„Here I lie in my hospital bed, tell me sister …“ – ein Laien-Lamento

Freitag, vor 9 Tagen.
15 Uhr 15, Hausarzttermin. Das angeschwollene Fußgelenk und Schmerzstellen, die die linke Wade nach oben wandern, machen mir Sorgen. Ich weiß nicht, wo ich mir das eingefangen habe, keine Ahnung. Mein wunderbarer Hausarzt stellt beim Ultraschall fest, dass er an einer Stelle eben einfach nichts feststellen kann: kein Blutfluss. Sagt jedenfalls das Praxisgerät. Ich hatte zuvor erzählt, dass mein Vater in den 1960ern nach einem Beinbruch eine Thrombose bekam, dann die Lungenembolie, Notarzt, zwei Tage Sauerstoffzelt. Sollte er sterben, hieß es damals, würde man auf jeden Fall die Familie über uns anrufen: Die hatten schon Telefon. Er hat’s aber überlebt.
Mit solchen Anekdoten weckt man vor allem schlafende Hunde.
Mein aufgeweckter Hausarzt jedenfalls findet wieder die richtigen maßvollen Worte. Heute spricht er: „Wer A sagt, muss auch B sagen!“ Er telefoniert und lässt telefonieren. Das nahegelegene Krankenhaus soll mich aufnehmen und möglichst noch heute per Phlebografie auf Venen-Thrombose untersuchen.
Ist klar, was jetzt kommt? Die einen im Hospital stehen noch im OP, die anderen sind schon weg. Mein Hausarzt empfiehlt mir dennoch, die Chirurgische Ambulanz des Hospitals aufzusuchen.

Ausgerechnet im Keller der Chirurgischen Ambulanz herrscht Tropenklima an diesem schwülen Tag. Ich komme schnell an die Reihe, unterschreibe alles, was man mir vorlegt, irgendwas mit Datenschutz und Behandlungsvertrag, kenn‘ ich schon. Dann tritt er auf: Ein freundlicher Arzt östlicher Herkunft. Wenn er spricht, erinnert er mich stark an Wladimir Kaminer. (Ich sage ihm das irgendwann, aber er kennt Kaminer nicht. Ich erzähle ihm, wie komisch Kaminer die Deutschen aus russischer Sicht und die Russen aus deutscher Sicht karikiert, empfehle „Russendisco“ und „Das Leben ist kein Joghurt“. Er schmunzelt etwas, aber ich habe das Gefühl, er glaubt, ich veräpple ihn. Also besser nix mehr sagen.)
Dr. „Kaminer“ nimmt Blut ab, erneut eine Ultraschall-Untersuchung: Alle tiefen Venen sind gerinselfrei. Ich lerne was über den Unterschied von tiefen und oberflächlichen Venen. Dann spricht der gute Mann ruhig wie ein alter Indianer: „Tiefe Vene frei, Sie nach Hause gehen.“ Ich meine noch verstanden zu haben, ich solle sicherheitshalber was zur Blutverdünnung bekommen. Dann noch ein Ratschlag obendrauf: „Wenn was anschwillt oder sehr weh tut, schnell wiederkommen.“
Jetzt so ohne genaueren Befund ins Wochenende entlassen zu werden, das gefällt mir gar nicht. Doch Rettung naht für den kleinen Hypochonder in mir. Meine Blutwerte sind eingetroffen, irgendwo im Hintergrund sehe ich den Chefarzt in Zivil herumhuschen. Dann kommt mein Doc wieder rein: „Chef sagen: ‚Alles zurück‘!“ Erhöhte Blutwerte zeigen, dass irgendwo eine Art Entzündung bzw. was in Richtung Thrombose im Gange sein könnte.
Als ich wieder allein in der Untersuchungsbox für sogenannte Patienten (Kunden?) sitze, rufe ich meine Frau an und sage ihr, dass ich ihrem Rat gefolgt sei und mich endlich selbst eingeliefert hätte. Ach du je, schwerer Schock in der Abendstunde. Ich reiße Frauchen aus ihrem Freizeitmodus, ist ja schließlich Freitagabend, es will aber unbedingt noch vorbeikommen und all die Sachen bringen, die man im Krankenhaus haben sollte. Bücher, Ohrstöpsel, iPod, was Hygienisches, obligatorisches Küsschen fürs Durchhalten.
Eine Schwester kommt in die Box, eine Südländerin (Griechin?), fragt jetzt, welche Art von Zimmer und Behandlung ich wünsche. Ich, gesetzlich Versicherter, entscheide mich für das privat zu tragende Upgrade auf „Unterbringung in einem 2-Bettzimmer“, eine Chefarztbehandlung kann ich mir nicht leisten. Man teilt mir mit, dass ich ab jetzt eigentlich nicht mehr gehen dürfe. (Klar: Thrombose könnte sich lösen und Richtung Herz/Lunge marschieren. Happy Lethal Hour nicht ausgeschlossen.) Noch einmal wird Blut abgenommen. Dann warte ich, bis ein junger Pfleger kommt. Ich wechsle vom Stuhl in den Rollstuhl und werde in den 3. Stock gerollt. Gerade noch Mann im besten Alter, jetzt schon Mitglied der Rollstuhl- und Rollatoren-Brigade 50+. So schnell kann man dahinwelken. Immerhin erfahre ich, dass für mich nur eingeschränkte Bettruhe gelte. Die Südländerin unten hatte mir mitgeteilt, dass ein Zweibettzimmer nicht frei sei. Na gut, sage ich, dann ein Einbettzimmer. Ist aber auch nicht frei, werde also ins Dreibettzimmer müssen. Ist mir sehr unangenehm. Ich habe keine Angst vor Schnarchern. Ich BIN der Schnarcher.

Auf der Station rollt man mich in ein Zweibettzimmer. ?! Das andere Bett ist belegt, aber nicht bewohnt. Der Mann, der darin haust, hat Freigang, OP verschoben, wird erst Montag operiert. Im Übrigen komme ich zu spät fürs Abendessen, aber man stellt mir ein karges Mal zusammen. Zwei Schnitten, etwas Wurst, irgendwas in Aspik (esse ich nie), immerhin noch ein Pöttchen Kaffee. Mit der einen Butterflocke, die man mir kredenzt, bringe ich eine Scheibe Brot zum matten Glänzen, auf die andere Scheibe kommt der bereits vom Kondensieren glänzende Käse – ohne Butter. Dafür kommt eine Schwester ins Zimmer und bringt mir in Klarsichtfolie eingeschweißte Handtücher, einen Waschlappen und einen weißen Bademantel. Das soll im Zweibettzimmeraufschlag drin sein? Ich fasse lieber nichts davon an.
Ab jetzt wird beginnen, was ein Krankenhaus am Wochenende ausmacht: kleine Belegschaft, freundliches Desinteresse, professionelle Vergesslichkeit und die damit verbundenen systematischen Fehlabstimmungen.
Doch zuvor kommt noch Frauchen vollgepackt, verschwitzt ins Zimmer, flucht, dass sie nicht den kleinen Rollkoffer benutzt habe für all den Kram, den ich jetzt als Insasse einer Krankenanstalt für mindestens zwei, drei Tage benötigen werde. Wir unterhalten uns ein wenig, etwas müde und einsilbig, beide von der Situation überrascht, ich überspiele meine Sorgen, sie ihre. Immerhin, ich stehe unter Beobachtung hier. Wenn sich jetzt was verschlimmern sollte, bin ich schließlich in einem Krankenhaus. Und genau das ist es, was uns Sorgen macht.

Frauchen ist gegangen. Niemand kann mich mehr beschützen. Und da kommt auch schon die Schwester, die mir noch eine blutverdünnende Heparin-Spritze in den linken Arm donnert.
(Ist nicht wahr, sie hat das gut gemacht.) Und dann kommt die Frage, die mir Frauen seit Jahren nicht mehr stellen: „Brauchen Sie noch etwas für die Nacht?“
Ach was.
A room of one’s own. Der Zimmernachbar wird erst am Sonntag zurückkehren. Noch ein bisschen TV bis um elf. Dann stöpsele ich mir die In-Ear-Kopfhörerchen des iPods in die Ohren und höre etwas von den Stones: Here I lie in my hospital bed / Tell me, Sister Morphine, when are you coming round again? / Oh, I don’t think I can wait that long / Oh, you see that I’m not that strong …

Samstag
Ist es 6 Uhr? Wo bin ich? Eine freundlich-forsche Schwester kommt zum Blutdruckmessen. 60:110, bisschen niedrig. „Ist aber noch keiner dran gestorben.“ Später gibt’s die nächste Heparin, rechter Arm oben. Dann dämmere ich wieder etwas ein, wache auf, humple zum Waschen, Frühstück kommt.
Boaahh! Was ist denn hier los? Ordentlich Butter, Ei, Apfelsaft, Obstschale, Müsli, Cornflakes, 4 x Aufschnitt, 2 Scheiben Brot, ein Brötchen, Maasdamer Käse, Marmelade, Kaffee. Alles im Aufschlag fürs Zweibettzimmer? Warum nicht gleich so? Egal. Ich habe nach dem letzten Abendmahl gestern richtig Kohldampf und verputze einiges von dem, was auf zwei Tabletts gebracht werden musste.
Irgendwann bringt mir eine Schwester ein handgeschriebenes Papperl am Bett an, mit dem Namen ‚Herholz‘ drauf. Sonst kriegt man hier Patientenarmbändchen und Aufkleber mit Patienteninfos und einem Strichcode. Weil ich als Wochenend-Notfall über die Ambulanz gekommen bin, werde ich all dies in diesen Tagen nicht mehr erhalten. Mir schwant, dass ich in diesem Hospital nicht wirklich erfasst wurde und wahrscheinlich Krankenzombie aus der Zwischenwelt bleibe: Man weiß nicht genau, wer er ist, was er hat, was ihm zusteht.

Eine Schwester möchte das Bett aufhübschen, ich winke ab. Liege doch erst ein paar Stunden drin. Weiter passiert nichts. Erst abends soll es wieder eine Heparin-Spritze geben. Um mich aufzumuntern, lese ich Olga Grjasnowas Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“. Hatte Frauchen mitgebracht. Es finden einen ja immer die richtigen Bücher zur richtigen Zeit. In Grjasnowas Roman stirbt der Romanheldin, einer aus Aserbeidschan stammenden Frankfurterin, der Freund Elias im Krankenhaus weg. Der hatte Fußball gespielt, sich einen Oberschenkelknochenbruch zugezogen, Krankenhausaufenthalt, Entlassung, Komplikationen, Fettembolie, Herzstillstand, Tod.
Das ist der Stoff, den ich jetzt brauche. Die zweite Hälfte des Romans, in der Elias tot ist und die Heldin zur Reisenden zwischen den Welten und Kulturen wird, liest sich dann für einen unter Thromboseverdacht Stehenden wieder etwas süffiger.

Vormittags besucht mich die Schwägerin. Mit ihrem schrägen Witz und ihrer Brustkrebserfahrung gelingt es ihr meist, uns kurzzeitig zu Screwball-Dialogen aufzupushen, auch heute. Dabei hatte ich morgens schon gelacht. Eine nette Putzkraft, Mitte vierzig, zierlich, keckes Lächeln, hat um mein Bett gewischt, und ich merke, wie sie mich aufmerksam erst von links dann von rechts beäugt. Dann erwische ich ihren Blick, sie lächelt: „Neues Gesicht?“ „Ja!“, sage ich: „Neues Gesicht.“ Sie: „Seit gestern?“ Ich: „Ja. Neues Gesicht! Seit gestern!“ Ob man der Frau eine Zulage zahlt, weil sie die Patienten tatsächlich anschaut und ein paar nette Worte findet?

Was man noch so vom Bett aus sieht:
– Den Chefarzt oder das ganze kleine Visitengeschwader, immer eine Schwester dabei, die große Plastikboxen schleppt, während alle Ärzte/Ärztinnen die Hände weitgehend frei haben. Sind halt Kavaliere, unsere Akademiker.
((Mit dem Chefarzt wechsle ich von Freitag bis Montag maximal 35 Worte.
Wahrscheinlich bin ich selbst schuld. Als er mich in Anwesenheit meiner Schwägerin vormittags begrüßt, versuche ich aufgekratzt einen Scherz: „Herr Professor, um mal mit einem Ärztewitz zu beginnen: Ich bin die Gallenblase! (Kleine Pause.) Sie haben mich letztes Jahr operiert und die Gallenblase entfernt.“ „Aja“, meint der Chefarzt, „ich erinnere mich an das Gesicht. Und? Alles gut verheilt?“ „Ja, sicher“, antworte ich. (Kleine Komplimente erhalten die Freundschaft.)
– Einen Druck mit August Mackes „Menschen im Park“ an der Wand gegenüber. Die einzelne Dame in Grün im Vordergrund, irgendwie verlassen unter den Paaren.
– Über die Krankenhausdächer schaut man aufs Gymnasium, noch so eine Anstalt, in der zu viele krank werden. Samstags weht aufgeregtes Sprechen einer Abi-Feier-Gesellschaft herüber. Abitur – es wird abgegangen. Auch da.

Am Nachmittag besucht mich Frauchen. Dass mit mir nichts passiert ist – so oder so – lässt uns aufatmen.

Sonntag
Wieder so ein Mörderfrühstück, von dem ich diesmal die Hälfte nicht schaffe. Ich sichere aber die Obstschale, man weiß ja nie.
Dann rufe ich meine Frau an, die heute Geburtstag hat. Diesen Tag hatten wir uns anders vorgestellt. Nun bin ich ihr Sorgenkind. Ich erzähle ihr nicht, dass meine Kompressions-Bandage den Fuß und die Zehen vorne furchtbar zusammenquetscht. Dauernd weite ich den Verband, damit die fünf Zehen einmal kurz nicht mit dem Platz für drei auskommen müssen. Durchblutet sind sie aber. Heute Morgen will mich sogar eine Schwester waschen, ist aber nicht nötig, mit der eingeschränkten Bettruhe habe ich das schon selbst getan, sogar die Haare.
Vormittags lese ich das zweite Buch, das Frauchen aus meinem Bücherstapel gefischt und mitgebracht hat, „Tonio“, A. F. Th. van der Heijdens Requiem für seinen mit 22 Jahren verunglückten Sohn. Wieder geht es um einen zu früh Verstorbenen. Aber van der Heijden, der im nahen Amsterdam Weltliteratur schreibt, kann ich immer lesen. Selbst wenn eine der berührendsten Szenen in einem Sterbezimmer eines Amsterdamer Hospitals „spielt“.

Irgendwann kommt der Freigänger rein, Michael, mit Frau: „Ah, ein neuer Bettnachbar!“
Ich entgegne: „Für mich auch!“ Michael und Frau sind nette Menschen, sie dämpfen ihre Stimmen etwas, erzählen, Michael geht ab und zu zum Rauchen aufs Dach, irgendwann bricht sein Frau auf. Wir beschnuppern uns. Michael war zur Darmkrebsvorsorge gegangen und erhielt genau den Befund, den man dort zu bekommen fürchtet: Dickdarmkrebs an zwei Stellen, mindestens 26 Zentimeter Darm müssen entfernt werden. Obwohl der Krebs wohl noch nicht gestreut hat, werde man auch Lymphdrüsen entfernen. Wenn alles gutgeht, werde Michael, laut Chefarzt, auf Dauer keinen künstlichen Darmausgang benötigen und wieder ganz gesunden. Schöne Aussichten.

Michael ist selbst Pfleger. Er kennt sich aus. Einmal lachen wir über eine junge Schwester, die ich „Barbie“ nenne. Langer blonder Pferdeschwanz, seitlich über die Schulter gelegt. Beim Versuch, Barbie zu imitieren, muss ihre ganze Energie draufgegangen sein. Jedenfalls kommt sie nach dem Mittagessen ins Zimmer und fragt matt, ob wir noch Kaffee wünschen. Wir verzichten beide. Bei Barbies fehlender Körperspannung hat man einfach Angst, sie könnte sich beim Kaffeebringen verausgaben.
Es stellt sich heraus, dass Michael und seine Frau auch Anfang/Mitte November geboren wurden – wie ich. Lauter Skorpione. Michael ist sogar vom selben Jahrgang. Komisch, warum sieht der so viel älter aus. Frauchen meint später: „Wieso? Der hat sich doch gut gehalten.“

Sonntagmittag kommt übrigens mein Mittagessen nicht. Erst als eine Dame fragt, ob sie abräumen dürfe, frage ich: „Was denn? Ist doch noch nix gekommen.“ Die Dame geht fragen. Tatsächlich, man habe mich vergessen, da sei ein Notfall gewesen und dann… Fünf Minuten später bekomme ich mein Essen. Alles kalt, dafür ist das kleine Eis im Plastikbecher zu einer Pfütze zerlaufen.
Am Samstag stimmte übrigens auch was mit dem Mittagessen nicht. Wer am Wochenende kommt, kann in der Regel nicht mehr Mittagessen aus der Auswahl bestellen. Man hatte aber versucht mir trotzdem die gewünschte Linsensuppe mit den Würstchen zu besorgen. Die kam dann auch, aber auf der Lieferkarte stand, dass ich zusätzlich noch eine Rindsroulade ans Bett gebracht bekommen hätte. Die hatte ich gar nicht gewollt – und sie ist außer auf der Lieferkarte auch nie aufgetaucht.
Das vergessene Essen nahm ich zum Anlass, noch einmal ruhig klarzustellen, dass ich gesetzlich versichert sei und die Wahlleistung „Zweibettzimmer“ gebucht habe, nicht mehr, nicht weniger. Es stellte sich heraus, dass ich wohl einen Tag lang als Privatpatient mitgelaufen bin. Das reichhaltige Frühstück war so erklärt. Warum ich mal karge (Freitag), mal opulente Abendessen (Samstag, Sonntag) bekam, blieb aber im Dunkeln.

Nachmittags besuchen mich meine beiden Frauen. Ich höre ihre Schritte auf dem Gang und rufe: „Bitte einzeln eintreten.“ Na immerhin, ein Lacher bei Frau, Schwägerin, Michael & Frau.
Michael hat mittlerweile etwas zum Abführen nehmen müssen, morgen früh ist schließlich OP. Immer mal wieder verdrückt er sich, um sich zu entleeren. Ja, so lieber Besuch im Zimmer macht vieles einfacher.
Als alle Frauen gegangen sind, lesen Michael und ich. Keiner macht die Glotze an, was für ein angenehmer Bettnachbar. 20 Uhr 45 jedoch wird alles anders. EM-Finale, die Spanier spielen die Italiener aus. Der vom Abführen entkräftete Michael schläft immer mal wieder kurz ein. In den Wachphasen irritiert den Schalke-Fan, dass die Italiener in Blauweiß spielen, er möchte reflexartig zu ihnen halten, aber die Spanier spielen einfach schöner.
Auch ich möchte schlafen. Doch vom Gang aus singt, ruft, jammert wieder eine Frau. Das hat sie schon den ganzen Tag getan. Ob sie dement ist oder psychisch krank? Oropax ins Ohr und ausblenden. Zwei Stellen seitlich der linken Wade schmerzen stark. Der Kompressionsverband bis fast in den Schritt wird immer unangenehmer, trage ihn jetzt zwei Tage (und werde ihn erst am Montag gegen 17 Uhr selbst entfernen), auch nicht so hygienisch, oder? Ich schlafe ein.

Montag
Michael ist abgeholt worden, mit dem Bett rausgerollt in den OP. Die Visite, die kam, interessierte sich nur für ihn, war wahrscheinlich das Vorbereitungskomitee für die OP.
In meinem Fall scheint man jetzt begriffen zu haben, dass ich gesetzlich versichert bin. Zum zweiten Mal kommt kein Essen, heute eben kein Frühstück. Eine Frau mit rosa gestreiftem Kittel will wieder abräumen, ich muss erneut erklären, dass ich noch nichts bekommen habe. Sie besorgt mir dann um eine dreiviertel Stunde verspätet zwei Brötchen mit etwas Käse/Wurst und dem Pott Kaffee. Entschuldigt sich ernsthaft: „Hier arbeiten auch nur Menschen!“ „Wenn sie da sind“, würde ich gern antworten, tue es aber nicht.
Der Chefarzt rauscht durch. Erklärt im Rausgehen der Schwester, dass ich nach Hause könnte, wenn man bei der Phlebografie nachher nichts feststellen sollte. Ich sehe ihn unter dem Türrahmen, wie er in Weiß leuchtet, über ihm das dort angenagelte christliche Kreuz.
Vormittags frage ich freundlich die Schwester, die ins Zimmer kommt, ob sie wisse, wann ich drankomme. Nee, weiß sie nicht. Irgendwann werde ich mit dem Bett durch Gänge gerollt, gegen 12 Uhr 30 stehe ich vor der Radiologie. Komme relativ schnell dran. Die burschikose Radiologin ist wirklich nett, allerdings scheitert sie oben auf dem dicken Zeh beim Legen des Venenzugangs, durch den das Kontrastmittel fürs Röntgen der Beinvenen gespritzt werden soll. Eine Venenklappe ist im Weg, also es höher auf dem Fußrücken versuchen. Nee, auch nicht wirklich gut. Also zurück zum dicken Zeh, etwas neben der ersten Anzapfstelle gelingt dann der Zugang. Die assistierende Schwester weist noch darauf hin, dass Luft in der Spritze mit dem Kontrastmittel sei. Die Ärztin fragt zurück: „Warum?“ So oder so, die Luft wird rausgedrückt, das Kontrastmittel gespritzt, ich soll entspannt bleiben, damit die Ärztin nicht gegen den Druck der Muskulatur spritzen muss. Ich entspanne mich ganz konzentriert und nehme modelmäßig alle fürs Röntgen gewünschten Beinpositionen ein. Gute Nachricht: Nichts von einer Thrombose zu sehen. Gegen 13 Uhr bin ich wieder auf dem Zimmer. Man hatte versprochen, den Befund auf die Station zu schicken.
Es dauert bis 17 Uhr 30, bis ich endlich das Krankenhaus verlassen kann. Kein Arzt hat abschließend mit mir gesprochen. Zwei mir neue Schwestern (Schichtwechsel) frage ich nach der Entlassung. Eine antwortet: „Wer hat denn gesagt, dass Sie entlassen werden?“ Ich erzähle ihr von der morgendlichen Aussage des Chefarztes. Hmmm, ja, sie werde nachfragen. Gegen 16 Uhr eine neue Schwester, apart, helles kluges Gesicht. Ich frage wieder. Hmmm, ja, sie werde nachfragen. Gegen 17 Uhr plus stellt sich heraus, dass kein Arzt bei der Besprechung der radiologischen Ergebnisse des Tages war, dass man nicht wisse, wer für mich zuständig sei, dass man jetzt einen Arzt/mehrere Ärzte angerufen habe, bis einer wohl gesagt habe, man könne mich entlassen. Die aparte Schwester hat den Brief an den Hausarzt fertiggestellt. Steht nur drin, dass Venenthrombose ausgeschlossen wurde. Eine Diagnose, was denn mit mir los sein könnte, gibt es nicht. Dann lässt mich die Schwester noch zwei Verträge unterschreiben, die ich wohl vergessen hätte zu unterschreiben. Ich sage ihr, dass ich längst alles unterschrieben habe, was man mir bisher vorgelegt hatte. Ich bestätige noch einmal die Zweitbettzimmer-Unterbringung und erkläre auf Nachfrage erneut, dass ich eine Chefarztbehandlung nicht gebucht und auch nicht bekommen hätte. Mit dem Rollkoffer (Frauchen hatte ihn mittlerweile ins Krankenhaus gebracht) stakse ich die Flure entlang bis zur Pforte, möchte auschecken und bezahlen. Das geht aber nicht, eine Umstellung der PC-Programme mache es unmöglich jetzt den Aufschlag Zweibettzimmer per Karte zu zahlen.

P.S.:
Der Hausarzttermin ist erst am Freitagmorgen. Das Bein schmerzt und ich mache wir Sorgen, was damit los sein könnte. Dienstags am späten Nachmittag ruft die Krankenhausverwaltung an, erwischt meine Frau, erklärt, dass ich wohl zwei Verträge nicht unterschrieben hätte, ich sei doch von Freitagabend bis Montag bei ihnen gewesen, Zweibettzimmerzuschlag mit Chefarztbehandlung. Mittwoch früh telefoniere ich dann mit einer freundlichen Dame, der ich Teile meiner Erfahrungen erzähle und die ich bitte, von einer Rechnung für eine Chefarztbehandlung endgültig abzusehen. Alle nötigen, von mir  unterschriebenen Verträge usw. müssten von der Station sicher noch zu ihr finden. Ich sage das alles ruhig und freundlich, so bleibt auch sie gelassen und staunt sogar etwas mit. Sie sagt, dass mit den erneut sicherheitshalber zu unterschreibenden Verträgen ein Beschwerdeformular käme, ich sollte doch meine Erfahrungen bitte aufschreiben. Man werde dies alles dann auswerten.
Nach dem Auflegen fällt mir ein, dass ich sicherstellen müsste, dass mein Hausarzt am Freitag besser die Untersuchungsergebnisse haben sollte, auch die des freitäglichen Fußgelenkröntgens. Ich rufe selbst noch einmal bei der Krankenhausverwaltung an, bitte um die Zusendung aller Ergebnisse (auch Blutbilder) an meinen Hausarzt. Dann verbindet frau mich hin und her, eine sehr freundliche Dame von der radiologischen Praxis im Krankenhaus verspricht mir, auch die Röntgenergebnisse schnell an meinen Hausarzt zu faxen. Als ich am Freitag den Termin beim Hausarzt habe, sind nur die radiologischen Ergebnisse bei ihm eingetroffen, sonst nichts. Ich gebe ihm den Arztbrief, in dem nur steht, dass eine Thrombose ausgeschlossen wird. Mein Hausarzt verspricht, nun selbst alle Ergebnisse im Krankenhaus anzufordern, ultraschallt mich noch einmal, lässt Blut abnehmen. Dienstag habe ich den nächsten Termin, dann wisse man – auf der Basis aller Untersuchungen – hoffentlich mehr. Der Doc empfiehlt mir große Schmerzpflaster, weil es sich auch um eine üble Muskelverhärtung handeln könnte. Eine Venenentzündung oder … sind aber auch noch nicht auszuschließen.
Und ich denke nur noch: Hauptsache, es wird nichts amputiert. Und wenn, dann bitte nicht vom Chefarzt, das könnte ich mir doch gar nicht leisten.

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6 Kommentare

  1. #1 | Mir sagt am 9. Juli 2012 um 14:19 Uhr

    Wenn sich alles genauso zugetragen hat: Gute Besserung.

    Als Krankenhauslektüre würde ich nehmen Tageszeitungen, Stern, Spiegel, Fokus – nur um zu sehen, draußen ist das Leben auch nicht Schöner.

  2. #2 | Andreas Lichte sagt am 9. Juli 2012 um 15:41 Uhr

    @ Mir #1

    Du schreibst: „Wenn sich alles genauso zugetragen hat …“

    Gerd hat mir gegenüber (offline) bestritten, dass „Sister Morphine“ noch eine andere Bedeutung hat …

    The Rolling Stones – Sister Morphine:

    https://www.youtube.com/watch?v=C39kQoprfP0

    (…) Well it just goes to show
    Things are not what they seem
    Please, sister morphine, turn my nightmares into dreams (…)

  3. #3 | mir sagt am 9. Juli 2012 um 15:48 Uhr

    Obwohl H.D.Thoreau in Walden in der Rubrik Neuigkeiten schreibt „Wenn wir lesen, daß ein Mensch beraubt, ermordet oder zufällig getötet wurde, ein Haus abbrannte, ein Schiff unterging oder ein Dampfer in die Luft flog, eine Kuh von der Eisenbahn überfahren und ein wütender Hund getötet wurde oder daß ein Schwarm Heuchrecken im Winter angetroffen wurde, so brauchen wir das niemals wieder zu lesen. Einmal dir das Gesetz bekannt ist, was brauchst du dich um die Myriaden von Fällen und Anwendungen zu kümmern?“ Später schreibt er aber dass auf dieses Geschwätz nicht wenige begierig sind.

  4. #4 | Gerd Herholz sagt am 9. Juli 2012 um 17:06 Uhr

    Liebe Mir, lieber Andreas, ich habe aus der Luft nur gegriffen, was in ihr lag.

  5. #5 | „Here I lie in my hospital bed, tell me sister …“ – ein Laien-Lamento | Ruhrbarone | Krankenhaus and more | Scoop.it sagt am 13. Juli 2012 um 15:21 Uhr

    […] Freitag, vor 9 Tagen. 15 Uhr 15, Hausarzttermin. Das angeschwollene Fußgelenk und Schmerzstellen, die die linke Wade nach oben wandern, machen mir Sorgen.  […]

  6. #6 | „Here I lie in my hospital bed, tell me sister …“ – ein Laien-Lamento | Ruhrbarone | Healthcare meets Social Media | Scoop.it sagt am 13. Juli 2012 um 15:22 Uhr

    […] Freitag, vor 9 Tagen. 15 Uhr 15, Hausarzttermin. Das angeschwollene Fußgelenk und Schmerzstellen, die die linke Wade nach oben wandern, machen mir Sorgen.  […]

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