Rettungsdienst: Akute Wundversorgung im parlamentarischen Verfahren

Magnus Memmeler Foto : Privat

Im Dezember Interview warnte Magnus Memmeler vor dem Niedergang des Rettungsdienstes. Da in Bund und Ländern die parlamentarischen Beratungen begonnen haben und die üblichen Akteure mitmischen, fürchtet er um die erforderlichen Reformen in der Notfallversorgung. 

Ruhrbarone: Herr Memmeler, regelmäßige Leser unserer Interviews wissen, dass sie sich seit langem für den Rettungsdienst engagieren. Immer wieder forderten Sie grundlegende Nachbesserungen im Bereich der Notfallversorgung. Warum ist gerade jetzt wichtig, grundlegende Nachbesserungen zu fordern? Oder ist es bereits zu spät dafür?

Memmeler: Selbstverständlich könnte ich mich aufregen, einige markige Schlagzeilen der letzten Wochen zitieren und das Interview mit einem recht negativen Fazit beenden. Das würde aber weder den Mitarbeitenden im Rettungsdienst, in den Klinikambulanzen oder der ambulanten Versorgung im weiteren Sinne gerecht, noch würden wir die derzeit bestehenden historischen Chancen angemessen berücksichtigen, die durch die Novellierung der Klinikversorgung, der Notfallversorgung und die vielerorts anstehenden Novellierungen der Rettungsdienstgesetze bestehen.

Zur Zeit sind allenthalben die parlamentarischen Beratungen im Gange. Die Gesetzgebungsverfahren könnten dann endlich eine qualitativ gute Versorgung sicherstellen, wenn sie aufmerksam durch die fachkundige Beteiligten aus den betroffenen Berufsbildern begleitet würden. Die Berufe des Gesundheitswesens sind großartig, wenn denn die Rahmenbedingungen stimmten. Genau dafür können wir genau jetzt sorgen.

An unser Interview im Dezember letzten Jahres

NRW: Rettungsdienst und Notfallversorgung auf dem Scheideweg

dürften sich einige Leserinnen und Leser leider nur an die negativen Nachrichten erinnern. Die wenigsten von uns haben jedoch den Verweis auf die hervorragende Bertelsmann-Studie als Chance begriffen. Wenn es dort heißt die aktuellen Novellierungen von Bund und zahlreichen Bundesländern konstruktiv kritisch zu begleiten. Wie notwendig es ist, die sich bietenden Chancen zu nutzen, zeigt auch die Februar-Meldung des statistischen Bundesamtes.

Ein einfaches „Weiter so“ und das Wehklagen über fehlende Fachkräfte bringt uns nicht weiter. Die Zahnräder der Notfallversorgung und der ambulanten, auch hausärztlichen Versorgung, müssen schlicht besser aufeinander abgestimmt werden. Gelingt dies nicht, werden alle am Gesundheitssystem beteiligten dauerhaft über Überlastung und zunehmende Konsumhaltung von Patienten klagen.

Ruhrbarone: Was muss ihrer Meinung nach denn jetzt passieren? Was könnte uns drohen?

Memmeler: In Berlin sehen wir, was uns droht, wenn der einzige Maßstab dauerhaft ist, in welcher Eintreffzeit ein Rettungsmittel am Einsatzort sein kann.

In der RDAbweichV hat Berlin geregelt, dass bei großer Auslastung des Rettungsdienstes sowohl geringer ausgebildetes Personal eingesetzt werden kann, als dies gesetzlich für Rettungsmittel vorgeschrieben ist, als auch Rettungsmittel für die Notfallrettung eingesetzt werden dürfen, die eigentlich dem Krankentransport zuzuordnen wären.

Masse statt Klasse?

Masse statt Klasse? Das kann und darf nicht der Anspruch sein. Wenn wir für Notfallpatienten einen guten Outcome wünschen, muss Notfallrettung und die anschließende Klinikversorgung auf einem hohen Qualitätsniveau sichergestellt werden. Hauptsache die Liste der Notrufe wird abgearbeitet hilft weder den Patienten, die schlecht versorgt werden, noch den Notaufnahmen, die dann schlicht noch schneller überfüllt sind.

Die „Reform der Notfall- und Akutversorgung in Deutschland Integrierte Notfallzentren und Integrierte Leitstellen“ und die Novellierung der Rettungsdienstgesetze und Klinikplanungen in den Ländern bieten die Chance, nachhaltige Qualitätsentwicklung und die Lenkung von Patientenströmen zu ermöglichen. Zusätzlich muss durch Bund, Länder und Kassenärztliche Vereinigung an der hausärztlichen Versorgung gearbeitet werden – gerne auch mal mit innovativen Ansätzen, die Notfallrettung und klinische Versorgung einbeziehen.

Eine Maßnahme wäre hier die flächendeckende Etablierung von Kooperationen von Rettungsdiensten mit der niedergelassenen Ärzteschaft, um Klinikzuweisungen zu vermeiden, die Rettungsdienste und Notfallambulanzen belasten. In Niedersachsen wird dies durch sogenannte Gemeinde Notfallsanitäter versucht. Landkreise, Städte, KV und alle Beteiligten in der Notfallrettung und ambulanten Versorgung, auch Pflege, müssen sich Gedanken machen, wie zum Beispiel über Telemetrie hausärztliche Leistungen in den Wohnungen von Patienten realisiert werden können, ohne dass der Arzt oder die Ärztin vor Ort ist.

 


Magnus Memmeler mit Maske Foto: Privat

Magnus Memmeler (55 Jahre) lebt in Kamen. Magnus Memmeler (55 Jahre) lebt in Kamen. Seit über 30 Jahren arbeitet er im Rettungsdienst und Katastrophenschutz. Über 25 Jahre davon hat er diverse Leitungsfunktionen eingenommen. Er war beauftragt zur Organisation des Sanitätsdienstes beim DEKT in Dortmund und Verantwortlicher einer großen Hilfsorganisation bei der Versorgung und Unterbringung von Geflüchteten in den Jahren 2013 – 2018. Er war zudem Mitglied bei der Stabsarbeit von Bezirksregierungen und in Arbeitskreisen des Innenministeriums bei der Konzeption von Katastrophenschutzkonzepte. Aktuell ist er Geschäftsführer eines gemeinnützigen Rettungsdienstunternehmens und Präsident des Hilfswerks für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe privater Rettungsdienste Nordrhein-Westfalen e.V.


Speziell geschultes Rettungsdienst- und Pflegepersonal könnte Wundversorgungen, Erhebungen des allgemeinen Gesundheitszustandes, Blutabnahmen und vieles mehr in der Wohnung des Patienten umsetzen, ohne dass dieser in die Praxis verbracht werden muss. Denn dieser „Aufwand“ führt sehr häufig schon dazu, dass bequem der Rettungsdienst gerufen wird, um Anreise zur und Wartezeit in der Arztpraxis zu vermeiden, weil man dann wahrscheinlich auch in der Klinikambulanz weniger lang warten muss.

Das Fehlen solcher Konzepte führt zu Meldungen wie diesen:

Wer ist Schuld an übervollen Rettungsstellen? (medical-tribune.de)

Wenn statt 116117 die 112 gewählt wird: DRK-Chef beschwert sich wegen ärztlichen Notdiensts (zak.de)

Rettungsdienste in Not: Mit dem Taxi ins Krankenhaus (faz.net)

Das Kastendenken und Festhalten an Standesdünkeln muss endlich aufhören. Statt permanent auf andere zu verweisen, sollten Foren wie die „Fürther Gespräche“ zur „Theorie und Praxis präklinischer Kompetenzentwicklung“ genutzt werden, um die Zahnräder in der Gesundheitsversorgung aufeinander abzustimmen. Zusätzlich muss die Politik die Begleitung von Novellierungen durch Fachleute und nicht von Lobbyvertretern ermöglichen. Ärzteverbände, KV und Krankenkassenvertreter allein helfen uns bei dieser historischen Chance nicht weiter. Das haben alle bisherigen Novellierungen im Gesundheitswesen, bei denen nur verschlimmbessert wurde, bereits bewiesen. Dieses Mal muss Qualität vor Geschwindigkeit gehen, auch wenn die Zeit drängt.

Ruhrbarone: Welche konkreten Maßnahmen schlagen Sie denn vor, um die Notfallversorgung zu verbessern?

Memmeler: Zu allererst muss alles unternommen werden, um keine weiteren Mitarbeitenden in den Gesundheits- und Sozialberufen zu verlieren. Kurzfristig heißt dies Tarifbindung in allen Gesundheits- und Sozialberufen muss nötigenfalls verbindlich vorgegeben werden.

Zudem müssen die Zugangschancen zu den Gesundheitsberufen verbessert werden. Am Beispiel des Rettungsdienstes heißt dies, dass die ausreichende Fachkräftequalifizierung endlich vorbehaltlos finanziert und ermöglicht wird. Wie kann es sein, dass am Rettungsdienst beteiligte Organisationen zu Spenden aufrufen müssen, um ausreichend Nachwuchs zu generieren? Ansonsten begleiten uns weiterhin Notrufe, wie dieser aus Sachsen-Anhalt.

Zusätzlich müssen Parteien und Politiker auf Bundes- und Landesebene ihre Adressdateien überarbeiten, um auch unabhängige Experten zu Anhörungen und Beteiligungen einzuladen, damit Expertise und nicht Eigeninteresse bei der Gesetzgebung Einzug erhält. Die bisherigen Verbandsanhörungen haben uns genau dahin geführt, wo wir gerade sind. Auch wenn Lauterbach gerade sehr viel Mut beweist, indem er fordert, dass Versorgungsqualität und nicht Wirtschaftlichkeit dominieren muss, erfolgt diese Auseinandersetzung doch wieder nur im altbekannten Sumpf derer, die immer in den Ministerien ein und aus gehen.

Ergebnis aus meinem Heimatkreis bekannt

Politik muss sich über die Bequemlichkeit ministerieller Strukturen hinwegsetzen, um endlich innovative Erneuerung zu erreichen. Bei der Novellierung der Rettungsdienstgesetze in den Ländern müssen Erprobungsansätze ermöglicht werden, die zum Beispiel auswerten, welche Auswirkungen die Reduzierung von Krankentransportwagen auf die Notfallrettung haben.

Das Ergebnis kenne ich aus meinem Heimatkreis, wo die sogenannten Normalfahrten für Rettungswagen angestiegen sind, da es kaum noch Krankentransportwagen gibt. Die Folge ist dann die permanente Aufstockung von Rettungswagen bei zu wenigen Fachkräften, um diese zu besetzen.

Leider fordern die Krankenkassen eine Evaluation, um zu akzeptieren, was sich eigentlich jedem erschließt. Wir benötigen einen Rettungsdienst mit unterschiedlichen Versorgungsmitteln, der am Bedarf angepasst ist und nicht ausschließlich Ressourcen zur Maximalversorgung, die bei Krankentransporten verheizt werden, was zu zusätzlichem Frust bei Fachkräften führt. Ein zusätzlicher Erprobungsansatz wäre die Unterstützung der hausärztlichen Versorgung durch entsprechend geschultes Personal, wie bereits in diesem Interview beschrieben. So könnte der Nachweis erbracht werden, dass dieses Modell Kliniken und Rettungsdienste entlastet und den Patientinnen und Patienten einen recht barrierefreien Zugang zu regelhafter medizinischer Versorgung ermöglicht.

Ebenso könnte die Erprobung sogenannter Notfallkrankenwagen erprobt werden, die die Grauzone zwischen Notfallrettung und Krankentransport abdecken könnten. Vorausetzung muss hier jedoch sein, dass kein Qualitätsverlust in Kauf genommen wird, wie er aktuell in Berlin droht. Zusätzlich muss endlich allen klar werden, dass wir auf alle Beteiligten in der Notfallversorgung angewiesen sind, um die vorhandenen Ressourcen sinnstiftend eingesetzt zu wissen. Nur aus der Vielzahl von Beteiligten können dauerhaft vielfältige und innovative Ideen hervorgehen, die das Versorgungsniveau stetig steigern und Arbeitsbedingungen verbessern.

Nutzt endlich die Chancen

Nutzt endlich die Chancen bei der Neuausrichtung von Notfall- und Krankenhausversorgung. Die Bequemlichkeit ministeriellen Handelns muss durch eine klare politische Positionierung aufgebrochen werden, die dann auch parlamentarische Beschlüsse durchsetzt und sich nicht durch nebulöse Rückmeldungen der ministerialen Bürokratie beeinflussen lässt, die in der Regel die Vorarbeit von Lobbyverbänden bei der Entwicklung von Gesetzen abbildet.

Abschließend möchte ich einen Appell an alle richten, die in der ambulanten und stationären Pflege Verantwortung tragen. Hier muss die Fachkräftequote ausreichend hoch sein, um Klinikzuweisungen zu vermeiden, die ausschließlich der Tatsache geschuldet sind, dass die eingesetzten Kräfte mit einer anspruchsvollen Regelversorgung überfordert sind. Wenn erforderlich, müssen deren Interessenvertretungen für eine angemessene Fachkraftquote eintreten.

Ruhrbarone: Herzlichen Dank, Herr Memmeler.


Weiterführende Links zum Thema

Reform der Notfall- und Akutversorgung in Deutschland Integrierte Notfallzentren und Integrierte Leitstellen

Kurzzusammenfassung der Zeit, die die übliche und reflexartige Kritik der üblichen Verbändevertreter beschreibt

Kurzzusammenfassung der Ist – Situation und erster Lösungsansätze

Aktuelle Tarifforderungen, die unterstreichen, dass die Tarifbindung kommen muss

Folgen der aktuellen Organisation der Notfallversorgung am Beispiel München

Beispiel wissenschaftlicher Begleitung der Novellierung am Beispiel der klinischen Versorgung und Anpassung der Kliniklandschaft

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