leisen. Diese Menschen stehen auch Tag für Tag unter Druck-werden körperlich angegangen, beschimpft und auch in den sozialen Medien niedergemacht. Die können sich keine Auszeit leisten, kriegen `ne Kur und/oder `ne berufsbezogene Supervision. Das war´es dann aber auch. in aller Regel. Also tiefer hängen.
    Es wird , nicht nur von @Robin, auch auf den Fall Enke hingewiesen. Das war doch eine ganz andere Hausnummer. Ihm war die Tochter gestorben, die zuvor lange mit ihrer Krankheit zu kämpfen hatte, dann der Tod, den die Eltern quasi herankommen sahen. Wie man weiß, verkraften viele Eltern das nicht, Ehen gehen unter der traumatischen Belastung kaputt. Liest man immer wieder. Wenn das bei Eberl der Fall ist,will ich nichts gesagt haben.

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