
Der FC Bayern München dominiert seit Jahren – um nicht zu sagen: seit Jahrzehnten – das nationale Fußballgeschehen. Diese Überlegenheit hat im Laufe der Zeit offenbar zu einer überraschenden Selbsteinschätzung, um nicht zu sagen: Überheblichkeit geführt.
So kommen die Münchener in diesen Tagen offenbar nur noch sehr schwer damit klar, wenn sie einmal nicht alles bekommen, was sie wollen. Das gilt bei Titeln – aber offenkundig inzwischen auch bei Spielern.
Seit Langem ist es an der Isar gute Tradition, aufkommender Konkurrenz die besten Spieler abspenstig zu machen. Blüht ein Kicker so richtig auf, wird er schnell mit einem Wechsel nach München in Verbindung gebracht. Das hatte für die Bayern stets den Vorteil, dass der eigene Kader gestärkt wurde, während die Konkurrenz ihren Neuaufbau zumindest teilweise wieder von vorn beginnen musste. Das nötige Kleingeld machte es vielfach möglich, Spieler und Vereine so lange zu umgarnen, bis ein Nein nicht mehr möglich war.
In diese Kategorie von Wechselkandidaten gehört in diesem Sommer unter anderem Nick Woltemade vom VfB Stuttgart, den der Rekordmeister gerne verpflichten würde. Bisher beißen sich die Münchener an diesem Vorhaben allerdings (noch) die Zähne aus.
Offenkundig wurden bereits Angebote abgegeben, doch die Stuttgarter weigern sich bislang, überhaupt über ihren Stürmer zu verhandeln. Das wiederum verstehen die Bayern nicht – wie CEO Jan-Christian Dreesen gegenüber dem kicker offen zugab:
„Wir haben ein Angebot abgegeben, das hat bis dato nicht zu einem Gespräch geführt. Und das verstehen wir nicht“, erklärte Dreesen am Mittwoch laut dem Sportmagazin bei der Eröffnung der Sonderausstellung 20 Jahre Allianz Arena.
Und um ehrlich zu sein: Das ist dann in dieser Form schon sehr befremdlich. Denn was soll bitte unverständlich daran sein, dass der VfB seinen besten Spieler bei laufendem Vertrag nicht an die Isar ziehen lassen will – zumal nicht zu einem Preis, der nicht den Vorstellungen der Stuttgarter entspricht? Hier hat der aktuelle Verein doch eindeutig das Heft des Handelns in der Hand.
Verträge sind schließlich auch vom FC Bayern zu respektieren. Und wenn keine Ausstiegsklausel existiert, bestimmt allein der VfB, ob – und wenn ja, zu welchen Bedingungen – sein Spieler wechseln darf. Erwarten die Bayern inzwischen ernsthaft, dass die Konkurrenz direkt springt, wenn die Münchener sich melden?
Dass Dreesen diese Abläufe offenbar „nicht versteht“, ist hier doch der eigentliche Witz an der Geschichte – und nicht etwa die Tatsache, dass der VfB unter diesen Bedingungen (noch) nicht mit den Münchenern verhandeln mag.
Ganz schön eigenartig inzwischen, die Selbsteinschätzung des FC Bayern München!
