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Krav Maga im Ruhrgebiet: „Wir sind ganz klar israelsolidarisch aufgestellt!“

Leonid Chraga: Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde in Dortmund, Krav-Maga-Lehrer und Beauftragter für Sicherheit bei den jüdischen Gemeinden in Westfalen; Foto: Peter Ansmann

Leonid Chraga: Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde in Dortmund, Krav-Maga-Lehrer und Beauftragter für Sicherheit bei den jüdischen Gemeinden in Westfalen; Foto: Peter Ansmann

In der vergangenen Woche berichteten die Ruhrbarone über einen Krav-Maga-Nachmittagskurs im Karatezentrum Oer-Erkenschwick. 

Als Resonanz auf diesen Beitrag, meldete sich Leonid Chraga, Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde in Dortmund und Sicherheitsbeauftragter für jüdische Gemeinden in Westfalen, bei den Baronen. Neben diesen Tätigkeiten, ist Leonid Krav-Maga-Trainer bei einem, an die jüdische Gemeinde Dortmund angeschlossenen, Sportverein. 

In Bochum und Dortmund lernen jüdische und nichtjüdische Mitbürger gemeinsam das israelische Selbstverteidigungssystem Krav Maga. Das hat uns natürlich neugierig gemacht! Die Ruhrbarone hatten ein paar Fragen – und waren aus diesem Grunde am Dienstagabend, beim Training in Bochum, mit dabei.

Es wird gestöhnt. Es gibt laute Geräusche. Menschen wälzen sich auf dem Boden und es wird heftig geschwitzt. Jemand wird ungünstig getroffen und trägt eine Beule davon. Bevor Du jetzt auf falsche Gedanken kommst: Wir befinden uns mitten in einem Krav-Maga-Training im idyllischen Bochum-Ehrenfeld. Etwa 20 Personen üben sich an diesem Dienstag in der israelischen Selbstverteidigungstechnik, um ihre Defensivfähigkeiten zu verbessern und um fit zu bleiben. Was mich an diesem Training fasziniert: Aus meinen bisherigen Krav-Maga-Kursen kenne ich persönlich, als Teilnehmer, „heftiges Aufwärmen“ plus Übungen mit Schutzausrüstung für z.B. den Kopf und die Genitalien. Das Training in Bochum ist da eine Spur realistischer und härter: Außer Zahnschutz, den man ja auf der Straße auch eher selten trägt, sehe ich keine Schutzausrüstung bei den Teilnehmern. Hier wird wirklich realistisch – und praxisnah – trainiert.

Leonid Chraga:

In den USA und in Lehrbüchern wird gezeigt, wie man einen Gegner mit Schusswaffe abwehrt. Sowas steht hier nicht auf dem Programm. Messer sind natürlich eine reale Gefahr. Und wir wollen das Training realistisch halten. Die Abwehr vo Faustfeuerwaffen, behandeln wir daher eher stiefmütterlich.

Seit über drei Jahren kann man in Bochum und Dortmund, unter professionellen Anleitung, Krav Maga erlernen.

Krav Maga im Ruhrgebiet: Kamikaze-Krav-Maga; Foto: Peter Ansmann

Krav Maga im Ruhrgebiet: Kamikaze-Krav-Maga.de; Foto: Peter Ansmann

Krav Maga ist das, praxisorientierte, Selbstverteidigungssystem der israelischen Armee. Auch in Deutschland findet dieses System immer mehr Zuspruch. Leonid, Max und Julius sind Krav-Maga-Lehrer bei Kamikaze-Krav-Maga, einem Verein im Umfeld der der jüdischen Gemeinden in Bochum und Dortmund: Die drei standen den Ruhrbaronen Rede und Antwort.

Ruhrbarone: Wie lange gibt es diesen Kurs und wie kam es zur Gründung?

Leonid: Wir haben uns gegründet, vor etwas über 20 Jahren als die Zuwanderungswelle kam, als kleiner Sportverein, anliegend an die jüdische Gemeinde Bochum. Mit Schach, Tischtennis, Fußball und Basketball haben wir angefangen. Vor drei Jahren haben wir gesehen, dass jemand gewerblich Krav Maga für viel Geld anbietet. Wir fanden das inhaltlich so lala und so entstand die Idee, Krav Maga im Verein anzubieten.

Ruhrbarone: Was unterscheidet Euch von Angeboten in kommerziell orientierten Kampfsportschulen?

Leonid: Einige Leute lernen Krav  Maga in einem Zweitageseminar und ich hab alleine für meine Grundausbildung zwei Wochen investiert. Mit einem soliden Kampfsport-Background. Ich hatte schon zehn Jahre Wing Chun und Hapkido und anderes trainiert. Diese anderen Konzepte stießen bei mir auf Unverständnis. Wir haben dann gesagt: Wir bieten das als Verein an. Krav Maga für alle zugänglich. Wir haben nicht den Anspruch Geld zu verdienen. 

Ruhrbarone: Das heißt?

Leonid: Krav Maga geht auch anders. Man muß dafür nicht viel Geld zahlen und man muss keine zwielichten Gegenden besuchen und mit irgendwelchen Leuten trainieren, mit denen man das nicht möchte. Beim Kampfsport gibt es ja ein spezielles Klientel. Beim Krav Maga besonders on letzter Zeit. Wir haben gesagt: Wir machen einen Verein, wo gute Selbstverteidigung für jeden erschwinglich ist und das in einer sozialen Atmosphäre. 

Ruhrbarone: Wie habt Ihr dann angefangen mit dem Kurs?

Leonid: Wir wollten als Makkabi ein Fenster öffnen für alle: Das ist ja israelisch-jüdisch, die Krav-Maga-Geschichte insgesamt, und damit kann man auch Leute in der Stadt ansprechen. Wir sind dann untergekommen im Dojo von meinem Jiu-Jitsu-Trainer. Das war der Anfang. Dann kamen Leute und dann hat es sich so etabliert, dass es viel mehr nichtjüdische Mitglieder wurden als jüdische. Das ging ganz schnell und gibt ja auch die Verhältnisse in der Stadt ein wenig wieder.

Ruhrbarone: Warum hast Du Krav Maga gelernt?

Leonid: Ich habe es gelernt, weil ich Sicherheit für jüdische Gemeinden mache.

Ruhrbarone: Wie sieht das Training bei Euch aus?

Leonid: Ich versuche für mich, diese Mischung aus militärischen Drill, was Krav Maga so mit sich bringt, zu verknüpfen mit dem Sportdidaktischen, was man so lernt wenn einen Übungsleiterschein macht. Aufwärmen soll aufwärmen sein, sonst ist man später nicht aufnahmefähig für Techniken. Am Ende kommen dann die Drills, wo die Menschen abgerichtet werden, wo es etwas mehr zur Sache geht.

Wir haben Krav Maga ja als fortlaufenden Kurs. Wenn die Soldaten zwei Wochen zum lernen haben, dann ist das ist das eine Sache. Wenn wir das aber als Kurs machen und die Leute regelmäßig zum Training kommen und immer wieder eine wenig lernen,  ein-, zweimal die Woche, dann sollte der Aufbau auch anders sein.

Ruhrbarone: Weshalb kommen die Leute zu Euch ins Training?

Leonid: Wenn man jetzt schaut, wieviele Leute nur für die Selbstverteidigung kommen: Das ist nicht die Mehrheit.Für viele ist es die Fitness. Und Freizeitgestaltung einfach.

Natürlich werden die Leute auch zu sowas getrieben. Jede Nachrichtenwelle über Messerangriffen bringt uns neue Leute. Wir müssen keinen Werbung machen: Die AfD und die Medien machen diesen Job.

Trainer Max wehrt einen (simulierten) Messerangriff ab; Foto: Peter Ansmann

Trainer Max wehrt einen (simulierten) Messerangriff ab; Foto: Peter Ansmann

Max: Es ist hier so, dass das Sozialgefüge, das Gruppengefühl, ein ganz tolles ist. Die Leute kommen aus sehr unterschiedlichen Lebensbereichen, sind auch im Alter stark gemischt. Trotzdem haben wir hier sehr viel Spaß. Ich kann mich an kein Training erinnern in den letzten Jahren, wo ich soviel nebenbei noch an Spaß und Freundeskontakten gefunden habe: Die einen auch zum Training ziehen.

Ruhrbarone: Ab welchem Alter kann man bei Euch mittrainieren?

Leonid: 14 Jahre ist die Grenze. Die Jugendlichen werden ja mit Erwachsenenproblemen konfrontiert. Wenn man so sieht was in Dortmund passiert. Da liest man „13-Jähriger wurde an der Kampstraße abgezogen“, „ein 14-Jähriger wurde an der Reinoldikirche von Jugendlichen zusammengeschlagen und das Handy wurde weggenommen. Die Grenze sollte natürlich sein, dass jemand nicht auf die Idee kommt, jemanden einen mit dem Ellbogen zu geben, wenn er auf dem Schulhof nicht so ganz klar kommt. Aber das merkt man schon, wenn die Jugendlichen hier erstmals erscheinen. Wenn die mit ihren Eltern hier erscheinen und in der Ecke sitzen und zugucken: Die zu uns kommen, das sind ja die, die sich überhaupt nicht trauen „Nein“ zu sagen.

Leo lässt seinen, sprichwörtlichen, "entwaffnenden Charme" bei Julius spielen; Foto: Peter Ansmann

Leo lässt seinen, sprichwörtlichen, „entwaffnenden Charme“ bei Julius spielen; Foto: Peter Ansmann

Julius: Bei Kids, die können Erwachsenen kein Paroli bieten, wenn die ersthaft angegriffen werden. Wenn wir solche Situationen durchspielen, dann heißt es erstmal „Nein. Stop. Bleib da!“ um zu deeskalieren. Und der Angreifer entscheidet dann, ob er weiter geht: Gefahrensituationen erkennen und diesen aus dem Weg zu gehen. Darum geht es.

Ruhrbarone: Habt Ihr einen Schwerpunkt bei den Übungen?

Leonid: Wir machen viel Bodenkampf. Das ist meinem Background geschuldet. Das ist bei Brazilian Jiu-Jitsu fester Bestandteil des Trainings. Die Philosophie ist: Wenn Du am Boden gar nicht kannst, bist Du wehrlos. Wenn Du aber nur ein wenig kannst, bist Du einem der gar nichts kann am Boden überlegen. 

Ruhrbarone: Wieviele Leute trainieren bei Euch?

Julius: Wir haben 40 angemeldete Teilnehmer. Am letzten Sonntag waren 20 auf der Matte. 

Ruhrbarone: Wie hoch ist der Mitgliedsbeitrag bei Euch?

Leonid: Wir haben gestaffelte Beiträge. 50 Euro im Monat ist der Solidaritätsbeitrag, aber die meisten zahlen um die 25 Euro. Es müssen ja schließlich Räume angemietet werden. Jetzt haben wir gerade schöne Trainingsmesser gekauft. Der nächste Kauf sind elektrische Trainingsmesser, die auch Spuren hinterlassen. Und leider nicht auf Bäumen wachsen.

Ruhrbarone: Was hebt Euch von anderen Sportvereinen ab?

Leonid: Ein wichtiger Aspekt ist: Alle wissen, dass wir als Verein nach dem jüdischen Kalender leben und an jüdischen Feiertagen zu haben. Ganz viele Menschen haben jetzt erst gelernt, was jüdische Feiertage sind. Das die ganz anders sind. Zweimal im Jahr, nach Prüfungen, gehen wir in das jüdische Restaurant hier vor Ort und essen zusammen. Die Leute essen dann israelische Küche, die sie bisher so nicht kannten.  

Und ja: Wir sind ganz klar israelsolidarisch aufgestellt.

Renata wehrt sich erfolgreich! Foto: Peter Ansmann

Renata wehrt sich erfolgreich! Foto: Peter Ansmann

Ruhrbarone: Wir wirkt sich der jüdische Einfluß auf den Verein aus?

Leonid: Bei der Tora-Einweihung, z.B., haben viele Leute aus dem Verein gefragt „Braucht Ihr noch Hilfe bei der Sicherheit?“ – das waren Leute, die sonst mit der jüdischen Gemeinde nichts zu tun haben. Die Tora-Einweihung hat bei übelsten Wetter stattgefunden, Schnee und Matsch, und die Leute haben stundenlang draußen verbracht und die Gemeinde unterstützt. Das hat so eine Brücke geschlagen.

Ruhrbarone: Wo kann man sich über Euer Training informieren?

Leonid: Auf unserer Website Kamikaze-Krav-Maga.de gibt es jede Menge an Information zu unserem Verein und zu den Trainingszeiten.

Ruhrbarone: Es war schön bei Euch! Vielen Dank für die Infos!

Leonid: Gerne! Bis zum nächsten Mal!

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4 Kommentare zu “Krav Maga im Ruhrgebiet: „Wir sind ganz klar israelsolidarisch aufgestellt!“

  • #1
    Gerd

    "Jede Nachrichtenwelle über Messerangriffen bringt uns neue Leute. Wir müssen keinen Werbung machen: Die AfD und die Medien machen diesen Job."

    Auch wenn es verpönt ist: Er liegt damit ganz bestimmt zu 2/3 richtig.

    https://www.tagesspiegel.de/politik/antisemitismus-studie-der-eu-juden-in-deutschland-fuehlen-sich-zunehmend-unsicher/23742690.html

    https://www.jpost.com/Diaspora/Antisemitism/Study-Rise-of-far-Right-not-the-main-source-of-antisemitism-in-Europe-616363

    https://forward.com/opinion/439420/anti-semitisms-rise-in-europe-is-more-than-a-far-left-far-right-problem/

  • #2
    Peter Ansmann Beitragsautor

    @Gerd: Mein Gedanke, als diese Aussage fiel, war eigentlich: "100%, 3/3, korrekt, Volltreffer" – aus Erfahrung (Ich bin ja jetzt einige Zeit im Bereich Kampfsport unterwegs.): Besonders nach Sylvester 2015 (Vorkommnisse in Köln!) ging die Nachfrage in die Höhe. Auch bei unseriösen Kursen – und auch im Bereich "Beantragung des kleinen Waffenscheins". Diese Realität kann man ja schlecht "verpönen".

    Wobei man, bei allen neuen "unerfreulichen" Trends sagen muss: Das Sicherheitsbefinden nimmt ab – obwohl es, laut Statistik weniger Gewalttaten gibt als früher. Zum Beispiel beim Thema „Angriffe auf Polizisten im Dienst“:

    https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2020/01/polizei-lka-gewaltsame-uebergriffe-auf-polizisten-waren-2019-ruecklaeufig-neue-zahlen.html

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