Gebt der Meute, was sie braucht: Weniger als die Hinrichtung von Gil Ofarim ist doch gar nicht drin

Dschungelcamp: Hier findet der Mob seine Opfer. Grafik: DALL-E
Dschungelcamp: Hier findet der Mob seine Opfer. Grafik: DALL-E

Gil Ofarim hat Mist gebaut. Das muss man nicht weichzeichnen, nur weil man den reflexhaften, klischeebeladenen Lynchmob nicht mehr erträgt. Er hat 2021 einen Mitarbeiter des Leipziger Hotels The Westin öffentlich in Richtung Antisemitismus beschuldigt, damit eine Lawine ausgelöst und am Ende selbst eingeräumt, dass seine Darstellung nicht stimmte. Das war kein Kavaliersdelikt. Es war ein Angriff auf einen konkreten Menschen und nebenbei ein Bumerang für alle, die wirklich mit Antisemitismus leben müssen.

Und trotzdem ist der Fall juristisch vorbei. Genau dafür haben wir Gerichte. Im November 2023 hat Ofarim vor dem Landgericht Leipzig gestanden und sich beim Nebenkläger entschuldigt. Das Verfahren wurde gegen Auflagen eingestellt. Wer das nicht akzeptieren kann, der will keine Gerechtigkeit mehr. Der will Zerstörung. Und das ist der Punkt, an dem aus berechtigter Kritik etwas außerordentlich Hässliches wird.

Der Prozess ist juristisch abgeschlossen – Der Mob aber will die Vernichtung

Seit Ofarim im Januar 2026 im RTL-Dschungelcamp auftaucht, läuft das Drehbuch wieder an. Viele rufen nach Ausschluss, Boykott, Dauerbuße. Andere erwarten das große Lagerfeuer-Geständnis, jeden Abend, in Nahaufnahme, am besten mit Tränen. Der Mann soll seine Schuld wie ein Tattoo tragen, das man ihm immer wieder unter die Kamera hält. Und wenn er sagt, er habe sich entschuldigt und das Verfahren sei abgeschlossen, ist das für manche eine echte Provokation. Dann heißt es, er müsse endlich erzählen, was damals war, müsse jedes Detail wiederkäuen und am besten zu Kreuze kriechen. Wenn er es tut, heißt es, das sei nur PR. Wenn er es nicht tut, heißt es, er drücke sich. Das Spiel ist so gebaut, dass er nur verlieren kann.

Im Camp ist das Ganze auch deshalb so unerquicklich, weil es nicht um Aufklärung geht, sondern um eine Szene. Da stellt einer die Frage, die das Internet seit Jahren übt, und die Kamera wartet auf den Satz, der als Clip taugt. Scham, Wut, Tränen, möglichst in dreißig Sekunden. Das ist keine Debatte, das ist Reality-TV. Und wer sich darauf einlässt, wird zum Lehrstück, nicht zum Menschen.

Die, die ohnehin schon alles wissen, wollen sich ausschließlich bestätigt fühlen

Das Absurde daran ist, dass dieselben Stimmen oft im selben Atemzug klarmachen, dass sie ohnehin schon alles wissen. Dass es nichts gibt, was ihre Meinung noch verändern könnte. Was soll da noch kommen, außer einer Demütigungs-Performance? Ein öffentlicher Kniefall, der nie reicht, weil das Publikum nicht nach Wahrheit fragt, sondern nach Befriedigung. Es geht nicht um Aufarbeitung, sondern um Erziehung. Und zwar durch Beschämung.

Natürlich darf man Ofarims Verhalten hart verurteilen. Natürlich darf man ihm misstrauen, wenn er jetzt wieder Bühnen sucht, erst recht eine Bühne, die von Konflikten lebt. Man darf auch RTL kritisieren, weil der Sender mit Kontroverse Quote macht und Kontroverse verkauft. Aber man sollte den Unterschied sehen zwischen Konsequenz und Vernichtung. Ein Mensch kann schuldig sein und trotzdem Rechte haben. Und eines dieser Rechte heißt, dass Strafe irgendwann endet.

Jede Strafe hat einmal ein Ende

Der Leipziger Hotelmitarbeiter war damals das erste Opfer dieser Dynamik. Ein Mann, der in der Rolle des Bösewichts landete, bevor überhaupt sauber geprüft wurde, was passiert ist. Da gab es Applaus für Empörung und Häme für den, der sich nicht wehren konnte. Jetzt ist Ofarim das Ziel. Das Muster ist dasselbe, nur die Richtung hat gewechselt. Erst wird jemand hochgejubelt, dann wird er zur Projektionsfläche. Am Ende steht der Wunsch nach einem Ende ohne Notausgang.

Wer Strafe sagt, muss auch Ende sagen können. Sonst ist es keine Strafe mehr, sondern Verdammnis. Die Justiz setzt Grenzen, sie wägt ab, sie zieht einen Schlusspunkt. Das Netz kennt keinen Schlusspunkt. Es kennt nur das nächste Update der Empörung und die nächste Gelegenheit, sich selbst als moralisch sauber zu fühlen.

Wandelnder Pranger, bis die Meute satt ist

Ofarim hat sich dieses Misstrauen verdient. Aber er hat nicht verdient, dass man ihn als wandelnden Pranger durchs Fernsehen treibt, bis das Publikum endlich satt ist. Das wäre keine moralische Haltung. Das wäre Rache, geschniegelt als Anstand.

Wenn wir als Gesellschaft wollen, dass Menschen Verantwortung übernehmen, dann müssen wir den Moment anerkennen können, in dem Verantwortung übernommen wurde. Geständnis, Entschuldigung, juristischer Abschluss. Nicht weil damit alles gut ist, sondern weil damit der Rahmen klar ist. Wer darüber hinaus trotzdem Vernichtung fordert, der zeigt am Ende vor allem eins. Nicht Stärke, sondern Lust am Steinwerfen.

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