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Ruhrtriennale: The Head And The Load von William Kentridge

The Head And The Load von William Kentridge bei der Ruhrtriennale in der Kraftzentrale Duisburg (Foto: Ursula Kaufmann)

Am 9.8. startete die Ruhrtriennale unter der Intendanz von Stefanie Carp mit „The Head And The Load“ des südafrikanischen Künstlers William Kentridge in der Kraftzentrale des Duisburger Landschaftsparks. Es war ein mehr als angemessener, wenn auch vielleicht nicht brillanter Auftakt. Kentridges Mammutproduktion zeigte mit einer 60-Meter-breiten Bühne, was die Ruhrtriennale einzigartig macht, warum dieses Festival so wichtig ist. Selbst wenn die Produktion ihre Uraufführung bereits im Juli in der Londoner Tate Modern erlebte, hat Kentridge sie für den nochmals größeren Raum in Duisburg, wie er selbst sagt, konzipiert und  vor Ort angepasst.

Kentrigde, der zunächst der bildenden Kunst zugerechnet wird, ist in seinen Arbeiten stets ein Grenzgänger zwischen den Medien: Zeichentrickfilme, die als animierte Malerei daherkommen, Installationen, die Musik, Video und Maschinen zu performativen Anordnungen ausweiten. Das Theatrale ist seinen Arbeiten immer schon eingeschrieben. Prozessionen als Schattenspiel sind eines seiner Stilmittel. „The Head And The Load“ ist mit seiner überbreiten aber nicht sonderlich tiefen Bühne  die logische Fortsetzung von Kentridges Arbeit. Und ganz folgerichtig ist die große Schattenprozession im ersten Akt des Stückes, in der sich Projektion und reale Schattenrisse überlagern, einer der eindrucksvollsten Augenblicke des Abends.

The Head And The Load von William Kentridge bei der Ruhrtriennale in der Kraftzentrale Duisburg (Foto: Ursula Kaufmann)

Genauso wie Kentridges Videos und Installationen immer weit in andere Medien wie Malerei und Theater hineingreifen, ist nun auch diese Bühnenproduktion mehr Abfolge von szenischen Installationen und manchmal Tableau vivants, als eigentlich ein Theaterstück. Zwar reihen sie sich entlang eines stringenten historischen Zeitstranges auf, erzählen beinahe eine Story, können aber in den besten Momenten des Abends auch ganz alleine stehen und entfalten als Bild ihre volle Wirkung.

Die unerzählte Geschichte Afrikas im ersten Weltkrieg ist das große Thema von „The Head And The Load“, dessen Titel aus einem Sprichwort aus Ghana entnommen ist, das in Gänze „The head and the load are a trouble for the neck“ lautet. Zwei Millionen Afrikaner wurden von den Kolonialmächten in den ersten Weltkrieg geschickt, zumeist als Träger von Material und Waffen. Sie wurden in einem Krieg verheizt, mit dem sie eigentlich nichts zu tun hatten. So interessant dieses historische Thema ist, so beschämend es ist, dass diese Geschichte des Leidens kaum erzählt wird, insbesondere nicht in den Geschichtsbüchern der verantwortlichen Kolonialmächte aus Europa, bleibt der Abend oft auch in Kriegserzählungen stecken, die das Besondere der Kolonialgeschichte nicht transportieren können. Der Bildmächtigkeit von Ketridges Bühnensprache ist diese inhaltliche Schwäche geschuldet. Im überwältigenden Strudel aus installativen Elementen, Video, rezitiertem Text, Marching-Bands, wunderbarem Chorgesang und vielfältigen Überlagerungen geht das differenzierte Erzählen manchmal unter. Zumal die stärksten Augenblicke des anderthalbstündigen Abends jene sind, in denen die Häufung der theatralen Mittel ganz knapp vor dem szenischen Chaos stehen.

Die große Stärke von Kentridges Ästhetik ist, dass er den Blick auf das Fremde ermöglicht, ohne je beim europäischen Publikum ein Störgefühl des Exotismus aufkommen zu lassen. „The Head And The Load“ erzählt aus einer klar fremden Welt, verleugnet nie seine Verortung in Afrika und den afrikanischen Kulturen, und überwindet dennoch ganz selbstverständlich jede Distanz zum europäischen Publikum. Das gelingt deshalb, weil Kentridge hier nichts ausstellt, sondern alles mit seiner sehr eigenen, kraftvollen Ästhetik überwölbt, die sich zu großen Teilen aus den Avantgarde-Bewegungen speist. Dada, Futurismus, Merz, Suprematimus und Konstruktivismus sind der Urgrund, aus dem Kentridge seine Bildsprache destilliert. Für eine Erzählung über den ersten Weltkrieg bilden diese Quellen auch einen historisch stimmigen Rahmen. Sie finden sich aber grundsätzlich in Kentridges Ästhetik. Wohl auch, weil sie  einer Zeit entstammen, in der europäische Künstler zum ersten Mal auf Augenhöhe mit außereuropäischer Kunst in Kontakt traten und sich in fast naiver Faszination annäherten. In einer luziden Leichtigkeit, wie sie lange danach und bis heute kaum noch zu finden ist.

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8 Kommentare zu “Ruhrtriennale: The Head And The Load von William Kentridge

  • #1
    Thomas Siepelmeyer

    manche wollen dumm sterben. z.b. herr laschet

    Dass NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) nun die Ruhrtriennale komplett boykottiert, weil eine dort nicht mehr auftretende Band mit einer Israel-Boykottbewegung sympathisiert, ist ein bedenkliches Zeichen für den demokratischen Diskurs. Es genügt die Andeutung, irgendwo könne radikales Denken im Spiel sein, und schon springt der Landesvater in Deckung. Um bloß nicht einen kleinen Flecken aufs weiße Hemd zu bekommen, wenn es irgendwo spritzen sollte.

    (immerhin aus der welt vom 9.8.)

    … oder er hat weise vorausgesehen, dass auch william kentridge trotz jüdischer herkunft ein übler, zumindest 50% antisemit ist:

    How do you feel about exhibiting your ideas in Israel?

    Kentridge: "That’s a question I pose to you. All of the works exhibited in this event rely on a combination of what I present and what the viewer brings from his own memories, thoughts and knowledge. Only when these things converge, they supplement one another and create art."

    This is not the first time that Kentridge, who is Jewish, has visited and shown his work in Israel. In addition to being featured in several group exhibitions, his work was showcased in solo shows in 2000 and 2005 in Tel Aviv.

    "It’s complicated," he explains. "I’m very happy with the immediate response that people have to the works. And it is very local – the Ashkenazi audience [in Israel] is not very different than the European audience in South Africa."

    Still, the decision to come to Israel was not simple: "I have sympathy for a lot of the reasons that lead people to call for the boycott. There is a section of Israeli life that is very close and similar to my own life, and there are parts of life in Israel that are controlled by religious extremism and are racially intolerant, and I find these parts very offensive. In Jerusalem, you have this mixture. So I always have had an ambiguous relationship with Jerusalem."

    When he eventually decided to make the trip, Kentridge asked to meet with writer David Grossman and to visit East Jerusalem. "I joined a friend of mine, a South African artist, in demonstrations in Sheikh Jarrah. It was very interesting to see how similar, and different, it is from South Africa, and to hear people yelling and using the word ‚apartheid.’"

    The demonstration Kentridge joined – last Friday – was especially violent, with masked policemen using brute force against protesters.

    (Haaretz, March 11, 2011)

    es wäre interessant zu hören, wie er jetzt nach der Verabschiedung des Nationalitätengesetzes in israel zu diesen Fragen steht… wie auch immer, das würde absolut nichts daran ändern, dass K. einer der begnadetsten und nachdenklichsten performance künstler der gegenwart ist.

  • #2
    Stefan Laurin

    @Thomas Siepelmeyer: Es geht nicht um "radikales Denken", den Unfug haben sie bei Stefan Keim abgeschrieben, der es auch nicht verstanden hat: Es geht um Antisemitismus, es geht um eine Bewegung, die Israel vernichten will.

  • #3
    Thomas Siepelmeyer

    @stefan laurin: ich weiss, dass sie nicht in der lage sind, zu diesem und vielen anderen themen rationale stellungnahmen abzugeben. zu glauben, dass "unfug" als erwiderung auf längere texte und argumentationen (sowohl in der welt als auch von mir) genügt, zeigt nur ihr niveau. mit ihnen diskutiere ich so nicht. ich warte auf vernünftigere stellungnahmen, die es in diesem forum (vielleicht) noch gibt, die darauf eingehen, was man sagt, und wirklich an einer auseinandersetzung mit dem ziel einer aufweichung der verhältnisse statt ihrer zementierung interessiert sind.

  • #4
    Stefan Laurin

    @Thomas Siepelmeyer: Die einzige Lösung die es noch gibt ist seit der Wiedereinladung der Young Fathers die Entlassung von Frau Carp. Sie ist dabei die BDS-Kampagne in Deutschland salonfähig zu machen und hat im Interview mit der Süddeutschen Zeitung weitere Einladungen von BDS nahen Künstlern angedeutet. Wenn die Landesregierung nicht sehr schnell handelt, wird Carp nicht nur BDS-Kampagne mit allen Konsequenzen in Deutschland etablieren, sondern auch die dafür sorgen, dass die Ruhrtriennale den Weg des Musikpreises Echo geht. Wie Sie sich denken können sorge ich mich mehr um den Erfolg der BDS-Kampagne als um die Zukunft dieses Festivals.

  • #5
    Arnold Voss

    @Thomas Siepelmeyer

    Vielleicht hat Herr Laschet einfach nur Folgendes begriffen:

    Künstler, die andere Künstler ausladen, bzw. boykottieren, weil sie (z.B.) Israelis sind, boykottieren die Freiheit der Kunst. Egal ob sie selber Juden sind oder nicht. Wer solche Künstler einläd, tut das ebenfalls. Ein Künstler, der für den BDS eintritt, bzw. dessen Vorgehen befürwortet, tritt sich damit in gewisser Weise selbst in den Hintern, weil er politische Kunst mit Politik verwechselt.

    BDS ist aber nicht irgendeine, sondern explizit antisemitische Politik, weil der Boykott die Vernichtung Israels als Staat zum Ziel hat. Da dieser Boykott auch Wissenschaft und Kunst mit einschließt, kann ein Wissenschaftler oder Künstler eben nicht an diesem Boykott teilhaben, noch ihn unterstützen, ohne die Prinzipien von Wissenschaft und Kunst zu verraten. Wer das aber trotzdem und wissentlich tut, der hat für mich den Künstler- oder Wissenschaftler-Status freiwillig aufgegeben und sollte sich auch nicht mehr als solcher darstellen.

  • #6
    thomas weigle

    @ Stefan Laurin #4 Völlig richtig. In der ostwestfälischen Provinzpostille war dieser Tage ein Kommentar auf Seite 2 zu lesen, der den MP kritisierte, dass dieser nicht zur RT kommt. Da fragt man sich, ist´s nur Unwissen über die Boykottaufrufer des BDS oder ist`s schon der alltäglich gewordene Antisemitismus, der auch in Ostwestfalen immer zu hause war. Wahrscheinlich beides. Es ist zum Knochenkotzen!!

  • #7
    nussknacker56

    @ #4 und #5

    Siepelmeyer gehört zu den linken Israelhassern. Aber wie das so üblich ist bei dieser Sorte, sie suchen – und sei es auf noch so verschlungenem Wege – immer wieder gern die Nähe zum Umfeld ihres Hassobjektes.

    https://www.ruhrbarone.de/zum-tod-von-stephen-hawking/152423#comments

  • #8
    thomas weigle

    Die ostwestfälische Provinzpostille hat natürlich auch einen Namen: Neue Westfälische.

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