Klaus Hurrelmann im Interview: „Die Jugendlichen sind grundsätzlich Optimisten“

Klaus Hurrelmann im Gespräch. Foto: wikipedia/A.behlen/CC BY-SA 4.0

 „Kinder stark machen für das Leben: Herzenswärme, Freiräume und klare Regeln“ – so lautet ein Buchtitel von zahlreichen Publikationen, die Klaus Hurrelmann veröffentlicht hat. Er hat in den Jahren 2002, 2006 und 2010 die Shell-Jugendstudie geleitet, mit der seit 1953 ausgelotet wird, welche Themen die deutschen Heranwachsenden bewegen und welche Erwartungen sie an die Zukunft haben. Hurrelmann forschte über Bildungs- und Jugendfragen an den Universitäten in Essen, New York, Ithaka und Los Angeles. Nach fast 30 Jahren an der Universität Bielefeld, wo der 67-Jährige die School of Public Health gründete und leitete, lehrt und forscht er seit 2009 an der privaten Hertie School of Governance in Berlin.

Lieber Herr Professor Hurrelmann, was passiert derzeit an den gesellschaftlichen Rändern, wie fühlen sich Jugendliche, die ihren Platz innerhalb der Gesellschaft nicht so richtig finden können?

Nach 60 Jahren Bundesrepublik möchte ich sagen, dass wir eine recht ausgewogene demokratische Kultur haben, was die jungen Leute auf ihre Weise würdigen. Die große Mehrheit der 12-bis 25-Jährigen hat nach der aktuellen Shell-Jugendstudie eine optimistische Zukunftssicht, trotz der realistisch eingeschätzten Krisensymptome. Aber wir haben auch eine Minderheit von fast 20 Prozent, die sich vom Bildungssystem abgehängt fühlen. Diese Leute haben kein Schulabschluss geschafft oder kamen nicht in den Beruf rein. Sie sind zum Teil sozial deklassiert und gesellschaftlich isoliert. Dennoch sind sie der Auffassung, dass es sich um eine gerechte Abstufung handelt, in der sie da stehen. Sie schieben das auf sich selbst und ihr Unvermögen zurück und schauen neidvoll auf die 80 Prozent Erfolgreichen. Deshalb machen den Staat nicht für Ihr Versagen verantwortlich. Das ist bemerkenswert und unterscheidet die deutsche Situation ganz stark von anderen Ländern.

In den 1970er Jahren hat sich Paul Breitner noch vor einem Mao-Bild fotografieren lassen, in der Gegenwart lassen sich Repräsentanten des Breitensports eigentlich fast immer nur vor Emblemen von Sponsoren fotografieren, wo ist die rebellische Haltung geblieben?

Protest und Rebellion muss man gegenwärtig mit der Lupe suchen, sie sind aber unter der Oberfläche vorhanden, wenn auch nur in ganz kleinen Spurenelementen. Eine Protestattitüde würde aber schnell entstehen, wenn sich die Lage zuspitzt und zum Beispiel eine Wirtschafts- oder Umweltkrise ausbricht.

Auch bei der jugendlichen Gegenkultur fehlt die Rebellion auf ganzer Linie…

Wir haben es nicht mit einer unpolitischen jungen Generation zu tun, aber sie ist gegenwärtig nicht rebellisch. Die Jugendlichen sind Realisten und haben den Impetus in die Gesellschaft reinzukommen. Sie wollen einen Beruf ausüben, was sehr stark durch junge Frauen geprägt ist und was in unseren Untersuchungen besonders stark auffällt. Sie möchten Karriere machen und nicht nur Hausfrau sein. Sie haben ihr ganzes Lebenskonzept umgestellt, das darf man nicht übersehen. Jugendliche scheinen fast zufrieden mit ihrer Situation zu sein. In ihrer pragmatischen und integrationsorientierten Grundhaltung können sie ihre Gesamtsituation realistisch einschätzen, Sie sehen ihre Chancen und Risiken. Auch die schwere wirtschaftliche Lage wird sehr präzise von der jungen Generation beobachtet.

Nach einer Baby-Pause haben speziell Akademikerinnen Probleme, wieder in den Beruf einzusteigen. Ist die Chance für junge Mütter in Frankreich oder Skandinavien größer, weil man sich dort gewissenhafter auf Teilzeit-Arbeitsstellen für junge Mütter eingestellt hat?

Fakt ist, dass von jungen Frauen eine selbstbewusste Haltung kommt, eigene Kinder haben zu wollen, ein wichtiger Punkt. Der Impuls, die Bildungs- und Berufslaufbahn mit der Familiengründung zu koppeln, kommt zudem in erster Linie von der weiblichen Seite. Aber es ist schon klar, dass bei uns die Rahmenbedingungen dafür schlechter eingerichtet sind, viel schlechter als bei unseren Nachbarländern. Trotzdem, die Jugendlichen sind grundsätzlich Optimisten. Seit etwa 10 Jahren wendet sich das Blatt zu ihren Gunsten. Sie wissen, dass sie gute Chancen haben, wenn sie in Bildung investieren und sich gegen die objektiv schwierigen Verhältnisse durchsetzen, das ist ein Grundmuster, was ganz besonders von den jungen Frauen kommt. Sie sind ja auch sehr erfolgreich und haben die Männer in den Bildungsergebnissen überholt.

Jede Ära hat ihre spezifischen Drogen: Kiffen war ein Symbol bei den Hippies, während die Punks Dosenbier tranken und Ecstasy von Techno-Jüngern eingenommen wurde. Gegenwärtig haben vor allem Leistungssteigernde Medikamente Hochkonjunktur – ist das sogenannte Turbo-Abitur ein Indiz dafür? Schließlich müssen Kinder zwar die gleichen Unterrichtsstoffe lernen, nur haben Sie 12 statt 13 Jahre Zeit dafür.

Die Verkürzung zum Turbo-Abi hat zu einem zusätzlich Druck geführt, das ist schon richtig, doch dürfte das nur ein einmaliger Effekt sein. Speziell bei der zweiten Alters-Kohorte dürfte das weitgehend verschwunden sein. Wichtig ist zu sehen, was dahinter steht. Die tiefere Ursache ist die Grundmentalität: die alten Werte wie Fleiß, Disziplin, Ordnung sind gegenwärtig wieder voll da. Der Tenor lautet: „Ich will etwas schaffen, dazu bin ich ganz traditionell und konventionell – sozusagen wie die Generation meiner Großeltern. Ich habe hohe Leistungsansprüche, ich will in die Gesellschaft rein und will da eine Position einnehmen. Ich muss mich auf den Hosenboden setzen, ich will erfolgreich sein im Bildungssystem und da helfe ich notfalls auch nach, um meine Ziele auch unter Druck zu erreichen.

Derzeit gibt es fast überall auf der Welt Massenproteste von Jugendlichen, doch Ausschreitungen, wie man sie beispielsweise in London erlebt hat, sind bislang in  Deutschland noch ausgeblieben. Selbst bei Stuttgart 21 geht ja eher die „Generation Silberlocke“ demonstrieren, gibt es dafür Gründe?

Da würde ich relativieren. Bei uns würden Heranwachsende sehr wohl auf die Strasse gehen, wenn Sie ihre Lage nicht so günstig einschätzen würden. Seit 20, 30 Jahren haben wir eine sehr nachhaltige und zähe Umweltbewegung, wo junge Leute ganz stark involviert sind. Sie sind nicht die einzigen die demonstrieren, das ist schon richtig. Gerade bei Anti-Atomprotesten findet sich das komplette Altersspektrum. Diese Bewegung hat in breiter Allianz sehr lange angehalten, die wäre auch gegenwärtig noch sehr aktiv, wenn nicht von allen Parteien dieser epochale Sieg gekommen wäre, der den Atom-Ausstieg besiegelt hat. So einen Sieg hat eine politische Bürgerbewegung schon lange nicht mehr erzielt, das darf man nicht übersehen. Wir haben gegenwärtig nicht einen Protest, der für bessere berufliche Chancen kämpft, das ist schon ziemlich auffällig. Das liegt daran, dass die jungen Leute ihre Situation und ihre Perspektiven nicht so existentiell gefährdet sehen, wie zum Beispiel in Spanien oder in London.

Der britische Premierminister David Cameron hielt im Sommer 2010 eine Rede. Er thematisierte die Gründe der Unruhen von London und sprach von „einer kaputten Gesellschaft“: Schuld seien Verantwortungslosigkeit, Egoismus, „Kinder ohne Väter“ und „Schulen ohne Disziplin.“ Auf diese Aneinanderreihung von Anschuldigungen, kann ein etwa 17jähriger doch nur mit Angst und Resignation reagieren, oder?

Das kann man wohl sagen, gerade wenn man sich vor Augen hält, dass diese Aussagen von dem führenden britischen Politiker kommen, der die einflussreichste Position bekleidet, die es in Großbritannien gibt. Solche durch Resignation gekennzeichneten Töne kommen bei uns kaum von Politikern, außer man begibt sich  zu den extremen linken oder rechten Rändern. Wir müssen aber aufpassen, denn die Lage bei den britischen Nachbarn ist nicht mit den vorherrschenden in Deutschland zu vergleichen, im Vergleich gibt es enorme Unterschiede. Die gesellschaftliche Schere zwischen arm und reich ist dort seit Jahrzehnten viel stärker ausgeprägt, als bei uns. Die einzelnen sozialen Schichten scheinen wie eingemauert zu sein, man kommt schlecht von unten nach oben. Deutschland, oft verkannt als etwas konservativer Sozialstaat mit weniger Marktmechanismen, bietet im direkten Vergleich sehr viel mehr Mobilität an – trotz eines im internationalen Vergleich nicht bedingungslos erfolgreichen Bildungssystems. Wir müssen ganz nüchtern und auch mit einem gesunden Selbstbewusstsein feststellen, das junge Leute, die ja absolute Seismographen für die Entwicklung eines Landes sind, sich sehr konstruktiv bei uns verhalten. Sie verharren nicht in Untergangsstimmung, das ist ein deutlicher Unterschied zu Großbritannien. Ich persönlich möchte derzeit nicht ein schlecht ausgebildeter junger Mann in Großbritannien sein, die Lage ist dort deutlich schwieriger als hier in Deutschland.

Viele junge Internet-User bewegen mit erstaunlicher Offenheit durch das Internet, warum ist die Preisgabe privater Daten vom Geburtstag bis hin zu sexuellen Vorlieben völlig normal?

Sie haben einfach eine Art Urvertrauen in die virtuelle Welt, dass scheint ihr selbstverständliches Medium zu sein, in dem sie sich bewegen und wo sie sich „nackt“ darstellen können. Die Einschätzung, was sie preisgeben und wie viel von ihrer Persönlichkeit offenlegen, ist schon beispiellos. Diese Generation möchte offen sein und schwimmt in einem großen sozialen Strom – das halte ich für ein Hauptmotiv, warum die Jugendlichen vergessen sich zu schützen. So riskiert mancher Internet-User, dass mit seinen Daten ein Missbrauch geschehen kann. Zudem ist die junge Generation sehr auf sich selbst ausgerichtet und egozentrisch. Es bleibt Ihnen ja auch gar nichts anderes übrig in der großen Ungewissheit, wo Ihnen niemand die jeweiligen Perspektiven am Arbeitsmarkt beantworten kann.

Zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern machten 40.000 Menschen in Mecklenburg-Vorpommern ihr Kreuz bei der NPD, wie wirkt die nationalsozialistische Anziehungskraft auf Jugendliche?

Man spricht junge Leute immer dann an, wenn sie selbst ihre eigene  Situation schlecht einschätzen. Nicht nur bei der letzten Wahl, auch bei der vorigen war das Abschneiden der NPD in Mecklenburg-Vorpommern eklatant. Sie hat Partei ergriffen und konnte das artikulieren, was die soziale Benachteiligung von jungen Männern angeht und hat die schlechten Chancen am Arbeitsmarkt thematisiert.  Zudem hatte es eine gewisse Anziehungskraft, wie die NPD soziale Angebote transportiert: die Partei bietet eine Heimat, Zugehörigkeit und soziales Leben an – darin wurde eine Alternative gesehen, die Ihnen in ihrer schwierigen Lage entgegen kommt. Das gleiche Phänomen dürfte auch für manche Regionen in Deutschland gelten. Auch bei Ihnen in Nordrhein Westfalen gibt ja städtischen Regionen, wo sehr schwierige Bedingungen vorherrschen und somit ein Resonanzboden für eine rechtsradikale Partei geschaffen ist.

 Erwachsene Mittdreißiger sehen sich heute häufig immer noch als „jung“ und „unangepasst“ an und identifizieren sich mit den Jugend-Szenen, mit denen Sie aufgewachsen sind, egal ob das jetzt Punks, Heavy Metal Freaks, Hip Hopper oder Grufties sind. Ist das vielleicht der Grund, warum Gegenkulturen ihre Funktion als jugendliche Differenzierungsstrategie verlieren?

Ja, dem würde ich zustimmen. Es ist auffällig, dass viele der Ausdrucksformen der jungen Leute in ihrem sprachlichen Stil, in ihrer Kleidung, ihrem Musikgeschmack oder insgesamt in ihrer Lebensführung Akzente setzen. Die Unterschiede zwischen Eltern und Jugendlichen sind geschmolzen, da sie ähnliche Lebenssituationen ausgesetzt sind. Ihre Arbeitsstellen sind nicht sicher, ihre Beziehungen auch nicht. Sie schauen interessiert rüber, wie die jungen Leute ihre Spontaneität inszenieren. Da es viele jugendlich-subkulturellen Ausdrucksformen gibt, natürlich in hohem Maße kreativ, schräg und auffällig,  so wird das dann kopiert und übernommen. Manchmal sogar fortgeführt, um auf sich aufmerksam zu machen und das kommt von Leuten, die von ihrem biologischen Alter gar keine Jugendlichen mehr sind. So kommt es, dass die Mutter dann mit der gleichen Haarfarbe und  der gleichen modischen Kurzhose herumläuft wie die Tochter. So werden Spielräume für junge Leute zugeschüttet, die es früher noch gab. So hat das Ganze dann kaum noch Provokations-Potential und läuft nicht nur modisch ins Leere.

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4 Kommentare

  1. #1 | Bochumer sagt am 16. September 2018 um 12:40 Uhr

    Die sogenannten "Influenza" sind zwar oft doof, aber dieses Exemplar macht auf ein wichtiges Thema Aufmerksam. Alkohol ist in der Schwangerschaft schon in kleinsten Mengen schädlich fürs Kind..

  2. #2 | Michael sagt am 16. September 2018 um 15:42 Uhr

    @1

    Man darf in diesem Zusammenhang auch nicht vergessen, dass der beliebteste Kanzler in D. Antialkoholiker war.

  3. #3 | Melly Flu sagt am 16. September 2018 um 17:10 Uhr

    @ Michael,

    was, Willy Brandt war Antialkoholiker?! Fake news!

  4. #4 | thomas weigle sagt am 17. September 2018 um 12:03 Uhr

    Willy Brandt Antialkoholiker? Eine solch üble Nachrede hat Willy Brandt keinesfalls verdient. Frau Seebacher übernehmen Sie!!

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