letzte Woche / diese Woche (kw28)

Es steht zu befürchten, dass wir noch einen neuen Arbeitsmarkt schaffen müssen. Ich erklär mal konkret warum. Damit die ganze Staatsform hier international halbwegs glaubwürdig bleibt nämlich. Nicht nur Tagesspiegel-Autoren englischen Ursprungs verlassen Deutschland ja bereits. Und das auch noch mit Stockholm Syndrom, wie Roger Boyes schreibt. Vielleicht ist es schon spät.

Also: Mag ja sein, dass all die Vollzeitangestellten und Beamten, die Dienst leistenden Selbständigen und Co mit ihrem Leben zufrieden sind und sich auch gerne mal kritisch geben, wenn sie sich bei der Arbeit oder statt Feierabend mit dem auseinander setzen, was Leute über die Gesellschaft zu sagen und zu schreiben haben, das ihrem Lebensentwurf im Grunde zuwider läuft. Aber weder sie noch die Arbeitslosen ändern etwas daran, dass ein Leben jenseits der „Pflichterfüllung“ (und jenseits extremer Ohnmacht) gegenüber Staat und Konzernen nicht gerade immer leichter wird. Und ganz ganz schnell zeigt immer ein Finger auf die anderen, wenn die auch nur zu 10% ihrer Zeit für jemanden arbeiten, der nicht gerade irgendwie total sauber ist – wodurch genau daran gearbeitet wird aber auch alles zu diskreditieren, weil es ja nunmal *gähn* kein richtiges Leben im falschen Film gibt, usw. Can’t think must work.

Blöder Mist also. Gutgläubige engagieren sich für Ökologie oder Yoga, Tierrechte oder Gleichberechtigung, bis das als Kriegsgrund oder zumindest Argument für „Intervention“ ausgerufen wird – oder noch länger. Alles wird mittlerweile ja als Rechtfertigung von Staats- und Konzern-Handeln genommen, die Argumente sind nach außen hin egal. Taten zählen. Aber nach innen funktionieren gerade diese perfiden Argumentationen natürlich seit langem super, einfach weil jeglicher grundsätzliche Protest schon lange in 98 verschiedene Zuständigkeitsbereiche kanalisiert ist. Divide and conquer.

Also ist es auch nicht so einfach, mal so auf doof halbtags für Greenpeace oder so einen Kram arbeiten zu gehen und sich ansonsten für Wichtigeres zu engagieren. (Obwohl viele so tun, als wäre dann die Welt bzw. sie in Ordnung.) Und nun ein Ergebnis eines Gesprächs meinerseits von gestern, als ich mal wieder das Rank-Xerox-Peter-Hein-Modell für das 21. Jahrhundert runterbrechen wollte: Es ist uns äh Freigeistern offensichtlich nicht möglich – weil wir nicht viel Geld brauchen – einfach mal drei bis vier Stunden am Tag irgend etwas Soziales oder Körperliches arbeiten zu gehen und ansonsten an ebenso Wichtigem, aber vielleicht auch Einträglichem und der Gesellschaft – whichever – dienlichem zu arbeiten, das wir uns selbst aussuchen. „Überqualifiziert“ würden wir dann genannt, sagte der Diskussionspartner gestern. Ich fürchte hingegen, die Arbeiter- und Sozialkaste will uns gar nicht haben. Small parts isolated and destroyed.

Wie ich schon einmal mit dem Wort von der „Diktatur der Workaholics“ andeutete, besteht offensichtlich kein gesellschaftliches Interesse an 20h-Ergänzungsjobs für z.B. Künstler und Journalisten. Dabei wäre das doch so schön, als äh Intellektueller immer mal aufs Feld zu dürfen! Stattdessen gilt: Sklavendienst für nichts oder Erfüllungsgehilfendienst für Auto, Party, Verhütungsmittel. Work all week.

Also: Wenn wirklich Leute gewollt sind, die nicht nur unabhängig tun, sondern es wirklich sind, dann schaffen Sie bitte mehr 15bis20-Stunden-Jobs für Leute, die dafür sorgen, dass Sie nicht nur noch permanent für dumm verkauft werden. Und lassen Sie sich von Staat und Konzernen keinen Quatsch erzählen, dass das irgendwie unsozial wäre, bitte. Das Gegenteil wäre der Fall. Wer für große Verlage, Kommunen und Tourismus zu arbeiten gezwungen ist, obwohl er oder sie eigentlich anderer Überzeugung ist, sollte doch die Chance haben, sein Geld zumindest teilweise anders verdienen zu können, oder? (Wer das ohne Not tut, ist halt Scherge, egal was er oder sie sagt.) Oder lauern Sie im Grunde immer nur darauf, dass herauskommt dass all die ach so selbstständigen und freigeistigen Snobs im Grunde genauso korrupt sind wie Sie? Na, dann sind sie wahrscheinlich nur typisch deutsche Staatsoptimierer ohne irgendeine echte Idee jenseits vom Roboten. Lassen Sie doch alles weiter laufen und geben schön immer noch die „Demokraten“ oder „kritischen Bürger“, aber glauben Sie bitte nicht, dass ich Ihnen das abkaufe. Argumente sind nämlich egal. Taten zählen. Und überlegen Sie doch bitte einmal, ob Sie nicht doch die Freiheit wählen möchten. Schönes Wochenende!

Fotos: Jens Kobler (aktuelle Lektüre: „Fahrenheit 451“, auf Englisch, Reclam, 6 Euro; kannte bisher echt nur den Film)

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