„Águas de Março“ – Wasser des März

Wie ich das „Versprechen des Lebens – in deinem Herzen“ fand. Oder: wie „das beste brasilianische Lied aller Zeiten“ zu den Ruhrbaronen kam. Von unserem Gastautor Andreas Lichte.

Gehört habe ich „Águas de Março“ von Antonio Carlos Jobim zuerst in der Französischen Fassung „Les Eaux De Mars“ von Stacey Kent, Text von Georges Moustaki. Verstanden habe ich nicht viel – mein Französisch … Leser der Ruhrbarone haben es da besser, denn hier gibt es das Stacey Kent Video mit Untertiteln.

„Ist das einfach nur gute Laune? Oder mehr? Mal das Original anhören …“:

Águas de Março – Elis Regina & Tom Jobim

„Wow! Das sind ja die perfekten 4 Minuten!“

„Águas de Março“ bedeutet „Wasser des März“. Da sich Brasilien auf der Südhalbkugel befindet, ist „März“: Herbst, Regensturm und Ende. Das Lied erzählt keine Geschichte, sondern zeigt eine Folge von Bildern als Collage. Fast jeder Satz fängt an mit: „É …“ – „Es ist …“. Impression reiht sich an Impression: Regenbäche laufen den Rinnstein hinab und reissen Dinge wie Stöcke, Steine, Glasscherben mit sich – Wasser als „Versprechen des Lebens“, als positive Vision. Wer – wie ich – kein Portugiesisch spricht, bekommt hier einen Vergleich der portugiesischen und englischen Fassung.

Ich finde den Text grossartig. Ist er eine „Extended Version“ eines Haiku?

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14 Kommentare

  1. #1 | Caro sagt am 7. August 2011 um 16:27 Uhr

    Schöner Song, gefällt mir gut auf Portugiesisch.
    Bei dem Text von Georges Moustaki geht es nicht um den Herbst, sondern um den Frühling (vorletzter Abschnitt):

    „C’est l’hiver qui s’efface, la fin d’une saison
    C’est la neige qui fond, ce sont les eaux de Mars
    La promesse de vie, le mystère profond
    Ce sont les eaux de Mars dans ton cœur tout au fond.“

    Es ist der Winter der sich verwischt, das Ende einer Jahreszeit
    Es ist der Schnee der schmilzt, es sind die Wasser des März
    Das Versprechen des Lebens, das tiefe Geheimnis
    Es sind die Wasser des März in Deinem Herz ganz tief unten.

    (eigene Übersetzung)

  2. #2 | Andreas Lichte sagt am 7. August 2011 um 16:42 Uhr

    @ Caro

    Danke für Deinen Kommentar! Schöne Erläuterung der „Frühling–Herbst“-Frage!

  3. #3 | Gerd Herholz sagt am 10. August 2011 um 11:43 Uhr

    Hallo Andreas, nein, mit extended-version-Haiku hat’s wohl eher nicht zu tun, obwohl’s es auch da um kleine Momentaufnahmen geht, in denen Exemplarisches in einem Naturbild durchscheint.

    Die Methode der Wiederholung von Satzanfängen ist uralt, siehe ‚Anapher‘.
    Das Moment der Wiederholung – auch als Sprungbrett ins Phantastische wird in Kunst, Musik und Literatur dann immer wieder belebt. Kein Wunder, Wiederholung (Atmen, Stoffwechsel, Rhythmen der Jahreszeiten, Lebenszyklen, Geburt und Tod…) ist schlicht das wichtigste Strukturmoment des Lebens überhaupt.

    Wunderbar hat in der Liteatur auch Georges Perec damit gearbeitet.
    Mit seinem „Je me souviens“/“Ich erinnere mich“ beginnt auch jeweils ein Satz/ein Abschnitt in einem Text. Mehr dazu unter:
    https://www.mueller-edenborn.com/Georges-Perec.44.0.html
    Auch da, wird über das Aufrufen von Erinnerungen dann zunehmend ein ganzer Erlebnisraum von Kindheit/Jugend evoziert und Übergänge vom Alltag ins Metaphorische/Phantastische sind fließend.
    So macht’s Perec auch mit dem Aufschreiben von Gesprächen/Eindrücken/faits divers um sich herum und kommt vom ernstgenommenen/ wieder wahrgenommenen Detail auch ins Herz der Menschen und Dinge.
    Über/von Perec auch Gutes in: „Schreibheft (Zeitschrift) für Literatur.“ Heft 26, 1985. S. 97 ff.

    Macht großes Vergnügen und kleine Melancholie, Elis Regina da oben zuzuhören. Dank für das Video. Der Tag ist gerettet.

  4. #4 | Andreas Lichte sagt am 10. August 2011 um 11:56 Uhr

    @ Gerd Herholz

    „Macht großes Vergnügen und kleine Melancholie, Elis Regina da oben zuzuhören. Dank für das Video. Der Tag ist gerettet.“

    Klasse! -Beschreibung: „großes Vergnügen und kleine Melancholie“

    (ich versuche das mitzuspielen, auf der Gitarre, mitsingen geht ja leider nicht, kann kein Portugiesisch: wenn du mal wirklich, ich meine wirklich … wirklich ein Wunder vollbringen willst: schreib doch mal eine deutsche Fassung)

  5. #5 | Mir sagt am 10. August 2011 um 12:35 Uhr

    #4 Andreas LIchte
    Es ist beruhigend zu wissen, dass es Menschen gibt die ein ’schönes poetisches Bewußtsein‘ haben.

  6. #6 | Helmut Junge sagt am 10. August 2011 um 12:57 Uhr

    Darf man auch mal anderer Meinung sein als ihr Experten?
    Auch unqualifiziert?

  7. #7 | Andreas Lichte sagt am 10. August 2011 um 13:38 Uhr

    @ Mir

    obrigado!

  8. #8 | Andreas Lichte sagt am 10. August 2011 um 14:00 Uhr

    @ Gerd Herholz #3

    Perec wäre mir nicht eingefallen, habe ich noch nicht gelesen – interessanter Hinweis:

    https://www.mueller-edenborn.com/Georges-Perec.44.0.html

    „SICH ZWINGEN, OBERFLÄCHLICHER ZU SEHEN – GEORGES PERECS WELT OHNE BEDEUTUNG“

    Das scheint mir auch auf „Águas de Março“ zuzutreffen:

    „Perec begnügt sich mit dem Reichtum alles Vorhandenen, ohne von all dem Besonderes zu verlangen.“

  9. #9 | Gerd Herholz sagt am 10. August 2011 um 17:35 Uhr

    #6 Helmut: Klar, raus damit. Da sind sicher noch andere Sichtweisen möglich.

  10. #10 | Helmut Junge sagt am 10. August 2011 um 19:01 Uhr

    @Gerd,
    erstens: ich mag Georg Moustaki und habe zwei LP`s von ihm im Schrank gefunden. Zwei Platten von einem Künstler, das ist bei mir schon höchste Anerkennung. Der war damals (1974) in meinem Freundeskreis „in“.
    Es sind nicht so sehr seine Texte, denn die verstehe ich leider immer noch nicht gut genug.
    2.: Hier haben wir in der Caro eine gute Dolmetscherin gefunden.
    Glück gehabt. Nun ist das hier ein ausgesprochen lyrischer Text. Da habe ich auf jeden Fall Defizite, aber ich erkenne schon, daß die Musik gut zum Text paßt. Die Sängerin hat ein intelligentes, symphatisches und sogar ausdruckstarkes Gesicht und zusätzlich noch eine gute Stimme.
    Da frage ich mich, warum die so eine nervige Musik machen muß!
    Klar beginnt da der Frühling und damit das Leben.
    Da muß natürlich auch die Musik lebendig sein. Aber ob es an diesem Wetter liegt, oder ob ich schon, infolge meiner mangelnden Lebendigkeit (Kaltblüter- mein Blut ist nicht sizilianisch) quasi scheintod bin und Scheintote den Frühling nicht mögen, was bei mir übrigens nicht stimmt, ich weiß es nicht, aber die Musik ist nervig. Jetzt höre ich ja selber Musik, die alle meine Freunde für nervig halten, also liegt es nicht daran, daß das Lied musikalisch kein Mainstream ist.
    Mit der Caro habe ich schon mal über Musik kommuniziert, und da waren wir in Übereinstimmung. Diesmal ist es eben nicht so.
    Ich denke, daß es für mich etwas robuster sein müßte, aber ich weiß es nicht genau. Ich bin Anhänger von Mari Boine, einer Samin, die die traditionelle Musik der Samen neu interpretiert, und Mari Boine ist auch lyrisch. Und die Tigerlillies eigentlich auch, obwohl die viele versciedene Elemente in ihre Musik einbauen. Die sind allerdings immer eher sarkastisch.
    Ich sollte den Stefan mal fragen, ob ich auch mal Musik vorstellen darf.

  11. #11 | Gerd Herholz sagt am 10. August 2011 um 20:22 Uhr

    #11 helmut: wenn ich dann und wann genau dieses lied hörte, meist dargeboten von drittklassigen latino-combos oder im easy-going-dudelfunk, war ich auch oft genervt.

    aber hier ist es (für mich) anders. ganz andere interpretation.
    auf der einen seite der sanfte beginn, das grundthema (sagt man das so?) aufnehmend, eine schöne leichtigkeit & beiläufigkeit (gute begleitmusiker), dann aber auch wieder das offensichtliche vergnügen der sängerin, den text mal fast nur zu sprechen, zu hauchen, dann aber doch die stimme etwa in den höhen einzusetzen. gegen mitte spielt sie mit den wiederholungen, singt fast wie aufzählend, gib tsich kurz selbst leicht ‚genervt‘, dann wiederum wiegt sie sich selbst in den und in dem gesang, da wird’s richtig rhythmisch und fast tanzbar, dann wieder wechsel, irrer einsatz von pausen, auslassungen. und dann die auflösung ihres eigenen spiels mit text und musik (und begleitmusikern) bis ins lachen. schön.

  12. #12 | Hier ist – ein literarischer Gruß | Ruhrbarone sagt am 10. August 2011 um 20:55 Uhr

    […] Ein literarischer Gruß an A. (sowieso), Lichte, Junge , an Apollinaire (vor allem), an Perec & @ all – mit Dank an Andreas’ Musiktipp hier (7.8.11): https://www.ruhrbarone.de/guas-de-maro-wasser-des-maerz/ […]

  13. #13 | Helmut Junge sagt am 10. August 2011 um 21:03 Uhr

    @Gerd (11),
    ich schrieb bereits von meinen Defiziten bezüglich der Lyrik. Jetzt kommt noch eines dazu: Wenn ich einmal ein Musikstück gehört habe, und dieses Stück mich angesprochen hat, was selten vorkommt, dann muß ich, um später auch Freude daran zu haben, dieses Stück immer von der gleichen Aufnahme hören. Sonst sagt es mir nichts. Ist das nicht komisch? Es ist fast so, wie mit dem Ahornsirup, der zuerst auf den Tisch gehört. Immer. (Rainman)
    Dafür kann ich mir das dann aber zwar nicht 30-mal wie die Romanfigur Brenner aus dem „Das ewige Leben“ von Wolf Haas, sondern eben 5-6mal anhören. Bis ich in den Schlaf falle. Da ich das schon mindestens 30 Jahre an mir beobachte, scheint es nicht gefährlich zu sein, aber komisch ist das schon.
    ok. ich will Deine Antwort mit den Erläuterungen beachten, und das Stück unter diesem Gesichtspunkt erneut hören.

  14. #14 | Gerd Herholz sagt am 10. August 2011 um 21:20 Uhr

    #13 helmut: war nur meine hör-sicht auf das lied. will dich da nicht bekehren. manchmal funkt’s, manchmal nicht. geht mir jedenfalls so. hängt immer von (musikalischen) vorerfahrungen, vorlieben, launen, tagesform … ab. 😉

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