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Gelsenkirchen: Das neue Leningrad an der Emscher

Erinnert farblich an den T-1000: Willkommen in Leningrad-Horst; Foto: Peter Ansmann

Erinnert farblich an den T-1000: Willkommen in Leningrad-Horst; Foto: Peter Ansmann

Der 20. Juni 2020 war kein guter Tag für Gelsenkirchen: Die MLPD hatte geladen: Um den 38. Jahrestag ihrer Gründung und die Aufstellung der Statue von W.I. Lenin vor ihrer Parteizentrale zu feiern.

Die revolutionäre Avantgardepartei der Arbeiterklasse kann die Veranstaltung am gestrigen Samstag als vollen Erfolg verbuchen. Die Stimmung bei den Marxisten-Leninisten war sehr gut. Die Wetterbedingungen in Gelsenkirchen-Horst waren perfekt.

Was besonders bitter ist: Der demokratische Protest gegen die Enthüllung der Statue war sehr übersichtlich. Nur die FDP zeigte hier Flagge.

Der ehemalige Vorsitzende der MLPD, Stefan Engel, und die aktuelle Vorsitzende der Splitterpartei, Gabi Fechtner; Foto: Peter Ansmann

Der ehemalige Vorsitzende der MLPD, Stefan Engel, und die aktuelle Vorsitzende der Splitterpartei, Gabi Fechtner; Foto: Peter Ansmann

Die Tätigkeit als Pressereferent der MLPD stelle ich mir als wahren Knochenjob vor: Erfolge bei Wahlen kann die kommunistische Splitterpartei selten feiern. Auf Demonstrationen, bei denen sich die Fahnenschwenker der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands gerne einklinken, ist die Truppe nicht wirklich beliebt.

Gelsenkirchen-Horst ist jetzt Leningrad an der Emscher

Heuer hat die PR-Abteilung in Gelsenkirchen-Horst leichtes Spiel: Die Wetterbedingungen waren perfekt und es waren – wenn man das Publikum auf der anliegenden (abgesperrten) Straße mitzählt – deutlich mehr als (grob geschätzt) 800 Personen anwesend. 300 Teilnehmer waren, aufgrund der Corona-Sicherheitsmaßnahmen, direkt am Versammlungsort vor der Parteizentrale erlaubt.

Die gute Laune von Peter Weispfennig, Pressereferent der MLPD, verwunderte deshalb nicht: Er moderierte die gestrige Veranstaltung.

Peter Weispfennig, Pressereferent der MLPD; Foto: Peter Ansmann

Peter Weispfennig, Pressereferent der MLPD; Foto: Peter Ansmann

Die Stimmung bei den Anhängern der MLPD kann nur als extrem gut beschrieben werden.

Demokratischer Gegenprotest: Nur die FDP zeigte Flagge!

Was besonders bitter war: Der (nahezu) fehlende demokratische Gegenprotest. Etwa 30 Anhänger der AfD und 30 Teilnehmer einer “privaten Demonstration'” taten ihren Protest kund. Die Personen die auf letztgenannter Kundgebung zu sehen waren, trugen Klamotten mit Schriftzügen wie “Anti-Antifa” und “Die Rechte” – waren also klar dem Neonazi-Spektrum zuzuordnen.

Die "AfD" hat mal bei der CDU geklaut: "Freiheit statt Sozialismus"; Foto: Peter Ansmann

Die “AfD” hat mal bei der CDU geklaut: “Freiheit statt Sozialismus”; Foto: Peter Ansmann

Der Bereich um die Parteizentrale der MLPD – An der Rennbahn und die Schmalhorststraße – wurden durch ein Großaufgebot an Polizei abgesichert.

Liberaler Protest gegen die Aufstellung der Leninstatue; Foto: Peter Ansmann

Liberaler Protest gegen die Aufstellung der Leninstatue; Foto: Peter Ansmann

Beim Verlassen der Straßenbahn, vor der MLPD-Parteizentrale, lief ich direkt einer Gruppe der FDP Gelsenkirchen in die Arme. Von Susanne Cichos, Kandidatin der Liberalen für das Oberbürgermeisteramt in Gelsenkirchen (Vierte von links), bekam ich ein Statement zur Veranstaltung der MLPD:

„Ich möchte kein Denkmal eines Massenmörders in meiner Stadt haben. Ich empfinde das als Beschädigung für unsere Stadt. Wir machen uns damit zur Lachnummer.

Ich würde gerne ein Denkmal setzen für unsere tollen Bürger. Für unsere Arbeitnehmer. Für unsere Unternehmer. Für alle die sich hier engagieren und helfen die Stadt nach vorne zu bringen.

Und nicht für so einen Scheiß“

Enttäuscht zeigte sich die Liberale vom fehlenden Gegenprotest.

Feierstimmung bei der MLPD in Gelsenkirchen-Horst

Kommen wir zurück zur MLPD: Hier herrschte, zugegebenermaßen, Volksfeststimmung. Man fühlte sich fast auf ein UZ-Pressefest der DKP in den 80er Jahren zurückversetzt. Coronabedingt wurde der Einlass in den Bereich vor der MLPD-Parteizentrale streng reglementiert.

Der Bereich in dem es Speis und Trank gab war gut besucht und auch vor der Rednertribüne war es proppenvoll: Zahlreiche Pressevertreter, nicht nur aus Deutschland, waren anwesend. Ein spanischsprechender Reporter der in unmittelbarer Nähe zu mir stand berichtete irgendwie live via Smartphone: Und betonte die gute Stimmung auf der Veranstaltung der “Partido Comunista Alemán” – medial konnte durch das Spektakel in Gelsenkirchen-Horst also irgendwo auch die DKP profitieren.

Best Practice Christo und Jeanne-Claude: Hier ist die Statue noch verhüllt; Foto: Peter Ansmann

Best Practice Christo und Jeanne-Claude: Hier ist die Statue noch verhüllt; Foto: Peter Ansmann

Endlich mal was los in Gelsenkirchen-Horst: Volksfeststimmung bei der MLPD; Foto: Peter Ansmann

Endlich mal was los in Gelsenkirchen-Horst: Volksfeststimmung bei der MLPD; Foto: Peter Ansmann

Das Rahmenprogramm zur Veranstaltung lief reibungslos ab: Sozialistisches Liedgut wie Die Internationale und – kein Wunder beim Anlas der Veranstaltung – das Jalavalied wurde lautstark geträllert. Vermisst habe ich, aufgrund des Anlasses der ganzen Veranstaltung, eigentlich nur die Leningrad Cowboys.

Diverse Vertreter von MLPD-nahen Organisationen hielten Reden. Eine Laienspielgruppe aus den Reihen des Jugendverbandes der MLPD (REBELL) stelle Episoden aus dem Leben von Wladimir Iljitsch Uljanow, aka Wladimir Iljitsch Lenin, nach.

Gabi Fechtner, die Parteivorsitzende der MLPD, bei ihrer Rede; Foto: Peter Ansmann

Gabi Fechtner, die Parteivorsitzende der MLPD, bei ihrer Rede; Foto: Peter Ansmann

Die Parteivorsitzende Gabi Fechtner ging in ihrer Rede auf den Widerstand gegen die Aufstellung der Statue ein. Spott gab es für den Vorsitzenden der CDU in Gelsenkirchen, Sascha Kurth: Im März hatte die CDU eine Petition gegen die Errichtung der Statue gestartet. Die lieblos und amateurhaft gestartete Aktion entwickelte sich zum Rohrkrepierer.

Am 14.03.2020 war auf OpenPetition die Warnung zu finden, dass die Petition nicht mehr gelistet wird weil Belege für einige Aussagen fehlen. Mein Hinweis darauf und eine Anfrage zu einem Interview zu dem Thema vom 14. März 2020 blieben leider unbeantwortet.

Die Vorsitzende der MLPD wertete, natürlich, die fehlende Unterstützung für die Petition als Zustimmung zur Aufstellung der Statue. Das die örtliche CDU gestern nicht beim Gegenprotest zu finden war, ist deshalb umso trauriger.

Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao Zedong. Es ist natürlich einfach sich heute mit erhobenen Zeigefinger dahinzustellen und auf die zu zeigen, die damals gekämpft haben und über Fehler herzuziehen die damals gemacht wurden… …zweifellos waren auch diese Führungspersönlichkeiten nicht frei von Fehlern oder Irrtümern. Das wäre ja absurd, das zu behaupten. Zweifellos gab es auch in den Zeiten von Stalin und Mao Zedong, gegen deren Willen, im Namen des Sozialismus auch Verbrechen.

Applaus gab es für die Ankündigung von Gabi Fechtner, dass Lenin nicht lange alleine bleiben soll: Ein Denkmal von Karl Marx soll, wenn es nach der MLPD geht, ebenfalls demnächst in Gelsenkirchen-Horst stehen: Damit beide Persönlichkeiten, die Namensgeber der revolutionären Partei neuen Typs sind, ihren Platz vor der Parteizentrale haben.

Stefan Engel, Redaktionsleiter des theoretischen Organs der MLPD und langjähriger MLPD-Vorsitzender; Foto: Peter Ansmann

Stefan Engel, Redaktionsleiter des theoretischen Organs der MLPD und langjähriger MLPD-Vorsitzender; Foto: Peter Ansmann

Eine längere Rede gab es im Anschluss von Stefan Engel, langjähriger Vorsitzender der MLPD: Das Antikommunisten-Bashing wurde zeitweise durch Zwischenrufe der Nazidemonstration gestört.

Nach der Ansprache von Stefan Engel wurden durch ihn, Gabi Fechtner und Anna Vöhringer (Vom Jugendverband REBELL der MLPD.) die Leninstatue enthüllt. Überraschenderweise erinnert Lenin farblich sehr an den Zinnmann aus dem Zauberer von Oz bzw. den T-1000 aus Terminator 2: Judgment Day.

Größter WTF-Moment für mich an diesen Tag: Bei der Enthüllung wurden Friedenstauben in den Himmel geschickt. Für einen Moment bedauere ich es an diesem Tag meine Kater, durch ein aufwendiges Ablenkungsmanöver, gehindert zu haben mich zu begleiten: Das Video wäre an dieser Stelle spannend geworden.

Lauter Gesang – Die Internationale – bei der Enthüllung, viele Fahnen werden geschwenkt, auch auf dem Dach des Parteihauses stehen Genossen mit MLPD-Fahnen.

Es folgten zahlreiche Grußworte von Vertretern aller möglichen obskuren Gruppe: Anne Goossens von der Nordkorea-Freundschaftsgesellschaft aus Belgien z.B.

Zeit für mich, sich wieder auf den Weg ins schöne Duisburg zu machen.

Susanne Cichos, FDP Gelsenkirchen; Foto: Peter Ansmann

Susanne Cichos, FDP Gelsenkirchen; Foto: Peter Ansmann

Susanne Cichos (FDP) sprach ich noch auf den fehlenden Protest und das Karl-Marx-Denkmal, das die MLPD plant, an. Vom fehlenden Protest der anderen demokratischen Parteien ist sie entsetzt. Der 20. Juni 2020 war definitiv nicht ihr bester Tag.

Ich bin nicht bereit das hinzunehmen. Das ist unsere Stadt. Ich bin aus Gelsenkirchen. Ich bin bereit für mein Gelsenkirchen zu kämpfen. Die Auswirkungen sind ja fatal. Nicht nur, dass sich alle darüber lustig machen. Auch für die Unternehmen, für die ganze Wirtschaft, ist die Darstellung schrecklich.

Es lohnt sich für Gelsenkirchen zu kämpfen. Wir sind nicht alle bescheuert hier. Ich bin Lokalpatriot. Und dann hat Schalke auch noch 4:1 verloren. Also mein Tag ist versaut.

Es wird spannend bleiben in Gelsenkirchen.

Willkommen in Leningrd-Horst; Foto: Peter Ansmann

Willkommen in Leningrd-Horst; Foto: Peter Ansmann

Vielleicht setzt sich ja noch der Vorschlag der Ruhrbarone durch, einer Tochter der Stadt Gelsenkirchen endlich das Denkmal zu setzen, das sie verdient:

Ein gigantisches Kreisler- oder Schnappimoument würde das Stadtbild von Gelsenkirchen in jedem Falle aufwerten.

RuhrBarone-Logo

11 Kommentare zu “Gelsenkirchen: Das neue Leningrad an der Emscher

  • #1
    Thomas

    Momentan werden doch immer wieder Statuen vom Sockel gerissen. Jetzt gibt es noch ein Ziel dafür. Ist dort drumherum ein Fluss oder Kanal? Lenin versenken wäre toll.

  • #2
  • #3
  • #4
    Thomas

    Emscher, ja, wurde die in Gelsenkirchen schon renaturiert? Wenn ja besser nicht dort reinwerfen. Wäre schade wenn die Emscher dann wieder verschmutzt wird.

  • #5
    Peter Ansmann Beitragsautor

    Ich glaube nicht, dass das Ding sehr lange da stehen bleibt:

    "Parteivorsitzende Gabi Fechtner hatte vor der Enthüllung am Samstag bei einer Pressekonferenz betont, dass sie auch auf die Anwohner setze, die rund um die zentrale Kreuzung An der Rennbahn/Schmalhorststraße/Turfstraße leben. Sie sollen als „soziale Kontrolle“ dienen und dabei helfen, dass die Statue vor nächtlichem Übergriffen geschützt wird. „Wir können ja jetzt nicht die nächsten Jahre jede Nacht eine Wache davor hinstellen“, so Fechtner.Ihre Partei habe zudem die Polizei gebeten, künIhre Partei habe zudem die Polizei gebeten, Ihre Partei habe zudem die Polizei gebeten, künig vermehrt Streife im Bereich der Horster Mitte zu fahren. Darauf angesprochen, erklärte Polizeisprecher Christopher Grauwinkel, dass diese zentrale Kreuzung im Stadtteil regelmäßig von Polizeistreifen angefahren werde. Eine 24- Stunden-Überwachung des Bereiches sei den Ordnungshütern aber natürlich nicht möglich."

    https://www.waz.de/staedte/gelsenkirchen/nach-der-aufstellung-der-lenin-statue-neugier-und-ablehnung-id229358004.html

  • #6
    thomas weigle

    ich habe es hier schon mehrfach gesagt: dieses "Denkmal" lädt doch zu den schönsten Denkmalschändungen ein.

  • #7
    Arnold Voss

    Lenin wird sich zu wehren wissen. Immerhin hat er noch ein Mausoleum am roten Platz in Moskau und Millionen von Fans alleine in Russland. Er wird den Spieß umdrehen und zu einer neuen Attraktion in Gelsenkirchen werden. Seine Verehrer werden aus aller Welt ins Ruhrgebiet reisen, und Putin wir ihm bei seinem nächsten Staatsbesuch persönlich die Ehre erweisen. Danach wird es kein Halten mehr geben und sich das gesamte Gelsenkirchener Stadtmarketing an diesen neuen Tourismus Hotspot ausrichten müssen. Lenin wird so ganz Gelsenkirchen aus der Corona Krise herausführen. Früher oder später wird sich dann ein Stalin Denkmal dazu gesellen, dass vom OB höchst persönlich eingeweiht wird, weil nach Corona starke und vor allem kompromisslose Führer in Deutschland endlich wieder positiv rüberkommen werden . 🙂

  • #8
    Thomas

    @Arnold

    Aber dann dürfen die Faschis…Kommunisten natürlich, dort nicht noch einen Marx aufstellen. Das kommt in Russland nicht gut an.

    "Einem Angeklagten wurde überdies noch der Besitz eines Bandes des „Kapitals“ von Karl Marx zur Last gelegt. " https://taz.de/Justiz-in-Russland/!5691061/

  • #9
    DEWFan

    Eigentlich kam Lenin nur bis Lüdenscheid – und jetzt doch bis Herne West 🤠

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